Mitten im Leben - drei Wochen Äthiopien

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    • 18. September 2019 - bei den Konso

      Das Dorfleben beginnt früh. Als ich gegen 0.00 Uhr Lokalzeit wach werde, ist in der Siedlung hinter unseren Zelten schon geschäftiges Treiben zu hören. Zuerst ist Zähneputzen und etwas Waschen angesagt. Sizaid ist auch schon auf und wir helfen uns beim Waschen mit dem Wasser. Brrrr, kalt. Bald darauf ist auch Muller auf und wir beginnen mit dem Frühstück. Einen lokalen Guide haben wir am Vortag auch bekommen.

      Sizaid und der junge Mann aus dem Dorf haben leere Wasserkanister am Jeep aufgestellt. Die sollen an einer Wasserstelle befüllt werden. Ich will mit und wir fahren mit den leeren Kanistern los. Muller muss allein Tomaten und Zwiebeln waschen, putzen, schnippeln.

      Die Wasserstelle ist mehrere Kilometer bergab entfernt an der Asphaltstraße. Sonst wird das Wasser mühsam zu Fuß geholt. Ich weiß nicht, ob es zu Fuß einen kürzeren Weg gibt, aber das Wasserholen ist sicher eine harte Arbeit, die meist Frauen und Kinder ausüben. Ich sah in den drei Wochen überall Frauen und Kinder bis hin zu einem geschätzten Alter von 5 Jahren mit schweren Kanistern auf dem Rücken Trinkwasser schleppen. Fünfjährige mit 10 Liter Kanister sind keine Seltenheit. Fortschrittlich ist es bereits, wenn die Jungs mit dem Eselskarren zum Wasserholen fahren. Eselkarren fahren ist wohl ausschließlich den Jungen und Männern vorbehalten. Nie sah ich Mädchen und Frauen mit Zügeln den Karren fahren.





      Heute wird es bequem, wir fahren bis zur Wasserstelle und müssen die Kanister nur noch 20m bis zu einem Wasserhahn tragen. Der ist in einer Gärtnerei zu finden. Jedenfalls werden dort junge Gemüsepflanzen und Baumsetzlinge gezogen und verkauft. Wir warten etwas, bis der eine Wasserhahn frei wird, befüllen alle Kanister und schleppen sie hoch zur Straße. Sizaid holt den Jeep, den er in einem Seitenweg abgestellt hatte, wir laden neben dem fließenden Verkehr die vollen Kanister ein und fahren zurück.

      Muller hat inzwischen den Kocher angezündet und zaubert daraus mit Eiern etwas leckeres. Fladenbrot haben wir auch. Auch der lokale Guide ist jetzt wieder da. Es gibt Frühstück und Kaffee. Dann Abwasch und aufräumen. Abfall in Form von Müll gibt es praktisch kaum. Zwiebelschalen und alles andere Pflanzliche landet einfach auf dem Boden. Den Hühnern und Ziegen freuts.







      Nun ist die Besichtigung der Siedlung angesagt. Khala Des Gezhagn lässt bitten und zeigt uns die Siedlung. Wir werden von einem echten König begrüßt. Die Konso haben einen König. Khala Des Gezhagn ist der 20. König in Linie und ein gebildeter Mann. Er hat in der Hauptstadt Ingenieurwesen studiert, dann aber als der amtierende König starb, seine vorbestimmte Aufgabe als Nachfolger übernommen. Die Konso leben in Klans. Derzeit gibt es noch drei. Jeder Klan hat einen König. Khala Des Gezhagn ist sprituelles und rechtliches Oberhaupt des größten Klans, dem der Kertita.








      Es ist in der Konsokultur üblich, den Tod des Königs erst nach 9 Jahren und 9 Monaten zu verkünden und zu bestatten. Davor heißt es nur, der König sei sehr krank. Erst danach kann ein neuer König ernannt werden. Der Verstorbene wird solange mumifiziert in der Siedlung behalten. Gewisse gesellschaftliche und finanziell Umstände führten allerdings dazu, dass der Vorgänger von Des Gezhagn - sein Vater Khala Walda Dawit - 1990 nach nur 7 Monaten Thronfolger wurde und Des Gezhagn selbst 2004 nach nur 9 Tagen.
    • 18. September 2019 - bei den Konso

      Im Anschluss geht es zusammen mit dem Guide und Muller auf Wanderung durch die Kulturlandschaft der Konso. Wir können uns den Terrassenanbau genauer ansehen. Die Konso bauen in Mischkultur u.a. Mais, Sojabohnen, Baumwolle und Kaffee an. Auch Honig gehört zu ihren Produkten. Die Bienenkörbe hängen in den Bäumen und es ist ausschließlich den Männern vorbehalten, sich um die Bienenbeuten zu kümmern. Üblicherweise haben die Konso auch Wasserspeicher, wo Regenwasser gesammelt wird. In dem, an dem wir vorbeikommen trinken Rinder und plantschen Kinder.









      Wir gehen weiter. Gelegentlich überholen uns auf dem engen Weg kleinere Tierherden aus Ziegen und Rindern, oder kommen uns entgegen. Von hinten holen mehrere Frauen Feuerholz tragend auf. Ich gehe zu Seite, um sie vorbeizulassen, aber sie wollen nicht. Sie haben Angst fotografiert zu werden. Jedes Mal, wenn ich stehenbleibe, bleiben sie auch stehen. Also schäkere ich etwas mit ihnen. An einer breiteren Stelle mache ich mir den Spaß und bleibe nicht nur stehen, sondern gehe urplötzlich mit dem Handy in der Hand zurück und an ihnen vorbei. So schnell können sie nicht reagieren und schon sind sie vor mir. Jetzt haben sie es eilig und nehmen die Beine in die Hand. Selbstverständlich habe ich nicht fotografiert.

      Wir kommen an einer anderen Siedlung an und betreten sie durch den Schutzwall. Bald stehen wir auf dem Ritualplatz und im Jugendhaus, wo die Kinder der Siedlung ihren Treffpunkt haben und auch schlafen. Später können wir uns auch hier einige Rundhütten von innen ansehen. Ich darf von der lokalen Küche kosten. Heiß zubereitetes Moringagemüse, ähnlich unserem Spinat, sehr gesund und mit natürlichen Heilkräften. Dazu gibt es Buna und danach Cheka. Ein auf Getreide und Gemüse basierendes alkoholisches Getränk, das im Südwesten Äthiopiens getrunken wird. Gern in großen Mengen und überall und den ganzen Tag. Muller erklärt mir lachend, ohne Cheka arbeiten die hier nicht. Cheka wird in Flaschen auch zu Arbeit mitgenommen.








      Männer beim Gebeta-Spiel

      Wir gehen weiter und kommen an einen Platz, wo Holzstangen gespalten werden. Ich darf mich versuchen. Gar nicht so einfach, mehrmals dieselbe Stelle zu treffen. Ich gebe mein Bestes. Dann auf einem kleinen Hof, kommen wir zu einer sitzenden Männergruppe. Hier wird wieder Cheka getrunken. Schon sitze ich daneben und bekomme die Kalebasse in die Hand gedrückt, der hier munter von Mund zu Mund wandert. Ich habe keine Scheu und lange ordentlich zu. Cheka ist unterschiedlich stark alkoholisch und unterschiedlich dick- oder dünnflüssig. Wenns zu dick ist, kann man mit einem Schwapp heißem Wasser nachhelfen. Hier im Hof sehe ich auch die geflüchteten Damen von vorhin wieder. Ich grinse zu ihnen herüber und winke mit meinem Smartphone. Sie grinsen zurück.

      Später, als wir die Siedlung wieder verlassen haben, gibt es ein spätes am Morgen mitgenommenes Mittagessen. Eine Frau bietet gekochte Eier an. Wir nehmen welche und essen sie an Ort und Stelle. Die Eierschalen fallen einfach runter. Holen sich die Hühner.

      Jetzt kommt eine Gruppe Mädels im Teenageralter mit Büchern in der Hand bei uns an. Offenbar von der Schule. Ich lasse mir ein Buch geben und schaue hinein. Dann sagt Muller, ich solle vorlesen. Also fange ich an laut vorzulesen. Manchmal verbessert Muller mich in der Aussprache, manchmal hilft er nach, wenn ich bei einem Wort mir zu lange Zeit lasse. Es kommt auffällig oft das Wort Gott im Text vor. Offenbar lese ich aus einem religiösen Buch vor. Die Augen der Mädels werden größer. Ein Ferengi, der ihnen Amharisch vorliest, ist ihnen augenscheinlich noch nicht untergekommen. Nach einigen Minuten nimmt mir das Mädel mir ihr Buch wieder ab und verschwindet damit hinter der Eingangstür zum Grundstück, vor der wir standen. Die anderen gehen weiter.

      Ich denke über den langen Rückweg nach. Wir sind schon mehrere Stunden unterwegs. Meistens bergab. Aber Muller beruhigt. Sizaid holt uns ab. Wir fahren aber nicht zu unseren Zelten zurück, sondern erst noch zum Arbeiten woanders hin. An einem Feld halten wir. Hier ist man dabei den Boden mit hölzernen Spießhacken aufzulockern. Ich bekomme eine von diesen Hacken in die Hand gedrückt und darf loslegen. Hacken, Unkraut herausreißen und Nutzpflanzen möglichst stehen lassen. Für die Frauen und Männer vom Feld eine willkommene Abwechslung. Die haben sichtbar Spaß und tauschen sich lachend und scherzend aus.



      Wir fahren weiter und sehen uns noch New York an. Eine vom Wasser ausgewaschene Schlucht mit Säulen und Pfeilern, die an Hochhäuser erinnern. Danach geht es zu den Zelten zurück. Heute hatte ich meine zweitwichtigsten Dinge, Reisepass, Ausweise und Kreditkarten mal nicht dabei. Sie blieben früh im Zelt.



      Wir fingen mit dem Abendessen mal bei Tageslicht an. Gemüse war wieder angesagt. Waschen, putzen, schnippeln. Muller schaffte es, aus fast denselben Zutaten immer wieder etwas anderes zu zaubern. Heute kamen zu den üblichen Zutaten Tomaten, Zwiebeln, Ingwer und Knoblauch noch Karotten, Kohl und Kartoffeln dazu. Es schmeckte vorzüglich.

      Wir ließen den Abend gemütlich mit Buna und Schaj ausklingen, bevor wir uns für Nacht verabschiedeten. ደህና እደር። ነገ እንገናኝ። dähna ider. nege in-gänang.
    • 19. September 2019 – Karat Konso -> Key Afer -> Jinka

      Es soll heute zeitig losgehen. Die heutige Strecke ist recht lang. Frühstück gibt’s später. Wir brechen die Zelte ab, packen ein und fahren los. Im Ort Karat Konso ist Frühstück angesagt. Obwohl es erst 3.00 Uhr ist, das kleine Hoflokal ist bereits gut gefüllt. Die Bedienungen bringen das Essen im Laufschritt zu den Tischen. Wir bestellen. Kaffee, Ziegenfleisch roh und gegrillt. Dazu Injera und scharfe Tunke. An den Nachbartischen wird schon Bier getrunken. Is mir noch a bisserl zu zeitig dafür.

      Bevor wir nach dem Frühstück den Ort Richtung Jinka auf der Straße Nr.9 verlassen, kommen wir an Schuhmachern vorbei. Die machen doch tatsächlich aus alten Autoreifen, Draht und Nägeln Sandalen. Die werden sogar überregional verkauft. Ich beschließe auf dem Rückweg später mir welche zu holen.









      Wir durchqueren zuerst eine trockene Gegend. Hier wehrt sich das meiste Grün mit Stacheln gegen Fraß. Das bekomme ich zu spüren. Bei einer Pinkelpause bleibe ich mit dem Kopf an so einem Stachel hängen und komme nicht mehr los. Ich versuche mit der Hand den Zweig wegzuziehen, aber der Stachel sitzt fest. Ich möchte ihn nicht abbrechen und rufe laut „Ich hänge fest.“ Sizaid kommt und sieht das Maleur. Zusammen mit Muller befreien sie mich vom Stachelstrauch.

      Später kommen wir durch eine flache und feuchte Ebene. Hier ist es grün und auf den Feldern wird Baumwolle u.a. angebaut. Danach wird die Gegend wieder trockener. Gegen Mittag erreichen wir Key Afer. Muller hat die Reise so geplant, dass wir genau am Markttag in Key Afer ankommen. Hier werden lokale landwirtschaftliche Produkte, z.B. Honig und Gewürze aber auch Textilien, Kunstgewerbe und auf einem extra Markt auch Vieh verkauft.

      Es darf fotografiert werden. In die Menge allgemein ohne Einschränkungen. Will man Menschen dagegen direkt ablichten, muss man vorher fragen und den Preis aushandeln. Meistens sollten 10 Birr reichen. Da Muller nur zu gerne feilscht, komme ich meist gar nicht dazu selbst zu handeln. Dafür bekomme ich dann aber auch den Bestpreis.













      Bei einem Verkäufer entscheide ich mich für zwei kleine Holzfiguren, Hamer darstellend, mit Ziegenleder als Kleidung. Nicht weil ich die unbedingt brauche, sondern weil ich handeln will. Der Verkäufer möchte 600 Birr für jede Figur. 1200 Birr ≈ 40 Euro. Ich biete ihm 200 Birr für beide. Und los geht´s. Bis 800 Birr für beide lässt er sich ohne Probleme runterhandeln. Ich bot ihm 350 Birr für beide. Dann stockt die Preisfindung. Also ziehe ich aus taktischen Gründen erst einmal ab. Muller sagt, der kommt schon. Und er hatte recht. Der Verkäufer kam hinterher. Er wollte mit mir ja ein Geschäft machen, wo ich schon mal Interesse gezeigt hatte. Die nächste Verhandlungsrunde führte uns weiter zusammen. Er sagte 600 Birr, ich bot 400 Birr. Wir gingen wieder ein Stück, den Verkäufer im Schlepptau. Die nächste Runde endete bei 460 Birr meinerseits und 500 Birr von ihm. Jetzt mischte sich Muller ein. Gib ihm die 500. Das schien also der angemessene Preis zu sein. Ok, also bekam er die 500 Birr und ich die beiden Holzfiguren.

      Beim Viehmarkt angekommen, den wir dabei ansteuerten, stellten wir fest, alles schon zu Ende. So gingen wir zurück Richtung Sizaid und Jeep, um anschließend ein nettes Gartenlokal anzusteuern für unser Missa. Hier waren noch andere Touristen. Am Nebentisch saßen auch welche. Einer der Markthändler versuchte es bei ihnen. Da von den Touris offenbar kein entschiedenes Nein kam, war der Tisch bald von einer ganzen Traube Verkäufer belagert. Ich musste grinsen. Man muss eben auch Nein sagen können oder einen auf Igno machen.

      Nach dem Mittagessen sattelten wir zu Weiterfahrt nach Jinka, welches wir gegen 11.00 Uhr Lokalzeit erreichten. Die ganze Strecke heute in einem miserablen Zustand. Ich checkte ins Jinka-Resort ein, einer augenscheinlich bereits älteren Anlage. Wir einigten uns auf 13.00 Uhr für das Abendessen. Zeit zum Frischmachen und Rasieren. Mein Telefon klingelte. Muller war dran und sagte, er wolle jetzt schon bestellen und wollte wissen, was ich zum Abendessen haben möchte und sagte dann wir treffen uns um 14.00 Uhr zum Abendessen. Ich hatte keinen Hunger und wollte eine Suppe und Salat. Nach dem Gespräch bei mir ???? Eher bestellen, aber noch später zum Abendessen ???? Was, wie, ja wieso? Hääh? Aber egal, 14.00 Uhr war gesagt, bis dahin is ja noch Zeit.

      Zeit für einen Friseurbesuch. Also verließ ich die Anlage nach rechts auf der Hauptstraße und ging los. Devise, nach spätestens einem km wird schon ein Frisiersalon auftauchen. Es sollte schneller gehen. Es wurden nur etwa 500 Meter. Der Meister zelebrierte auch hier, die Frisieraufsätze wechselten in schneller Folge und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Die Lines wurden frisch nachgezogen. Der Preis 50 Birr unschlagbar. Auf dem auch hier abenteuerlichen und u.U. lebensgefährlichen Fußweg ging es den gleichen Weg zurück. Ich hatte mir vorsichtshalber meine Taschenlampe eingesteckt, brauchte sie aber nicht.

      14.00 Uhr im Restaurant. Kein Muller, kein Sizaid. Die beiden kamen 10 Minuten später mit dem Jeep. Sie hatten ihre Unterkunft woanders und holten mich zum Essen ab. Wir fuhren zu einem anderen Lokal und nahmen nicht das im Resort. Das Essen war schon bestellt. Deshalb also der Anruf und die Vorbestellung. Manche Dinge klären sich halt im Laufe der Zeit von allein auf. Allerdings war das Lokal sonst ein Reinfall. Sizaids Essen wurde vergessen und weder mein Salat noch die Suppe schmeckten. Ich stocherte etwas darin herum, ließ aber Suppe und Salat halbaufgegessen stehen. Hatte ja eh keinen Hunger. Wir zahlten und man brachte mich zum Resort zurück mit Verabschiedung, gute Nacht-Wünschen und Zeitangabe für den nächsten Morgen.

      Ich nutzte die Gelegenheit des Wifi bei der Rezeption und setzte mich mit Tablet an einem Tisch, um einige Nachrichten abzusetzen. Danach Zeit für die Nachtruhe.
    • 20. September 2019 - Jinka -> zum Volk der Hamer

      Nach dem Frühstück im Jinka Resort werde ich von Muller und Sizaid abgeholt. Mein Gepäck wird wieder in den Jeep verfrachtet. Dann geht es los. Heute wollen wir zum Volk der Mursi. Wollen heißt nicht können. Auf dem Weg dahin werden wir nach kurzer Zeit gestoppt. Die Straße zu den Mursi ist von der Polizei gesperrt. Muller geht sich umhören, was weiter vorn los ist.

      Was er in Erfahrung bringt, sind schlechte Nachrichten. Es ist zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen den kriegerischen Ari und den ebenfalls kriegerischen Mursi gekommen. Grund des Konflikts, ein Streit um Land und Vieh. Für Touristen ist es zu gefährlich, auch die lokalen Busse mit Einheimischen werden nicht durchgelassen. Die Polizei hat die Siedlungsgebiete der Stämme vorsichtshalber abgeriegelt. Der Staat will zusätzlich Militär entsenden, um für Ruhe zu sorgen.

      Wir drehen um und fahren nach Jinka zurück. Zuerst einmal zum Tanken. Sizaids Jeep fasst gute 100 Liter. Sizaid will die unerwartete gewonnene Zeit nutzen und fährt in eine Werkstatt, um die Räder überprüfen zu lassen. Schleifgeräusche sind beim Fahren zu hören. Es könnten Steinchen in den Bremsen sein. Muller und ich bleiben derweil in Jinka und Muller lässt sich die Schuhe putzen. Auch Sizaid hat Schuhe zum Putzen dagelassen.

      Ich schlendere in Jinka herum, sehe mir die Stände und Waren an. Ein älterer Herr mit Graubart und Stoffkappe auf einem der hier üblichen Motorräder hält bei mir und spricht mich an. Ohne dass ich auch nur zu Wort komme, legt er los. Mit einem strahlenden Gesicht grüßt er mich auf Englisch, sagt er sei Muslim und kein Terrorist und will wissen, woher ich komme. Ich grüße auf Amharisch zurück, was ihn fast in Entzücken versetzt. Dann erzähle ich ihm, dass ich Deutscher bin. Nach noch ein bisschen Smalltalk auf Englisch reicht er mir die Hand. Dann zieht er mich zu sich heran und umarmt mich noch. So unverhofft, dass ich fast das Gleichgewicht verliere und beinahe über sein Motorrad kippe. Ich bin baff und er fährt mit glücklichem Gesichtsausdruck los.

      Ich schlendere zu Muller zurück und setze mich auf eine Bank, die eigentlich den Schuhputzern gehört. In meinem Streetback habe ich immer mein Tablet, das Wörterbuch und das Lehrbuch Amharic Grammar, Conversation, Words for Foreingners. Da gerade Zeit ist, blättere ich im Buch und öffne auf dem Tablet meine dort gespeicherte Vokabelliste. Vokabeln lernen. Muller schaut herüber, lässt sich das Tab geben und fragt mich Vokabeln ab. Er nennt mir eine amharische Vokabel, ich muss das deutsch Wort dafür sagen. Klappt nicht immer. Obwohl ich die Liste selber geschrieben habe, alle Vokabeln der Liste kann ich nicht auswendig. Den Streetbag habe ich auch während der Fahrt meist vor mir im Fußraum stehen. Muller und Sizaid wissen inzwischen, wenn ich während der Fahrt in die Bücher oder ins Tab schaue, brüte ich über einen Satz oder eine Frage nach, der/die in nächster Zeit kommen wird.

      Sizaid ist zurück und wir fahren zu unserem nächsten Ziel, nachdem die Mursi ausfallen. Dazu geht es Richtung Key Afer zurück. Auf dem Weg dahin sind wieder die Schleifgeräusche zu hören. In Key Afer steuert Sizaid das Gartenlokal von gestern an. Wir fahren auf den Hof ganz nach hinten. Sizaid holt den Wagenheber heraus, bockt den Wagen hoch und fängt an das linke Hinterrad abzubauen. Danach nimmt er sich die Bremstrommel vor. Zwischendurch borgt er sich immer wieder fehlendes Werkzeug zusammen. Er muss ganz schön kämpfen, bis er die Trommel auf hat und an die Bremse herankann. Muller holt uns Stühle und sagt, wo man nichts helfen kann, kann man sich auch setzen. Sizaid spült mit Wasser die ganze Bremse sauber und baut wieder alles zusammen.

      Inzwischen ist Mittag und wir essen wieder da, wo wir gestern schon gegessen haben. Doch heute sind wir die Einzigen, kein Markttag, keine Touristen, keine Kunden. Sizaid und Muller haben es nicht eilig.

      Irgendwann geht es weiter. Ein Stück hinter Key Afer biegen wir von der Asphaltpiste auf eine Sandpiste ab Richtung Süden. Richtung Demeka. Richtung Turmi. Richtung Hamer. Ich hole die Bücher hervor. Mir ist eingefallen, dass ich keine Fotos von der Autoreparatur gemacht habe. Also will ich Sizaid sagen, er muss das Rad noch einmal abbauen. Auf seine Frage, warum, die dann sicher kommen wird, wollte ich antworten, weil ich die Fotos vergessen habe. Als ich endlich soweit bin und die beiden Sätze in Amharisch fertig habe und auch stolperfrei hersagen kann, tauchen die Schleifgeräusche wieder auf. Is ja blöd jetzt. Nee, jetzt ist der Spaß nicht mehr angemessen, sondern eher unpassend. Ich lasse es lieber.

      Pinkelpause. Aus dem Busch tauchten drei junge Hamer auf mit Pfeil und Bogen. Muller und Sizaid machen Bogenschießen. Der Bogen ist eher klein und sehr einfach gebaut. Aber die Hamer können damit umgehen. Sie legten einen Stein an den Wegesrand und zielten darauf. Der Pfeil traf immer. Der Bogen ist wohl eher für die Jagd auf Kleintiere gedacht. Der jüngste der drei, ein kleiner Junge sieht zu mir herauf, zuppelt an meinem Shirt und zeigt darauf. Offenbar will er das gern haben. Er zuppelt wieder. Ich frage Muller, warum das Kind mein Shirt haben möchte. Muller klärt auf. So wie die Touristen gern die Völker des Südens in ihren traditionellen Kleidungen sehen möchten, so gern möchten diese westliche Kleidung haben. Verkehrte Welt das.



      Wir fahren wieder und durchqueren Demeka, ein reiner Straßenort. Danach kommt Turmi, ebenfalls ein Straßenort. Aber hier melden wir uns an und bekommen unseren lokalen Guide. Wir fahren in Turmi mehrmals hin und her. Wasserflaschen kaufen, Brot kaufen. Danach geht es zu einem der Dörfer der Hamer. Das erste verließen wir wieder. Zu einfach erreichbar für Touristen. Demzufolge waren schon fotografierende Touris vor Ort.

      Wir fahren nach Turmi zurück und durch Turmi durch. Das zweite Dorf liegt etliche Kilometer hinter Turmi abseits der Piste. Wir fahren ein, drehen eine Runde und fahren wieder raus. Ich frage Muller wo wir jetzt hinfahren. Muller sagt, er will noch einen besseren Ort finden. Es ist bereits kurz vor der Dämmerung. Wir fahren noch weiter von Turmi weg und biegen woanders wieder in den Busch ab. Das Dorf der Hamer taucht vor uns auf. Wir halten und steigen aus. Der Guide spricht mit den Dorfbewohnern, Kinder kommen neugierig angerannt. HIER bleiben wir. Wir lassen uns die Stelle zeigen, wo wir die Zelte aufbauen können. Wir sind mitten im Dorf innerhalb einer Umfriedung aus Holz. Sizaid schafft es, den Jeep durch eine Lücke zu quetschen und neben den Zelten zu parken.

      Inzwischen ist es fast dunkel. Zum Aufbau der Zelte benötigen wir bereits die Lampen. Es ist sehr windig und der Zeltbau schwierig. Aber dann stehen sie. Mehrere Hamer schauen uns zu und verscheuchen die Kinder, wenn die ihrer Meinung nach zu aufdringlich werden. Nun noch das Abendessen. Auspacken, waschen, schnippeln und kochen. Zwiebeln, Tomaten, Knoblauch, Karotten, Ingwer, Kartoffeln. Alles im Licht unserer Lampen. Der Jeep dient als Windschutz für den Gaskocher und den Arbeitsplatz. Alles zusammen dauert zwei Stunden, dann gibt es Abendessen. Gemüse mit Brot. Wie immer es schmeckt gut. Hamermädchen singen im Dunkeln nicht weit weg von uns. Zu sehen sind sie nicht, aber sie singen schön. Bestimmt 30 Minuten. Ich bin emotional sehr berührt. Dann verstummt der Gesang. Die Hamer gehen zur Nachtruhe. Hier bei den südlichen Völkern geht man zeitig schlafen und steht zeitig wieder auf. Als wir noch mit dem Abwasch beschäftigt sind, schlafen die Hamer neben uns schon auf ihren Matten unter ihren Decken. Sie sind komplett unter ihren Decken verschwunden. Als wir fertig sind, verschwinden wir auch in die Zelte. Ich freue mich schon auf morgen. Eine gute Nacht.
    • 21. September 2019 - bei den Hamer

      Wind- und Flattergeräusche machen mich wach. Es ist bereits hell, die Sonne geht gerade auf. Das Überdach bei Mullers Zelt hat sich losgerissen und eine der Fiberglasstangen seines Zeltes ist aus der Verankerung. Muller schläft unter einem halb eingefallenen Zelt. Ich richte alles wieder her und erledige meine Morgenwäsche incl. Zähneputzen. Die Hamer sind auch schon wach, die ersten verlassen das Dorf.

      Die Hamer sind bekannt für ihre großen Ziegenherden, sie haben aber auch Rinder. Das Volk der Hamer ist eines, die den Bullensprung in ihrer Kultur verankert haben. Eine Zeremonie, die den Übergang junger Männer zum Erwachsenen zelebriert. Ein sehr komplexes und langwieriges Ritual, bei dem der eigentliche Bullensprung der Höhepunkt ist. Die Feier des Bullensprunges dauert bis zu drei Tage. Am letzten Tag betrinken sich die Frauen und lassen sich auspeitschen. Ein Ritual, das ihren Wert bei einer Hochzeit hervorhebt. Beim eigentlichen Bullensprung werden die Bullen zusammengetrieben und nebeneinandergestellt. Das Ziel des jungen Mannes ist es, auf die Tiere zu springen und über alle Rinder hinwegzulaufen. Dieses muss mehrmals erfolgen. Schaffen sie den Bullensprung, sind sie als Erwachsene im Kreise der Männer aufgenommen und können sich eine Frau suchen. Bei Misserfolg dürfen sie es beim nächsten Bullensprung erneut versuchen.

      Einer der Hamer von gestern Abend, ein junger Mann von etwa 16 bis 18 Jahren erscheint bei unseren Zelten. Sizaid und Muller schlafen wohl noch. Wir begrüßen uns mit einem „Hajon“. Die Hamer haben eine eigene Sprache, das „Hamer-Banna“. Nur wenige Hamer können Englisch. Selbst Amharisch beherrschen nicht alle. Dafür hat man ja dann auch den lokalen Guide. Der schläft aber auch noch unter seiner Decke neben unseren Zelten.

      Ich möchte mir das Dorf ansehen, Kontakt mit den Dorfbewohnern aufnehmen und gern in eine der Hütten und gehe los. Der Hamer folgt mir. Ich deute auf eine Rundhütte und gebe ihm zu verstehen, dass ich da gerne hinein wolle und ob es erlaubt sei. Der Hamer geht mit mir zu der Hütte, steckt den Kopf durch die Tür, spricht mit den Leuten drinnen und ich darf hinein. Auch hier grüße ich mit Hajon. Auch der junge Hamer kommt mit hinein. Man bietet mir Platz an, aufrecht stehen kann man in der Hütte nicht. Ich jedenfalls nicht, dazu bin ich zu groß. In der Hütte leben mehrere Kinder, die Hamerfrau an der Feuerstelle macht gerade Kaffee, der Hausherr, eine weitere Frau und ein älterer Herr, vermutlich ein Großvater der Kinder sitzen auf Ziegenleder. Ich nehme ihnen gegenüber Platz und bekomme gleich darauf eine Kalebasse mit Kaffee gereicht. Als ich probieren möchte, werde ich gewarnt. Ich solle die Kalebasse schwenken, zeigt man mir vor. Ich frage in die Runde „tikus?“ Das wird verstanden und bestätigt. Der Kaffee schmeckt anders als gewohnt. Ohne Zucker und er ist nicht so stark, wie äthiopischer Kaffee sonst. Auf dem Boden fällt mir ein ca. 15 cm großer Ring aus ausgehärtetem Lehm auf, der ein Teil des Fußbodens ist. Ich zeige darauf und frage „mindin new?“ Der Kreis ist zum Abstellen einer Kalebasse gedacht. Die Dinger sind hier Halbschalen und unten rund und stehen deshalb nicht, man muss sie halten, damit sie nicht umkippen.



      Aus der Hosentasche hole ich mein Handy und mache ein Foto von meiner Kalebasse mit Kaffee. Der junge Hamer schaut interessiert, die Kinder sind neugierig und setzen sich neben mich. Ich zeige ihnen das entstandene Bild. Der junge Hamer-Mann sieht auch gebannt auf das Gerät. Ich stelle wieder auf Foto zurück, zeige ihm, was er machen muss und gebe ihm das Handy. Er knipst einige Bilder und wir sehen uns das Ergebnis an. Das meiste ist verwackelt. Also gestikuliere ich ihm, dass er die Hand ruhig halten muss, wenn er auf den Auslöser tippt. Er versucht es erneut. Diesmal werden die Bilder etwas besser. Eines ist sogar richtig gut geworden. Da hat er mich fotografiert. Die hier folgenden Bilder hat der junge Hamer gemacht.







      Der ältere Herr spricht mich an und zeigt mir seine kleine Taschenlampe. Er nimmt die Batterie heraus und sagt etwas zu mir. Ich verstehe es zwar verbal nicht, aber den Sinn schon. Er braucht eine neue Batterie. Ich antworte auf Amharisch, das ich keine habe (jedenfalls keine die passt – er braucht eine R6 Typ A, ich habe nur den Typ AAA im Gepäck). Aber ich sage ihm auch, dass wir heute auf den Markt fahren und ich ihm eine Batterie kaufen werde. Einer aus der Hütte übersetzt das für den Großvater. Mein Kaffee ist alle und ich bekomme neu eingeschenkt. Nachdem ich die Kalebasse wieder ausgetrunken habe, verabschiede ich mich höflich, danke für die Gastfreundschaft und verlasse mit dem jungen Hamer die Behausung.

      An unserem Lagerplatz sind schon alle beschäftigt. Die Zelte bis auf meins werden zusammengepackt. Ich frage Muller wieso, weil wir doch zwei Nächte bei den Hamer bleiben wollten. Er antwortet, es sei zu windig hier und hat Sorge, die Zelte halten das nicht durch und er will deshalb in ein anderes Dorf. Ich denke sofort an mein Versprechen, die Batterie zu besorgen. Das passt jetzt gar nicht. Aber ich packe meine Sachen, räume das Zelt frei, so das wir es zusammenpacken können. Vor der Abfahrt kommt eine junge Hamerfrau zu mir und zuppelt an meinem Shirt. Sie zeigt ins Auto auf meinem Buff, der auf dem Armaturenbrett liegt. Ich zeige ihr den Buff und frage, ob sie das will. Als sie sieht, das ist kein Shirt zeigt sie auf zwei andere Textilien von mir, die auch auf dem Armaturenbrett liegen. Wechselwäsche für später, wenn es heißer wird. Ich beschließe ihr eines davon zu geben, aber erst wenn wir losfahren und sage zu ihr በኋላ - be-hwa-la. Später. Sie versteht es nicht. Also wiederhole ich es und zeige auf meine Uhr.

      Nach etwa 15 Minuten sind wir abfahrbereit. Ich schaue, wo die Hamerfrau ist, nehme eines der Shirts vom Armaturenbrett, gehe zu ihr und drücke es ihr in die Hand. Dann verabschieden wir uns von den Dorfbewohnern und fahren los. Zurück in Richtung Turmi. Unterwegs halten wir in einem ausgetrockneten Flusstal und machen im Schatten erst einmal Frühstück. Gemüse mit Eiern, Brot und Kaffee. Eine Kindergruppe schaut uns die ganze Zeit zu und einige erwachsene Hamer kommen ebenfalls näher und sehen unserem Treiben zu. Einer von ihnen hat kleine essbare Früchte und gibt uns davon eine Handvoll. Wir essen unser Frühstück und trinken Kaffee. Auch die beiden Hamer, die noch da sind bekommen einen Buna von uns.



      Danach Abwasch, einpacken und weiter geht es. Wieder durch Turmi, dann weiter nach Demeka zum heute dort stattfindenden wöchentlichen Markttag. Auch hier gilt wieder, fragen und handeln bevor man jemanden direkt ablichtet. An den verkauften Waren habe ich nur an einer Sache Interesse. Batterien. An mein Wort fühle ich mich gebunden auch wenn ich den älteren Herren nicht wiedersehen werde. Das Warenangebot ist ähnlich dem in Key Afer. Bei einem Verkäufer hole ich mir ein Dreierpack R6 Batterien. Ich sage Muller wofür und für wen die sind. Muller spricht mit dem Guide. Dann gebe ich dem Guide die Packung. Er wird sie aushändigen erklärt mir Muller. Nach einer kompletten Marktrunde und einigen Fotos geht es mit dem Jeep zurück nach Turmi. Dort essen wir in einem Lokal, das nach Mullers Auskunft einem Deutschen gehört Tibs aus Ziegenfleisch auf Injera. Der Besitzer ist aber nicht vor Ort. Buna gibt es keinen. Kein Kaffee zubereitet. Schade.









    • 21. September 2019 - bei den Hamer

      Wir kurven wieder durch Turmi ein paar Besorgungen machen, Wasserkanister auffüllen, Brot kaufen und noch einige Kleinigkeiten. Am späten Nachmittag steuern wir das nächste Hamerdorf an. Auf dem Hof einer Familie sind wir willkommen. Hier leben der Hausherr mit seiner Frau, einem schon großen Sohn und einer ganzen Reihe kleinerer Kinder und einer halbwüchsigen Tochter. Von den kleinen Kindern gehören aber einige nicht zur Familie. Die Kinder jedenfalls sind von mir offenbar begeistert. Die kleben an mir wie Kletten. Insbesondere meine Armbanduhr hat es ihnen angetan. Der sich bewegende Sekundenzeiger hat eine magische Anziehungskraft.



      Muller spricht mit dem Hausherren Namens Gnyala und mit dessen Sohn. Beide sind sehr aufgeschlossen und mit einfachen Handys ausgestattet. Das ist mir überall aufgefallen. Auch wenn die Völker in den abgelegensten Ecken siedeln, keinen Strom und kein fließend sauberes Trinkwasser haben, Handys bzw. Smartphones gibt inzwischen auch hier. Aufgeladen werden die über ein kleines Solarpaneel, welches auf dem Hüttendach angebracht ist.

      Die Ehefrau fegt den Hof mit Reisig sauber. Wir können unsere Zelte aufbauen. Muller fragt mich, ob ich in der Rundhütte schlafen möchte. Natürlich möchte ich. Unbedingt. Die Familie hat eine leerstehende Rundhütte, in der auf einem Zwischenboden nur einige Gegenstände gelagert werden. Sonst ist der Fußboden frei. Muller empfiehlt aber nachdrücklich, mein Zelt dennoch IN der Hütte aufzubauen. Erst will ich ja nicht so richtig. Nach einiger Überzeugungsarbeit lasse ich mich aber breitschlagen. Muller hat Sorge wegen Skorpionen und Schlangen.







      Während mich die Kinder draußen auf Trab halten, bauen Sizaid und Muller in der Rundhütte mein Zelt auf. Dann darf ich einziehen. Ich helfe draußen beim Aufbau der anderen beiden Zelte. Muller wartet mit einer Überraschung auf. Es soll heute Abend Fleisch gegen. Ziegenfleisch. Die dafür notwendige Ziege will er von Gnyalas Herde kaufen. Es soll eine kleine sein. So ziehen wir erneut los zum „Wolle Ziege kaufen.“ Unser Abendessen sucht sich Muller aus der Herde. Ich darf die Endentscheidung treffen aus drei in Frage kommenden Exemplaren.

      Mit dem Zicklein meiner Wahl gehen wir zurück zum Hof der Gnyalas. Beim Ziegeschlachten sind dann alle außer die Frauen anwesend. Auch die Kinder und mögen sie noch so klein sein. Selbst 5jährige wissen schon wie man am Tier nach der Schlachtung wo anfassen und wie man halten muss, um das Fell abzuziehen und den Körper zu zerteilen. Zum Jahreswechsel hatte Muller Helfer für die Schlachtung und Zerteilung. Heute muss er selbst ran. Ich fungiere als Vize. Da das Zicklein nicht allzu groß war geht es ziemlich schnell. Nach 45 Minuten ist alles zerteilt und es gibt als erstes rohe Ziegenleber. Ohne jegliches Gewürz. Und was soll ich sagen. Das hat geschmeckt. Aus dem Fleisch werden vier Assietten-Schalen gefüllt. Eine gibt es für das Tibs zum Abendessen. Die anderen drei werden sorgfältig verschlossen und ins Auto gebracht.



      Aus unserem Gemüse und dem Tibs ist wieder mal etwa Wohlschmeckendes entstanden. Dazu Fladenbrot und diesmal sehr starken Ingwertee. Muller, Dein Essen werde ich vermissen. Die Familie Gnyala bekommt auch was ab, die Hofhunde bekommen die Knochen, die Hühner und Ziegen bekommen die Gemüseabfälle. Von den Tomaten und Zwiebeln müssen wir einiges aussortieren, da es in den Tagen etwas gelitten hat. Von den Gnyalas kommt eine Schale Cheka, die dann die Runde dreht. Eine Kalebasse mit Milch haben sie auch gesponsert. Die gibt es abgekocht am späten Abend. Dann wünschen wir uns eine gute Nacht und alle verschwinden in ihre Schlafgmächer.


    • Nun, so langsam kann ich mich eigentlich nur noch wiederholen: Sensationell!

      Ich müsste mich sicher an vieles mehr gewöhnen. Und auch wenn ich Muller total toll finde und ihm zu 100% vertraue und es auch mit der Tour zum Erta Ale total toll fand: Das wäre schon sehr, sehr "raus aus der Komfort-Zone" gewesen für mich. Aber ich finde es absolut toll, welches Gottvertrauen und welche Selbstverständlichkeit du in dir trägst.

      Nun, an das Ziegenschlachten könnte ich mich wohl nur schwer gewöhnen. Aber das ist im Grunde unehrlich. Fleisch essen wollen, sich aber nicht klar machen, woher es kommt, das ist nicht richtig. Die Alternative wäre dann ein vegetarisches Leben.
    • 22. September 2019 - Ausflug zum Volk der Karo

      Um 22.00 Uhr Lokalzeit ist die Nacht zu Ende. Ein offenbar falsch eingestellter Hahn macht ständig Lärm. Bis 0.00 Uhr versuche ich es mit Weiterschlafen. Aber das Mistvieh gibt keine Ruhe. Ich sollte Muller Hühnertopf für die nächste Mahlzeit empfehlen. Also erledige ich die Morgenwäsche. Da ich schon so zeitig wach bin und die Familie auch schon auf ist, werde ich auf einen ersten Buna ins Haus gebeten.





      Nachdem Muller und Sizaid auch wach sind, fangen wir mit dem Frühstück an. Wie jeden Morgen gibt es Gemüse und Eier mit Brot und Buna. Nach dem Abwasch, einpacken und abbauen. Dann verabschieden wir uns von unserer Gastfamilie. Heute fahren wir zu den Karo, einer Volksgruppe, die für ihre Köperbemalung bekannt ist. Es gibt nur noch rund 1500 Karo, die sich auf drei Dörfer verteilen. Dazu geht es zuerst wieder nach Turmi und von da Richtung Westen. Hier wird eine neue Straße gebaut die, so bringe ich in Erfahrung einmal bis Jinka führen soll. Eine gute Strecke fahren wir neben oder auf der Baustelle. Später geht es auf Sandwegen weiter. Die Gegend sieht ziemlich trocken aus. Termitensäulen stehen überall herum. Unterwegs werden wir von zwei bewaffneten Hirten gestoppt. Sie bitten um Wasser. Muller gibt ihnen eine Wasserflasche.

      Dann erreichen wir die Siedlung. Leider sind dort für meinen Geschmack zu viele Touristen. Etliche Jeeps stehen im Ort. Obwohl Muller sagt, heute sind es eher wenige. Der Ort selbst liegt auf einem Plateau hoch über dem Omo River mit einer herrlichen Aussicht darauf. Die Karo hier haben sich voll auf die Touristen eingestellt. Sie posieren für sie und scherzen mit ihnen. Besonders im Schatten von Bäumen, die direkt am Hang zum Omo stehen, ist eine ganze Traube von Touris und Karo. Gelächter schallt herüber. Das ist nichts für mich. Zu viel Folkloretheater. So sehe ich mir erst einmal das Dorf an. Weiter weg vom Aussichtspunkt sind kaum noch Touristen. Um dennoch etwas Kontakt zur Bevölkerung aufnehmen zu können, frage ich Muller, ob es hier Cheka gibt. Gibt es. Wir finden eine Männergruppe neben einem Ziegenverschlag, wo gerade die Kalebasse die Runde macht. Ich grüße auf Amharisch und man bittet mich zu setzen. Ich bekomme sogar einen dieser Hirtensitze angeboten.













      Ein Ferengi, der mit ihnen Cheka trinken möchte und etwas Amharisch kann. Da habe ich bei ihnen gewonnen. Jetzt habe ich ihr Interesse geweckt und ihre Aufmerksamkeit. Wir unterhalten uns etwa 10 Minuten. Einer kann Englisch. Fotografieren tue ich nicht, das empfinde ich gerade als unpassend. Dafür knipst Muller aus Entfernung. So hat sich der Besuch also doch noch zu etwas Interessantem entwickelt. Beim Abschied bedanken sie sich sogar bei mir, wünschen mir Gesundheit und ein langes Leben, obwohl ich zu danken hätte.



      Wir gehen zum Jeep zurück und suchen Sizaid. Der sitzt in der Bunabar. Ich schnackele auch noch einen Buna und dann fahren wir wieder los. Zurück in Turmi fragt Muller, ob ich wie geplant heute Nacht in einer Lodge schlafen möchte oder noch einmal ins Dorf. Was ne Frage. Dooorrrrf natürlich. Vorher aber gönnen wir uns in Turmi auf einer Art Zeltplatz eine Dusche. Mango heißt dieser Platz. Mangobäume hat man dort gepflanzt. Die Duschen haben nur „kaltes“ Wasser, aber da die Leitung oder das Reservoire anscheinend in der Sonne stehen, ist das Wasser ziemlich warm.

      Wir füllen unsere Wasservorräte auf und fahren wieder zu den Gnyalas. Dort bauen wir wieder alles auf. Mein Zelt wieder im Rundbau und dann geht es ans Abendessen. Wir haben ja noch drei Assietten Ziegenfleisch. Die haben zwar fast 24 Stunden ungekühlt im Auto vor sich hingegart, aber Muller holt die wie selbstverständlich fürs Abendessen hervor.

      Und wieder mal Gemüse waschen, putzen, schneiden. Die Ziegenkeulen reibt Muller mit Salz ab, das geschnittene Fleisch legt er in Salzlauge. Ich bin zwar etwas skeptisch, vertraue aber darauf, dass Muller weiß, was er da tut. Nach 30 Minuten wird das Fleisch gewaschen und gut abgespült. Dann wandert das Geschnittene in die Pfanne. Die Keulen geben wir dem jungen Gnyala. Der nimmt sie mit in die Hütte und lässt sie dort für uns über dem offenen Feuer rösten. Für unsere Pfanne sind die zu groß. Muller hat das Ziegenfleisch nur gesalzen, keine weiteren Gewürze. Die Keulen kamen am Spieß nach kurzer Zeit wieder bei uns an. Ich durfte kosten, ob sie durch sind. Sie waren. Und sie waren absolut lecker. Mit dem kleinen Küchenmesser schnitten wir uns Teile davon, die dann direkt in den Mund wanderten. Nach den Keulen gab es noch gebratenes Ziegenfleisch mit Gemüse und Brot. Bis ich so voll war, dass nichts mehr reinpasste. Dazu starker Ingwertee mit braunem Zucker. Dann war es nach dem Abwasch schon wieder Zeit für die Nachtruhe.
    • 23. September 2019 - von den Hamer zu den Dassanetch

      Pünktlich 22.00 Uhr Lokalzeit, der አውራ ዶሮ - aura doro meldet sich das erste Mal. Hätten wir mal doch Hühnertopf gemacht. Trotz meiner Orstöpsel, der Bursche krakeelt so laut, da helfen die auch nicht. Die Hühner des Hofes haben über Nacht ihren Stall in dem Korb, der im letzten Beitrag im ersten Bild zu sehen ist.

      Na ja, wenn ich schon mal wach bin. Gegen wir doch auf die Buschtoilette. Die Ziege vom Vortag habe ich gut vertragen. Ich wähle die afrikanische Variante. Statt Papier nehme ich eine Wasserflasche mit. Dann marschiere ich mit Stirnlampe in die Dunkelheit. Immer schön die Augen auf dem Boden durch locker stehendes Gebüsch. Wir wollen ja keine Kriechtiere übersehen. Als ich ca. 100 Meter hinter der letzten Hütte bin, suche ich mir eine akzeptable Stelle, erledige was zu erledigen ist und mache mich auf den Rückweg. Zu sehen ist vom Dorf nichts und die Umgebung sieht nach allen Seiten völlig gleich aus. Aber da der አውራ ዶሮ ja sich und seine Aufgabe sehr wichtig nimmt, stellt das Wiederfinden des Dorfes keine Schwierigkeit dar.

      Die restliche Zeit bis zum Erwachen der anderen verbringe ich mit etwas Lernen, Morgenwäsche und Zähneputzen. Dann bereiten wir das Frühstück zu, speisen und räumen zusammen. Bei unserer Gastfamilie bedanke ich mit noch einmal extra für ihre Gastfreundlichkeit und sage, dass ich mich hier sehr willkommen und wohl gefühlt habe. Muller übersetzt. Wir werden freundlichst verabschiedet und düsen gegen 4.00 Uhr los. Zuerst wieder nach Turmi, Wasserkanister nachfüllen und frisches Fladenbrot kaufen. Am Brunnen Kinder. Wir lassen sie pumpen. Die haben sichtlich Spaß dabei. Dann verlassen wir Turmi in die einzige Richtung, die wir bisher noch nicht genutzt hatten. Die Richtung Süden. Es dauert nicht lange und wir haben wieder Asphalt unter den Rädern.





      Mit einem kurzen Zwischenstopp geht es nach Omorate. Dort müssen wir uns bei der Regionalverwaltung anmelden. Mein eVisa wird benötigt. Das liegt jetzt in meiner großen Reisetasche ganz unten. Und die ist im Laderaum des Jeeps natürlich an der unzugänglichsten Stelle, weil ich für die Campingtage umgepackt habe und nur mit den drei Rucksäcken hantiere, damit ich die schwere Tasche nicht auch noch im Zelt stehen habe. Soll heißen, eigentlich ALLES liegt davor, darauf oder im Wege. Muller fragt, ob ich das Visa auch elektronisch habe, das würde reichen. ICH HABE! Noch zu Hause habe ich gut vorbereitet. Extra Passbilder, Passkopien, Visakopien, Visaquittung, eTicket der Airline in Papierform. Alles noch einmal elektronisch plus eingescannten Impfausweis auf dem Tablet und Online, auf einer nur mir bekannten extra eingerichteten Webseite, weltweit von jedem Rechner oder Smartphon mit Internetverbindung abrufbar.

      Mit meinem Tablet marschiere ich in die Amtsstube und zeige dem Officer das eVisa. Das war´s auch schon. Er notieret sich die Visanummer und ich bin entlastet. Draußen steht ein großes Fahrzeug mit deutschem Kennzeichen, welches mir schon vorhin aufgefallen war und mir ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte. Der Besitzer bzw. Fahrer wurde von den Behörden eingebuchtet und das Fahrzeug beschlagnahmt, weil der sich bereits zwei Jahre lang illegal im Land aufgehalten hat, bevor man ihn erwischte.



      Wir verlassen den Hof der Staatsbehörde und fahren in den Ort Omorate zum Mittagessen in ein großräumiges Gartenlokal. Unsere Bedienung, ein junger Mann um die 30 ist etwas verwirrt. Er erzählt etwas von einem Wifi-Passwort, obwohl es hier gar kein Wifi gibt und erklärt Sachen auf der Speisekarte für nicht bestellbar, obwohl das gar nicht stimmt. Eine andere Bedienung klärt uns auf. „Der hat heute noch kein Khat gehabt.“

      Bei uns gibt es zur Abwechslung mal wieder Injera. Mit diversem Gemüse diesmal. Da die Portion für uns drei zu klein ist, bestellen wir das Gleiche noch einmal. Ich lasse mir die kühlen Bierchen schmeckten. Muller und Sizaid bleiben bei Wasser. Danach Buna. Eigentlich sind wir fertig, aber Muller hat es überhaupt nicht eilig. Es ist zu heiß im Dorf jetzt, wir können noch etwas warten, meint er. Na dann, halt noch einen Buna. Der Verwirrte setzt sich zu uns an den Tisch mit einer Tüte in der Hand. Er hat jetzt seine Khatration und kaut drauflos.

      Wir brechen etwas später auf, um unseren lokalen Guide abzuholen. Stefano heißt er. Zusammen mit ihm geht es zum Gartenlokal zurück und dort zum Ufer des Omo, der hier direkt vorbeifließt. Wir besteigen einen Einbaum, der uns zur anderen Seite bringt. Sizaid nimmt mit seinem Jeep die Brücke und sammelt uns an der Straße wieder ein.
    • 23. September 2019 - von den Hamer zu den Dassanetch

      Letzte Tagesetappe und noch einige Kilometer Asphalt, dann geht es auf Sandwegen und Offroad zu den Dassanetch. Das sind Nomaden mit Rinderherden und kleineren Ziegenherden. Etwas Landwirtschaft betreiben sie auch. Das Volk der Dassanetch umfasst 8 Stammesgruppen mit zusammen etwa 30.000 Seelen. Sie haben eine eigene Sprache, das Dassanach. Traditionell werden bei ihnen so wie bei den Karo die beiden unteren Schneidezähne entfernt. Das dient in erster Linie dazu erklärt man uns, bei schwerer Krankheit per Strohhalm eine Nahrungszufuhr zu ermöglichen, falls der Erkrankte nicht mehr selbst essen kann. Auch die Dassanetch leben in Clanstruktur und auch sie praktizieren den Bullensprung.

      Wir fahren in die Siedlung ein, werden begrüßt und der lokale Guide klärt mit den Dorfchefs unseren Platz für die Zelte ab. Nackte Kinder kommen neugierig angerannt. Dann dürften wir aufbauen. Zuerst allerdings werden wir im Dorf herumgeführt. Die Kinder begleiten uns und ich bin als Exot der Star bei ihnen. Bald habe ich an jeder Hand eines. Und auch hier ist meine Armbanduhr ein interessantes Objekt.

      Morgen ist eine der Bullensprungfestlichkeiten. Aber schon heute laufen die ersten Feierlichkeiten an. Männliche Dassanetch tanzen in Reihe durch die Siedlung, jeder fünfte mit Kalaschnikow oder Gewehr in der Hand mit angewinkeltem Arm und Mündung nach oben. Morgen werden aus allen 8 Stammesgruppen Dassanetch zu den Feierlichkeiten erwartet. Etliche Dassanetch haben für das Fest Ochsen, Rinder oder Ziegen gesponsert. Die werden am nächsten Tag geschlachtet. Der größte Ochse wird von seinem Spender stolz in einem Gatter zu Schau gestellt. An anderer Stelle singen und tanzen die Frauen.













      Die Siedlung liegt direkt am Omo und wir gehen durch ein kleines Wäldchen zum Fluss. Vor uns ein Abhang. Weiter rechts geht es sanft und flach bis zum Wasser. Einige Dassanetch stehen am Ufer oder im Wasser und sind mit Waschen beschäftigt.

      Leider sind wir einen Tag zu zeitig. Der Bullensprung ist erst morgen. Echt schade, aber morgen müssen wir wieder los. Wir sind nun an der entlegensten Stelle unserer ganzen Reise. Nur etwa 30 Fahrminuten vom Südsudan und von Kenia entfernt.

      Zurück bei den Zelten, die Kinderhorde immer noch im Schlepptau, beginnen wir mit dem Zeltbau. Bald fange ich an zu schwitzen. Das Shirt kommt erst einmal weg. Dafür Autan drauf. Erwachsene Dorfbewohner vertreiben schließlich die Horde. Jetzt beobachten uns die Kids nur noch aus sicherem Abstand. Als die Zelte stehen, ist es fast dunkel. Abendessen wird wieder beim Licht der Lampen bereitet. Ich stehe ungeduldig mit der Lampe in der Hand für Licht sorgend und trample von einem Fuß auf den anderen. Der Gesang hat auf mich die gleiche magische Anziehungskraft, wie meine Uhr es bei den Kiddis hatte. Ich will jetzt nicht hier für Licht sorgen. Ich will dahin, wo getanzt, gesungen und gefeiert wird. In einem passenden Augenblick seile ich mich ab und sage zu Muller und Sizaid, ich gehe mal sehen, wo da gesungen wird. Und weg bin ich.

      Bei absoluter Finsternis gehe ich in Richtung singender Frauenstimmen. Meine Taschenlampe sorgt dafür, dass ich nicht auf auf dem Boden sitzende oer liegende und in Decken eingehüllte Dörfler trete oder in die Hütten falle. Schließlich erreiche ich die Sängerinnen, die nicht nur singen, sondern auch tanzen. Hier sind auch wieder ganze Scharen von Kindern, die munter mithüpfen. Es dauert keine zwei Minuten, da wird der Ferengi erkannt. Die Frauen schnappen mich und schieben mich in ihre Mitte. Ich darf und soll mittanzen. Es gelingt mir eher schlecht als recht. Gerade heute ist leider bei mir bewegungsmäßig einer der schlechteren Tage. Mit dem Rhythmus komme ich überhaupt nicht klar und in der Dunkelheit habe ich akute Gleichgewichtsprobleme. Die Frauen ziehen mit mir singend und tanzend durch das Dorf, ich torkele mittendrin so mit. Immer wieder spüre ich Hände auf meinem Rücken, an den Schultern, Armen, auf der Brust und auf dem Bauch. Oft auch gleich mehrere gleichzeitig. Als wollen sich alle überzeugen, dass ich echt bin. Ziel der Frauen sind die feiernden Männer. Eigentlich bin ich in der falschen Gruppe. Also bringen sie mich zu den tanzenden Männern. Dort werde ich in Empfang genommen. Hier geht es noch wilder zu. Die Tänzer bilden einen großen Ring und tanzen immer um das Innere des Ringes herum. Drinnen ist Platz für diejenigen, die aus dem Ring ausscheren und ihre ganz persönliche Performance darbieten. Die besteht hauptsächlich aus etlichen Sprüngen hintereinander, federnd mit geschlossenen Beinen und bestimmt 50cm Höhe. Den Takt geben Schläge auf Schellen o.ä. vor. Eine außergewöhnliche und beeindruckende Atmosphäre. Die Luft ist voller Staub, der im Video gut zu sehen ist. So viel Staub habe ich schon lange nicht mehr geschluckt. Man animiert mich auch hier zum Mittanzen. Ich tue es, so gut ich kann. So ein Rotz aber auch. Ich bin in der Stimmung die ganze Nacht durchzutanzen, aber es geht einfach nicht.



      Der Guide taucht auf. Offenbar will er sehen, wo ich bin. Auch er versucht mich zum Tanzen zu bewegen. Es dauert eine ganze Weile, bis ich ihm verständlich machen konnte, warum ich nicht kann. Als er es verstanden hat, vermittelt er es auch den Tänzern, die immer noch versuchen, mich in ihren Tanz einzubinden. Also schaue ich zu und mache ein paar Videoaufnahmen, nachdem auch der Guide mit Videoaufnahmen begonnen hat. Als es auch mit Stehen nicht mehr geht, darf ich auf Decken Platz nehmen. Ich bin jetzt bestimmt schon eine Stunde weg und lasse diese besondere und intensive Stimmung auf mich wirken, da taucht Muller auf. Wir sehen nun beide dem Treiben zu. Dann sagt Muller, das Abendessen ist fertig. Ob wir zurückwollen. Wäre ich heute besser drauf, hätten mich keine Elefanten von hier wegbekommen, Abendessen oder Abreise morgen hin und her. So gehe ich mit Muller und dem Guide zurück zu den Zelten, mit Eindrücken im Herzen, die ich nie mehr vergessen werde.



      Dort muss ich erst einmal Grobwäsche machen, bevor ich essen kann. So staubig wie es war, so sehe ich auch aus. Mitten beim Essen springt der Guide plötzlich auf, macht einen großen Satz vorwärts und fängt an, mit seiner Pantolette auf den Boden zu schlagen. Er hat einen Spider entdeckt und erledigt, dann hält er ihn in die Höhe und sagt Nasraspider. Eine Giftspinne. Das Ding hatte einen Durchmesser von wenigstens 5cm. Soweit ich erkennen konnte, haarlos und von bleichlicher Farbe. Leider nicht daran gedacht zu fotografieren. Auf meine Frage, welche Auswirkungen ein Biss hätte, äußert der Guide, ein Skorpion wäre besser. Ein Biss des Nasra führt zu Lähmungen, die Tage andauern, bei Manchen für immer. Wir haben ein paar Tage später im Netz gesucht und nach meiner Meinung (wenn ich vom Aussehen der Spinne und den Auswirkungen, die der Guide erwähnte, ausgehe) müsste es eine Violinspinne gewesen sein, eine der giftigsten Spinnen Afrikas. Allerdings sind die meisten giftigen Spinnen, Skorpione und Schlangen nicht von sich aus aggressiv und ziehen lieber die Flucht vor. Sie beißen nur, wenn sie sich bedroht fühlen. Auch ein Nasra wird nicht beißen, nur weil er einem das Bein hochklettert. Wohl aber, wenn er gedrückt oder mit der Hand draufgeschlagen wird.

      Wir trinken noch Buna und Schaj, dann der Abwasch und dann sagen wir uns ደህና እደር። ነገ እንገናኝ። dähna ider. nege in-gänang und gehen schlafen. Was für ein Tag.

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    • Ja, das sind wirklich Eindrücke, die sicher so schnell kein Zweiter erleben wird.

      Reisen ist ja soooo komfortabel heutzutage, aber wenn es heißt "raus aus der Komfortzone", ist die Abenteuerlust vieler begrenzt. Und ich weiß, dass du dich besonders weit aus der Komfortzone herausbewegt hast, weil du - wie heute - nicht immer ganz so kannst, wie dein Kopf gerne will. Hut ab mit dem allergrößten Respekt!
    • Inspired wrote:

      Ich dachte ja zwischendurch, dass es übertrieben ist mit Muller UND Fahrer UND lokalem Guide unterwegs zu sein. Aber ich glaube, ich würde auf keinen von ihnen verzichten wollen!
      Hallo Birgit
      Auf den lokalen Guide kann man nicht verzichten, der ist vorgeschrieben. Ich finde es aber in Ordnung, kennt doch der Guide die Leute vor Ort und die Begebenheiten am besten.

      Ein extra Fahrer ist auch in Ordnung. Wenn Muller mit mir allein unterwegs war, konnte der Fahrer sich ausruhen. Stundenlang auf löchrigen Straßen fahren ist sehr anstrengend. Und wenn Sizaid fuhr konnte Muller sich mal hinten lang machen und Augenpflege betreiben. Außerdem hat Muller ja nebenbei noch seine Reisefirma betreut. Wichtigstes Arbeitsgerät ist sein Smartphone.

      Sonst vielen Dank für Deine lieben Worte. Ist der Kaffee angekommen?

      @Angela60 - Ich kann mich nur anschließen. Genieße dieses tolle Land und seine Menschen.
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