Mitten im Leben - drei Wochen Äthiopien

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    • Mitten im Leben - drei Wochen Äthiopien

      Ein zweiter Trip nach Äthiopien, ich habe es getan.

      Bereits im Juni fing ich an zu überlegen, wann ich meine zweite Äthiopienreise planen sollte. Anfang Juli kontaktierte ich Muller von Simien Eco Trek, wo ich auch meine erste Reise gebucht hatte und den ich auf dieser Reise besser kennenlernen durfte (und er mich), da er damals jeweils in Addis Abeba und in den Simien Mountains mein Guide war. Mit Muller hatte ich auch nach der Reise immer wieder via WhatsApp Neuigkeiten und Grüße ausgetauscht.

      Es sollte dieses Mal in den Süden und Westen gehen. Es wurde auch Zeit, denn mein äthiopischer Kaffee aus Harar ging zur Neige. Als Reisezeitraum hatte ich mir gute drei Wochen, vom äthiopischen Neujahrsfest Enkutatash bis nach dem Meskelfest am 27. September ausgesucht. Ich schickte Muller eine Stichpunktliste mit meinen Vorstellungen und bekam von ihm etwas später einen ersten Reiseverlauf zugeschickt. Dieser beinhaltete alles aus meiner Liste, sah allerdings immer Übernachtungen in Hotels und Lodges vor. In Afrika, so meine Erfahrungen aus der ersten Reise, dauert es oft etwas länger als geplant. Die Besuche bei den Völkern des Südens würden dann sehr wahrscheinlich jeweils nur ein Kurzbesuch sein.

      Also schickte ich Muller eine Liste mit Änderungswünschen. Ich stellte mir Übernachtungen direkt in den jeweiligen Dörfern vor, wenn möglich sogar in den Hütten der Dorfbewohner selbst. Ich hatte vor, möglichst viel Anteil am Leben in den Dörfern nehmen zu können und möglichst viel Kontakt mit dessen Bewohnern haben zu können und von den Dorfbewohnern eher als Gast denn als fotografierender Tourist wahrgenommen zu werden.

      Deshalb krempelte Muller den Reiseverlauf noch einmal komplett um und schickte mir Ende Juli die Neuplanung zu. Bei der blieb es dann. Was dort drinstand, kam dem was ich mir vorstellte sehr nahe. Genug Zeit für mich den Dorfbewohnern auf die Nerven zu gehen. :) Also gab ich das OK und kümmerte mich um die Buchung der Flüge und um das Visum. In der zweiten Augustwoche hatte ich Flugticktes und eVisa komplett. Die Flüge buchte ich wieder über Ethiopian Airlines. Entgegen der Auskunft des Auswärtigen Amtes, wonach es vorerst nicht mehr möglich sei eVisa zu beantragen, hatte ich das eVisa nach nicht einmal 24 Stunden im Maileingang. Es empfiehlt sich allerdings, den offiziellen Links vom Auswärtigen Amt bzw. über die Botschaft Äthiopiens zu eVisa-Seite zu folgen, da es eine ganze Reihe von Fake-Seiten im Internet gibt, auf denen man augenscheinlich auch eVisa für Äthiopien beantragen kann, allerdings wohl nur sein Geld los wird.

      Die Reisevorbereitungen gestalteten sich diesmal insgesamt einfacher, da ich vieles von der ersten Reise her kannte, meine Packliste fast unverändert wiederverwenden konnte und mir fast nichts neu besorgen musste. Meine Reiseapotheke ergänzte ich noch etwas. Die Bezahlung sollte wieder in bar und vor Ort erfolgen. Lediglich die Bargeldbeschaffung war dieses Mal etwas nervig. War doch der Bankautomat der Meinung, mir die letzten 400 Euro in 10 Euro-Scheinen!!! auszahlen zu müssen. Ein Nachteil halt als Kunde einer Internet-Bank keine Filiale zu haben, in der man sich einen höheren Eurobetrag in großen Scheinen auszahlen lassen kann, sondern etappenweise der Geldautomaten zu bedienen.

      Dennoch in der letzten Woche vor Reisebeginn stiegen die Aufregung und die Vorfreude auf die Reise und auf ein Wiedersehen mit Muller, den ich inzwischen als Freund betrachte.
    • 8. und 9. September – Reisebeginn und erster Tag in der Hauptstadt

      Gegen Mittag brach ich auf. Wieder ausgestattet mit Trekkingrucksack, großer Reisetasche und kleinem Rucksack fürs Handgepäck. Diesmal hatte ich mir noch einen Street-Bag in die Reisetasche gepackt, da ich den anderen Rucksack damals oft als zu groß und hinderlich empfand. Die Reise zum Airport Berlin Tegel konnte ich vom Berliner Hauptbahnhof mit dem TXL Bus der BVG machen. Kein Streik heute. Im Handgepäck neben meinem Tablet auch noch einen Laptop samt Case. Was es damit auf sich hat, dazu später. Der Abflug in Berlin bei Sonnenschein pünktlich.

      Die Ankunft in Frankfurt am Main auch pünktlich aber bei Regen. Wasser von oben, was´n das denn? Meine Umsteigeerfahrungen am Flughafen Frankfurt Main vom letzten Mal hatten mich dazu bewogen, in Tegel statt einen, zwei Flüge eher zu nehmen, als in der Flugplanung auf Ethiopian Airlines vorgeschlagen wurde. Damals war ich etwas knapp dran, obwohl die Maschine in FFM pünktlich ankam. Heute kam ich mir nicht so gehetzt vor, am Flughafen hatte ich genug Zeit bis zum Abflug. Der Flieger war heute voller, aber nicht ausgebucht. Allerdings in der mittelbaren und unmittelbaren Sitzumgebung drei Kleinkinder, die natürlich ob des für sie ungewohnten Nachtablaufes ihren Unmut lauthals äußerten und eigentlich die ganze Nacht nicht richtig zur Ruhe kamen. Aber auf meinem Tablet hatte ich genug Filmmaterial und meist die Kopfhörer auf. 16 Folgen Babylon Berlin sollten reichen. Sechs habe ich geschafft bis zur Landung.

      Die Ankunft am Flughafen Bole wieder pünktlich bei starkem Dauerregen kurz vor 6.00 Uhr bzw. 0.00 Uhr Ortszeit. Die Regenzeit ist eben noch nicht zu Ende. Ich hatte mir dieses Mal vorgenommen, mich auf die lokale Zeit einzulassen und meine Uhr schon umgestellt. Beim Ankunftsprocedere dann eine Enttäuschung. Der Schalter für Einreisende mit eVisa war nicht besetzt. Ich musste mich in die langen Reihen aller Anderen einreihen und warten. Und warten. Fast zwei Stunden. Es waren nur zwei Einreiseschalter geöffnet. Der eine für Business, Goldkarten-Besitzer etc. und einer für den großen Rest. Nach einer Stunde wurde dann wenigstens ein zweiter Schalter besetzt. Ich schrieb Muller erst mal eine SMS, damit er bescheid weiß.

      Dann die Suche nach dem Gepäck. Da ich davon ausging, nach der langen Zeit, sei mein Gepäck schon längst vom Band genommen worden, suchte ich unter hunderten von Gepäckstücken, die sich überall neben den beiden vorhandenen Bandanlagen stapelten. Nichts zu finden. Die Dame vom Schalter für verlorengegangenes Gepäck verwies mich auf die Bandanlagen, kam dann aber doch selbst mit. Und tatsächlich, auf einer der beiden Bandanlagen kamen meine beiden Gepäckstücke angeschaukelt. Offenbar seit Stunden ihre Runden drehend. Ich hatte zwar oberflächlich immer wieder mal draufgeschaut auf die Bänder, war aber innerlich eher der Meinung unter den Bergen neben den Bändern suchen zu müssen, weil ja in der Zwischenzeit jede Menge anderer Flieger landeten, die ihre Ladung ja auch auf die beiden Bänder ausspuckten und dafür Platz benötigten.

      Jetzt endlich konnte ich das Flughafengebäude verlassen. Draußen auf dem überfüllten Parkplatz drehte ich zwei Runden, bevor ich Muller fand bzw. er mich. Die reichten, um mich samt Gepäck einzuweichen. Es regnete immer noch stark. Endlich, endlich konnte ich Muller in die Arme schließen und wir begrüßten uns freudig. Muller hatte für mich sogar einen Blumenstrauß gesorgt. Schon etwas ungewohnt für mich als Mann, von einem Mann gerade Rosen geschenkt zu bekommen. Aber diese Einschränkungen bei Blumen müssen ja hier nicht auch gelten sagte ich mir.

      Das Gepäck wurde ins Auto verfrachtet und los ging es. Erstmal nicht. Der Flughafenparkplatz war so voll, dass es 30 Minuten dauerte, bis wir überhaupt vom Parkplatz herunterkamen. Die nassen Sachen sorgten für beschlagene Scheiben im Auto und wir mussten ständig wischen, um überhaupt etwas zu sehen. Die Innenlüftung konnte es einfach nicht schaffen, die Scheiben frei zu bekommen. So ging es dann auch fast im Blindflug zum altbekannten Hotel Eliana. Muller fuhr einen Kleinwagen. Sehr praktisch und wendig für den chaotischen Verkehr in der Hauptstadt. Allerdings war meine Gurtanlage zwar vorhanden aber recht wirkungslos, da ich nach schließen des Gurtes das Gurtschloss wieder geschlossen im Ganzen in der Hand hatte. Der Teil der Gurtanlage, der sich in der Mittelkonsole befindet, war unten nicht mehr fest am Fahrzeug verbunden. So richtig wohl fühlte ich mich so ohne Gurt ja nicht, obwohl Muller sehr umsichtig fuhr. Man muss ja auch immer mit dem Unvermögen der anderen rechnen. Der Verkehr in Addis chaotisch wie immer.

      Im Hotel überreichte ich Muller den Reisepreis und erfuhr eine sehr freudige Neuigkeit. Muller würde die gesamte Reise mit mir machen und hatte noch andere Überraschungen parat. Wir vereinbarten auf meine Anregung hin einen Termin am späten Nachmittag zum Abendessen. Davor hatte ich noch etwas anders zu erledigen. Aber erst einmal schlafen. Das Zimmer als solches kannte ich schon. Das gleiche hatte ich damals in der 5. Et. statt heute in der 8. Et. Zuvor musste ich nur noch einen anderen Termin festmachen und schrieb dazu noch einige WhatsApp.

      Nach drei Stunden Schlaf dann mein Sondertermin. Ich hatte um 10.00 Uhr Ortszeit eine Verabredung mit Helen in der Tomoka Kaffeebar in unmittelbarer Nähe des Hotels. Meine Aufgabe: Den eingangs erwähnten Laptop übergeben. Der gehört nämlich nicht mir, sondern meinem Freund Mehrtab, der ihn allerdings nie so richtig gebrauchte. Jetzt nutzte er die Gelegenheit und schickte mir das Gerät vorher zu, damit ich ihn mitnehmen konnte. Die Konversation mit Helen zwecks Kontaktaufnahme und Terminabsprache begann ich schon Ende August über WhatsApp. In Amharisch! Ja, ich habe in der Zwischenzeit Landessprache gepaukt und kann das Amharische jetzt tatsächlich lesen. Also vorlesen. Und ich kann mich auch in Amharisch mündlich und schriftlich äußern, auch wenn es noch lange dauert, bis ich mit meinem Lehrmaterial einen Satz fertig habe. Für eine flüssige mündliche Konversation reicht es allerdings noch lange nicht.

      Helen verspätete sich aber reichlich. Ich hatte schon einige Kaffee intus und bin sogar noch mal ins Hotel zurück, um auf neue Nachrichten zu checken. Und tatsächlich, sie hatte mir in der Zwischenzeit geschrieben, dass sie eine Stunde später käme. Was dann aber noch etwas länger dauerte. Dann tauchte sie auf und ich lud sie zu einem Kaffee ein, der bei ihr ein Tee wurde. Unser Gespräch wurde ein Gemisch aus etwas Amharisch meinerseits und sehr schlechtem Englisch beiderseits. Ihr Englisch war um nichts besser als meins. Sie fragte mich, ob ich etwas für Mehrtab mitnehmen könnte und überreichte mir eine Tüte mit zwei Büchern und Päckchen mit grünen Kaffeebohnen als Dankeschön an Mehrtab. Nach 30 Minuten verabschiedeten wir uns. Mein Termin mit Muller stand an.

      Als Muller da war, ging es auf zum Abendessen. Mit seinem Kleinwagen und meinem automatischen Griff zum Sicherheitsgurt, der dann am Gurtschloss scheiterte. Er steuerte ein Traditionslokal an. Das Totot. Zuvor hielt er unterwegs, um eine Cousine einzusammeln. Ich schaffte es auch die hübsche Dame gebührend in Amharisch zu begrüßen. Der Weg zum und vom Lokal war wieder ein halber Blindflug. Durch das viele Wischen am Morgen, waren jetzt die Scheiben innen verschmiert und das Licht brach sich. Zu dritt genossen wir dann das sehr gute Essen und eine etwas zu laute Musik.



      Die Unterhaltung fiel recht schwer, da es zu laut in der Hütte war. Die Bühnenshow aber war super. Die Tänzer repräsentierten hier Regionen, die ich aus den anderen Traditionslokalen noch nicht kannte. Auch das Mittanzen durfte nicht fehlen. Mullers Cousine jedenfalls ließ sich nicht lange bitten und legte eine flotte Sohle aufs Parkett.



      Im Video rechts. Nicht allzu spät machten wir uns auf den Rückweg. Muller brachte mich zum Hotel und machte den Zeitpunkt für den nächsten Tag aus. Ich verbrachte mich in die Kiste.
    • felix2000 wrote:

      Die Ankunft am Flughafen Bole wieder pünktlich bei starkem Dauerregen kurz vor 6.00 Uhr bzw. 0.00 Uhr Ortszeit.
      Hi, das versteh ich nicht. Der Zeitunterschied zwischen DE und Äthiopien ist doch nur eine Stunde?

      Aber ansonsten: sehr schöner Bericht! Bin gespannt, wie es weiter geht ...
      Sonnige Grüße von der Insel

      We travel not to escape life, but for life not to escape us.

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    • Inspired wrote:

      Wenn ich das beantworten darf: In Äthiopien ticken die Uhren anders: Der Tag beginnt morgens um 6 Uhr, dann ist es dort 0 Uhr und endet um 18 Uhr, dann ist es 12 Uhr in Äthiopien.
      Jepp. Da das Land näher am Äquator liegt, sind die Tage das ganze Jahr über etwa gleich lang. Der Tag beginnt für die Äthiopier mit dem Sonnenaufgang um 6.00 Uhr international. Die Nacht beginnt für sie mit dem Sonnenuntergang um 18.00 Uhr international und dauert 12 Stunden bis zum nächsten Sonnenaufgang.

      Beim Flug aus D nach ET fliegt man der Sonne entgegen. Man muss in ET also seine Uhr um eine Stunde vorstellen für die int. Zeit und dann sechs Stunden zurück für die lokale Ortszeit.

      Nicht die einzige Besonderheit. Beim äthiopischen Kalender wirds noch wilder. Dazu später mehr.
    • Oookaaayyy ... Klingt ziemlich kompliziert. Das erklärt dann auch, weshalb du dich um 10 Uhr mit Cousine Helen zum Kaffee triffst, um anschließend mit Muller (oder ist es Herr Muller?) zum Abendessen zu gehen ...

      (Wie man sieht bzw. liest: Ich kenne mich mit den dortigen Gepflogenheiten 0 aus, bin aber lernfähig und wissbegierig ;)
      Sonnige Grüße von der Insel

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    • 10. September 2019 – Addis Abeba

      Ich bin zeitig wach, mache mich in aller Ruhe fertig und gehe im Hotel frühstücken. Danach ist noch genug Zeit für einen Friseurbesuch. In Äthiopien sind Friseure bzw. Babierstudios in etwa so zahlreich verbreitet, wie bei uns Apotheken. Wenn man in Geschäftsstraßen also in irgendeine Richtung geht, trifft man nach spätestens einem Kilometer auf einen Barbiersalon.

      In der Mall neben dem Eliana war gleich ein solcher. Um 2.30 Uhr Lokalzeit (na, wer weiß es in int. Zeit?) saß ich auf dem Salonstuhl und der Meister legte los. Es sei noch zu erwähnen die Frisiersalons scheinen hier nach Geschlechtern getrennt zu sein. Es gibt Salons für Damen und jene für Herren. In den Herrensalons frisieren und rasieren denn auch meist Herren den Kunden.

      Und der Meister zelebrierte seine Arbeit. Während ich in Deutschland für meinen Kurzhaarschnitt bei der Friseurin mit der Maschine und einem Aufsatz nach 5 Minuten fertig bin, wechselt der Friseur hier ständig mit den Aufsätzen für die Maschine hin und her. Wenigstens 15-mal wird von kurz zu lang und länger zu kürzer gewechselt. Warum auch immer. Demzufolge dauert es viel länger. Außerdem hatte ich mir etwas Besonders gewünscht. Ich wollte mir zwei Lines auf dem Kopf frisieren lassen, die jeweils symmetrisch von der Stirn bis in den Nacken gehen. Wenn´s blöd aussieht, ist es in drei Wochen verwachsen und nach der Rückreise nicht mehr zu sehen. Ein Versuch, hier kennt mich niemand und solche Lines scheinen hier beliebt zu sein. Den Wunsch mit den Lines hatte ich schon länger und jetzt war der passende Zeitpunkt.

      Um 3.00 Uhr hatte ich meinen Termin mit Muller, aber der Barbier fand kein Ende. Um 3.00 Uhr saß ich immer noch auf dem Sessel. Als er fertig war, war es bereits nach 3.00 Uhr und für die mehr als 30 Minuten Arbeit waren 70 Birr fällig. Umgerechnet 2,20 Euro. Bei den Preisen, so nahm ich mir vor, gehe ich hier jede Woche zum Nachschneiden.

      Die Kunst beim Zuspätkommen besteht darin, richtig abzuschätzen um wieviel sich der andere verspäten wird und selbst erst kurz davor zu erscheinen. :D Heute hatte ich ein gutes Händchen. 3.15 Uhr in der Hotellobby. Muller war nicht pünktlich. Um 3.30 Uhr kam er eingeflogen und wir begrüßen uns auf Amharisch. Das ich selbst ja auch nicht pünktlich war, behielt ich für mich.

      Rein in den Kleinwagen und der übliche automatische Griff zum Gurt, der heute am nicht mehr vorhandenen Gurtschloss endete. Da das Teil ja sowieso nicht fest war, hat es Muller gleich ganz entfernt. Den Automatismus beim Griff zum Gurt jedenfalls konnte ich an den drei Tagen nicht ablegen. Lediglich der Zeitpunkt, wann es mir einfiel, dass da nichts ist auf der linken Seite war unterschiedlich. Manchmal nachdem ich den Gurt mit der rechten Hand ergriff, manchmal erst als ich links unten nichts fand oder Muller es mir sagte.

      Wir fuhren zuerst auf den Entoto. Dieses Mal auf einer anderen Strecke. Muller ist gern hier oben, hier ist die Luft erfrischend und frei von Abgasen. Wir kamen an der Entoto Mariam Kirche vorbei, hielten aber nicht an, da ich die Kirche ja schon kannte. Dann auf der mir bekannten Route wieder herunter. Unterwegs erkundigte er sich mehrmals nach Preisen für Ziegen und Schafe bei den Leuten, die die Herden begleiteten.

      Das nächste Ziel war das Nationalmuseum. Lucy Hallo sagen. Das Museum zeigt auf mehreren Etagen die Geschichte Äthiopiens von den Anfängen der Menschheit bis zur modernen Kunst. Muller fungierte als Museumsführer. Erst wenige Wochen zuvor waren bei Ausgrabungen in der Afar-Region, nicht weit vom Fundort von Lucy ein 3,8 Mio. Jahre alter Schädel eines Australopithecus anamensis gefunden worden. Der A. anamensis gilt als frühester eindeutiger Ahne der Menschheit aus der Gruppe Australopithecus. Darauf folgte der Australopithecus afarensis, der bis vor etwa drei Millionen Jahren lebte und dem Lucy zuzuordnen ist. Die frühesten Funde des modernen Menschen Homo sapiens sind etwa 300.000 Jahre alt.

      Als mir Muller erzählte, Lucy wurde von den Forschern nach dem Song Lucy In The Sky With Diamonds von den Beatles, erfasste ein breites Grinsen mein Gesicht. Wird doch in dem Song ein LSD-Trip beschrieben, was Paul McCartney 2004 selbst zugab. Ob das die Forscher bei der Namensvergabe gewusst haben? Das musste ich Muller natürlich erzählen. Danach ging es zu einem späten Mittagessen ins Lucy Restaurant unweit des Museums.



      Da mich Muller heute recht zeitig wieder ins Hotel brachte, hatte ich noch Zeit für Unternehmungen. So ging ich noch mal auf Entdeckungstour. Ich wollte eine Kleinigkeit außerhalb des Hotels essen und verließ das Hotel nach rechts auf der Churchill Av. Viel Hunger hatte ich ja nicht, da das Missa nicht lange her war. Auf einem abenteuerlichen Fußweg, also das was ich als Fußweg bezeichnen würde, weil die meisten Fußgänger auf diesem Etwas gingen, legte ich ca. einen Kilometer zurück. Hier muss man seine Augen aber wirklich ständig auf dem Boden vor den Füßen konzentrieren, um nicht in irgendwelche Löcher zu fallen. Außer einer Tankstelle mit Fastfood, Pizzerien sowie Chicken Hut und Kaffeebars konnte ich aber nichts finden, was meinen Wünschen entsprach. Also machte ich kehrt und ging auf der anderen Straßenseite zurück und besorgte mir von einer Straßenhändlerin für 10 Birr einen gegrillten Maiskolben. Reichte völlig.

      Am Tewodros Square Kreisel erwischte ich dann wohl eine andere Straße. Jedenfalls kam ich nicht am Eliana an, sondern an einer anderen Hauptstraße mit Geschäften. Aber egal, mein Orientierungssinn sagte mir gehe erst einmal nach links. Bei der nächsten größeren Kreuzung lag das Eliana zu meiner Linken. Ich war auf einer Nebenstraße vorher daran vorbeimarschiert.

      Da ich immer noch keine Lust auf Hotel hatte, suchte ich das Tomoka Stehkaffee auf und bestellte mir Kaffee. Mit dem Kaffee ging ich zu einem der Tische grüßte und fragte auf Amahrisch, ob hier noch frei sei. Und schon war ich im Gespräch mit einem jungen Haupstädter, Bauingenieur und Muslim, wie sich im Laufe des Gesprächs ergab. Ich musste ihn erst einmal bremsen und erklären, ich spreche nur ein wenig Amharisch. Der größte Teil der Unterhaltung erfolgte dann auch in Englisch. Perfektes von ihm, weniger perfektes von mir. Lediglich bei Sätzen, die ich auf Anhieb in Amharisch abrufen konnte, verwendete ich die Landessprache. Nach 30 Minuten musste er los, das Abendgebet rief ihn in die Moschee.

      Ich verließ das Tomoka, ging gleich nebenan in eine Art „Gartenlokal“, setzte mich an einen freien Tisch und bestellt mir ein Bier. Aus der Beschallungsanlage lief äthiopische Musik. Ein Titel gefiel mir besonders. So fragte ich am Nachbartisch, ob jemand wisse, wie der Interpret oder der Titel heißt. Und schon wurde ich an ihren Tisch gebeten. Die Äthiopier sind aufgeschlossen und neugierig. Wenn man sich nicht gerade in sein Schneckenhaus zurückzieht, bekommt man hier ruckzuck Kontakt. Die beiden waren beim Militär, wie sich ergab, hatten aber ein geringeres Bildungsniveau, wie ich bald merkte. Kein Vergleich zu den anderen Bekanntschaften, auch aus meiner ersten Reise. Einen Joint, der von einem anderen Tisch zu uns herüberwanderte und mitgebrachtem Schnaps von unter dem Tisch, den sich die beiden zusätzlich in ihr Bier kippten, lehnte ich dankend ab. Die wollten unbedingt meine Zimmernummer im Eliana wissen, nachdem ich erzählte, ich sei dort untergebracht. Vorsichtshalber gab ich eine andere Etage an. Ich blieb fast zwei Stunden. Gegen 16.00 Uhr Lokalzeit und mehreren Bieren, wurde es mir zu kühl. Ich verabschiedete mich höflich, ließ noch 100 Birr da und ging ins Eliana.
    • Ich erinnere mich an die Kneipe neben Tomoka und hatte auch überlegt dort abends noch hinzugehen, habe mich dann aber der Einfachheit halber für die Bar ganz oben im Hotel entschieden...

      Das mit dem Friseur würde wohl als Frau eher kritisch, denn es ist ja, wenn es nicht um einen sehr kurzen Schnitt geht, deutlich schwieriger glatte Haare zu schneiden, wenn man sonst nur diese tollen Locken gewöhnt ist. Aber ein Foto von dir, wie du mit der Frisur ausgesehen hast, hätte ich schon gern gesehen.

      Was mich ein bisschen wundert, ist, dass ihr dasselbe Besichtigungsprogramm noch einmal gemacht habt. Wolltest du das so?
    • DokBua wrote:

      Oookaaayyy ... Klingt ziemlich kompliziert. .... um anschließend mit Muller (oder ist es Herr Muller?) zum Abendesse

      Eine gute Gelegenheit, über die Namen in Äthiopien zu sprechen. Ich gebe es so wieder, wie ich es von Muller verstanden habe.

      Es gibt dort keine klassische Kombination Vorname Nachname. Muller ist seine selbstgewählte Kurzbezeichnung für seine Kunden, damit die keinen Knoten in die Zunge bekommen beim Aussprechen. Muller heißt korrekt Mulushewa. Mulushewa Marelign. Wobei Mulushewa sein Vorname ist und Marelign der Vorname seines Vaters. Dieser heißt dann also mit Vornamen Marelign und trägt als weiteren Namen wiederum den seines Vaters. Muller zukünftige Kinder erhalten einen Vornamen und haben als zweiten Namen dann Mulushewa, wenns ein Junge ist, bzw. den Vornamen der Mutter bei einem Mädchen. Im Gegensatz zu Europa behalten die Frauen IHREN Namen nach einer Hochzeit und nehmen nicht den des Mannes an.

      Inspired wrote:

      Aber ein Foto von dir, wie du mit der Frisur ausgesehen hast, hätte ich schon gern gesehen.
      Geduld liebe Birgit.

      Inspired wrote:

      Was mich ein bisschen wundert, ist, dass ihr dasselbe Besichtigungsprogramm noch einmal gemacht habt. Wolltest du das so?
      Ich glaube, die Runde über den Entoto diente mehr der Preisfindung. Und der Besuch im Nationalmuseum ist bei der ersten Tour aus Zeitgründen ausgefallen.
    • Wolle Ziege kaufen?

      11. September 2019

      Dieser Tag dient dem Einkauf und der Vorbereitung auf das äthiopische Neujahrsfest und unserer Tour. Es regnet und es ist kalt. Kälter als in Deutschland, bevor ich losfuhr. Wir haben uns für 4.00 Uhr Lokalzeit verabredet. Aber heute habe ich ein schlechtes Händchen. Muller versetzt mich und taucht erst gegen 7.15 Uhr auf. Nach der Begrüßung sagt er, frag lieber nicht, warum ich so spät komme.

      Da ich aus dem Hotel nicht wegkann, nutze ich die Gelegenheit und schlage in meinem Amharisch-Lehrmaterial nach, was ich mitgenommen habe. Auffrischen, üben, lernen. Grammatik und Vokabeln. Die Grammatik habe ich zu Hause einmal durchgenommen, für ausreichend Vokabeln hat die Zeit nicht mehr gereicht. Erst in der Hotellobby, dann als es mir zu lange dauerte im Zimmer, später wieder in der Lobby.

      Nachdem Muller dann endlich da war, ging es mit seinem Kleinwagen shoppen. Immerhin, der Regen hatte aufgehört und es wurde schön warm. Wir kurvten kreuz und quer durch die Stadt und besorgten alles Mögliche für die kommenden Campingtage. Denn wir wollten selbst kochen. Gaskocher, Töpfe und Pfanne, Küchenbesteck, Messer, Schneidebrett, Gewürze, Salz, Tee, Kaffee, Zucker, Nudeln, Marmelade, Plastikschüssel, Einwegplastik- und Aluminiumschalen als Tellerersatz, Gläser, Servietten, Spülseife. Teilweise im Supermarkt, die hier viel kleiner sind. Teilweise bei Händlern in ihren Ständen und Läden. Muller ist ein Schnäppchenjäger, stellte ich fest. Er wusste, wo was am preiswertesten zu haben ist. Bei den Händlern sollte ich immer erst im Auto bleiben. Als Feilscher hat er eine bessere Ausgangsposition, wenn er keinen Ferengi im Schlepptau hat. Er feilschte gern und lange. Und er fragte mich immer wieder, was wir noch brauchen. Ausgerechnet einem Campinglaien. Was weiß denn ich. Aber immerhin das Schneidebrett und die Waschschüssel hätten wir ohne meinen Hinweis nicht gehabt. Im Nachhinein muss ich feststellen, wir haben nichts vergessen.

      Mittagessen waren wir im Totot, wo gerade für das Enkutatash-Fest dekoriert wurde, weil es auf der Shoppingtour gerade in der Nähe lag. Heute ist hier der sechste und somit letzte Tag des 13. Monats des Jahres 2011, welches ein Schaltjahr war. Also der 6. Phagume 2011. Ich hoffe, ich habe euch jetzt so richtig durcheinandergebracht.

      Dann wurde noch Obst für das Neujahrsfest besorgt. Und ich durfte wählen. Schaf oder Ziege. Denn ich war eingeladen mit Muller bei ihm zu Hause und seiner Verwandtschaft das Neujahrsfest zu verbringen. Traditionell wird an diesem Tag Schaf oder Ziege verspeist. Meine Wahl fiel auf Ziege. Schaf habe ich gelegentlich schon gegessen. Ziege noch nicht.

      Am Nachmittag ging es wieder quer durch die Stadt zu einem Viehmarkt in einem Außenbezirk von Addis. Unterwegs stieg noch ein Bekannter vom Muller zu, der beim Ziegenkauf fachkundig helfen sollte. Der Viehmarkt war eine rechte Schlammwüste. Die vielen Menschen, Tiere und Fahrzeuge hatten den Boden so richtig durchgematscht. Und wie immer, wenn viele Afrikaner zusammentreffen geht es lebhaft, recht laut und chaotisch zu. Tiere, Händler, Kunden, Fahrzeuge, TucTucs. Ein wildes Durcheinander.







      Muller verhandelte recht lange. Ich sollte vorerst wieder am Auto bleiben. Verhandlungsposition. Er würde mich rufen. So war es dann auch. Unser Essen für morgen wurde uns verschnürt in den Kofferraum geladen. Wir machten uns auf den Rückweg. Gelegentlich kam meckernder Protest von hinten. Irgendwann aber war die Zicke eingepennt. Kurz vorm Dunkelwerden hielten wir noch an einem Markt und ließen uns die Schuhe putzen, die nach dem Schlammbad dementsprechend aussahen.










      Dann ging es zu Muller nach Hause. Den Einkauf abliefern. Ich lernte seine Schwester Tigist, deren Mann und ihre beiden Kinder kennen. Es gab noch ein kurzes Abendessen, Kaffee und einen ersten Schwatz. Was ich konnte, lieferte ich in Amharisch ab. Danach brachte mich Muller zurück ins Eliana. Am nächsten Tag wollte er mich ganz zeitig abholen.

      In Addis wurde am Vorabend des Neujahrsfestes geböllert. Lange nicht so extrem wie in Deutschland, aber einige Böller hatten einen Wumms wie Bomben. Von einem Hotelhochhaus stieg Feuerwerk auf.
    • 12. September 2019 - Enkutatash in Addis Abeba

      Enkutatash ist der erste Tag des neuen Jahres 2012 in Äthiopien. Nach dem julianischen äthiopischen Kalender ist das der 1. September (Meskerem) und fällt auf den 11. bzw. 12. September unseres gregorianischen Kalenders. Da das äthiopische Jahr 2011 ein Schaltjahr war, fällt der 1. Meskerem diesmal auf unseren 12. September. Enkutatash bedeutet Juwelengeschenk und geht auf die Zeit der Königin von Saba zurück. Das Datum kennzeichnet das Ende der Regenzeit und die historische Rückkehr der Königin von Saba vom Besuch des Königs Salomon. Die Ältesten des Landes überreichten der Königin bei ihrer Wiederkehr ein edles Schmuckkästchen - das „Enkutatash“. Es handelt sich dabei um eine Kiste mit wertvollem Schmuck und Edelsteinen. Heutzutage gibt es traditionell an diesem Tag als Geschenk neue Kleidung für die Kinder, viele Festlichkeiten und man wünscht sich alles Gute für das neue Jahr. መልካም አዲስ ዓመት - melkam adis amet! Die Familien kommen zusammen und feiern.

      Im julianischen Kalender haben die Monate jeweils nur 30 Tage. Deshalb bedarf es eines 13. Monats Phagume mit 5 Tagen (Schaltjahr 6 Tage). Das Einzige, was die beiden Kalendervarianten gemeinsam haben: Die Tage haben auch hier 24 Stunden und ab 6.00 Uhr unserer Zeit ist auch derselbe Wochentag. Mein großer Sohn meinte, nachdem ich ihm das erklärt hatte bloß: „Warum soll man auch sich dem Rest der Welt anschließen, wenn man seinen eigenen Kalender haben kann.“

      Muller ist pünktlich. Wir fahren zu seinem Haus in der Nähe des Flughafens Bole. Kurz vor dem Ziel, wird noch ein Bekannter eingesammelt. Dann darf ich wieder die Familie begrüßen. Muller wohnt im Haus mit seiner Schwester und dessen Familie, wenn er in Adis ist. አዲስ አበባ - Adis Abeba bedeutet übrigens „neue Blume“.

      Es gibt zu tun. Die Ziege soll auf den Tisch. Noch steht sie draußen. Die Werkzeuge werden geholt und die Messer geschärft. Vor der Schlachtung ziehe ich mir besser die Outdoorklamotten an. Denn ich werde in die Arbeit mit einbezogen. Als ich das letzte Mal bei einer Ziegenschlachtung bei meinen Großeltern dabei war, war ich wohl noch nicht einmal in der Schule.







      Nach einer guten Stunde ist alles erledigt und die Ziege zerteilt. Als erstes werden Kitfo – Würfel aus rohem Ziegenfleisch mit einer scharfen Tunke und ein Tibs aus dem Fleisch bereitet auf Injera. Dazu Fladenbrot. Ich habe die Ehre und darf mit dem Hausherren, dem Schwager von Muller das Brot anschneiden. Ein symbolischer Akt, nicht nur in Äthiopien. Dann gibt es Kaffee. Es wird Obst gereicht und Honigwein getrunken, den wir auch am Vortag besorgt haben. Tej - ጠጅ, ein Getränk für Feiertage.






      Für Mullers Vater habe ich eine Stirnlampe besorgt, da er in den Simien-Montains damals als unser Scout im Dunkeln hantierte. Die überreichte ich Muller mit dem Satz: በጨለማ ቦታዎች ብርሃን ይሁን። Bä-tschä-lä-ma bo-ta-wotsch bir-han yi-hun. Möge es ein Licht sein an dunklen Orten. Eigentlich habe ich zwei gekauft, denn meine aus der ersten Reise war nur geborgt und eine ziemliche Funzel. Jetzt hatte ich eine eigene und die zum Verschenken. Doch leider funktionierte die Verschenkte nicht. So bekam Muller meine, als der Urlaub zu Ende war. Bis dahin leistete sie stundenlang gute Dienste.


      Das Haus von Muller und seiner Verwandtschaft ist recht groß und erstreckt sich über drei Etagen. Muller schätzt es auf 300 qm. Ein Teil davon ist als Einliegerwohnung an eine Familie aus Eritrea vermietet. Gebaut hat die Verwandtschaft selbst, da auch Bauleute im Familienkreis leben. Anders wäre es nicht zu finanzieren gewesen. Eine Heizung konnte ich nicht entdecken. Die scheint man hier nicht zu brauchen.




      Es wird geschwatzt und erzählt, wie das auch hier bei uns üblich ist. Zwischendurch kommen immer wieder Kindergruppen vorbei, die singend Neujahrsgrüße verbreiten und dafür einen kleinen Obolus einsammeln. Ich gehe zum Tor und reiche einer Gruppe 20 Birr. Später singt eine andere Gruppe sogar im Wohnzimmer, welches fast so groß ist, wie meine ganze Wohnung. Überhaupt ist hier Neujahr der wichtige Tag, während das in Deutschland eher Silvester ist. Neujahr ist ja hierzulande mehr der Tag, die Nebenwirkungen von Silvester auszukurieren. Vormittag sieht man hier kaum jemanden auf der Straße.

      Später wird Musik abgespielt und getanzt. Mein Handy wird an die Anlage gestöpselt. Muller weiß inzwischen, dass ich auch eine Reihe äthiopischer Musiktitel darauf abgespeichert habe. Eskista wird dazu getanzt und alle (auch die Kinder) versuchen mir das auch irgendwie beizubringen.

      Später schauen alle eine Doku im äthiopischen TV über drei ältere Norweger (alle drei Geschwister), die in ihrer Kindheit in Äthiopien aufgewachsen sind und perfekt Amharisch sprechen. Ein äthiopisches Fernsehteam hat sie in Norwegen besucht. Auf die Sendung hat sich Muller schon seit einiger Zeit gefreut. Muller sagt mir, ich habe in den letzten Monaten große Fortschritte gemacht und viel dazugelernt. Auch die anderen sind begeistert von meinem Interesse und dem Willen, die Landessprache zu erlernen. Überhaupt werden mir während des gesamten Trips immer Erstaunen, Achtung und Anerkennung entgegengebracht, sobald bekannt wird, dass ich etwas Amharisch kann oder erkläre, ich bin gerade dabei die Sprache zu erlernen. Das kommt bei den Äthiopiern irgendwie sehr gut an.

      Abends gibt es wieder Ziege, aber etwas anders zubereitet und schmackhaft. Dann werde ich gefragt, ob ich nicht hier übernachten möchte. Dann braucht Muller nicht mehr quer durch die Stadt zu fahren. Die Idee finde ich super, nur hätte ich das etwas eher wissen müssen. Alles ließe sich einrichten, nur eben nicht meine Medikamente, die reichen nur bis Abend. Der Nachschub liegt im Hotel. So muss Muller noch mal raus und mich zurückbringen. Ich verabschiede mich vorerst von diesen lieben Menschen und bedanke mich für die Gastfreundschaft und die Einladung. Es gibt Umarmungen und dann steige ich ins Auto. Morgen beginnt die Tour ins Land. Treffpunkt am nächsten Tag 3.00 Uhr. Im Eliana beginne ich schon mal mit dem Packen. Dann ist Schlafenszeit.
    • 13. September – Addis Abeba -> Awash Nationalpark

      Ich mache mich reisebereit. Das Gepäck stelle ich abholbereit auf den Zimmerboden. Dann Frühstück im Hotel. Um 3.00 Uhr Lokalzeit soll es losgehen. Muller fliegt ein, wie immer mit einem Lachen im Gesicht. Das Gepäck wird aus dem Zimmer geholt und ich checke aus. Draußen eine weitere freudige Überraschung. Unser Fahrer ist … Sizaid. Der Sizaid, der uns schon in den Simien-Mountains auf meiner ersten Reise sicher durch das Gebirge brachte. Dementsprechend herzlich fällt die Begrüßung aus. Sizaid hat ein Strahlen im Gesicht und wir umarmen uns erst einmal.

      Das Gepäck wird eingeladen, es kann losgehen. Wir fahren mit Sizaids Allradjeep Richtung Südost und verlassen die Hauptstadt in Richtung Bishoftu (Debre Zeyit). Es gibt dort eine mautpflichtige Schnellstraße. Die nutzen wir. In Nazret (Adama) machten wir Mittagsrast und ein paar erste Obst- und Gemüseeinkäufe für die kommenden Tage. So auch Orangen. Muller viertelt welche und reicht sie während der Fahrt nach vorn zu Sizaid und mir. Wir zutschen sie aus, die einzige Art möglichst kleckerfrei im Auto Orangen zu essen. Meine ist strohig und erinnert mich sofort an die Castrokugeln - die sog. Apfelsinen - die es in der DDR gab. Auch die hier sind nicht orange, sondern farblich gelb und grün. Alle anderen danach waren dann aber vom Geschmack und Saft her in Ordnung. Da habe ich wohl gleich zum Anfang das abschreckende Exemplar erwischt.

      Weiter geht es auf der Nationalstraße 4 in Richtung Awash. Vorher biegen wir rechts ab auf einen unbefestigten Weg, überqueren die alte Bahnlinie Addis Abeba – Djibuti und erreichen nach etwa 30 Minuten die Awash-Falls-Logde, die direkt oberhalb des Awash-Wasserfalls liegt kurz vor dem Dunkelwerden. Der Awash ist gut gefüllt und rauscht gute 10 Meter in die Tiefe. Kein Vergleich zu den Rinnsalen des blauen Nils, der Nilfälle bei Bahir Dar im März.

      Der Awash ist ein patriotischer Fluss. All die Wassermassen verlassen Äthiopien nicht. Sie verlieren sich auf dem Weg nach Djibuti. Es führt auch ein Weg von der Lodge zum Awash unterhalb des Falls. Allerdings ist der bei dem Wasserstand nicht passierbar meinte Muller. Und es gibt Krokodile am Fluss.

      Die Lodge ist eine sehr gemütlich angelegte und harmonisch in die Landschaft passende Anlage mit kleinen in afrikanischer Bauweise errichteten Bungalows in unterschiedlicher Größe. Meiner ist nicht allzu groß und für zwei Personen ausgelegt. Ausgestattet mit Kaltwasserdusche, Wassertoilette, Waschbecken, großem Bett mit Mosquitonetz, kleinem Tisch, Stuhl und einer Steckdose. Wichtig, um die Elektronik wieder aufzuladen. Alles da an Komfort, was man so braucht. Ich vermisse nichts. Es führt eine Stromleitung zur Lodge. Es gibt also rund um die Uhr Strom, solange die Leitung Strom liefert.






















      Das Abendessen nehmen wir in der Lodge zu uns, nachdem ich mich im Bungalow eingerichtet habe. Wir sitzen noch eine Weile bei in paar Bieren, dann wünschen wir uns eine gute Nacht und ziehen wir uns zur Nachtruhe zurück.
    • 14. September - Awash Nationalpark -> Hot Springs Doho Lodge

      Frühstück in der Lodge bei herrlichem Wetter. Sizaid sieht die ersten Krokodile. Zwei kleine Exemplare, die sich unterhalb des Falls in der Sonne räkeln. Nach dem Frühstück bezahlen wir die Rechnung und brechen wir auf in den Awash Nationalpark zur Safari.

      Ein bewaffneter Scout kommt mit. Die Safari dauert etwa zwei Stunden. Wir bekommen einiges an Tieren zu sehen. Meistens jedoch zum fotografieren zu weit weg für mein Smartphone. Und näher rangehen scheitert am Fluchtverhalten bzw. an Arten, denen man besser nicht zu nahe auf den Pelz rückt. Wir sehen Anubis- und Mantelpaviane, Oryxantilopen, Gazellen, Warzenschweine, viele Vogelarten und Schildkröten. Bei denen habe ich eine Chance auf ein Foto und die tun einem nichts.







      Nachdem wir den Scout abgesetzt haben, geht es weiter Richtung Doho-Lodge mit ihren heißen Quellen. Das ist nicht weit und wir sind gegen Mittag da. Die Lodge liegt am Rande des Aldeghi Nationalparks. Hier kann man schön entspannen. Es gibt etliche Becken, die von nicht zu heißem Wasser der Quellen gespeist werden und dann in einen kleinen See abfließen, in dem man auch schwimmen kann. Ich beziehe meine Hütte, ähnlich ausgestattet wie in der Awash-Lodge. Dann die Badesachen geschnappt und auf zu Wasser. Wir lassen es uns gut gehen. Muller eröffnet mir, er könne nicht schwimmen, weil es dort wo er aufwuchs keine Gewässer zum Schwimmen lernen gab.



      Fischadler sitzen in der Nähe auf Bäumen, lauern auf Beute und stoßen ab und an zum Wasser. Einen erfolgreichen Fang konnte ich nicht feststellen. Auch Adler scheinen keinen leichten Alltag zu haben.











      Anschließend das Mittagessen in der gemütlichen Anlage. Da dürfen es bei allen schon ein paar Bier sein. Wir wollen heute nicht mehr weg. Anschließend erneut ans Wasser. Ich teste den See aus. Wir bleiben an den Wasserbecken, bis es dämmert. Dann machen wir eine Zeit für das Abendessen aus.



      Da komme ausnahmsweise ich dann zu spät. Sizaid und Muller warten schon im Lokal der Lodge. Sie sitzen mit anderen Guides an einem kleinen Tisch. Ich setzte mich dazu und wir bestellen. Hier ist Autan angesagt. Ohne fressen einen die Mosquitos auf. Ich habe genug davon eingepackt und kann ohne Sorge die Flasche weiterreichen, damit sich alle einsprühen können.

      Nach dem Essen sitzen wir noch eine Weile bei weiteren Bierchen, bis es in die Hütten geht. Gegen 16.00 Uhr Lokalzeit wird der Generator ausgeschaltet und es gibt nur noch Licht aus Taschenlampen. Auf eine gute Nacht lieber Muller und Sizaid.
    • 15. September 2019 – Doho Lodge -> Langanosee

      Ich bin aufgewacht. Kurz nach 1.00 Uhr Lokalzeit. Zeit noch zum Frühschwimmen. Mit Badehose geht es zum kleinen See. Im Lodgerestaurant ist man schon geschäftig. Unten an den Becken sind zwei mit Beckenputzen beschäftigt. Wäre schön, wenn ich ins Wasser könnte, ohne jetzt noch die Badeshorts nass zu machen. Ich sitze am Einstieg zum See. Ums Eck geschielt. Die Angestellten haben ihre Köpfe in die Becken bei der Arbeit vertieft. Schnell die Hose aus und am Einstieg liegenlassen und schon bin ich im knapp 30 Grad warmen Wasser. Dann drehe ich ein paar Runden im See. In der Zwischenzeit hat sich die Menge der Putzkräfte auf sechs erhöht. Zusätzlich kommen noch zwei Afrikanerinnen zu den Becken. Mannno. Die Damen verschwinden in einem der Becken zum Waschen. Ok, die sind aus dem Spiel. Was solls. Ich schwinge mich wieder auf den Einstieg und ziehe mir möglichst unauffällig die Shorts an. Na also, fast nicht nass geworden. Und weg bin ich.

      Nach dem Packen und einem nicht allzu späten Frühstück brechen wir auf in Richtung Langano und dessen gleichnamigen See. Dazu müssen wir bis Nazret den gleichen Weg zurück. Wir nehmen noch zwei Europäerinnen bis dahin mit, die sind aber nicht allzu gesprächig. Die Mosquitos haben sie nachts gequält und sie sind übermüdet. Sizaid kennt eine Abkürzung zum Örtchen Awash. Meint er. Aber wir verfahren uns und kleben an der neuen Bahnlinie Addis Abeba - Djibuti fest. Wir müssten auf die andere Seite, aber irgendwie ist da kein Rüberkommen. Stattdessen können wir ausgiebig die äthiopischen Bahnanlagen samt Logistikzentrum besichtigen. Irgendwann kann uns jemand den richtigen Weg sagen und wir erreichen im Örtchen Awash wieder die Straße. Danach die wieder recht lange Fahrt nach Nazret.



      In Nazret setzen wir die Frauen am örtlichen Busbahnhof ab und kaufen auf dem lokalen Markt erneut Gemüse für die kommenden Tage. Danach fahren wir wieder auf die Mautstraße. Aber nicht weit. Bei Mojo fahren wir ab und essen unser Mittag in einem Restaurant. Anschließend geht es auf der Nationalstraße 6 Richtung Süden zum Langano-See. Dieses Gewässer ist laut meinem Reiseführer der einzige See in Äthiopien, in dem man wegen des laugigen Wassers bedenkenlos baden kann. In den meisten anderen Seen besteht Billharziose-Gefahr.

      Unterwegs halten wir bei Straßenhändlern erneut, um Gemüse zu kaufen. Muller ist wieder in seinem Element. Handeln und Feilschen. Heute kommen Zwiebeln und Tomaten dazu. Karotten und Kartoffeln haben wir schon.



      Wir erreichen den See am frühen Abend. Die kommende Nacht verbringen wir im Sabana-Beach-Resort. Der nobelsten Unterkunft der ganzen Reise. Eine offenbar recht neue Anlage. Ich beziehe ein sehr schönes Zimmer und dusche erst einmal. Danach gehe ich die 130 Stufen zum See herunter. Darin baden habe ich mir für den nächsten Tag vorgenommen. Sizaid kommt auch zum See und geht erst einmal ins Wasser. Auch Muller taucht noch auf. Ich entdecke eine Tischtennisplatte, wo gespielt wird und kann nicht wiederstehen. Zuerst spiele ich mit zwei Kids, dann mit einem anderen Afrikaner und auch Sizaid spielt noch drei Sätze mit mir. Dann wird es zu dunkel.







      Beim Abendessen bringe ich den Kellner bei der Bestellung mit meinem Amharisch zum Erstaunen, wie mir Muller erzählte als die Bedienung wieder weg ist. Das Abendessen ist vorzüglich, das Bier ebenso. Wir sitzen dann noch eine Weile, bis Muller zum Aufbruch in die Federn aufruft.
    • 16. September 2019 - Langanosee -> Arba Minch

      Wir treffen uns im Restaurant. Dähna adärh? Dähna näng. Antes? Unser Morgenritual. Nach einem ausgiebigen Frühstück will Muller eigentlich los. Ich möchte aber noch in den See. Gepackt habe ich schon so, dass es sofort nach dem Baden los gehen kann. Also ab ins Wasser. Der See ist erfrischend und es !schwimmen! Steine im See. Zuerst habe ich die schwimmenden Teile für Holz oder Pflanzenteile gehalten. Bis ich eins davon in der Hand hielt. Tuffstein. „So locker und leicht, der schwimmt sogar in … Wasser.“





      Sizaid ist auch am steinigen Strand und sitzt in einer Strandliege. Muller sehe ich aus der Ferne die Stufen zum See herunterkommen. Gelegenheit mir mit Sizaid einen kleinen Spaß zu erlauben. Der ist gerade in sein Handy vertieft. Ich tauche hinter einer Boje ab bis auf den Kopf. Den verstecke ich hinter der Boje. Für Sizaid bin ich jetzt unsichtbar. Dann warte ich, bis er mich vermisst. Zwei Angestellten des Resorts weiter rechts zeige ich Stillschweigen zu bewahren. Muller ist inzwischen bei Sizaid angekommen. Jetzt fällt Sizaid auf, dass ich verschwunden bin. Er geht den Strand entlang nach links, bis ich hinter der Boje für ihn sichtbar werde. Dann fängt er an zu lachen. Hat also geklappt.









      Ich gehe mich umziehen, wir laden mein Gepäck ein und fahren los. Richtung Arba Minch. Dazu geht es weiter auf der Straße Nr.6 bis Shashemene, dann auf die Nr.41 in Richtung Westen. Wir hören Musik von den Handys über die Audioanlage des Jeeps. Auch meine New Ethiopian Musik ist wieder am Laufen. Bei einem Titel sagt Muller, wir fahren gerade durch die Region, die hier besungen wird. Wolaitia!



      In der gleichnamigen Stadt Wolaita (Sodo) halten wir auch zum Mittagessen. Wir sitzen in der grünen Außenanlage eines Hotels bei herrlichstem Wetter. Nach dem Essen und dem obligatorischen Buna fahren wir jetzt auf der Nationalstraße 9 weiter Richtung Süden.

      An einer Stelle, wo die Piste ganz dicht am Abajasee vorbeiführt, machen wir Pinkelpause. Wir gehen die paar Schritte bis zum See. Muller sagt mir, ich soll nicht zu dicht ans Ufer, hier gibt es Krokodile. Dann erzählt er mir eine Geschichte von einem Priester, der Wasser für eine Taufe aus dem See holen wollte. Der meinte, er habe zu Gott gebetet und die Krokodile werden ihm nichts tun. Er hätte das vielleicht auch den Krokodilen mitteilen sollen!

      Weiter geht es Richtung Arba Minch, welches wir am frühen Abend erreichen. Wir checken ins Paradise Lodge ein, einer großräumigen Anlage oberhalb der anliegenden Seen Abajsee und Chamosee. Vom Restaurant hat man eine sehr schöne Aussicht auf die beiden Gewässer. Die Lodge liegt in einem parkähnlichen Gelände mit viel Grün und vielen Bäumen und ist offenbar schon älter. Schilder warnen vor Warzenschweinen und Pavianen.

      Arba Minch liegt an den Seen Abaja und Chamo. Beide Gewässer sind voller Krokodile. Die Seen haben eine unterschiedliche Wasserfarbe und keine Verbindung. Der Abajasee hat rotbraunes Wasser durch seinen hohen Anteil an Hydroxidionen, der Chamosee eine normale Wasserfarbe. Dazwischen liegt ein Bergrücken, die sog. Gottesbrücke.





      Ich packe aus und dusche. Mein Zimmer ist groß, mit großem Bett mit Mosquitonetz darüber. Ein Muss in dieser Gegend, wenn man nicht in Autan gebadet schlafen möchte. Noch ein Blick auf WhatsApp und dann ab zum Abendessen. Wir haben uns im Restaurant verabredet, treffen uns dort aber nur. Zum Essen fahren wir in die Stadt in ein Lokal, dem LemLem und bestellen Fisch. Muller und Sizaid haben gegrillten Talapia, der sehr ansehnlich serviert wird. Mein Fisch ist auch nicht schlecht, aber ich nehme mir für das nächste Mal vor, mir auch so einen schönen Talapia am Spieß zu gönnen.



      Wir zahlen, fahren zurück ins Paradise und wünschen uns däha idir - eine gute Nacht. Ich setze die letzten Nachrichten ab und hänge alles an die Ladestationen, was da ist. Auch die Powerbank wird jetzt randvoll geladen. Dann ist Schlafenszeit. Mein Bett hat keine Bettdecke. Dafür finde ich eine dicke Wolldecke im Schrank. Nöö, die is zu warm. Also schlafe ich unter meiner dünnen Decke von Ethiopian Airlines, die sich irgendwie von mir unbemerkt in mein Gepäck geschlichen hat. Auf eine gute Nacht.
    • 17. September 2019 - Arba Minch -> Karat Konso

      Nachts werde ich wach. Regen rauscht draußen. Die Fenster haben oben keine Scheiben, sondern nur Fliegengitter und man hört den Regen und den Wind direkt. Sogar durch die Ohrstöpsel. Bald bin ich aber wieder eingedämmert. Die Fenster sind auf der Rückseite von der Eingangstür aus gesehen. Daneben eine Tür, draußen eine Miniterrasse, dahinter eine Brache und ein Maschendrahtzaun mit Warnhinweis „Danger!“ Dahinter geht es einen Abhang nach unten. Unterhalb, ein urwaldmäßiges Waldgebiet, das sich bis zu den Seen und der Gottesbrücke erstreckte. In diesem gibt es heiße Quellen (ምንጭ - minch). Angeblich 40 (አርባ - arba) an der Zahl.

      Am Morgen, als ich schon wach bin, rumpelt es auf dem Dach gewaltig. Als wenn jemand mit einer Schubkarre und einem leeren Fass darin über das Dach rennt. Ich mache die Terrassentür auf, um nachzuschauen, sehe und höre aber nichts. Weiter links steht ein Angestellter, sieht auch zum Dach und dann zu mir und ruft mir zu „Monkeys“. Dann sehe ich sie. Paviane springen weiter rechts vom Dach und laufen am Zaun entlang zu mir. Ich hole schnell mein Handy. Aber bis ich das fotobereit habe, verschwinden die Paviane direkt vor meiner Nase durch ein Loch im Zaun in Richtung Abhang.

      Ich packe meine Sachen weiter ein und mache mich für den Tag fertig. Die letzten beiden Tage dienten nicht nur der Entspannung, sondern hatten auch das Ziel uns stetig nach Süden zu bringen. Heute hatten wir Zeit. Bis Karat Konso sind es nur 85 km.

      Auf dem Weg zum Frühstück stolperte ich fast über eine Familie von Warzenschweinen. Ich sah Erzraben und Paviane auf der Hotelanlage in der Nähe der Küche nach Futter suchen. Mit Augen auf die Affen und Vögel gerichtet ging ich weiter, bis ich etwas anderes hörte. Da stand ich dann keine 5m mehr von den Schweinen entfernt und legte den Rückwärtsgang ein. DAS war mir zu dicht, gerade, weil die auch ein Jungtier dabeihatten. Als ich merkte, die wollen mir nichts, zückte ich das Handy.



      In einem Bogen umging ich die Sauen und wurde ich von Arbeitern der Anlage gegrüßt. Ich antwortete auf Amharisch, was die sofortige Neugier bei den Leuten hervorrief. Die nächsten 10 Minuten wurden Informationen ausgetauscht. Woher komme ich, wo will ich hin usw. Soweit ich es konnte, antwortete ich in der Landessprache. Was fehlte, wurde durch Englisch ersetzt. Die drei freuten sich ungemein, dass ich etwas auf Amharisch sagen konnte. Sie wünschten mir zum Abschied alles Gute und Gottes Segen und umarmten mich. Sagenhaft, was man als Ferengi bei der lokalen Bevölkerung auslöst, wenn man ganze Sätze in Amharisch aussprechen kann.





      Nach einem langen Frühstück auf der Aussichtsterrasse des Restaurants mit Blick auf die Gottesbrücke und die beiden Seen, brachen wir so langsam auf. Zuerst ging es in die Stadt, die letzten Besorgungen machen. Auf den lokalen Märkten. Heute wurde alles geholt, was leichtverderblich war. Unser Gesundheistssortiment umfasste nun Kohl, Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, Ingwer, Knoblauch, Karotten, Avocados, Bananen und die Orangen.










      Vor dem Marktbesuch machte Muller einen Bankbesuch zum Geldholen. Da ich wissen wollte, wie eine äthiopische Bankfiliale von innen aussieht, ging ich mit. Nun ja, die sehen aus, wie die hierzulande ….. vor 20 Jahren. Die ganze Technik fehlt. Und manchmal hat auch die Bank keine Netzwerkverbindung und kann die Kunden nicht bedienen.




      Geldschein mit dem Druckjahr. Gedruckt 2007 julianisch bzw. 2015 gregorianisch.

      Das Mittagessen nahmen wir so auch noch in Arba Minch zu uns. Dann machten wir uns langsam auf in Richtung Karat Konso. Hinter Arba Minch werden die Straßen deutlich schlechter. Stellenweise bestehen sie nur aus Schlaglöchern oder der Asphalt ist komplett weg.

      Die Tour selbst verlief ereignislos. Gegen Abend kamen wir in Karat Konso an. Die Dörfer der Konso und ihre Kulturlandschaft gehören zum Weltkulturerbe. Die Siedlungen, umgeben von Steinwällen sind kleine Befestigungsanlagen. Eine enge Bebauung innerhalb der Anlagen und das enge Wegenetz sind typisch und einzigartig, die traditionellen Rundhütten malerisch, aber eng. Die Konso betreiben Landwirtschaft im Terrassenanbau. Dazu wurden in jahrhundertelanger Arbeit Steinwälle errichtet, die ein Ausschwämmen des Bodens verhindern. Jede Siedlung verfügt über einen Ritualplatz, auf denen auch heute noch Tieropfer dargebracht werden. Vor jedem Eingang eines Gehöfts befinden sich hölzerne „Waka“ Statuen. Waka sind Totems, die an die verstorbenen Familienmitglieder erinnern.


      Bienenkörbe

      Wir hatten die Erlaubnis zwar nicht direkt innerhalb der Siedlung unsere Zelte aufzuschlagen, dafür war es dort zu eng, aber unmittelbar davor. Und es wurde ein Jugendlicher zur Seite gestellt, der uns unterstützte. Die offizielle Begrüßung sollte am nächsten Tag erfolgen. Wir kamen zu der Zeit an, als die Ziegen und Rinder in ihre Ställe in der Siedlung zurückkehren. So standen wir mitten zwischen den Tieren.

      Als wir noch darauf warteten, wo wir unsere Zelte hinstellen sollten, sah ich einen Pillendreherkäfer mit einer großen Dungkugel auf dem Boden rollend. Bald starrten alle amüsiert auf den Käfer, wohin er die Kugel wohl rollen würde. Dann erreichte er eine Stelle, wo er sie sich eingraben wollte. Jedenfalls verschwand er im Boden und wühlte unterhalb der Kugel herum. Ich beschloss die Intelligenz des Käfers zu testen, nahm die Kugel weg und legte sie 15 cm daneben wieder ab. Als er wieder auftauchte, war seine Kugel nicht mehr da, wo sie sein sollte. Er fand sie aber recht schnell wieder und rollte sie zu seinem Buddelplatz. Als er im Boden verschwunden war, ein zweiter Versuch. Diesmal legte ich das Ding noch weiter weg und in eine Mulde, aus der er sie erst einmal herausbekommen musste. Aber auch das löste der kleine Kraftprotz. Wieder lag die Kugel an der Buddelstelle. Jetzt übernahm Muller die Initiative. Er stellte seinen Fuß auf die Buddelstelle. Das war dem Käfer zu viel und er beschloss sich totzustellen und abzutauchen.

      Wir bekamen das OK für den Aufbau und legten los. Als die Zelte standen, war es fast dunkel. Dann ging es ans kochen. Wir packten aus und fingen im Taschenlampenlicht meiner Taschenlampe und meiner Stirnlampe sowie den Handylampen von Muller und Sizaid an, Gemüse zu waschen und zu schnippeln. Es sollte Nudeln mit Gemüse geben. Nach gut einer Stunde waren wir soweit, dass wir mit dem Kochen anfingen, weitere 30 Minuten später gab es Abendessen und Tee. Einige Kinder aus dem Dorf sahen uns zu. Der junge Mann vom Dorf half mit. Alle bekamen noch eine kleine Schöpfkelle von ab. Wie sich herausstellte ist Muller auch ein sehr guter Koch. Es schmeckte immer A bis A++.

      Während des Essens wurde Muller urplötzlich aktiv, haute etwas von meinem Zelteingang und trat drauf. Ein Skorpion war es. Leider war das, was jetzt davon noch übrig war ein Foto nicht mehr wert. Der Abwasch wurde gemacht und dann war es bereits nach 16.00 Uhr Lokalzeit. So wünschten wir uns ein dähna idir und verschwanden in die Zelte zur Nachtruhe.

      Wichtige Regeln: Wenn etwas an einem krabbelt, NIEMALS unkontrolliert draufhauen. Erst schauen, was da krabbelt. Oder schauen lassen. Das Zelt NIEMALS offenlassen. Auf, rein oder raus und Zu. Schuhe mit ins Zelt nehmen, oder schön ausschütteln, bevor man sie anzieht. Bevor man das Zelt verlässt, den Boden davor ableuchten. Und. Licht lockt Insekten an. Deshalb möglichst schnell ins Zelt oder raus, oder ohne Licht rein. Besser: Wenn man eine Lampe mit Rotlicht hat. Meine Stirnlampe hatte Rotlicht-LEDs. Ich hatte mich zu Hause noch gefragt wozu, kam nun aber schnell dahinter. Rotlicht lockt Insekten weit weniger an und man hat sie dann nicht im Zelt.
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