Ethiopia – Land of Origins

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    • Ethiopia – Land of Origins

      So steht es auf der Website der äthiopischen Botschaft zu lesen.

      Das soll dieses Jahr mein Reiseziel sein. Nachdem im letzten Jahr wegen längerer Erkrankung keine Urlaubsreise möglich war und fast der komplette Jahresurlaub aus 2018 noch zur Verfügung steht, kann ich dieses Jahr somit aus dem Vollen schöpfen. Doch wie kommt man ausgerechnet auf Äthiopien, ein Land das mir bislang nicht als klassisches Urlaubsland in Erinnerung kam.

      Schuld bist Du mein lieber Mehrtab.

      Ein junger Flüchtling aus Eritrea, den ich durch Zufall Ende 2017 erstmals kennengelernt habe. Im Jahr darauf wurde aus dem Kennenlernen eine Freundschaft, die in gemeinsamen Besuchen von Stadtfest, Kino, gegenseitigen Einladungen zum Essen, Kaffee oder Tee sowie gemeinsamen kochen von den jeweils landestypischen Gerichten des anderen mündete. Inzwischen habe ich mir einige äthiopische Kochrezepte angeeignet und nachgekocht und erste Eindrücke der äthiopischen Küche und den dortigen Essgewohnheiten sammeln können.

      Seine Erzählungen über Äthiopien sowie etliche Videos aus dem Internet über das Land weckten ein erstes Interesse. Teile seiner Verwandtschaft wohnen in Mekele und er kennt Land und Leute des nördlichen Teils Äthiopiens. Im Dezember 2018 machte er mir den Vorschlag, mit ihm zusammen nach Äthiopien zu reisen und mich gern seinen dort wohnenden Verwandten vorzustellen.

      Ich nach Äthiopien? Fünf Minuten später reifte der Gedanke heran, ja warum denn eigentlich nicht und ich sagte zu.

      Zwei Wochen später, der Jahreswechsel war eben vorbei, eröffnete mir Mehrtab, dass er einen Job bekommen habe, aber deswegen in Bälde nach NRW umziehen müsse. Neuer Job heißt erstmal kein Urlaub. Was nun?

      Nein mein lieber Freund Mehrtab, aus Deinem Angebot mit mir zusammen nach Mekele zu reisen bist Du nicht entlassen. Aber noch Monate warten, dafür war es auch zu spät. Das Reisefieber hatte mich längst infiziert. Warum nicht jetzt Afrika und später noch einmal Afrika?

      Da ich absolut keine Afrikaerfahrung habe, ging es nun erst einmal ans Informationen sammeln. Reisehinweise des Auswärtigen Amtes studieren, ein Blick auf die Seite der äthiopischen Botschaft, Reiseanbieter suchen, Reiseberichte recherchieren und studieren. Und damit wäre ich hier gelandet und bei Birgits absolut fesselnden Äthiopien-Bericht. Spätestens jetzt war klar, auch allein würde ich mir so ein Abenteuer zutrauen, wenn meine noch reichlich offenen Fragen zu einer solchen Reise geklärt sind. Also habe ich Birgit angeschrieben, reichlich mit Fragen gelöchert und bekam kompetente Antworten geliefert.


      Auch ich war zuvor über Muka-Travel gestolpert, aber Birgits Berichte über Muller und Simien-Eco-Trek ließen mich schnell davon abrücken. Birgits Vertrauen in Simien-Eco-Trek wurde vollauf bestätigt, also war mein Grundvertrauen schon mal vorhanden. Ich schrieb Simien-Eco-Trek Anfang Februar an, dass ich Interesse an einer seiner Touren habe und Muller antwortete mir kurzfristig. Wir klärten, was ich genau in der Tour haben wollte und er stellte mir ein passendes Paket zusammen zu einem Festpreis. Nach weiteren geklärten Fragen von mir an Muller war klar, ich werde die Reise durchführen. Der Reisezeitraum wurde festgelegt, Bezahlung in bar und vor Ort. Es war inzwischen klar, ich werde alleinreisend sein. Eine Gruppe hatte Muller für den Zeitraum nicht. Das Buchen der Inlandsflüge übernahm nach Absprache Muller. Dann ging es ans Buchen der Langstreckenflüge über Ethiopian Airlines und an die Beantragung eines E-Visums, was alles reibungslos funktionierte. Das E-Visum lag nach einem Tag in meinem Maileingang.

      Dann Packliste erstellen. Was muss mit, was habe ich, was brauche ich noch. Ein Reiseführer wurde besorgt und durchgelesen. Barmittel für die Reise in Euro und Dollar wurden beschafft, ein Arzttermin zur Abklärung von Impfstatus und Gesundheitsvorsorge, Reiseapotheke besorgen, Eintragung in die Krisenvorsorgeliste des auswärtigen Amtes. Und jeden Tag kam der Reisetermin näher und wurde meine Aufregung größer. Aber ich war ja durch Muller und Birgit gut gebrieft worden. Ich schrieb Muller noch einmal an, ob er mir eine lokale SIM-Karte für die Kommunikation vor besorgen könne, was Muller auch zusagte. Die lokal SIM hat sich auf der Reise auch gut bewährt, da Wifi und WhatsApp nicht überall oder jederzeit verfügbar waren. Über Mobiltelefon und SMS aber waren wir immer kommunikationsfähig.

      Dann, vier Tage vorher der Nachrichtenschock über den tragischen Absturz der Ethiopian-Airlines-Maschine und besorge Nachfragen der Verwandtschaft, ob ich mir wirklich sicher bin nach Äthiopien fliegen zu wollen und mit welcher Airline ich denn fliege. Na ja, welche denn wohl. Genau diese. Da die Airline in den Nachrichten als zuverlässig dargestellt und der Unglückstyp, die Boeing 737 Max 8 aus dem Flugprogramm genommen wurde, stand für mich fest, ich werde fliegen. Mit Ethiopian Airlines. Und dann war er da der Tag der Anreise.

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    • 14. März / 15. März 2019 – Reisebeginn

      Aufbruch zum Bahnhof mit einer großen Reisetasche, einem Trekkingrucksack und einem kleinen Rucksack für das Handgepäck. Die Trekkingschuhe habe ich an, das spart Platz in der Reisetasche. Die Zugfahrt von Frankfurt (Oder) nach Berlin planmäßig. Da ich am Vortag von einem Streik der Berliner Busfahrer erfuhr und Tegel somit nicht mit der BVG erreichbar war, musste ich kurzfristig eine Planänderung in der Anreise nach Berlin Tegel durchführen. Statt wie geplant vom Hauptbahnhof mit dem TXL Bus fuhr ich mit der Bahn bis Charlottenburg, wechselte in die U-Bahn bis Jakob-Kaiser-Platz und stieg in einen dort bereitstehenden großen weißen Shuttelbus des Flughafens. Der auch sogleich darauf abfuhr. Das war doch schon mal perfekt organisiert vom Flughafen. Einchecken, Gepäck abgeben und schon hatte ich auch die zwei Boardkarten vom Lufthansaschalter, alles innerhalb von 15 Minuten und dann jede Menge Zeit, bis zum Abflug, die ich mir mit letzten Nachrichten per WhatsApp und schlendern über den Flughafen vertrieb. Der Start mit der LH verlief laut Plan und ich war pünktlich gegen 20.00 Uhr am Airport Frankfurt/Main. Es erwies sich als gut, in Tegel einen Flug eher genommen zu haben, als in der Flugplanung auf Ethiopian Airlines vorgeschlagen wurde. Die Zeit habe ich auch gebraucht. Man läuft sich in FFM einen Wolf, wenn die Gates von Ankunft und Anschlussflug weiter auseinander liegen. Als ich am richtigen Gate ankam, lief dort schon das Boarding. Also rein in den Flieger und wieder Glück gehabt, die beiden Plätze neben mir blieben frei. Ich konnte es mir gemütlich machen auf meinem Fensterplatz. Ein Blick in die Runde. Jede Menge Europäer, jedenfalls mehr als ich mir vorgestellt habe, nach dem was in dem Reiseführer stand, wonach nur 30.000 Touristen im Jahr Äthiopien besuchen. Die Flugzeit von 7 Stunden vertrieb ich mir mit etwas dösen und Film gucken. Mein Tablet hatte ich diesbezüglich gut bestückt. Das Angebot im Mediadisplay der Maschine war auch gut aber wie erwartet nicht in Deutsch auswählbar.

      Wieder pünktlich dann die Landung auf dem Flughafen Bole. Das Gepäck vom Band geschnappt und dann auf zum ATM Automaten, den ich vorher schon habe stehen sehen. Nach kurzem Kampf mit den Untermenüs des Automaten spuckte der dann auch den Betrag von 4000 Birr in 100er Scheinen aus. Auf Richtung Ausgang, wo ich noch beim Zoll meinen Bargeldbetrag in € und $ von mehr als 3000 US$ anmelden wollte. Doch das schien niemanden zu interessieren, man schickte mich zum Ausgang. Mir stellte sich noch die Frage, warum der ATM-Automat VOR der Zollkontrolle steht. Macht ja nicht wirklich Sinn, die Einfuhr von Landeswährung auf 200 Birr zu beschränken, wenn man sich am Automaten mit 4000 Birr eindecken kann, bevor man an die Stelle kommt, wo nach Bargeld kontrolliert werden soll. Aber ich muss ja nicht alles verstehen.

      Draußen auf dem Parkplatz habe ich mit der Suche nach Muller begonnen. Einmal den Platz von links nach rechts durchquert. Von überall wurde ich mit zurückhaltenden und freundlichen Taxi, Taxi Rufen angesprochen. Parkplatzende, einmal kehrt und da stand dann einer, sah mich an und fragte - Ingo? Ja, sieht aus wie Muller, ist Muller, hier bin ich jetzt richtig. Wir begrüßten uns freundlich, ja fast herzlich und ich erst war einmal erleichtert.

      Er fuhr mich zum Hotel Eliana und ich konnte mich erst einmal in die Kiste hauen. Am Nachmittag hatten wir uns wieder verabredet. Ich erfuhr von Muller nun auch, dass er mich ab Addis Abeba begleiten und auch die Trekkingtour in den Simien-Mountains mit mir machen würde, was mich wirklich sehr erfreute. Er steuerte mit mir ein Restaurant gefühlt am anderen Ende der Stadt an. Bzw. er versuchte es. Der Verkehr in Addis ist chaotisch und es dauert ewig, bis man endlich da ist, wo man hinwollte. Aber irgendwann kamen wir doch ans Ziel, das Restaurant Katenga in der Cameroon St. wo ich mein erstes Injeragericht in Äthiopien und mein erstes lokal gebrautes Bier, ein Habesha probierte. Das Bier war vorzüglich.

      Muller bestellte bloß Getränke, weil er noch mal weg müsse wegen Kundengesprächen, er sei aber nach spätesten zwei Stunden wieder da, wie er mir eröffnete. In der Zwischenzeit käme ein Freund von ihm, der mir Gesellschaft leisten sollte. Der kam auch kurz darauf und Muller machte sich zum Businesstermin auf. Jetzt war mein Englisch gefragt. Es funktionierte sogar besser als ich erwartet hatte und wir konnten uns so verständigen, dass jeder seine Fragen beantwortet bekam. Gut eine Stunde später musste aber auch mein äthiopischer Gesprächspartner los, so verbrachte ich die letzten 30 Minuten allein. Gelegenheit nach meinem zweiten leckeren Habesha noch einen Kaffee zu ordern. Per Fernsprache formte ich ein „Buna“ mit den Lippen in Richtung der Bedienung und bekam - einen Buna, meinen ersten äthiopischen Kaffee. Was ist das Zeug aber auch lecker. Auch das Bezahlen mit dem hisab klappte gut. Das büffeln von amharisch für Touries vor der Reise hat sich schon mal gelohnt. Als Muller zurückkam war bezahlt und wir konnten los.


      Wer dachte gegen 21.00 Uhr sind die Straßen leerer, der hat sich aber so was von getäuscht. Der Weg zurück zum Hotel dauerte fast genau so lange. Nur dass zum Verkehr noch die Dunkelheit kommt. Straßenlaternen gibt es nicht überall, bzw. wenn welche da sind heißt das nicht, dass die auch leuchten. Und fahren mit Licht scheint Kür, aber nicht Pflicht zu sein. Viele Fahrzeuge fahren mit einem funktionierenden Scheinwerfer, einem Rücklicht oder gar ganz ohne Licht durch Addis. Sogar LKW ohne Licht fahrend sind mir mehrfach aufgefallen. Dazu springen dauernd Fußgänger über die Straßen, die man in der Dunkelheit rechtzeitig erkennen sollte. Auto fahren in Addis, sehr anspruchsvoll.

      Im Hotel verabschiedeten wir uns herzlich und machten den Termin für den nächsten Morgen aus. Damit war er um, mein erster Tag in Afrika. Auf einen Absacker hatte ich keine Lust mehr, dazu war ich schon wieder zu müde. Also ins Hotelzimmer und einen ersten der bekannten Stromausfälle erlebt. Das Licht ging aber nach 30 Sekunden wieder an. Später noch einmal Strom weg und kurz darauf wieder Strom da. Ich schaltete mir selbst die Lampe aus und versank in den Schlaf.

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    • 16. März 2019 – Addis Abeba City Tour

      Ich bin ausgeschlafen, habe gut gefrühstückt, der Tag kann kommen. Nachdem Muller lachend in die Hotellobby einflog, erfolgt erst einmal die äthiopische Begrüßung – der Händedruck dazu die jeweils rechte Schulter an die des Gegenüber drücken und je nach Herzlichkeit kann der linke Arm zur Umarmung zusätzlich genutzt werden. Das kenne ich bereits von meinem Freund Mehrtab und anderen Flüchtlingen, die öfters mal bei Mehrtab zu Gast sind und mit denen ich inzwischen auch bekannt bin.

      Wir besprechen kurz den Tag in der Hotellobby, Muller bestellt für mich ein Wasser. Ich nehme die Flasche und versuche vorsichtig den Verschluss zu öffnen, um keine Formel Eins Siegerdusche zu verursachen. Muller versteht das falsch, denkt ich bekomme die Flasche nicht auf und will mir helfen. Nachdem ich ihm erklärt habe, warum ich die Flasche so langsam öffne, sagt er das ist Wasser ohne Gas. Es gibt zwar auch Wasser mit Gas, aber üblicherweise wird hier nur das stille Wasser getrunken, aber er bestellt mir gern ein Wasser mit Gas, wenn ich das lieber möchte. Nein nein, dieses reicht mir völlig und wird auch den ganzen Trip über mein Begleiter sein. Aber das gibt mir Gelegenheit ihm den Unterschied zwischen Männerwasser und Frauenwasser zu erklären. Nachdem es bei ihm „klick“ gemacht hat, bricht er in Gelächter aus und wird im laufe der Reise immer wieder auf Frauen- oder Männerwasser zurückkommen, wenn wir irgendwo Wasser bestellen.

      Dann geht es auf in die in die quirlende Stadt. Muller ist mit einem Pickup unterwegs, den er zielsicher durch das Gewühl steuert.

      Da mein Reiseverlauf dem von Birgit ähnelt, werde ich hier nicht die gleichen Berichte oder Bilder wie Birgit in ihrem Beitrag liefern. Das wäre zu langweilig und besser als es Birgit geschrieben hat, geht es nun auch wirklich nicht mehr.

      Erste Station der 3000 m hohe Entoto mit der Entoto Mariam Kirche mit einem Kirchenmuseum und dem Nachbau des Kaiserpalastes Meneliks II. Je höher wir kommen, um so kühler wird es. Unterwegs kommen uns Eselkarawanen und Frauen meist älteren Alters entgegen mit riesigen Holzbündeln aus Eukalyptus auf dem Rücken. Teilweise sind die Bündel bis zu 2,5 Meter breit und die Frauen brauchen mehr als die halbe Straßenbreite. Muller erklärt mir, das Holz wird in den Eukalyptuswäldern des Entoto gesammelt und in der Stadt als Brennholz verkauft. Dazu sind die Frauen mit den Bündeln, die sicher mehr als 20 kg wiegen kilometerweit zu Fuß unterwegs.

      Oben angekommen, gibt es erste Einführungen in die Kaiser- und Kirchengeschichte von Muller und dem unvermeidlichen örtlichen Guide. Danach genehmigen wir uns einen Kaffee, bevor es den gleichen Weg wieder nach unten geht.

      Als nächstes steht das Ethnographische Museum im Genet-Leul-Palast, heute Teil des Campus der Addis Abeba Universität mit Exponaten zu den Völkern Äthiopiens, traditionellen Musikinstrumenten und den Gemächern von Kaiser Haile Selassies und seiner Frau auf dem Programm.

      Bei der Fahrt durch die tosende Stadt sage ich zu Muller, dass ich froh bin hier niemals Auto fahren zu müssen. Ich würde wohl nach 2 km kapitulieren. Er lacht. Hier schiebt sich jeder irgendwie irgendwo durch. Autos von allen Seiten, in alle Richtungen fahrend. Bei mehrspurigen Straßen auch gern auf der vermeintlichen Gegenspur. Hauptsache man kommt irgendwie vorwärts. Blechnah bis auf wenige cm. Die Fahrer müssen hier ganz genau wissen, wo ihr Auto zu Ende ist. Dazwischen immer wieder Fußgänger, die so meint man da doch gar nicht mehr zwischen den Fahrzeugen durchpassen können. Verkehrszeichen mit Vorfahrtsregelungen oft nicht vorhanden und wenn doch, interessiert es auch keinen. Ampeln gibt es an großen Straßen, die aber auch nur halbherzig beachtet werden. Heißt, wenns Rot wird und man der Meinung ist da geht noch was, dann wird noch gefahren. Auch wenn der Querverkehr schon Grün hat und losfährt. Dafür regelt man sich den Verkehr mit Handzeichen selbst. Winken, Stoppzeichen, bedanken und hupen ersetzen die Verkehrsregelung. Der Teil am Fahrzeug, der neben Motor, Getriebe, Achsen mit Rädern, Bremse und Lenkung also immer funktionieren muss, ist die Hupe. Alles andere am Fahrzeug ist Beiwerk. Kann, muss aber nicht. Mullers Pickup ist in gutem Zustand und er macht seine Sache gut, obwohl wie er sagt, sonst nicht selbst mit Gästen fährt.

    • 16. März 2019 – Addis Abeba City Tour am Nachmittag

      Danach geht es zum Lunch in ein Lokal und ich lerne, dass das hier mit den Trinkgeldern anders funktioniert. Während wir in Deutschland der Bedienung beim Bezahlen sagen auf was sie rausgeben soll, bekommt man hier das Mäppchen mit der Rechnung, legt den Betrag optional +x nach oben aufgerundet hinein und gibt es der Bedienung zurück. Diese kommt dann erneut mit dem Mäppchen und dem Wechselgeld. Nun nimmt man entweder das Wechselgeld heraus und legt ggf. das Trinkgeld hinein oder lässt vom Wechselgeld entweder alles oder einen Teil als Trinkgeld im Mäppchen. Dieses gibt man dann erneut der Bedienung oder lässt es einfach auf dem Tisch liegen und geht. Beispiel: Rechnungsbetrag 330 Birr, ich lege 400 Birr ins Mäppchen, weil ich es nicht passender habe, bekomme die Mappe mit den 70 Birr Wechselgeld zurück, nehme davon 50 Birr heraus. Die 20 Birr lasse ich als Trinkgeld in der Mappe.


      Während der ganzen Reise bekam ich nur 10er, 50er oder 100er Scheine zu sehen. Die Preise in Restaurants sind in Addis deutlich höher als außerhalb der Hauptstadt. Die 100er sehen ganz gut aus. Die 50er haben mehr Gebrauchsspuren. Die 10er ähneln mehr einem Papierlappen aus Knautschgeld aus der Hosentasche und sind oftmals optisch kaum mehr zu erkennen.



      Übrigens erzählte mir Muller, dass die Geldautomaten gern mal einfach so die Karte einbehalten. Man muss dann zur entsprechenden Bank gehen und sein Problem darlegen. Blöd nur, wenn man weder weiß wo die Bank zu finden ist, noch wenn es außerhalb der Öffnungszeiten oder am Wochenende passiert und man als Tourist am nächsten Tag eigentlich ganz woanders hin muss. Bloß gut, dass ich das nicht schon vorher wusste. Den ATM-Automaten am Flughafen hätte ich dann sicher misstrauischer angeschaut.

      Nachmittags fahren wir zum Mercato - dem Markt, auf dem es nahezu alles geben soll. Eingeteilt in Warengruppen wie Gewürze, Lebensmittel, Elektrogeräte, Eisenwaren, Haushaltsartikeln usw. auf mehreren Quadratkilometern, 7000 Geschäften und weiteren 13.000 Verkäufern. Muller ist hier gut vernetzt. Er begrüßt dauernd irgendwelche Leute und er hat einen Mann vom Markt für die Sicherheit dabei, der uns beim Gang über den Markt begleitet, bis wir wieder am Fahrzeug ankommen. Das Vorratslager sind der hintere Teil des jeweiligen Standes und das Dach, auf dem die Waren in Säcken hoch gestapelt sind. Ich frage Muller, ob es hier schon einmal gebrannt habe. Er sagt nein, noch nie. Dabei habe ich die Bilder vom Brand auf dem polnischen Basar in Slubice im Kopf, der vor einigen Jahren den ganzen Basar zerstörte, wobei aber glücklicherweise niemand körperlich zu Schaden kam. Der Mercato ist noch dichter, noch bevölkerter, um ein viiielfaches größer und weit chaotischer. Möge es hier nie zu einem Feuer kommen.

      Wir fahren weiter zur Dreifaltigkeitskathedrale, der letzten Ruhestätte von Kaiser Haile Selassies, seiner Frau und weiterer Mitglieder der kaiserlichen Familie. Ich bekomme die kirchlichen Glasmalereien der Fenster erklärt und frage ausgiebig nach. Einige Bilder und deren christliche Geschichte sind mir bekannt, vieles sagt mir aber mit meinen nur rudimentär vorhandenen christlichen Grundkenntnissen überhaupt nichts. Ich erkläre Muller, das ich aus der atheistischten Region der Welt Namens Ostdeutschland komme, warum das so ist und liefere ihm abends einen entsprechenden Internetlink dazu nach. Zum Nationalmuseum und Lucy haben wir es nicht mehr rechtzeitig geschafft. Muller versprach, diesen Besuch nachzuholen, wenn ich bei Reiseende wieder in Addis bin.

      Zurück zum Hotel, frischmachen und Termin für das Abendprogramm festgelegt. Es soll in ein Traditionslokal gehen. Dem 2000 Habesha. Muller holt mich wieder ab und los geht es. Gefühlt wieder quer durch die Stadt, aber da es schon so spät ist bei deutlich weniger Verkehr.

      Der Club ist gut gefüllt, aber wir finden Platz und bestellen Abendessen. Heute koste ich ein Dashen Bier und es ist gut. Ebenso das Essen. Es gibt traditionelle Live Musik mit Gesang und Tänzern. Toll. Hier sehe ich auch das erste Mal auf der Bühne den Eskista. Diesen Schulter-, Kopf- und Hüftenschütteltanz, bei dem die Tänzer Bewegungen machen, wo hierzulande wohl nur Physiotherapeuten wissen, welche Muskeln dazu eigentlich in Funktion gesetzt werden müssen. Mein Freund Mehrtab kann den auch. Die Tänzer auf der Bühne lassen es sich nicht nehmen, das Publikum mit einzubeziehen. Die Leute werden auf die Bühne geholt und dürfen mitsingen und mittanzen. Was die Afrikaner aus dem Publikum auch problemlos können. Einige können den Eskista genau so gut, wie die Profis auf der Bühne. Aber singen und tanzen können alle. Ich frage Muller, ob es auch Äthiopier gibt, die nicht singen oder tanzen können, was er lachend verneint. Und ich bin froh, dass der Kelch mit der Bühne an mir vorbeigeht. Einige andere Europäer dagegen erwischt es, sie dürfen auf der Bühne zeigen, dass es mit ihren Tanzkünsten nicht so weit her ist. Das sorgt für Erheiterung im Publikum, aber dennoch bekommt jeder seinen Applaus, wenn er von der Bühne geht, auch wenn die Darbietung noch so bescheuert aussah. Es ist schon 23.00 Uhr und wir brechen auf. Dieser Abend war schon mal ein Highlight, welcher mir lange in Erinnerung bleiben wird. Einfach nur super, was ich Muller auch so sage.



      Zurück ins Hotel, wir verabschieden uns herzlich und Muller sagt mir, wann ich am nächsten Tag mit dem Shuttlebus des Hotels zum Flughafen gebracht werde zum nächsten Reiseziel. Morgen früh sehen wir uns am Flughafen wieder. Also in etwa 7 Stunden. Da müssen wir wohl heute etwas schneller schlafen. Gute Nacht.
    • 17. März 2019 – von Addis Abeba via Flug nach Bahir Dar

      Heute muss es ohne Frühstück gehen. Um 6.00 Uhr fährt mich der Hotelshuttle zum Flughafen. Um 7.10 Uhr soll der Inlandsflug nach Bahir Dar starten. Ich werde auf dem Airportparkplatz abgesetzt und marschiere mit allem Gepäck Richtung Einlass. Von Muller ist noch nichts zu sehen. Auf dem Vorplatz des Flughafenterminals eine erste Vorkontrolle. Mein Pass und meine Flugunterlagen werden verlangt. Ich zücke mein Handy, um ihm ein Bild mit den Flugdaten zu zeigen und werde abgewiesen. Ich bin am falschen Terminal. Ich soll zum anderen, er deutet in die Richtung. Ich frage, wie weit das ist. Fünf Minuten. Aber ich habe Glück. Eine offenbar einheimische Familie ist ebenfalls falsch und der Sicherheitsmann sagt zu mir, ich soll denen folgen. Gut dann mache ich das doch. I’m your shadow sage ich zu der Familie und bleibe ihnen auf den Fersen. Aus den 5 Minuten werden eher 10. Und was der Sicherheitsmann nicht erwähnte, dazwischen ist eine Baustelle. Sand, bereits eingesetzte Zementborde, Schotter und mehrere flache Wälle aus allem Möglichem. Soll heißen, ich muss meine große Reisetasche tragen.

      Jetzt zeigt sich wieder die ausgesprochen offene, freundliche und höfliche Art der Äthiopier. Der etwa 16jährige Sohn spricht mich an und fragt, ob er die große Tasche tragen soll. Das will ich ihm nicht zumuten, aber wir tragen die Tasche gemeinsam, jeder einen Henkel. So geht es wunderbar. Dann sind wir am richtigen Terminal für die Inlandsflüge. Ich bedanke mich höflichst und kann nun die Tasche wieder rollen. Meinen Fitnessprogramm für den Tag habe ich damit erledigt.

      Am Einlass die erste Sicherheitskontrolle. Das Gepäck aufs Band und alles in den Hosentaschen und am Körper (Uhr, Handy, Brustbeutel, Schuhe, Geldbörse) in die Plastikschalen und auch ab aufs Band. Es piept beim Bodyscan dennoch und ich werde abgetastet. Nichts zu finden, ich kann weiter. Alles wieder eingesammelt und auf zum Check In, da von Muller immer noch nichts zu sehen ist. Ich bekomme die Boardkarte und gehe zur zweiten Sicherheitskontrolle. Alles wieder raus aus den Hosentaschen und ab durch den Bodyscan. Es piept nicht. Ahh, ich habe diesmal meine Brille mit in die Schale gelegt.

      Das Boarding beginnt und ich sitze im Flieger. Von Muller ist nichts zu entdecken. Wird aber knapp, in 10 Minuten ist Abflug. Dann taucht er doch auf und wir begrüßen uns wieder wie gute Freunde. Er sagte, er wollte mich mit ihm zusammen online einchecken, als er merkte ich bin bereits durch. Wir fliegen ab und sind eine Stunde später in Bahir Dar. Kurz vor der Landung ist sogar der blaue Nil zu sehen wie er aus dem Tanasee heraustritt. Wir sind da und werden von einem Fahrer mit Toyota-Allradjeep abgeholt, der uns zum Hotel Jacaranda bringt. Ich checke ein, das Gepäck wird auf mein Zimmer gebracht und kurz darauf bin ich unternehmungsbereit. Auf geht’s zum Tanasee, das heißt der Jeep bringt uns etwa 300 m weiter, dreht dort auf die andere Straßenseite und ist 30 Sek. später am See. Gut, hätte man auch laufen können.




      Am großsteinigen Seeufer waschen sich Einheimische mit Seife und Shampoo. Andere ihre Wäsche. Die großen Klamotten sind auch der Anleger für das Boot. Gut balancieren und von Stein zu Stein ins Boot und los geht es zum Kloster Ura Kidane Meheret, ca. eine Stunde Fahrt mit dem kleinen Motorboot. Das Wetter ist angenehm und ich genieße die Fahrt. Auch ein Nilpferd spielt mit und zeigt sich. Die Malereien im Kloster sind farbenprächtig und ich lasse mir die einzelnen Geschichten dazu erklären. Die Bilder dazu sind schon in Bitgits Bericht enthalten. Anschließend noch ein Besuch im naheliegenden Museum mit weiteren Kirchenschätzen. Hier wird mir auch der Unterschied zwischen den Kreuzen von Gonder, Axsum und Lalibela erklärt.





      Wieder draußen frage ich Muller noch, was die ganzen Menschen unter einem großen Baum machen, die ich dort sitzen sehe. Wir gehen näher ran und er erklärt mir dann, sie beratschlagen über die Anschaffung eines großen Topfes für die Dorfgemeinschaft und wieviel jeder an Birr dazu geben könne. Eine Frau bietet mir Fladenbrot an und mir wird eine Keramikkaraffe mit einem Getränk gereicht. Eine Art lokal gebrautem Bier. Es schmeckt leicht säuerlich ist aber erfrischend im Geschmack auch wenn es warm war. Es erinnerte mich an den russischen Kwas, auch wenn dies hier nicht nach Brot schmeckt. Ich bedankte mich mit einem አመሰግናለው (ameseginalou) und werde freundlich angelächelt. Einfach liebenswert diese Menschen.





      Wir gehen zurück zum Anleger und fahren mit dem Boot nach Bahir Dar zurück bei deutlich mehr Wind und Wellengang. Der Anleger hier sind wieder die großen Steine. Dann ist ምሳ missa – Mittagessen. Ich suche mir Fisch aus und Muller bestellt. Der Besitzer des Lokals, dem Lake Shore Resort gesellt sich dazu und wir essen gemeinsam. Der Fisch ist köstlich und Muller fragt A, B oder C? Klares A (die Schulnoten in Äthiopien von A bis D – dieses Thema hatten wir zuvor schon mal erörtert). Muller und der Chef freuen sich. Dann ordere ich mit einem እባክዎትን ናፕኪን አምጡልኝ - ibakwotin napkin amtulign bei der Bedienung Servietten und ernte von ihr einen unverständlichen Gesichtsausdruck. Muller fängt an zu lachen. Der Lokalbesitzer fällt mit ein. War mein amharisch so schlecht? Nein, aber man ist es hier nicht gewohnt, dass ein Ferenji amharisch spricht, erklärt mir Muller. Die Servietten kommen dann aber.





      Am Nachmittag geht es zu den Nilfällen. Über eine endlos erscheinende löchrige Schotterpiste vorbei an Hütten aus Holz, Lehm und Blech der örtlichen Bauern und Viehhalter. Etliche davon sind unterwegs, die Kalaschnikow oder einen Karabiner locker umgehängt. Eine Stunde werden wir durchgeschüttelt. Auf meine Frage, ob sich hier jeder eine Waffe besorgen könne erklärt er mir, die Waffen stammen noch aus der Zeit des roten Terrors unter Mengistu 1974 bis 1991. Aber die jetzige Regierung versucht zumindest eine Registrierungspflicht durchzusetzen. Wer seine Waffe registrieren lässt, darf sie legal behalten.

      Dann sind wir da. Es geht zu Fuß weiter in ein Boot, welches uns auf die andere Nilseite bringt. Dann weitere 15 Minuten Fußweg vorbei an Feldern. Der unvermeidliche örtliche Guide ist mit dabei, hat aber nicht so das Interesse an seiner Aufgabe, er erscheint mir jedenfalls recht lustlos. Zwei Blättchen werden mir gereicht. Khat. Ich soll probieren. Ich tue es und kaue ebenso lustlos auf dem bitter schmeckenden Grünzeug herum. Bäääh. Wir sind da. Die Nilfälle sehen sehr spärlich aus, es ist noch Trockenzeit. Ich klettere runter in Richtung Wasser und Sprühnebel. Ahh, erfrischend. Nach 15 Minuten machen wir uns auf den Rückweg und kommen an einer Kaffeeverkäuferin vorbei, wo wir uns einen Buna genehmigen. Dazu nehme ich noch ein Glas dieses lokalen Sauerbieres. Ich bezahle und wir marschieren weiter. Dann, bei den Feldern bekomme ich nochmals zwei Khatblätter in die Hand gereicht. Es schmeckt nicht besser als vorher. Immer noch bäääh. Ich weiß nicht, wie man sich damit die ganze Backe vollstopfen kann. Damit war meine Khatkarriere auch schon abgeschlossen.





      Wieder mit dem Boot über den Nil und zum Fahrzeug. Wieder eine Stunde durchschütteln. Muller meinte das sei amharische Massage. Wir mussten lachen.

      Im Hotel schön frisch gemacht und dann ging es mit Muller in ein benachbartes Restaurant Namens Misrak zum wieder sehr appetitlichen Abendessen. Dazu an diesem Abend ein Harar Bier. Ebenfalls sehr wohlschmeckend. Dann war der Tag auch schon wieder um. Schlaf schön Muller.
    • 18. März 2019 – Bahir Dar nach Gondar

      Das Gepäck steht bereit, das Frühstück liegt hinter mir. Aufbruch zum nächsten Ziel. Gondar. Wir laden unser Gepäck in den Jeep und Sizaid unser Fahrer versucht aus dem Ort zu kommen. Wegen einer Radsportveranstaltung ist die Hauptstraße vor dem Hotel gesperrt und wir mussten zu einer nahen Seitenstraße, wo der Jeep stand. Dementsprechend voll sind auch alle Nebenstraßen und es dauert 45 Minuten, bis wir aus Bahir Dar raus sind. Dann geht es auf der Straße Nr. 3 in Richtung Gondar.

      Bei einer kleinen Pause auf offener Strecke winken uns Kinder zu. Ich winke zurück und schon kommen sie angerannt. Wieder mal bin ich in einen landestypischen Fettnapf gelandet. Die Art des Winkens macht es aus. Nur winken, indem man die Hand wie einen Autoscheibenwischer bewegt heißt auch winken. Winkt man dagegen, indem man die Hand aufrecht hält und mit 4 Fingern die Hand auf- und zuklappt, dann heißt das kommt her. Wieder was gelernt. Muller muss die Meute freundlich abwimmeln. Wir fahren weiter. Im Radio, bzw. dem Player läuft äthiopische Musik.

      Irgendwie kommen wir im Laufe der Fahrt auf traditionelle lokale Musik zu sprechen und ich erzähle was in Deutschland als traditionell gilt, wobei ich die alte Volksmusik, Blasmusik und etwas von Schlager erwähne. Muller fragt, ob wir was abspielen können. Wie, was Mucke von mir? Ich erzähle ihm, ich habe nur wenige Stücke davon auf meinem Handy gespeichert. Der große Rest der Musik auf dem Phone ist anderer Art. Er will was hören und ich stelle in einem Ordner auf meinem Handy etwas zusammen, was dann über Kabel in der Audioanlage des Jeeps abgespielt werden kann. Also ertönen kurz darauf die Brandenburg Hymne, das Finsterwalder Sängerlied und das Westerwaldlied MIT dem Eukalyptusbonbon. Danach wird es rauer. Rammsteins Liebe ist für alle da donnerte durch die Boxen. Sizaid wippte den Rhythmus mit. Ich grinste mir eins. Es schien ihm zu gefallen. Muller erklärte ich den einen oder anderen Text. Solche Textinhalte dürften in Äthiopien nicht soo verbreitet sein.

      In Gondar angekommen, werde ich in das Hotel Florida eingecheckt. Wer denkt sich denn für ein Hotel in 2200 Meter Höhe solch einen blöden Namen aus.

      Nach dem Lunch ging es wieder auf Geschichtstour. Die alten Kaiserpaläste waren das Ziel. Der örtliche Guide sprach ein lupenreines und einfaches Englisch und er sprach langsam, was mir sehr entgegenkam. Bis auf einzelne Wörter konnte ich alles verstehen. Danach besuchten wir die Kirche Debre Birhan Selassie mit ihren prächtigen Malereien und das Wasserschloss des Fasilides. Die Bilder und mehr Infos dazu finden sich wieder in Birgits Reisebericht.

      Abends ging es in das Lokal „Die vier Schwestern“, welches man glaubt es kaum, von vier Schwestern betrieben wird. Das Essen ist diesmal Buffett und wieder vorzüglich und ich probiere den äthiopischen Honigwein Tej, der gar nicht so übel ist. Wir sind eben mit dem Essen fertig, als die vier Schwestern anfangen das Tanzbein zu schwingen. Eskista, jawoll – vom Feinsten. Wir sind begeistert und Muller lässt seine Phonecam laufen.





      Danach werde ich wieder im Hotel abgesetzt und der Aufbruchstermin für den nächsten Morgen wird klargemacht. Ich verschwinde aufs Zimmer und unter die Dusche. Tja und dann Zack ist der Strom weg. Mist, absolute Finsternis. Ich spüle mir das Duschbad ab und taste mich langsam aus der Dusche, aus dem Bad in Richtung Bett, an dessen Rand entlang bis zum Kopfteil wo es nach links weiter Richtung Stuhl und Tisch zu meinem Handy geht. Damit kann ich in die Reisetasche leuchten und meine Stirnlampe sowie die Taschenlampe suchen. Zehn Minuten später ist der Strom wieder da, aber nur für etwa eine Stunde. Danach bleibt er weg bis zum nächsten Morgen. Seitdem deponiere ich meine Lampen rechtzeitig im Zimmer. Die Taschenlampe kommt ins Bad und die Stirnlampe auf den Nachttisch
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    • 19. März 2019 – von Gondar in die Simien Mountains

      Das Frühstück war heute etwas spartanisch, da die Auswahl sehr begrenzt. Aber von dem was da war, bin ich dennoch satt geworden. Und Buna gab es ja in der gewohnt guten Qualität. Muller taucht auf und lachend begrüßen wir uns wieder. Inzwischen habe ich es auch geschafft Muller das „Sie“ abzugewöhnen, mit dem er mich sonst immer ansprach. Wir laden ein und auf geht es weiter auf Straße Nr. 3 in Richtung Debark. Zu meinem Reisegepäck haben sich noch die Taschen von Muller und Sizaid gesellt.

      In Debark hat Muller einige Bestellungen abzuholen. Campingausrüstung, Wasser und Lebensmittel werden zugeladen. Es wird enger in der Ladezone im Fahrzeugheck. Muller hat hier ein Heimspiel. Hier steht sein Elternhaus. Bei der Nationalparkverwaltung müssen die Gebühren entrichtet werden. Ich werde aus dem Fahrzeug herangerufen, mein Pass wird verlangt. Danach werde ich zu einem kleinen Lokal gebracht zum Lunch. Richtig Hunger habe ich ja nicht, aber eine Portion Nudeln passt rein. Leider hat sich das scharfe Essen der letzten Tage bemerkbar gemacht. 3x täglich spicy lehnt mein Körper anscheinend ab, denn ich muss öfters aufs Klo, als ich eigentlich möchte. Also passe ich beim Essen auf, dass ich weniger scharfe Dinge bestelle. Zum Fahrer Sizaid und Muller hat sich noch ein weiterer Mitreisender gesellt. Stefano unser Koch für die Simien Mountains. Die drei essen auch im Lokal, sind aber ins Obergeschoss gegangen. Muller taucht auf und fragt, ob ich mit hochkommen will. Nö, ich mag Essen und Getränke nicht durchs Lokal schleppen und bleibe unten.

      Nach dem Lunch fahren wir durch Debark und laden weitere Dinge zu. Hinten ist jetzt voll. Weiter geht es durch Debark in eine unbefestigte Seitenstraße mit Wohnhütten der lokalen Bevölkerung an beiden Seiten. Wir drehen um und halten dann vor einem dieser Häuser. Es ist Muller Elternhaus. Sie haben Grund und Boden erworben und darauf ihr sehr einfaches Haus errichtet. Die Tür der Blechumzäunung geht auf und heraus tritt ein älterer Herr in Tarnkleidung und mit Kalaschnikow. Mullers Vater. Wir werden einander vorgestellt und ich sage, dass ich sehr erfreut bin ihn kennenlernen zu dürfen. Muller übersetzt das und ich ernte einen freundlichen ja gütigen Gesichtsausdruck. Überhaupt stellt sich Muller Senior als ein wundervoller Mensch in seinem zurückhaltenden aber liebevollen Wesen heraus. Es werden weitere Dinge in Plastiktüten ins Fahrzeug gereicht, u.a. eine Tüte mit Eiern, die Stefano auf seinem Schoß platziert. Dabei kann ich kurz einen Blick auf Mullers Mutter werfen. Wir fahren los und nun geht es in Richtung Nationalpark. Unterwegs lässt Muller halten und begrüßt den Fahrer eines LKW, der auf der Gegenrichtung steht. Es ist Mullers älterer Bruder, obwohl er jünger als Muller aussieht. Ich schau ihn an und ja es ist nicht zu leugnen, der junge Mann hat dieselben Gesichtszüge wie Muller Senior. Mir rutscht ein „ganz der Papa“ heraus und der Papa dreht sich zu mir um und lächelt. Er hat es irgendwie verstanden. Nun ist das Auto aber wirklich voll. Vorn rechts Muller Senior, unser Scout. Hinten rechts Stefano. Hinten links ich und Muller in der Mitte eingequetscht. Ich frage Muller, ob er sich wie eine Ölsardine fühlt, dann muss ich erklären, was damit gemeint ist. Wir kommen am Eingang des Nationalparks an und die zur Einfahrt nötigen Dokumente werden kontrolliert.

      Und dann bekommen wir alle wieder eine sehr ausgiebige amharische Massage. Weiter geht es hoch und runter, wobei das hoch immer überwiegt. Das Wetter ist sonnig und dann treffen wir die erste Gruppe Blutbrustpaviane und machen halt. Die Gelegenheit nutze ich, um mich mitten unter die grasenden Affen zu schummeln. Die lassen sich nicht stören, ein Männchen ist keine zwei Meter von mir entfernt und rupft mir den Rücken zudrehend Gras. Jedoch ist immer einer da, der mich im Auge behält. Nach 15 Minuten und einigen Fotos und Videoaufnahmen geht es weiter.





      Unterwegs halten wir wieder und die drei im Fahrzeug sprechen mit Leuten, die draußen stehen. Es wird wieder was dazu geladen. Hinten scheint wieder Platz zu sein, es passt jedenfalls noch was rein. Die Rüttelei hat die vorhandene Ladung anscheinend verdichtet. Der Rest kommt vertäut aufs Fahrzeugdach. Und weiter geht es. Die Strecke zieht sich, die amharische Massage ebenso. Wir winden uns höher und höher. Die Ladung auf dem Dach löst sich und es fängt an oben zu klappern. Sizaid muss halten und auf dem Dach für Ruhe sorgen. Gelegentlich kommen uns Fahrzeuge entgegen. Sizaid spricht aus dem Fenster heraus. Keine Ahnung warum. Dann fängt es an zu regnen. Sizaid hält an und jemand steigt in den Jeep. Es ist ein Hilfskoch aus der hier lokal ansässigen Bevölkerung, der schon einige Zeit auf dem Dach mitgefahren ist, was ich gar nicht mitbekommen habe. Da es ihm auf dem Dach zu nass wird, nimmt er auf dem Schoß von Muller Senior Platz. Jetzt sind wir zu sechst. Mein „Gefolge“ ist weiter gewachsen. Wir müssen bald wieder halten, weil es oben wieder zu klappen anfängt. Frisch vertäut geht es weiter und der Weg wird schlechter, dafür die Abhänge tiefer.





      Es ist schon um 17.00 Uhr als wir unser Ziel Campingplatz Nr. 3 Chennek erreichen. Der Platz ist sehr einfach ausgestattet. Die hier üblichen Hocktoiletten und eine Dusche, die zwar einen Wasserhahn hat aber weiter oben nur eine Rohröffnung aus Wand. Den Duschkopf muss man sich anscheinend selbst mitbringen. Weiterhin gibt es eine Rundhütte als Küche, einen Pumpplatz mit Handpumpe für Wasser und weiter weg andere Hütten, die für die Guides und Rangers als Unterkunft dienen. Mein Zelt wird mir aufgebaut. Ein recht geräumiges mit Vorzelt zum Essen. Ich habe es für mich allein. Muller schläft in einer der Hütten der Ranger. Weiter weg stehen bereits etwa 10 weitere Zelte von anderen Besuchern.





      Wir machen noch einen kurzen Ausflug zu einem nahe gelegenen Aussichtspunkt, wo es sehr weit runtergeht. Der Weg dahin führt an Stellen vorbei, die auch nahe am Abhang liegen. Aber Muller hat ein Auge auf mich. Ansonsten ist hier jeder für seine Sicherheit selbst verantwortlich. In Old Germany wären sicher überall Geländer davor. Hier fällt man sehr tief, wenn man sich vertritt oder stolpert. Es gesellen sich weitere Touristen dazu. Ein Östereicher und ein Mann aus Stuttgart. Es fängt an schummerig zu werden und wir treten den Rückweg an. In diesem unbekannten Gelände möchte ich ungern im Dunkeln durch die Gegend stolpern, weil man fällt sehr tief hier.


      ganz links Sizaid unser Fahrer

      Wieder am Zelt und das Abendessen ist fertig. Leider habe ich so gar keinen Hunger. Ich fühle mich wie an den Weihnachtstagen, wo die nächste Mahlzeit wartet, obwohl man noch von der letzten satt ist. Einige Happen esse ich. Es ist ja lecker, die beiden Köche machen einen guten Job. Aber ich bekomme nichts mehr runter. Zum Glück hat Muller einen gesegneten Appetit und es bleibt nicht zu viel übrig. Nach dem Essen, ich bin gerade draußen, schlägt Muller Senior sein Lager unter einem Strauch auf. Er hantiert mit seinen Matten und Decken im Dunkeln. Ich mache meine Stirnlampe an und halte den Lichtschein in seine Richtung bis er alles fertig hat. Er dreht sich zu mir um und bedankt sich höflich.

      Muller fragt mich, ob ich noch mit ans Lagerfeuer in die Küchenhütte kommen will. Ich will und schon sitze ich mitten zwischen den anderen Köchen, Guides und Scout am Feuer. Lagerfeuer hat auf alle Menschen die gleiche hypnotische Wirkung. Man starrt ins Feuer und lässt die Gedanken schweifen. Gelegentlich spricht jemand, allerdings ist zu merken alle sind müde. So wird alsbald allgemeine Nachtruhe ausgerufen. Ich verkrieche mich in meinen Schlafsack mit Sportshirt und Pullover, die Ohren verstöpselt mit dem Gedanken ich kann sicher schlafen, die Kalaschnikow ist keine fünf Meter von mir entfernt.

      In der Nacht werde ich wach, weil ich mal kurz raus muss. Bis zur offiziellen Toilette will ich nicht durch die Nacht stolpern, also gehe ich weit genug in eine andere Richtung aus dem Camp heraus und erledige das kleine Geschäft. Mir ist kalt und ich schlafe schlecht ein. Später muss ich noch einmal raus. Mir ist immer noch kalt und ich bibbere trotz Schlafsack. Irgendwann wird es Morgen, viel geschlafen habe ich nicht.
    • 20. März 2019 – Simien Mountians Trekking

      Ausgekühlt erwarte ich den Morgen. Ich werde gefragt, was ich zu Frühstück haben will. Am besten gar nichts, mein Appetit geht gen Null. Aber ich zwänge mir was rein. Wenigstens der Kaffee schmeckt mir immer noch. Draußen schnappe ich auf, dass an einigen Stellen Reif gelegen haben soll. Der Chennek liegt immerhin auf 3600 Meter über Null. Ich bereite meinen Trekkingrucksack für die Tour vor. Wir wollen auf den Ras Bwahit mit 4430 Metern Höhe, der zweithöchste Berg Äthiopiens nach dem Ras Dashen mit 4533 Metern.




      Dann laufen wir los. Muller Marelign Senior, Muller und ich. Immer aufwärts, und immer wieder an Stellen vorbei, wo eine herrliche Aussicht wartet. Dieses Land ist wunderschön. Von den Kanten halte ich respektvollen Abstand. Wir sehen unterwegs Steinböcke, besser gesagt Papa Marelign sieht sie. Ich muss mit meinem Fernglas ewig suchen, bis ich die auch sehe. Warum nur haben die kein gelbes oder rotes Fell, das würde die Sache einfacher machen.







      Bald schon fange ich an zu schnaufen und bin froh, wenn Papa Marelign einen Stopp einlegt. Beim Atmen fängt es an, mir in der Lunge zu stechen. Immer öfter muss ich Pause machen. Weiter und weiter immer nach oben. Die Füße werden schwer wie Blei in der Lunge sticht es, ich atme und atme, aber es reicht nicht. Dann kommt der Zeitpunkt, wo Muller Senior mir den Rucksack abnimmt und ihn zusätzlich zur Kalaschnikow auf den Rücken packt. Ich schleppe mich irgendwie mehr und mehr stolpernd nach oben und japse nach Luft. Muller Senior zieht die Reißleine bei 4250 Metern. Er sieht, dass es für mich zu gefährlich wird. Wir machen halt. Ich frage Muller ob der Weg zum Gipfel so steil bleibt. Nein, der wird noch steiler. Der Gipfel scheint mir dem Auge nach noch drei weitere Stunden entfernt zu sein. Zwei Stunden laufen wir schon. Ich sehe auch ein, den Gipfel würde ich nie erreichen. Meine Frage an Muller, ob es denn die anderen Besucher bis nach oben schaffen, beantwortet er mit „nur Manche“.





      Wir treten den Rückweg an. Nach unten läuft es sich viel einfacher und wir brauchen nur die Hälfte der Zeit für den Rückweg ins Lager 3. Im Lager angekommen machen wir nur eine kurze Pause. Ich fühle mich wieder wohl, trotz der etwas mehr als drei Stunden Bergwandern. Mein Gepäck habe ich schon am Morgen reisefertig gemacht. Das Zelt ist inzwischen auch verpackt, Sizaid, Stefano und Hilfskoch Nibreth sind abreisebereit. Vorher haben sie noch den Lunch für unterwegs bereitet. Alles ist schon im Jeep. Wir müssen nur noch einsteigen und los geht es. Den gleichen Weg wieder zurück wieder mit ausgiebiger amharischer Massage. Wir sind auf dem Weg zu Campingplatz Nr. 1 Sankaber. Vorher halten wir noch beim Wasserfall Jinbar mit 530 Meter Fallhöhe einer der längsten Wasserfälle Äthiopiens. Wir steigen aus und machen uns zu Fuß auf zum Wasserfall, der etwa 15 Gehminuten entfernt ist. Kurz vorher kommt noch eine Stelle, an der man über eine knapp einen Meter breite und zwei Meter lange Felskante muss, an der es auf beiden Seiten tief nach unten geht. Und natürlich ist kein Geländer vorhanden. Muller reicht mir die Hand und ich bin auf der anderen Seite. Wir erreichen den Ausblick auf den Wasserfall, der an der Felswand gegenüber in die Tiefe rieselt. Viel mehr ist in der Trockenzeit nicht übrig. Die Einschnitte in den Felswänden lassen aber erkennen, in der Regenzeit muss der Wasserfall aus mehr als einem Fall bestehen.





      Jetzt gibt es die Lunchtüten. Ein Burgersandwich mit Gemüse und den typischen äthiopischen Gewürzen, dazu gekochtes Ei, Apfel und Banane. Es sind noch andere Besucher mit ihren Guides da und der Lunch wird geteilt und getauscht. Muller erklärt mir, hier heißt es: Wer allein isst, stirbt allein. Ich teile mein Burgersandwich und bekomme von einem anderen Guide den Teller mit seinen Nudeln gereicht. Schmeckt. Inzwischen habe ich doch wieder etwas Appetit bekommen. Wir sitzen auf Betonbänken und schauen auf die Felswände gegenüber. Zwei Meter vor uns geht es in die Tiefe. Lämmergeier haben ihre Ruheplätze oder Nester in den Felswänden und kreisen vor uns und über uns im Tobel. Es ist schön hier. Nach etwa 30 Minuten brechen wir zum Fahrzeug auf. Kurz davor kam noch eine Familie mit zwei Teenagertöchtern an. Anscheinend US-Amerikaner. Die Töchter blicken argwöhnisch auf die Kante vor ihnen und die Tiefe dahinter. Wir kommen wieder an die Stelle mit der schmalen Felskante. Diesmal nehme ich die zwei Meter im Krebsgang. Am Jeep angekommen geht es sogleich weiter. Aber nur ein Stück dann steigen wir erneut aus. Muller sagt, von hier aus laufen wir zum Sankaber Camp. Ich frage, wie weit es ist und nehme nur meinen kleinen Rucksack mit einer Flasche Wasser mit, da die Strecke nicht weit sein soll. Die Strecke ist diesmal einfach zu bewältigen und wir kommen an Stellen mit herrlicher Aussicht in die Simien Mountains vorbei.






      Das Camp ist nach 30 Gehminuten erreicht, mein Zelt steht schon und mein Gepäck liegt im Zelt. Kaffee wird serviert und ich habe Zeit mich mit Muller auszutauschen. Dabei ergibt es sich, dass er mir seine interessante und ereignisreiche Lebensgeschichte erzählt. Vom Schulkind, als dass er jeden Tag drei Stunden Fußweg zur Schule und drei Stunden wieder zurück gehen musste, von seiner Unzufriedenheit mit seinem bisherigen Leben und dem unbedingten Willen, daran etwas zu ändern, von seinen Anfängen als Schuhputzer, der Möglichkeit als Hilfsguide zu arbeiten und am Goetheinstitut einen Deutschkurs zu absolvieren, als Klassenbester mit Stipendium weitere Bildungsmöglichkeiten zu nutzen, bis er schließlich selbst als Guide arbeiten konnte und schließlich seinen Einstieg in Simien-Eco-Trek. Heute unterstützt er mit 6% des Gewinns der Firma die lokale Schulbildung, indem er mit zur Finanzierung eines Schulbaus beitrug, um die langen Fußwege der Schüler zu verkürzen. Aktuell ist er an der Ausstattung der Schule und der Unterstützung von Schulkindern beteiligt, die sich sonst ihre Schulmaterialien nicht selbst leisten können.

      Erzraben suchen den Platz und die Müllfässer nach fressbarem ab. Die frechen Burschen schmeißen den Müll aus den Fässern und gehen auch in die Zelte, wenn man Essen herumliegen lässt. Es wird Abend und ich inspiziere das Camp. Zelte sind kaum da. Hinter meinem Zelt ist die Küchenrundhütte. Die Hocktoiletten erscheinen mir unbenutzbar. Ein Fahrweg führt irgendwo hin. Ich schaue nach wohin. Eine weitere Freifläche mit einem Hang dahinter. Diesmal nicht steil, sondern moderat. Betonbänke stehen weiter unten. Trampelpfade führen kreuz und quer den Hang hinunter. Dahinter ein langes tiefes und breites Tal mit einem bestimmt 2 km entfernten Felshang der anderen Talseite. Rechts von mir ein kleiner Betonbau. Direkt vor mir eine große Blechtafel mit Infos zum Camp auf 3250 Meter Höhe. Der Betonbau entpuppt sich als Hocktoilette, die mir benutzbar erscheint. Ich mache kehrt und kehre zum Zelt zurück.

      Es wird dunkel und das Abendessen ist fertig. Und ich habe wieder mal keinen Hunger. Stefano und Nibreth tischen auf. Ich entschuldige mich beim Koch, nein es läge nicht an ihnen, ihr Essen ist gut. Ich probiere hier und da, aber wie gestern muss Muller das meiste allein essen. Und das macht er auch. Na wenigstens einer hat Hunger. Heute gibt es äthiopischen Rotwein. Stefano öffnet die Flasche und schenkt uns ein. Letienatschinn (ለጤናችን) lieber Muller. Uhhaa, was´n das denn? Essig? Nee, das Zeug ist nicht genießbar. Meinen Becher trinke ich zwar aus, aber einen zweiten will ich dann nicht mehr.

      Später kommt wieder die Einladung in die Küchenhütte zum Lagerfeuer. Gern, ich komme. Die anwesenden Köche, Guides und Scout lassen sich das Abendessen schmecken. Und da sehe ich auch die Rotweinflasche wieder. Stefano gießt sich ein, trinkt und … macht ein eindeutiges Gesicht. Ihm schmeckt er auch nicht. Das anschließende Gespräch dreht sich darum, dass dieser Wein vor wenigen Jahren einen Preis bekommen hat, erklärt mir Muller. Ich denke mir, ob es sich dabei um einen Essigwettbewerb gehandelt haben könnte, verkneife mir aber jedweden Kommentar. Das Feuer ist heruntergebrannt und die Nachtruhe wird ausgerufen. Ab ins Zelt und in den Schlafsack. Auf eine gute Nacht.

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    • 21. März 2019 – Simien Mountains nach Axum

      Doch es soll anders kommen. Bislang hat sich mein Körper im Griff gehabt. Der Kopf sagt, nein auf die Hocktoilette gehst du nicht und der Rest akzeptierte das. Heute Nacht klappt das nicht, ich muss raus. Stirnlampe auf, Zelt auf, Schuhe an, Taschenlampe und Klopapier geschnappt und auf zur vorhin entdeckten Toilette. Premiere. Na, dann probieren wir es mal. Hose runter und hingehockt. Mann, ist das unbequem. Aber was muss, dass muss. Und es geht. Fertig. Ab, zurück. Die Lampen können aus bleiben, Vollmond. Beim Zelt werde ich angesprochen. Papa Marelign ist auf seinen Posten und hat mich bemerkt. Ich nehme einen Ohrstöpsel heraus und sage hallo. Dann verschwinde ich wieder ins Zelt. Später werde ich erneut wach. Das darf doch nicht wahr sein, ich muss schon wieder. Außerdem ist mir wieder kalt. Also Stirnlampe auf, Zelt auf, Schuhe an, Taschenlampe und Klopapier geschnappt und diesmal noch meine Regenjacke übergezogen und auf zum Häuschen. Als ich fertig bin, bin ich ganz wach. Na toll.

      20 Meter weiter stand eine der Betonbänke. Ich setze mich, der Vollmond scheint, und lausche der Stille der Nacht. Weitere 20 m von mir lässt sich ein Greif auf dem Blechschild nieder und lauert auf Beute. Keine elektrische Beleuchtung, keine Zivilisationsgeräusche, einfache und absolute Stille. Ich will den Vogel nicht aufscheuchen, genieße diesen unerwarteten intensiven Augenblick und warte ca. 15 Minuten bis er wegfliegt. Am Zelt angekommen ist niemand zu sehen. Ich lege mich wieder hin. Einschlafen kann ich nicht mehr.

      Zwei Nächte mit zu wenig Schlaf machen sich bemerkbar. Ich habe fertig. Zum Frühstück zwinge ich mich wieder. Beim Koch entschuldige ich mich nochmals für mein mangelndes Interesse an seinem Essen. Ich packe noch den Rest zusammen und nachdem alles verpackt ist, fahren wir in Richtung Debark zurück. Nibreth steigt unterwegs aus. In Debark fahren wir bei Mullers Elternhaus vorbei. Ich nutze die Gelegenheit, um auch Mullers Mutter kennenzulernen und werde ins Haus gebeten. Für einen Kaffee auf den uns Mama Muller einlädt ist leider keine Zeit. Muller hats eilig. Ich nehme wehmütig Abschied von Sizaid, Stefano, Papa Marelign und Muller, der zu mir sagt, wir sehen uns in Addis wieder. Das Fahrzeug und der Fahrer wechseln. Mein neuer Fahrer ist Geech. Mit ihm fahre ich nach Axum.

      Mit mir ist heute nichts los, bin nicht zu gebrauchen. Geech spricht Englisch und wir schwatzen ein wenig. Die Fahrt ist lang, die Serpentinenstraßen aufregend, aber ich dämmere so dahin. Irgendwo unterwegs halten wir zum Kaffeestopp und Geech gibt einen Kaffee aus. Weiter geht’s immer auf der Straße Nr. 3 in Richtung Axum. Die Piste ist gut und hat kaum Verkehr. Leider scheint mein Körper an Hocktoiletten gefallen gefunden zu haben. Der Kopf sagt zwar nein, aber der Körper meint: „Du kannst das, also mach, ich will.“ Und er will an einer völlig ungeeigneten Stelle, einer Serpentinenpiste. Na warte Freundchen, wenn du wieder zu Hause bist. Ich muss Geech bitten anzuhalten. Mangels besseren Platzes muss die Entwässerungsrinne aus Beton neben der Straße herhalten. Daneben geht die Felswand nach oben, auf der anderen Straßenseite nach unten.





      Weiter geht es. Bei Geech entschuldige ich mich, dass ich ihm kein besserer Copilot sein konnte. Irgendwann abends gegen 18.00 Uhr sind wir dann in Axum, wo mein neuer Guide Zeres schon wartet. Ich checke ins Sabean ein und Zeres will sich um 20.00 Uhr wieder mit mir treffen zum Abendessen. Ich sage ab, ich muss schlafen. Also machen wir den Termin 8.00 Uhr am nächsten Tag aus. Möchte nicht wissen, was die beiden von mir denken.
    • Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Am besten damit, dass ich ausdrücklich und formvollendet den Hut ziehe vor dir wegen des Trekkings, auch wenn es 'nur kurz' war.

      Und ich finde auch nicht, dass es eine Schande ist auf über 4000 Metern keine Luft mehr zu haben.

      Und ja, ich bin ein bisschen neidisch, mit Muller am Lagerfeuer hätte ich auch gerne gesessen. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit mit ihm verbracht um Persönliches von ihm zu erfahren.

      Ich finde es auch beeindruckend, mit welcher Energie und Konsequenz der sich hochgearbeitet hat und wie respektvoll er mit allen um sich herum umgeht.

      Sein Vater hat mich schwer beeindruckt: Weisheit und Güte umgeben ihn, spürbar auf den allerersten Blick.

      Ich finde es sooo super, mit dir virtuell noch einmal nach Äthiopien reisen zu dürfen!