Krieg in Äthiopien

  • Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed facht den ethnischen Hass gegenüber den Tigrayern immer weiter an. Deren Verbände sind unterdessen auf dem Vormarsch. Der Krieg droht das ganze Land zu erfassen ....mehr hier....


    :confused:

  • Hmmm, ich registriere es seit Langem mit immer größerem Entsetzen. Den kriegerischen Konflikt verfolge ich seit November. Einiges dazu hatte ich bereits in meinem Reisebericht geschrieben. Es gibt nur sehr wenige Meldungen darüber in unserer hiesigen Medienlandschaft. Tigray ist physisch und medial abgeschottet, damit so wenig wie möglich nach außen dringt. Das Wenige, was es nach draußen schafft, verfolge ich fast täglich auf BBC-Amharic. Leider muss man sagen, dass ALLE beteiligten Parteien (Eritreamilitär, Tigray-Kämpfer, äthiopisches Federaltruppen und die amharischen Nationalisten-Milizen) sich einen Dreck um Völker- und Menschenrechte scheren. Das nun weitere Milizkräfte aus anderen Landesregionen dazu gezogen werden, wird es noch schlimmer machen. Ich bin inzwischen der Meinung, das wird sich noch lange hinziehen, wie damals der Grenzkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea, weil keine Seite stark genug ist, um einen militärischen Sieg von Dauer zu erringen. Es wird auch die Abspaltungsbewegungen in den Regionen Somali, Oromia und Benishangul weiter anheizen. ;(<X;(<X

  • Ministerpräsident des Regionalstaates Amhara, Agenehu Teshager, ruft alle jungen Menschen zu den Waffen.


    In einer Erklärung des Präsidenten vom Sonntag beginnt die Kampagne am Montag (heute). Alle, die bewaffnet sind, ob mit Regierungswaffen oder mit persönlichen Waffen sind aufgerufen und "Jeder junge Mensch, der für die Kampagne in Frage kommt, muss fürs Überleben kämpfen."


    Jeder sollte positiv auf den Aufruf reagieren Das hat die Regierung laut Landesmedien betont.


    Einen ähnlichen Aufruf hat Regionalpräsident Awal Arba der Afar-Regionalregierung gestartet. "Jeder Afar sollte sein Land so gut wie möglich schützen. Sei es mit Kugeln, Stöcken oder Steinen".


    (Quelle BBC Amharic) Anmerkung: Eigene Übersetztung aus dem Amharischen


    Rekrutierungsprobleme scheint man in Tigray nicht zu haben. Das Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung dort, treibt die Tigrinya scharenweise in den Kampf.

    https://www.derstandard.de/sto…maximum-an-terror?ref=rec

    https://www.derstandard.de/sto…-soll-ausgehungert-werden

  • Die Tigray-Truppen haben offenbar die historische Stadt Lalibela besetzt.


    Nachdem in den vergangenen Tagen Rebellenaktivitäten in der Nähe der Stadt stattfanden, sind sie heute Nachmittag gegen 13.00 Uhr in die Stadt eingerückt. Das berichteten Einwohner der Stadt, sowie der stellvertretende Bürgermeister Manfredo Tadesse gegenüber der BBC. Die Stadt ist nach Angaben Tadesses kampflos an die Rebellen gefallen. Die Sicherheitskräfte seien zuvor geflohen.


    Auch Reuters berichtet unter Berufung auf Augenzeugen, Aufständische hätten die Kontrolle über die amharische Stadt übernommen.


    Quelle: BBC Amharic, aus eigener Übersetzung


    Eigene Anmerkung: Die Stadt ist berühmt für ihre Felsenkirchen, Weltkulturerbe. Der Verlust der Stadt ist eine herbe Niederlage mit Symbolwirkung für Abiy Ahmed und ein Zeichen der Schwäche der Zentralregierung.

  • Hallo Ingo,


    danke für die Info.

    Ich habe das heute leider auch schon gehört. Neben dem ganzen menschlichen Leid hoffe ich, dass jetzt die Felsenkirchen sowie weitere wichtige historische Kulturgüter diesen Konflikt überstehen.


    Wie ist Deine persönliche Einschätzung: Haben die Rebellen ein Interesse daran, diese zu erhalten oder eher nicht?


    Hast Du Nachricht von Muller und seiner Familie? Geht es Ihnen gut?


    Es ist alles so traurig und sinnlos.


    Viele Grüße

    Sabine

  • ...... dass jetzt die Felsenkirchen sowie weitere wichtige historische Kulturgüter diesen Konflikt überstehen.


    Wie ist Deine persönliche Einschätzung: Haben die Rebellen ein Interesse daran, diese zu erhalten oder eher nicht?

    Das glaube ich eher nicht. Die Tigrinya sind nicht die Taliban (zerstörten vor 20 Jahren sinnlos die großen Buddha-Statuen vom Bamiyan). Tigrinya teilen denselben Glauben und die gleiche religiöse Kultur. Sie werden daher nicht mutwillig die Kulturgüter in Lalibela zerstören. Denn sie würden dadurch ihren eigenen historischen Background angreifen. Axum in Tigray, sowie Lalibela und Gonder in Amhara, sind DIE drei historischen Königs-/Kaiserorte der über tausendjährigen Geschichte Äthiopiens. Eher wäre es denkbar, dass die Kulturgüter aufgrund von noch kommenden Kampfhandlungen Schaden nehmen oder Soldaten versuchen des persönlichen Vorteils willen Kulturschätze zu plündern.


    Nachtrag:

    Außerdem will es sich in dieser medial vernetzten Welt keine Konfliktpartei mehr leisten, vor der Weltöffentlichkeit als Bad Guy dazustehen. Jedenfalls keine, die nicht total verpeilt ist. Ein sinnloser Akt der Kulturbarberei würden dem Ansehen nur schaden, ohne irgendeinen militärischen oder politischen Vorteil zu bringen.

  • Nach Berichten auf BBC Amharic werden TPLF Truppen beschuldigt, in der Süd Gonder Zone umfangreiche Plünderungen und Zerstörungen an öffentlicher Infrastruktur wie Banken, Gesundheitseinrichtungen, Schulen, technischen Einrichtungen sowie privatem Eigentum begangen zu haben. Betroffen sind die Ortschaften Gayint, Nifas, Gobgob Salih, Guna, Gemdir und Farta. Im östlich davon gelegenen Debrezebit-Gebiet gebe es seit drei bis vier Tagen schwere Kämpfe. Nach Angaben von Einwohnern wird von etlichen Toten berichtet.


    Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Meldungen ist das allerdings sehr aufschlussreich. Gelang es doch den Tigray-Truppen, sich von Lalibela aus entlang der in Google-Maps als B22 ausgewiesenen Straße zumindest temporär bis auf gute 50 Kilometer auf Bahir Dar, der Amhara Provinzhauptstadt am Südende des Tanasees tief ins amharische Kerngebiet vorzukämpfen.


    Sollte es den Rebellentruppen gelingen, die von Bahir Dar nach Norden führende B30 (in Google-Maps) zu kontrollieren, wäre das nördliche Amhara-Gebiet mit Gonder abgeschnitten. Ob auch die Provinzhauptstadt selbst das Ziel der Tigray-Truppen ist, wird sich noch zeigen.

  • Die Bundesregierung hat gestern alle Deutschen aufgefordert Äthiopien zu verlassen. Zuvor gab es solche Aufrufe bereits seitens der USA und Großbritanniens. Erste Länder haben damit begonnen nicht essenzielles Botschaftspersonal abzuziehen. International geht man anscheinend von einem Kampf um die Hauptstadt aus.


    Die Rebellenarmee kämpft sich in Richtung Addis Abeba vor und ist entschlossen, die derzeitige Regierung zu vertreiben.


    An ein schnelles Ende des Krieges glaube ich nicht. Selbst wenn es den Aufständischen gelingt, die Regierung zu stürzen, denke ich es wird danach weiter zu Kämpfen um die Macht im Land kommen. Derweil befinden sich die Wirtschaft und die Währung des Landes im freien Fall.


    Anfang November wurde in ganz Äthiopien der Ausnahmezustand verhängt. Was der Regierung weitreichende Notstands- und Willkürvollmachten ermöglicht. :(

  • Das ist dramatisch!


    Vor einigen Wochen noch (oder ist es nur Tage her?) schrieb Muller, dass das Reisen im Süden Äthiopiens möglich und sicher sei. Abgesehen davon, dass ich an deine "Hitchhiker" denken musste, hatte ich ein bisschen den Verdacht, dass da bei Muller vor allem die Hoffnung eine Rolle spielte, dass alles wieder gut wird bei dem Statement.


    Das Land ist wirklich gebeutelt. Ich fürchte, es wird viele Jahre dauern, bis der Tourismus wieder auf dem Stand ist wie 2018/2019.


    Aber hierbei geht es ja nicht nur um Tourismus. Es beginnt ja beim täglichen Leben und der Angst schon beim Aufstehen, was alles den Tag über passieren kann, wie man die nächsten Wochen und Monate auf die Reihe bekommt.


    Ich kann bei solchen Nachrichten immer wieder nur dankbar sein, dass wir hier im Alltag nur Sorgen haben müssen, wie man über den kommenden Corona-Winter kommt. Da relativiert sich so einiges.