Die "vergessenen Berge" Zentralvietnams

  • Hallo liebe Forumler,

    anbei findet ihr den Bericht meiner letzten Reise in Zentralvietnam auf der Suche nach dem Ursprünglichen. Da er ein wenig lang ist, musste ich ihn teilen.

    Viel Spaß beim Lesen, und vielleicht bekommt ihr ja apettit darauf.

    Thomas W


    Bho Hoong, in die „vergessenen Berge“ Vietnams

    Die Begegnung mit Herr Briu Pram, dem Dorf-Oberhaupt von Bho Hoong.

    In Hoi An bei einer kleinen Messe wurde ich aufmerksam, als ich geflochtene Körbe ausgestellt sah, wie sie von den ethnischen Minderheiten heute noch getragen werden. Ich beobachtete das dieser Stand bei Vietnamesen kaum Beachtung fand. Für mich aber war er höchst interessant und zu meinem Glück hatte ich einen Dolmetscher mit dabei. Ich lernte so die beiden Damen am Stand kennen und erfuhr das die Berge in denen sie leben nur 50 Km von Hoi An entfernt sein sollen. Ich konnte mein Glück kaum begreifen denn im nu war ausgemacht das ich sie in ihrer Heimat besuchen werde. Schon vier Tage später saß ich früh morgens mit meinem Dolmetscher auf dem Motorrad und die Fahrt ins ungewisse konnte losgehen.

    Werden wir den richtigen Ort finden? Wenn ja, finden wir auch die Damen mit denen wir uns verabredet hatten oder haben sie mich etwa nicht ernst genommen und rechnen nicht mit meinem Besuch? Ich habe am Messestand ein Bild von den beiden Damen gemacht und für sie zur Erinnerung nachmachen lassen. Für mich dient dieses Foto nun als Wegweiser zur richtigen Adresse. 50 Km waren nach ihren Beschreibungen schnell gefahren und die Straßen wurden immer kleiner und verkehrsärmer doch von dem Namen ihres Dorfes wußte keiner.

    Die Fahrt führte uns duch ein großes Gebiet voller Eukalyptusplantagen die den ganzen Platz in anspruch nehmen wollten so das kaum noch platz für die Straße war. Auf dieser schmalen kurvenreichen Straße stiegen wir immer höher in die Berge auf. Nahe des höchsten punktes verließen wir die Provinz Danang und wurden von der Provinz Dong Giang willkommen geheißen. Nach dem langen Aufstieg rechnete ich auf der anderen Seite mit einem genau so interessanten Abstieg in das nächste Tal. Diesem war aber nicht so. Wir durfuhren eine Hochebene mit Teeplantagen. Nach der Hitze Hoi An und Danangs schien es hier oben fast als wenn eine Klimaanlage laufen würde. Bei angenehmen Temperaturen führen wir vorbei an Teeplantagen und Bergen die sich auf dieser Hochebene noch weiter in den Himmel erheben.

    Nach 70 Km ist das gesuchte Dorf immer noch nicht in Sicht aber am Wegesrand sehen wir bereits die ersten Leute der Bergstämme mit diesen alten geflochtenen Tragekörben auf dem Rücken. Die Entfernungsangabe der beiden Damen mit 50 Km stellte sich als falsch heraus und wir erreichten schließlich nach 90 Km ihr Dorf. Die Verständigung war äußerst schwierig. Es war nicht etwa ein ähnlicher Dialekt wie er in Danang gesprochen wird sondern eine ganz andere Sprache der wir begegneten.


    Die Sprache der Katu gehört der Mon/Khmer-Sprachgruppe an die wiederum der Sprachfamilie „Süd-Asiatische Sprachfamilie“ (Austro-Asiatic) zuzuordnen ist. Mit hilfe der Fotografie, der Damen am Messestand, kamen wir aber recht schnell ohne großen Wortwechsel ans Ziel.

    Bingo! Die Dame auf dem Bild war die Tochter des Dorfoberhauptes. Er ist sozusagen der Bürgermeister und Gründer von Bho Hoong Villages. Es gab wohl keine bessere Adresse als diese, um die Geschichte dieses Dorfes zu erfahren. Uns kam entgegen das seine Tochter in Nha Trang studierte und daher sowohl Vietnamesisch als auch die Sprache des Katu-Volkes sprach. Da sie aber kein Englisch konnte war die Verständigung zwischen mir und ihrem Vater recht mühsam. Mein Dolmetscher übersetzte Englisch-Vietnamesisch und die Tochter des Dorfoberhauptes übersetzte an ihren Vater von Vietnamesisch in die Sprache der Katu.


    Herr Briu Pram berichtete mir von den guten Zeiten vor dem Krieg. In einer größeren Stadt etwa 50 Km entfernt war sein Vater Bürgermeister und sie waren eine wohlhabende Familie. Sein Vater hatte 1946 – 1954 sowohl gegen die Franzosen die Stadt verteidigt als auch 1964 bis 1974 gegen die Amerikaner. Das während dem Amerikanischen Krieg aus Flugzeugen Bomben in diesem abgelegenen Gebiet abgeschmissen worden, sei an der Tagesordnung gewesen, erinnerte sich Herr Briu Pram.

    1974 stand sein Vater kurz vor dem Ruhestand. Er bekam von seinen Vorgesetzten den Befehl die unbewohnten Berge im „vergessenen Vietnam“ zu besiedeln. Als gutes Vorbild müsse er den Anfang machen und nur dann würden andere folgen. Wie seinem Vater erging es auch vielen anderen hochrangigen Beamten die das Versprechen beklamen später die Oberhäupter dieser Dörfer und Städte zu werden. Mit Frau und Kindern unterwegs, schluge er mit einem Buschmesser den Weg ins damals unbewohnte Bergland frei und baute etwa 50 km entfernt von seiner früheren Heimat seine Hütte. Er hinterließ dort seine Familie und mußte noch für 2 Jahre als Bürgermeister den Wiederaufbau seiner alten Heimatstadt leiten bis er in Pension kam. In den Bergen lebten sie von dem was sie angebaut hatten. Zudem waren sie „Jäger und Sammler“. Wie vorhergesagt siedelten sich mit der Zeit immer mehr Leute um ihn herum an und Herr Briu Pram wurde von der Regierung zum neuen Bürgermeister ernannt als sein Vater zu alt dazu war. Heute leben hier etwa 300 Personen der Volksgruppe der Katu.

    Auf die gleiche Art entstanden weitere Siedlungen die durch „Trampelpfade“ miteinander verbunden waren. Aus diesen Trampelpfaden ist mittlerweile die schmale sich dahinschlängelnde Straße geworden die uns hier her geführt hat. Diese Straße hat das Leben hier verändert. Es wird illegal Holz geschlagen und kann über die Straße abtransportiert werden. Es gibt aber auch Aufforstungsprogramme und Mais wird für den Weiterverkauf angebaut. Sie leben heute nicht mehr ausschließlich von dem was sie anbauen. Kleine Tante-Emma-Läden sind entstanden bei denen man sich mit Dingen für den täglichen Bedarf eindeckt.

  • Herr Briu Pram kramt in einer Ecke und zieht ein Bündel heraus. Er breitet es aus und ein Hemd dessen Material ich nicht kannte, kam zum vorschein. Die Rinde eines bestimmten Baumes wird 2 lange Tage mit einem Holzknüppel vorsichtig verdroschen. Dabei entsteht dieses Gewebe aus dem sie früher ihre Kleidung machten. Der Begriff „früher“ bedeutet hier gerade mal die Jahre nach 1975, nach dem Ende des Krieges. Herr Briu Pram versichert mir das er noch vor weniger als 30 Jahren in diesen Kleidern herumgelaufen sei. Sie machten sich aus einfachsten Materialien der Natur ihre alltäglichen Gebrauchsgegenstände.

    Sie haben Körbe geflochten und auch mit einfachsten Hilfsmitteln später Stoffe gewebt. Als ich sah wie umständlich sie webten fragte ich warum man diese „Webevorrichtung“ nicht in einer art Webstuhl befestigt und dann viel angenehmer arbeiten kann? Sie binden die „Webevorrichtung“ um den Rücken herum an und müssen es mit ausgestreckten Füßen spannen. Das sei die Tradition hier und diese wollen sie unverändert fortsetzen!


    Herr Briu Pram fasziniert mich. Es sind keine „Ur-Menschen“ sondern Leute aus der Zivilisation, die nach dem Krieg in diese Situation zurück versetzt wurden. Damit ist wohl auch seine Weltoffenheit zu begründen. Von seinen 6 Kindern sind 5 auf Schulen in größeren
    Städten bis zu 900 Km entfernt. Ich frage ihn ob er damit seine Kinder nicht früher oder später verliert und sie in den Städten leben wollen. Seine Tochter (meine Übersetzerin) ist 25 Jahre alt und soeben mit der Ausbildung zur Lehrerin fertig geworden. Sie sagt, es käme für sie nie in Frage in der Stadt zu leben. Sie mußte lediglich in die Städte wegen der Ausbildung. Nun ist sie zurück und muß ihrem Dorf helfen weiter zu kommen und wird in der Dorfschule unterrichten. Die gleiche Einstellung hätten auch ihre Geschwister und irgendwann wird ihr Dorf eine reiche blühende Stadt sein. Sie scheinen den Auftrag ihres Großvaters noch heute sehr ernst zu nehmen und nur hierfür zu leben.


    Erst im Jahr 2001 ist dieses Versammlungs-haus entstanden. Es wurde in der Gemeinschaft aller Dorfbewohner erbaut und jeder hat auch Finanziell beigetragen. Es wurde nach altem Vorbild mit Materialien aus der Natur gebaut. Warum sie dies nicht schon viel früher gebaut haben fragte ich Herr Briu Pram? Davor seien sie dazu noch nicht genügend Einwohner und auch Finanziell nicht in der Lage gewesen.


    Die Vorstellung ihres Dorfes auf der Messe in Hoi An ist der erste Anlauf der jüngeren Generation um auch etwas vom Touristischen Kuchen abzubekommen. Für die Dorfbewohner ist es Pech und ich betrachte es für mich als Glück das ihr Vorhaben (noch) nicht aufzugehen scheint. Nur so habe ich in kleinsten Gruppen mit Touristen noch die Möglichkeit das einfache Leben dort zeigen zu können. Ich denke aber es wird nur eine Frage der Zeit sein bis andere Anbieter dies entdecken. Herr Briu Pram gewährte uns während diesem Besuch eine Übernachtung in seinem Haus und ich sei auch herzlich Willkommen mit Gästen sein Dorf zu besuchen und bei ihm zu übernachten.


    Die zweite Dame auf dem Bild, dass ich am Ausstellungsstand gemacht hatte, hatten wir bereits um etwa 22 Km verfehlt. Auf dem Rückweg nach Hoi An am nächsten Tag sollten wir sie kennen lernen. Das Glück war wieder einmal auf meiner Seite. Den Kilometerzähler im Auge, hielt ich nach 22 Km an. Es war eine kleine Privinzstadt und am Straßenrand waren mehrere kleine Läden nebeneinander. Warum hatte ich genau diesen Laden gewählt um das Bild mit der Dame zu zeigen? Ein großes Grinsen kam mir entgegen und der Junge Mann sagte : „es ist meine Frau“. Er führte uns die letzten 5 km zu dem Elternhaus seiner Frau. Hier erfuhren wir etwas über die Besiedelung dieser Gegend die immer noch auf dieser Hochebene bei angenehmem Klima liegt. Ihre Eltern seien aus Hoi An. Nach dem Krieg haben dort viele Leute keine Arbeit gefunden und keine Möglichkeit gesehen um den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Regierung startete ein Programm zum Teeanbau auf dieser Hochebene und etwa 800 Leute kamen aus Hoi An und Umgebung hier her zum arbeiten. Die Mutter meiner Gesprächspartnerin lernte in diesem Bergdorf ihren Mann kennen und ist bis heute hier geblieben. Bei einigen anderen Familien war es ähnlich aber die Masse der Bewohner sind frühere Einwohner von Danang und Umgebung die auch ihre Vietnamesische Sprache mit hier hoch gebracht haben.
    In dem Teebetrieb arbeiten heute bereits über 1100 Mitarbeiter wovon etwa 1000 auf den Plantagen beim Pflücken der Teeblätter beschäftigt sind. Auch meine Gesprächs-partnerin arbeitet in diesem Teebetrieb. Als Sekretärin der Geschäftsleitung war sie in Hoi An um ihren Tee am Messestand zu Präsentieren.

    Nach 2 wunderschönen und erlebnisreichen Tagen war ich wieder in Hoi An zurück und denke oft über diese Erfahrungen dort nach. Interessierten Gästen biete ich die Möglichkeit mit mir dort hin zu fahren um das ganze selbst einmal zu erleben. Es ist auch im PKW denkbar aber mit dem Motorrad ist es noch viel ursprünglicher. Wegen den alljährlichen Monsunregen und Hochwasser ist diese Fahrt allerdings von Otober bis Januar nicht durchführbar.


    Kontakt:
    http://www.8ung.at/thomas_vn/
    thomasweingaertner@web.de

  • Hi Thomas,

    ja, das ging mir genau so wie Erhard. Schön das es noch sowas gibt. Hoffen wir mal das so schnell keine großen Reiseveranstalter dieses Gebiet entdecken und Ihr mit sanftem Tourismus der dortigen Bevölkerung helfen könnt ihr schönes Land zu behalten und damit auch ein Auskommen zu sichern.

    Viel Erfolg!

    PS: Übrigens hatte ich mir auf Deiner HP mal den Bericht von Eurem Hausbau durchgelesen... Es ist wohl bei Euch alles etwas anders als wir es hier in Deutschland gewohnt sind... ;) und sicher auch nicht so einfach mal kleine Dinge anders zu tun als es vielleicht gerade üblich ist.

    v.Grüße Axel aka blaufotograph

  • Das ist aber eine spannende Sache lieber Thomas.
    Da kann man gar nicht aufhören zu lesen.
    Klingt für uns hier wirklich wie aus einer anderen Welt.
    Hoffentlich wird nicht zu schnell ausgebaut und abgeholzt und alles den Touristen geopfert.
    Wäre echt schade darum.
    Wünsche dir aber viele interessierte Gäste.