Abenteuer Äthiopien pur

  • 11. Feb. – Addis Abeba Shoppingtag


    Ausgeschlafen wache ich auf, bereite mich auf den Tag vor und gehe nach unten auf ein „guten Morgen“. Tigist macht Frühstück für mich, Muller ist noch nicht auf, Asmerom ist nicht da. Er war gestern Abend schon nicht im Haus. Auf Nachfrage ob ich draußen essen möchte, bekomme ich den Teller in der wärmenden Morgensonne und darf mein Frühstück bei herrlichem Kaffeearoma zu mir nehmen. Denn heute ist Rösttag. Eine Verwandte ist hier, um den ganzen Kaffee zu rösten, den Muller in Yirgacheffe gekauft hat. Sidamo-Kaffee, handgeröstet. Inzwischen weiß ich, Kaffee brauche ich heute keinen zu kaufen.


    Die Pancakes, liebevoll dekoriert mit Papaya und Avocado, sind wieder mal lecker und ich darf den ersten frisch gerösteten Kaffee kosten. Während des Essens kann ich der Frau beim Rösten zusehen. Kaffeeduft erfüllt den Hof.






    Muller kommt heraus. Wir begrüßen uns. Er frühstückt jetzt auch und muss dann los, er hat irgendetwas zu erledigen. Der Vormittag vergeht, die Röstarbeiten sind getan und Muller kommt zurück. Er bringt einen Karton mit einer Elektromühle mit. Die vielen Kilogramm Röstbohnen wollen noch gemahlen werden. Es ist Zeit für das Mittagessen. Später fahren wir in die Stadt zum Einkaufen. Ich möchte in eine Buchhandlung und für die Kinder möchte ich ein paar Videos kaufen (Shrek oder Ice Age). Die Movies werden hier in entsprechenden Geschäften als Videofile auf USB-Stick verkauft.


    Zuerst versuchen wir es in einer Buchhandlung. Erfolglos. Der Verkäufer verweist auf ein anderes Geschäft in der Nähe. Wir gehen zu Fuß dorthin und kommen dabei am Hotel Eliana vorbei, meinem Hotel bei den ersten beiden Ethiopiatrips. Die zweite Buchhandlung hat auch nicht, was ich suche. Also lassen wir das mit den Büchern und fahren zurück nach Bole-Bulbula, um dort eines der Videogeschäfte aufzusuchen. Aber auch hier habe ich kein Glück. Die gesuchten Filme haben sie nicht in ihrem Bestand. Schade, das war eigentlich alles als Abschiedsgeschenk für die Kinder und für Muller gedacht.


    Ich bekomme über den aktivierten Hotspot einen Benachrichtigungston. Nanu, eine Mail. Post vom Auswärtigen Amt! Ein Sicherheitshinweis.




    Gestern erst sind wir auf so einer Straße zurückgekommen. Muss aber nicht heißen, dass es heute genau diese Ausfallstraße betrifft.


    Nach zwei Stunden sind wir wieder am Haus. Ich gehe nach oben, Packen. Bald darauf gibt es ein zeitiges Abendessen. Dann wartet eine Überraschung auf mich. Sie haben mir zum Abschied eine Torte besorgt. Ich bin gerührt, schneide die Torte an und dann essen wir alle Kuchen. Bevor ich meine Taschen schließe, bekomme ich mehrere in Plastikfolie abgepackte Kaffeepacks. Für mich und zum Weiterverschicken in Deutschland.




    Der Kaffee ist verpackt, die Taschen sind zu und stehen unten. Es ist so weit, ein schwerer Abschied steht bevor. Ich umarme und drücke die Kinder. Jonathan laufen die Tränen. Redit hält sich tapfer. Inzwischen bin ich ebenfalls in Tränen ausgebrochen. Ich verabschiede mich von Tigist, bedanke mich für die Zeit bei ihnen. Tigist schenkt mir Segenswünsche mit Tränen in den Augen und sagt, wenn es mir irgendwann einmal wieder besser gehen sollte, solle ich auf jeden Fall wiederkommen. Ich sage zu. Falls das in Zukunft der Fall sein sollte, wird mein erster Gedanke sein, zu meiner zweiten Familie in meinem geliebten Äthiopien zurückzukehren. Von Asmerom kann ich mich nicht verabschieden. Er ist noch nicht wieder da.


    Muller bringt meine Taschen in den Toyota. Ich umarme noch einmal Tigist und die Kinder, dann steige ich ein. Wortlos fahre ich mit Muller zum Flughafen. Wir wissen beide, was da kommt. Am Flughafen wartet auf uns, nach vorheriger Absprache, bereits der Herr, dem ich vor sechs Wochen die „und anderen Dingen, die ich noch mit runternehmen sollte“ übergeben habe. Von ihm bekomme ich zu Mitnehmen für die Verwandtschaft in Frankfurt (Oder) eine Tüte mit zwei Büchern und zwei weiteren Packungen a 1 kg Kaffee. Die Dinge werden in meinen Trekkingrucksack gestopft, in der Reisetasche ist kein Platz mehr.


    Mein Freund Muller besorgt mir einen Gepäckwagen, wir beladen ihn, dann sehen wir uns in die Augen. Und dann kommt ein weiterer schwerer Abschied. Wir umarmen uns lange, ich kämpfe mit den Tränen, Muller sagt mit gequältem Gesichtsausdruck: „Ich kann das nicht“. Eine letzte Umarmung, ein letzter Händedruck. Er sagt: „Hier halt das“ und gibt mir eine Kette mit Holzperlen in Nationalfarben mit einem Jesuskreuz. Dann steigt er ein, ein letzter Blick und er fährt los. Ich drehe mich um und rolle deprimiert den Gepäckwagen vor mir her.


    Selbst als ich nun diese Zeilen schreibe, habe ich Mühe nicht loszuheulen. Meine äthiopische Musik läuft im Wohnzimmer seit Stunden in Dauerschleife.


    Wie müssen sich die Menschen fühlen, die in Afrika ihre Familien verlassen und in eine ungewisse Zukunft nach Europa als Flüchtlinge aufbrechen. Nicht wissend, ob sie jemals wieder jemanden ihrer Verwandten wiedersehen werden. Ich weiß es nicht, ich kann es nur erahnen. Ein klein wenig, ein ganz klein wenig habe ich jetzt eine Vorstellung davon.


    Seltsamerweise konnte ich bei den nun folgenden Sicherheitskontrollen eine außen am Handgepäckrucksack gut sichtbar eingeschobene gefüllte Wasserflasche ohne Beanstandung durchbringen.


    Im Duty-Free Bereich setze ich meine letzten Birr um. Weil ich beim Shoppen erfolglos war, habe ich noch 1400 Birr in der Tasche. In den meisten Shops werden nur Devisen akzeptiert. So lande ich in einem Souvenirshop, der auch Birr annimmt und kaufe mir zwei Ledergürtel davon, da ich keinen unnützen Tand brauche. Die nette Verkäuferin erlässt mir 115 Birr, weil mein Restgeld nicht ganz reicht und wollte den fehlenden Betrag von etwas über zwei Euro nicht haben. Wir hatten uns bereits eine Weile im Shop unterhalten. Ich hatte Zeit und im Shop war nur gelegentlich Kundschaft. Sie bekam von mir die Winterbilder zu sehen, die meine Verwandten und Freunde mir netterweise via WhatsApp geschickt hatten. Ich zeigte ihr das verschneite Bielefeld, das winterliche Frankfurt (Oder), ein traumhaft weißes Erfurt sowie Beelitz im Schnee. Dankend verließ ich schließlich den Shop in Richtung Gate.



    warten im Abflugbereich


    Schließlich war es soweit. Boarding, Platz einrichten. Die große Maschine ist wieder nur zu einem Drittel gefüllt. Die Sitzreihe gehört mir allein. Der Flieger startet kurz vor Mitternacht (intern. Zeit), ich sehe die Lichter von Addis Abeba. Der Pilot fliegt eine Kurve, die Stadt liegt voll ausgebreitet unter uns. Wehmütig schaue ich auf die sich langsam entfernenden Lichter. Leb wohl Afrika. Lebe wohl mein Ethiopia. Finde deinen Frieden wieder und behalte deine Einheit.



    º¤ø,¸¸,ø¤º°`°º¤ø,¸¸,ø¤º° ኢትዮጵያ ለዘላለም ትኑር። º¤ø,¸¸,ø¤º°`°º¤ø,¸¸,ø¤º



    ***** Ende des Berichts

  • Schade, dass dein Bericht schon zu Ende ist. Ich habe ihn mit viel Freude und Interesse gelesen und die herrlichen Aufnahmen bewundert.


    Ich mag auch deinen Schreibstil, er ist so lebendig, spannend und kurzweilig und hat mir das Land und die Menschen mit denen du unterwegs warst nahegebracht.


    Danke, dass du deine Erfahrungen und Erlebnisse mit uns geteilt hast. Toll, wenn man so tief in ein Land eintauchen kann wie du und sich so ohne Vorbehalte einfach darauf einzulassen was täglich passiert.


    Es war sehr spannend mit dir zu reisen.


    .:thumbsup:

  • Lieber Ingo,


    es war so wundervoll, dich auf der Reise begleiten zu dürfen. Nicht unbedingt wegen allem, was du erlebt hast, sondern wegen allem, WIE du es erlebt hast.


    Du bist ein toller Mensch und Muller auch. Ihr beide habt einander verdient. Und es war so toll, das von Beginn an miterleben zu dürfen, vom ersten Kontakt hier im Forum über die ersten Rückmeldungen zum jeweils anderen auf deiner ersten Reise über deine atemberaubende zweite Reise bis zu deiner dritten Reise nun. Es ist auch so schön, das Wachsen deiner Verbundenheit mit dem Land miterleben zu dürfen.


    Ich schreibe bewusst nicht "letzte" Reise nach Äthiopien, denn ich bin sicher, du wirst nochmal hinfliegen, und sei es nur zum Besuch bei "deiner" Familie dort.


    Als du mir vor deiner Rückreise das letzte Foto von dir am Airport geschickt hast, habe ich ein bisschen mitgeweint und beim Nachlesen deines Abreisetages nun, Wochen später, auch. Ich weiß genau, wie es dir ging. Äthiopien greift ans Herz. Und selbst mir ist es bei meiner "nur" ersten Reise dorthin 2018 so gegangen, dass ich (in dem Fall nach meiner Landung in Deutschland) nicht mehr an mich halten konnte vor Rührung über die wunderbaren Erfahrungen dort und Tränen flossen. Wie mag es erst sein, wenn einem nicht nur in 2 Wochen das Land ans Herz gewachsen ist, sondern auf 3 Reisen und in der Zeit dazwischen tiefe Freundschaften entstanden sind?


    Und du hast natürlich Recht: Wir mag es erst sein, wenn es die Heimat ist, die man verlassen muss, nicht um an einen bekannten sicheren Ort aufzubrechen, sondern ins Ungewisse!


    Für mich bist du Äthiopier im Herzen. Und das solltest du übersetzen und auf Deutsch und Amharisch hier in deine Signatur schreiben

  • Deine "Abendlektüre" wird mir sehr fehlen!


    Ich kann mir keinen anderen Reisebericht vorstellen, der authentischer sein kann und das in allen Facetten.

    Bitte berichte hier doch weiterhin ab und zu, wie es Muller und Shizaid + ihren Familien geht.


    Hoffentlich bleibt Dein Gesundheitszustand (Du hattest ihn am Anfang Deines Berichts erwähnt) noch lange Zeit so stabil wie auf dieser Reise = vielen weiteren soll nichts entgegenstehen!

  • Hatte gerade die Zeit und habe Deinen kompletten Reisebericht gelesen und bin mehr als beeindruckt.

    Es gibt wohl nur ganz wenige Menschen die solche "intensiven" Reisen unternehmen, um Land und Leute

    so unverfälscht und unvoreingenommen kennen zu lernen. Ich denke je öfter dort hinkommt wie Du es tust,

    desto mehr lernt und sieht man ja auch und kann es schneller einordnen.

    Mit Deinem Guide/Freund hast Du einen tollen Partner vor Ort.

    Du "lebst" wirklich dieses Land und ich behaupte mal, Du bist sicher im falschen Land geboren.

    Die Eindrücke, Erlebnisse & Freundschaften kann Dir keiner nehmen und ich hoffe sehr, das Du bald

    wieder die Gelegenheit hast dorthin zu reisen um uns zu berichten.


    Vielen Dank für den wirklich ausführlichen und beeindruckenden Bericht und die Fotos Deiner Reise,

    ich habe ihn mit Begeisterung gelesen.

    Liebe Grüsse Bigi :)


    Nichts ist in der Fremde exotischer als der Fremde selbst. (Ernst Bloch 1885-1977)

  • Samui, Angelika, Vivien, Inspired


    Das Schreiben macht doppelt so viel Freude, wenn man andere damit fesseln und begeistern kann und solche schönen Feedbacks bekommt. Es waren immerhin über 70 A4 Seiten reiner Text, die zusammengekommen sind und erst einmal gelesen werden wollten.


    Es freut mich, wenn ich es geschafft habe, durch einen lockeren Schreibstil und dem bunten Mix aus Daten, Fakten, Infos sowie all den kleinen und größeren Geschichten und Erlebnissen drumherum, diese vielen Seiten für die Mitlesenden und Mitreisenden interessant und abwechslungsreich zu gestalten.


    Vivien, Du hattes mir einmal weiterhin schöne Reisen abseits der beaten tracks gewünscht. Ich denke, dieses Erlebnis hatte ich auf dieser Reise vollumfänglich.

  • Hallo Ingo,

    Deinen Bericht habe ich natürlich auch verfolgt. Toll, was Du alles gemacht und erlebt hast. Soviel Mut , solch eine Expedition zu machen, hätte ich nicht, Hut ab!

    Vielen Dank für den ausfühlichen Bericht und die Bilder.

    Petra

  • Einfach wunderbar, Dein Bericht. Ein bißchen Fern-und Heimweh krank bin ich auf Deinen Bericht gestossen und habe bei mir schon bekannten Orten mitgefiebert, mir gleich notiert was bei nächster Gelegenheit unbedingt besucht werden sollte. Du hast so einen tollen Blick auf Aethiopien, ich konnte das wot schmecken und könnte gerade auch ein Glas Saft gebrauchen.

    Mit welchem Material lernst Du amharisch?

    Gruss Jana

  • Hallo Jana, ich danke Dir.


    Amharisch eigenständig ohne Lehrer lernen ist, was geeignete Lehrmaterialien angeht ein mittleres Problem. Ich habe lange suchen müssen, bis ich halbwegs geeignete Bücher gefunden hatte.




    Das Wörterbuch ist nur bedingt verwendbar, weil einige Übersetzungen auf Google keinen einzigen Treffer bringen. Andere dagegen bringen nicht zielführende Ergebnisse. Praktisch muss ich somit jede Vokabel aus dem Buch online auf Richtigkeit überprüfen.


    Das Grammatikbuch ist in Englisch und recht umfangreich, die Audios waren aber nicht mit dabei, die musste man sich separat kostenfrei herunterladen. Ohne Audios geht Lernen überhaupt nicht. Die Audios waren in folgendem Zahlenformat: 2017-01-09_08'59'15'.mp3 - Tausende davon, in einzelnen Ordnern je nach Lexion. Die Zuordnung des richtigen Audios zum richtigen Wort bzw. Satz war eine Mammutaufgabe. Passenderweise habe ich dabei gleich die Dateinamen der Audios in ein mir übersichtlicheres System geändert. Bsp. 0017yiseralatal.mp3 / 0043ex12.mp3


    Um das Buch nicht buchstabenweise abschreiben zu müssen, habe ich mir davon zusätzlich die Kindle-Version geholt, um dann die Lexionen mit Copy + Paste als Doc und Pdf zu erstellen mit anklickbaren Links, wo dann das passende Audio dazu abgespielt wird. Erst damit lies es sich vernünftig lernen.




    Inzwischen brauche ich die Audios kaum noch, weil ich inzwischen genug Amharisch beherrsche, um ein Gespür für die korrekte Betonung zu haben. Das Buch ist leider nicht mehr bestellbar.


    Das grüne Konversationswörterbuch kam als letztes hinzu. Es enthält einen sehr rudimentären Grammatikteil und fertige Sätze für gängige Alltagssituationen sowie einen kleinen Vokabelbereich.


    Zusätzlich habe ich mir ein eigenes Wörterbuch als Doc angelegt, welches ich ständig erweitere und einen Vokabeltrainer auf Excebasis gebastelt.

  • Toller Bericht und wieder so ausführlich und umfangreich, mit Bildern etc. Schade hätte dich gerne getroffen in Awassa. Aber ich war nur eine gute Woche dort, bin dann weiter nach Tanzania. In der einen Woche habe ich aber sehr viel erlebt. Ich hatte den ganzen Covid Schei... so was von satt das ich mehr oder weniger wie ein Flüchtling Deutschland verließ. Habe Feunde in Awassa besucht und deren Familie. Habe sehr viele interessante Leute kennengelernt. Ich mag Äthiopische Musik, habe dann beim Spaziergang abends am See ein Lied gehört.....also ich finde es super. Wahrscheinlich muss man aber eine Beziehung zu Äthiopien haben um eine Gänsehaut zu bekommen. Ich füge mal einen link bei

    ( Ich habe an diesem Abend aber nur die Musik gehört)

    Weil ich so begeistert war und mir bestimmt 5 oder 6x dieses Lied vor seinem Shop angehört habe, gab er mir eine ganze Sammlung Afrikanischer Musik. Vielleicht knapp 20 Lieder. Geld wollte er von mir nicht annehmen. Die haben nichts und geben dir noch die Hälfte ab.... An diesem Abend war ich "so gut drauf" , ja geradezu euphorisch. Hörte mir dann im Hotel nochmal dieses Lied an. ( Nicht nur einmal) Dann ziemlich spät ( ach nein als wir ankamen war es schon früh am "morgen", bin ich mit einem Freund in eine Diskothek gefahren und wir haben noch 2 bis 3 Stunden dort "abgerockt". Was soll ich sagen...es war einfach geil. Um halb 4 war ich im Bett. Um 8 Uhr wollten wir aber schon wieder los , mussten noch mit dem Auto eine ganze Weile fahren um die Eltern und die Geschwister meines Freundes kennenzulernen. Was stand noch auf der Agenda? Eine Touristen "Attraktion" nicht weit entfernt, aber trotzdem nicht ganz so einfach zu erreichen. Ich war "hundemüde" und dann passierte es....

    Beim Fotografieren rutschte ich mit einem Fuss weg, was normalerweise kein Problem darstellt. Habe dann im Drehen versucht wieder die Balance zu finden und wollte einen Schritt machen auf ebenes Gelände. Aber da war kein ebenes Gelände.. bin dann nach einer Art Kombination aus Rolle seitwärts und einfachem Salto vorwärts wieder gelandet. Mein Handy lag neben mir, die Basecap auch. Das spielte sich alles in Sekundenschnelle ab aber mit dem Schwung aus der Bewegung war ich sofort wieder auf den Beinen. Klopfte instinktiv und besorgt mit den Händen sofort meinen Körper ab.... kein Blut, Arm ein bisschen abgeschrammt, aber mein linker Fuss und das Knie schmerzten, noch mehr aber eine Rippe. "Man muss ja auch nicht mit 64 Jahren nachts in eine Diskothek gehen!", höre ich schon einige Leute sagen. Richtig, man muss nicht, aber man kann. Mit gebrochener Rippe (hat aber erst der Arzt in Deutschland diagnostiziert) ging es dann weiter nach Tanzania.Ja, Kleine Sünden bestraft der liebe Gott manchmal sofort. Ich wollte schon lange einen Bericht schreiben, aber es war einfach keine Zeit.. Bin gerade (23.5.) aus Mexiko zurückgekommen (5 Wochen quer durchs Land)

    Schönen Abend noch an alle Reisefreunde!

  • Bitte berichte hier doch weiterhin ab und zu, wie es Muller und Shizaid + ihren Familien geht.

    Aus gegebenem Anlass möchte ich darauf zurückkommen.


    Ein knappes halbes Jahr ist vergangen seit meiner Reise und die Lage im Land hat sich leider verschlimmert. Obwohl Äthiopien als einfaches Corona-Risikogebiet nach den neuen Coronaregeln genau so bereist werden könnte, wie viele andere beliebte Urlaubsgebiete in Europa, liegt der Tourismus nach wie vor danieder. Die Gründe dürften klar sein. Die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes sprechen eine klare Sprache. Dazu verirren sich einzelne Meldungen über das Land auch mal in unsere Nachrichten. Nicht jeder ist so schmerzfrei und reist für Wochen in ein Bürgerkriegsland, obwohl ich viele Teile des Landes nach wie vor für bereisbar halte.


    Die letzten Wochen brachten nun eine völlig neue Entwicklung. Die Tigray-Truppen sind auf dem Vormarsch und dabei, die Region Tigray wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Ministerpräsident Abiy Ahmed, gerade erst aus den Parlamentswahlen als haushoher Gewinner hervorgegangen, gerät in arge Bedrängnis. Neue Truppen und Milizen aus anderen Landesteilen sollen es richten.


    Dazu gab es in Tigrays Nachbarregionen Aufrufe zu Mobilmachung. Siehe anderer Thread von Erhard. Und es tritt das ein, was ich seit Monaten befürchtet habe. Der Krieg ist dabei sich auszuweiten und erreicht meine Freunde. In der Nähe von Debark (Wohnort von Mullers Eltern) wird jetzt gekämpft. Ein Onkel von Muller ist dabei erschossen worden. Mein Freund Muller schrieb mir, alle seine Verwandten kämpfen bereits. Muller wird in den kommenden Tagen nach Debark reisen und sich dem Kampf anschließen. Das sich meine Begeisterung darüber in Grenzen hält, habe ich ihm mitgeteilt. Da treffen jetzt Menschen ohne militärische Ausbildung und Kampferfahrung aufeinander, um sich gegenseitig umzubringen, die eigentlich Brüder sind, die gleiche Religion und Kultur teilen. Freiwilligenverbände als Milizen gegen Tigrinya, die jetzt scharenweise rekrutiert werden und ebenso unerfahren sind. Der Krieg erreicht das nächste Level und ich befürchte die neuen Kämpfer auf beiden Seiten werden zu Kanonenfutter machtgieriger Eliten und die Verluste verheerend sein.


    Als wenn das alles nicht schon schlimm genug ist, es wird noch absurder. Die in Tigray lebenden Verwandten meines eritreischen Freundes hier in Deutschland kämpfen ebenfalls. Auf der Gegenseite. Wtf.

  • Das ist dramatisch! Nachdem du mir das gestern geschrieben hast, ging mir das nicht mehr aus dem Kopf.


    Es ist schon erstaunlich, wie lässig man in Äthiopien mit Waffen umgeht, aber das ist natürlich nochmal eine ganz andere Hausnummer, da Menschen zu den Waffen gerufen werden, die damit eigentlich so gar nichts am Hut haben.


    Wir sind es gewöhnt, Kriegsszenen und Detonationen im Fernsehen zu sehen. Vielleicht bin ich da auch ein wenig abgestumpft oder gut im Verdrängen, wie ich ehrlich zugeben muss.


    Sich vor Augen zu führen, wie es ist, wenn es Menschen, die man persönlich kennt, betrifft und deren Worte zu lesen, ist eine völlig andere Dimension. Daher hat die Nachricht mich kalt erwischt.


    Ich denke viel an Muller mit seiner Ernsthaftigkeit, seiner Sensibilität und seinem Ehrgeiz, seinen Lieben und seinem ganzen Dorf unter die Arme zu greifen. Er leistet eh schon viel, in seinen jungen Jahren der Ernährer der gesamten Familie zu sein. Ich bin in Gedanken bei ihm.


    Traurige und nachdenkliche Grüße und alle guten Wünsche für aufmerksame Schutzengel gehen von mir zu Muller und zu all den anderen lieben Menschen, die ich in Äthiopien kennenlernen durfte...

  • Hallo Ingo,


    es ist so traurig, was Du schreibst.

    Besonders erschreckend finde ich, wie schnell es leider gehen kann, dass Menschen, die eigentlich nur friedlich und zufrieden leben wollen, in die Kampfhandlungen verstrickt werden und sogar selbst zu Waffen greifen (müssen).


    Ich habe mich bisher immer nur mal kurz mit Äthiopien beschäftigt, daher habe ich - rein interessehalber - eine Frage:

    Irgendwo hast Du dieser Tage geschrieben, dass es vier Parteien sind, die jetzt in diesen Konflikt involviert sind. Kämpfen diese alle gegeneinander oder gibt es Allianzen?


    Viele Grüße

    Sabine

  • Irgendwo hast Du dieser Tage geschrieben, dass es vier Parteien sind, die jetzt in diesen Konflikt involviert sind. Kämpfen diese alle gegeneinander oder gibt es Allianzen?

    Ja es gibt Allianzen. Die TPLF mit ihrem militärischen Arm der TDF auf der einen Seite, will wieder mehr Einfluss und Tigray von Äthiopien abspalten.


    Dagegen steht die äthiopische Armee, die sich von Eritrea unterstützen lässt. Dazu kommen noch amharische Milizen wie die Fano, die die Gunst der Stunde nutzen, um einen Teil vom Kuchen zu bekommen.


    Vor Abiy Ahmed war die TPLF (Tigray Peoples Liberation Front) die dominierende politische Macht in Äthiopien. Sie regierte recht diktatorisch, wenig Presse- und Meinungsfreiheit, politische Gefangene etc, etc. Die TPLF vertrat vor allem die Interessen der Eliten aus Tigray. Als Ahmed ins Amt kam, ging er Reformen an und schloss einen Friedensvertrag mit Eritrea, was den Dauerclinch mit dem Nachbarland vorerst beendete. Dafür bekam er damals den Friedensnobelpreis. So weit so gut.


    Und er begann die TPLF aus der Macht zu drängen, bis die sich schließlich 2019 vergnatzt ganz aus der Regierungskoalition nach Tigray zurückzog. Dort blieb sie die bestimmende politische Macht für 6 Millionen Tigrinya. Seither nehmen die Spannungen zwischen der TPLF und der Bundesregierung zu. In die heiße Phase rutschte Äthiopien, als Ahmed die 2020 anstehenden Parlamentswahl auf unbestimmte Zeit verschob. Angeblich wegen Corona. Das ließ sich die TPLF nicht bieten und hielt eigene Parlamentswahlen in Tigray ab, die sie mit überwältigender Mehrheit gewann. Die danach gebildete Regionalregierung erkannte die Zentralregierung nicht an und erklärte sie per Ultimatum für abgesetzt. Die TPLF wiederum erkannte nun keinen Einfluss aus Addis Abeba in Tigray mehr an. Und Ende Oktober 2020 fielen die ersten Schüsse, bei einem Angriff auf in Tigray stationierte Federaltruppen.


    Ahmed lies dann im Nov. Bundestruppen nach Tigray in Marsch setzen, um in einer sog. „Polizeiaktion“ die TPLF zu entmachten. Diese ließ erbeutete Raketen auf Gonder, Bahir Dar und Eritreas Hauptstadt Asmara abfeuern. Seither ist Krieg. Das Militär von Eritrea war von Anfang an mit dabei. Man munkelt inzwischen, den Friedensvertrag hat Ahmed mit Afewerki, dem Präsidenten von Eritrea nur ausgehandelt, um ihn auf seiner Seite zu haben. Was hieße, Ahmed ging schon seit langem davon aus, die TPLF militärisch zu beseitigen, wozu er den Despoten aus Eritrea brauchte, da die äthiopische Armee nicht stark genug war, um mit ihr fertig zu werden.


    Kann doch Afewerki nun seinerseits die Gunst der Stunde nutzen und seit langem strittige Gebiete in Grenznähe wieder für Eritrea beanspruchen. Ebenso die Amhara-Milizen. Die besetzten Teile Tigrays, mit der Begründung, das wäre eigentlich schon immer Amhara-Land.


    Nach drei Wochen hatte man die TPLF aus den Städten und Dörfern und aus der Provinzhauptstadt Mekele vertrieben, etliche Führungseliten wurden festgenommen. Damit war die TPLF aber nicht besiegt. Erfahren im Guerillakampf aus dem ehemaligen Grenzkrieg mit Eritrea, zog sie sich in die Berge zurück.


    Alles einhergehend mit Vertreibungen, Massakern, Vergewaltigungen und der totalen Abschottung Tigrays. Kein Strom, kein Wasser, keine Kommunikation, kein Treibstoff, die Banken geschlossen, die Verkehrswege blockiert. 6 Millionen Tigrinya von jeglicher Versorgung abgeschnitten. Der erste wirklich gravierende Fehler von Ahmed. Im Rest Äthiopiens begannen nun Säuberungsaktionen. Tigrinya im Staatsdienst wurden entlassen. Offiziere, Professoren, Lehrer bis hin zu Beschäftigten bei Ethiopian Airlines. Bankguthaben konfisziert und Tigrinya im ganzen Land diskriminiert und geächtet. Jeder Tigrinya wurde als potentieller TPLF-Anhänger betrachtet. Der nächste gravierende Fehler Ahmeds.


    Die Abscheulichkeiten blieben nicht einseitig. Die Tigrinya konnten das auch. Getroffen hat es in Tigray lebende Nicht-Tigrinya. Auch hier Tötungen, Überfälle, Massaker. Dazu Überfälle in nahe gelegenen Grenzorten in der Amhara-Region.


    Die so geächteten, schikanierten und frustrierten Tigrinya wandten sich nun zu Tausenden von ganz allein der TPLF zu, um in der Tigray Denfence Forces – TDF für ein unabhängiges Tigray zu kämpfen. Klasse gemacht Abiy, das war ein Eigentor. Damit begann es für die Allianz gegen die TPLF schlecht auszusehen. Man musste sich aus Mekele zurückziehen. Proklamiert als sog. einseitiger Waffenstillstand, war das nichts anderes als eine militärische Niederlage. Mekele war nicht mehr zu halten. Doch die TPLF kam jetzt so richtig in Fahrt und ist dabei immer mehr Teile Tirgrays wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Ahmed und die Amharen fürchten nun die Rache der Tigrinya, wenn diese nicht nur wieder Tigray beherrschen, sondern weitermarschieren um nun ihrerseits in die Nachbarregionen vordringen.


    Deshalb braucht Ahmed dringend mehr Soldaten. Deshalb werden jetzt Regionaltruppen und Freiwilligenmilizen aus anderen Landesteilen dazu geholt. Deshalb machen die Regionen Amhara und Afar mobil.


    Ahmed und seine Adlaten können nicht militärisch in Tigray siegen, wenn sie mehrere Millionen Tigrinya gegen sich haben. Die TPLF dagegen ist nicht stark genug, um gegen den Willen der anderen Regionen ganz Äthiopien zu beherrschen. So wird sich der Krieg wohl noch lange hinziehen, wenn nicht langsam mal die internationale Staatengemeinschaft die Kontrahenten an den Verhandlungstisch zerrt und versucht eine politische Lösung zu finden. Am besten unter dem Dach der UNO mit Mandat als Friedensmission oder so in der Art. Noch behandelt man das Thema Äthiopien international eher zaghaft als Nebensache. Es braucht wohl noch mehr Tote, damit das Land medial mehr in den Focus rutscht oder eine neue Flüchtlingswelle.

  • Hallo Ingo,


    vielen Dank für die ausführliche Erklärung. Einiges war mir aus den Nachrichten bekannt, aber längst nicht alles und hier im besonderen nicht viele der Zusammenhänge sowie die neuerlichen Entwicklungen. Zumal ja gerade letzthin so gut wie nichts mehr über die Lage in Äthiopien in den Nachrichten kommt.


    Viele Grüße

    Sabine

  • Auch von mir ein großes Dankeschön für deinen Bericht. Ich habe nicht alles genau gelesen, da mir deine Erlebnisse im afrikanischen Busch doch sehr bekannt vorkommen. Ich habe 30 Jahre in West-und Zentralafrika gelebt und war aufgrund meines Jobs oft in Dörfern unterwegs. Trockene Wasserhähne, verwanzte Matratzen kenne ich zu gut, überlaufende „moderne“ Latrinen habe ich auch meistens gemieden und lieber mit meiner Flasche Wasser am frühen Morgen in Gottes freier Natur mein Geschäftchen gemacht.


    Deine Analyse der Geschehnisse in Äthiopien ist beeindruckend, ich hoffe, dass unser staatlicher Repräsentant in Addis Abeba auch diesen Über- und Tiefblick hat wie du!


    Ich war 1994 und 95 zwei Mal in Eritrea, wo es mir sehr gut gefallen hat. Wir waren dabei, eine Lösung für die Wasserversorgung der Stadt Massawa am Roten Meer zu erarbeiten. Kurz vor Fertigstellung brach der bislang letzte Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien aus.


    Unsere Aufgabe war nicht ganz ungefährlich, da es angeblich noch ein Restrisiko gab, in den Trockentälern zwischen Massawa und dem Hochplateau von Asmara auf Landminen zu treffen.


    Wir folgten so gut es ging mit unseren Fahrzeugen älteren Fahrspuren und liefen mit offenen Augen auf den Boden gerichtet durchs Gelände. Was aber noch unangenehmer war, waren die Treffen mit jugendlich aussehenden „fightermen“, die wie die Verrückten mit ihren Toyota Pick-ups durch die Pampa fuhren, 2 oder 3 in der Fahrerkabine und einer auf der Pritsche, wo er sich an dem montierten und geladenen Maschinengewehr festhielt. Zuerst misstrauisch, dann freundlich wollten sie wissen was wir tun, dann fuhren sie meistens wortlos wieder weg.


    Mein eritreischer Counterpart, der während des Krieges in Äthiopien lebte („Wir sind ja eine Familie“, sagte er mir), meinte nur, das sind halt fightermen, die sind so und das ist ihr Leben. Die Typen waren von dem Aussehen her keine Äthiopier, sondern Somalier und natürlich Moslems.


    Viele der heutigen Probleme auf dem schwarzen Kontinent werden dem Erscheinen der Kolonisatoren zugeschrieben, aber mit dieser These kann man nicht alles erklären, was so passiert.

    Viele Grüße

    horas