Mitten im Leben - drei Wochen Äthiopien

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    • 24. September 2019 - Omorate -> Konso

      Der nächste Morgen bricht an. 0.00 Uhr und ich bin von uns Dreien als erster wach. Draußen sind wieder Flattergeräusche zu hören. Heftiger Wind zerrt an den Zelten. An zwei der drei Zelte haben sich die Überdächer gelöst. Vor den Hütten nebenan sitzen schon einige Bewohner. Ältere Männer. So grüße ich erst einmal höflich und verzurre wieder alles. Dabei fasse ich dem Guide fast an die Füße. Der liegt unter einer Decke zwischen den Zelten. Nur seine Füße schauen darunter hervor. Dann packe ich drinnen schon alles in die Rucksäcke und stelle diese reisebereit im Zelt ab.

      Als nächstes gehe ich auf Dorfrunde. Mal sehen, was es schon zu erleben gibt. Überall scheint man schon wach zu sein und so bin ich nur am Grüßen und Händeschütteln. Ein recht großer Dassanetch, den ich schon von gestern kenne, geht in Richtung Ochsenverschlag. Es ist der Lange aus dem ersten Bild im letzten Beitrag. Er ist der Geber des Ochsen und er holt ihn aus dem Gatter. Neugierig wo er damit hinwill so zeitig am Morgen, gehe ich ihm hinterher. Die ersten Kinder schließen sich mir an. Er geht mit dem Tier kreuz und quer durch das Dorf, um dann wieder am Gatter, den Ochsen wieder einzupferchen. Die Runde diente wohl der Repräsentation seiner Gabe für das Fest. Jetzt wendet er sich an mich, bittet mich in seine Hütte und gibt mir sogar seinen Hirtensitz. So sitze ich auf dem kleinen Holzteil mitten zwischen den Dassanetch, nachdem ich jeden einzelnen drinnen mit Handschlag begrüßt habe und bekomme den ersten Buna des Tages. Die Unterhaltung fällt schwer, keiner von ihnen kann Englisch oder Amharisch. Ich kann außer den beiden Begrüßungsworten kein Dassanach. Mit Gestikulieren behelfen wir uns. Gute 15 Minuten später verlässt mein Gastgeber die Hütte. Ich verabschiede und bedanke mich von den anderen und draußen noch einmal extra vom Langen.


      nach vier Tagen ohne Rasur und zwei Tagen ohne Dusche - etwas verwildert aber glücklich

      Zurück bei den Zelten, sind Muller, Sizaid und der Guide jetzt auch auf. Sie haben schon mit dem Zeltabbau begonnen. Muller sagt, wir frühstücken später. Hier ist es heute einfach zu windig. Zuviel Sand fliegt herum, um hier im Freien zu kochen. Ich gehe noch mal los, bevor wir abfahren. In Richtung des Wäldchens und zum Omo. Zielgerichtet zu der flachen Stelle. Zwei Dorfbewohner stehen im Fluss und waschen sich gerade. 20 Meter weiter sind zwei Frauen mit irgendeiner Tätigkeit beschäftigt. Die Beiden im Fluss haben mich gesehen und blicken nun sehr misstrauisch zu mir herüber, wo ich doch so zielgerichtet auf sie zugehe. Auf ihrer Stirn steht regelrecht der Satz geschrieben: „Will der hier jetzt fotografieren?“ Nöö, will er nicht. Er will sich waschen, genau wie sie. Ich sehe nämlich immer noch sehr verdreckt aus von der Staubschlacht gestern Abend. So frage ich mit Gesten, ob es gestattet sei und sie verstehen und winken mich herbei. Gut, dann pelle ich mich auch aus, nehme meine kleine Duschbadflasche aus der Hose und steige in den Omo-River zur Morgenwäsche. Den Inhalt der kleinen Flasche aus dem Hotel Eliana teile ich mit den beiden Dassanetch. Als ich wieder sauber bin, hole ich meine Shorts und spüle die auch noch im Wasser aus. Tropfnass ziehe ich sie dann an und gehe zu den Zelten zurück. Die beiden anderen sind schon vor mir loss. Bevor wir alles verpackt haben, ist die Shorts schon gut abgetrocknet.

      Wir verabschieden uns von diesen kriegerisch aussehenden aber lieben und gastfreundlichen Menschen und fahren zuerst nach Omorate zurück, um den Guide abzusetzen. Danach geht es Richtung Turmi. Auf dem Weg dahin machen wir an einer Stelle neben der Straße unser (ቁርስ - kurs) Frühstück. In Turmi laden wir einige Dinge aus, die nur geliehen waren und die wir nach unserem letzten Campingtag nun nicht mehr benötigen. Dann kommt der lange Weg zurück nach Konso. Wir fahren fast den ganzen Tag, bis wir wieder in Konso eintreffen. Als erstes machen wir bei den Schuhmachern halt, wo ich mir Sandalen aus alten Autoreifen besorge. Danach geht es für die Nacht in die Konso Korebta Lodge. Das Abendessen nehmen wir in einem Lokal unterhalb der Lodge zu uns, welches zur Kanta-Lodge gehört, nachdem ich mich wieder für die Zivilisation zurechtgemacht habe. Beide Lodges sind im gleichen Baustil errichtet. Müde von der langen Fahrt wünschen wir uns dann eine gute Nacht und gehen zu Bett.
    • 25. Sept 2019 - Konso -> Arba Minch

      Heute ist der Weg kürzer. Wir müssen nur zurück bis Arba Minch. Zum Frühstück hat Muller Sandwiches besorgt. Er will trotz des nur kurzen Weges schon los. Die Brote verputzen wir gleich im Auto während der Fahrt. In Arba Minch checken wir wieder ins Paradise-Resort ein, um kurz darauf zu einer anderen Unternehmung wieder abzufahren.

      Ein Bootsfahrt auf dem Lake-Chamo steht an. Krokodilwatching. Wir müssen nur kurz warten, bis das einzige fahrbereite Boot im Nationalpark dort wieder zurück ist. Das Benzin für die Fahrt mussten wir seltsamerweise selbst mitbringen. Es wird in den Außenbordmotor eingefüllt und dann fahren wir los. Bald sehen wir die ersten Krokodile. Auf dem See sind aber auch Fischer unterwegs, die auf flachen schmalen Holzflößen knapp über der Wasserline sitzen oder stehen und paddeln oder staken. Auf meine Nachfrage, ob das nicht ein wenig gefährlich sei, bekomme ich zur Antwort, solange die Fischer nicht IM Wasser sind, sind sie vor den Krokodilen sicher. Vor Krokodilen, also großen Krokodilen habe ich Respekt. Gestern habe ich den Guide extra noch einmal nach Krokodilen gefragt, bevor ich in den Omo hineinstieg. Sicher ist sicher, auch wenn ich vorgestern schon gesehen hatte, dass die Dassanetch im Fluss waschen und baden.







      Dann sehen wir auch wirklich große ausgewachsene Exemplare von 7m Länge. Das Boot fährt bis auf drei Meter an die Tiere heran. Die stört das überhaupt nicht. Sie liegen in der Sonne, lassen sich von der wärmen und genießen ihr Wellnessprogramm. Maulpflege durch Vögel, die ihnen Parasiten aus dem Maul picken. Den Vögeln tun sie nichts, da sie von ihnen profitieren. Auch eine Familie von Flusspferden bekommen wir zu sehen. Später tauchen sie gleich 3 Meter neben unserem Boot auf. Da legt dann der Bootsführer doch noch einen Gang höher ein. Das war ihm zu dicht. Flusspferde können unangenehm werden. Besonders, wenn sie Jungtiere dabeihaben. Und von Flusspferden versenkt zu werden ist hier nicht besonders ratsam.






      ein Talapia



      Wieder an der Anlegestelle gibt es erst einmal Buna. Auf dem Weg zum Toilettenhäuschen sehe ich Paviane, die im Müllbehälter herumsuchen, der dort an einem Baum hängt. Auf dem Weg zurück hat einer seinen Kopf ganz tief im Behälter vergraben. Doch bevor ich zugreifen kann, um mal eben kurz am Schanz des Affen zu ziehen, hat der mich wohl gehört und klettert mit einer aus dem Müllbehälter gefischten Bananenschale den Baum hoch. Bananen? Haben wir doch im Auto. Ich hole eine Banane aus dem Jeep und komme bloß drei Meter weit, da haben die Paviane die Frucht in meiner Hand schon gesehen und kommen angerannt. Dem ersten überreiche ich die Banane und der flitzt damit sofort weg, verfolgt von anderen. Weitere Paviane blicken erwartungsvoll zu mir. Ob der wohl noch mehr springen lässt? Wir müssen sogar aufpassen, dass die nicht ins Fahrzeug springen, als wir einsteigen und abfahren.

      Zurück in Arba Minch ist Zeit für das Mittagessen. In dem Lokal waren wir schon vorher einmal. Es liegt auf einen Hof, abseits der Straße und es sitzt sich sehr gemütlich hier im Schatten der Bäume. Wir lassen es uns ohne Hast schmecken. Auch Buna muss sein. Dann fahren ins Paradise zurück und machen die Zeit für das Abendessen klar. Dazwischen ist Zeit für WhatsApp und Co. Abends bekomme ich dann meinen gewünschten gegrillten Talapia in einem unscheinbaren und recht kleinen Lokal, das aber auch schon von Chinesen entdeckt worden ist.

      China investiert viel in Äthiopien und viele Chinesen machen dort auch Ferien. Chinesen machen augenscheinlich die die größte Gruppe unter den Touristen aus. Auf den Straßen sind viele Trucks aus China unterwegs. Neben den Howo-Trucks sind das vor allem die Sinotruk-Fahrzeuge. Weil diese schweren LKW fast immer rot lackiert und oft in Unfälle verwickelt sind, nennen die Äthiopier die chinesische Technik despektierlich „Red Terror“. Trucks und einige andere Baumaschinen sind auch die einzige Art von Maschinen, die ich hier zu sehen bekomme. In der Landwirtschaft wird alles noch mit der Hand gemacht.

      Muller will hier Freunde besuchen und lässt sich von Sizaid hinbringen. Ich bleibe für 20 Minuten allein im Lokal. Als Sizaid zurück ist, kommt unser Abendessen. Mein Talapia ist vorzüglich. Als wir fertig sind, lasse ich mich von Sizaid ins Paradise bringen. Wie ich Muller kenne, dauert sein Besuch bestimmt noch eine Weile. Wir sagen uns gute Nacht und ich entschwinde auf mein Zimmer, das heute besser ist als beim ersten CheckIn. Denn es ist neueren Datums. Auch heute nutze ich wieder meine Decke aus dem Flieger. Denn wie schon vor 10 Tagen liegt nur eine viel zu dicke Wolldecke zum Zudecken bereit. Sleep well.

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    • Battlefield Hardline

      26. September 2019 - die Dorze

      Dieser Beitrag könnte für Kontroversen sorgen und wird vermutlich nicht jedem gefallen. Aber er war Teil meiner Reise. Deshalb schreibe ich auch darüber, wie ich es erlebt und empfunden habe.

      Heute ist zeitig Aufstehen angesagt. Gegen 1.00 Uhr Ortszeit wollen wir los, also sind wir schon um 0.30 Uhr beim Frühstück und natürlich die Ersten und Einzigen. Wir sitzen drinnen, auf der Aussichtsterrasse wird noch geputzt und stärken uns mit der Auswahl vom Buffett und Buna. Muller nimmt Tee, er trinkt nie Kaffee. Für ihn ist somit jeder Tag verloren, sagt er lachend. Ich hatte während der Reise vor einiger Zeit, als es um den täglichen Kaffee ging einen Satz übersetzt, der mir zuvor spontan einfiel. „Ohne Kaffee ist der Tag verloren.“ ያለ ቡና ቀኑ ይጠፋል። Ja_lä bu_na kä_nu yi_thä_fal.

      Wir checken aus. Muller bezahlt an der Rezeption die Rechnung. Dann brausen wir los, ins nicht weit entfernte Örtchen Dorze auf 2500 Meter Höhe zum Volk der Dorze. Die etwa 30.000 Dorze leben in den Guge-Hochländern bei Arba Minch um Chencha herum. Sie betreiben Weberei und sind weithin bekannt für ihre bunten Stoffe. Einmalig sind auch ihre Rundhütten, die aussehen wie große Bienenkörbe. Sie sind komplett aus natürlichen Materialien errichtet. An den Berghängen bleiben die Wolken hängen und es regnet dort öfter als im tiefer gelegenen Arba Minch. Es ist im Hochland deshalb auch viel grüner, fruchtbarer und kälter. Die Dorze bauen neben Getreide auch die Entsete-Pflanze an und verarbeiten sie. Diese Bäume sehen aus wie die Bananenpflanze, haben aber grüne statt roter Blattstängel. Die Entsete wird von den Dorze praktisch komplett genutzt, zum Bau der Hütten, zur Herstellung von Seilen und aus den zerriebenen und fermentierten Blättern machen die Dorze ihr wichtigstes Nahrungsmittel. Kocho, ihr Sauerteigbrot.





      Der Weg ins Örtchen führt einen unbefestigten Weg in die Berge hinauf. Da es über Nacht geregnet hat, ist der steile Weg sehr matschig. Dennoch schaffen es auf diesem Etwas von Weg erstaunlicherweise auch die ortsüblichen Busse bis in den Ort. Denn heute findet hier etwas Besonderes statt. Zur Vorbereitung des morgigen Meskelfestes, werden hier heute auf einem Viehmarkt Ochsen verkauft und im Ort auch geschlachtet.

      Als wir eintreffen, muss ich mich erst einmal umziehen. Dorze-Ort liegt doppelt so hoch wie Arba Minch, es ist bewölkt und mindestens 10 Grad kühler. Ich ziehe mir lange Sachen an. Dann gehen wir den Viehmarkt besuchen. Hunderte von Menschen aus der ganzen Umgebung sind schon da und immer mehr Busse bringen weitere Besucher und Käufer den Berg hinauf. Die hier gekauften Tiere werden zur Festwiese gebracht und dort geschlachtet. Die Leute kommen hierher zum Fleisch kaufen und zum Feiern, denn die Schlachtung ist hier Tradition und Teil der Festlichkeiten. Sie hat Volksfestcharakter und ganze Familien kommen teils chic angezogen zum Fest. Es gibt um die Festwiese herum Stände, wo man Honigwein trinken kann und es gibt Musik und Tanz.





      Dutzende Ochsen werden direkt auf der Wiese geschlachtet, das Fell abgezogen und zerteilt. Dazu wird dem auf der Seite liegenden toten Ochsen zuerst das Fell auf der Oberseite entfernt. Dann wird er geöffnet und zerteilt. Das Fleisch und die einzelnen Teile werden auf aromatisch riechenden Zweigen abgelegt, damit sie nicht auf dem blanken Boden liegen. Ein solches Blutbad habe ich noch nicht gesehen. Die einzelnen Schlachtungen werden gefeiert mit dem Ausruf yo yo yo mas_kä_laa. ዮ ዮ ዮ ማስቀላ። Selbst kleinste Kinder sind dabei anwesend.

      Die Tiere müssen vor der Schlachtung auf die Seite gelegt werden. Dazu wird an einem Hinterhuf ein Seil gebunden. Das Seil wird dann auch um den zweiten Huf geführt und zusammengezogen. Im nächsten Schritt wird nun am Seil in eine Richtung gezogen und am Schwanz des Ochsen in die Gegenrichtung, bis er kippt. Nun wird auch ein Seil am Vorderhuf oder den Hörnern befestigt und der Kopf von einer weiteren Person über die Hörner fixiert. Nach dem Akt der Schlachtung kommt eine Art Zeremonienmeister im Gewand der traditionellen Dorzefarben (schwarz, gelb, rot) mit Schwert, Schild und Speer und spricht tänzelnd Worte. Die gesamte Szenerie wird jeweils mit vielen Handys mitgefilmt. Manche Tiere ahnen wohl etwas, denn gelegentlich nimmt ein Ochs Reißaus und rennt dann quer durch die Menge. Einmal muss ich so einem rennenden Ochsen ausweichen, um nicht überrannt zu werden.



      Die Wiese gleicht inzwischen einem Schlachtfeld und immer neue Ochsen werden zur Wiese geführt. Inzwischen befinden sich einige Tausend Menschen im kleinen Örtchen Dorze. Nach einigen beobachteten Schlachtungen frage ich, ob man mithelfen darf. Ja, man darf. Und so wage ich mich nach den beiden Ziegen erstmals an wirklich große Tiere heran. Ich helfe bei einigen Schlachtungen an den Seilen beim Fixieren. Man muss sich lediglich vor den Hufen in Acht nehmen. Die Ochsen schlagen oft wie wild aus. Ein Ferengi, der sich an den Zeremonien beteiligt kommt anscheinend nicht so oft vor. Jetzt bin ich kein fotografierender Tourist, sondern selbst Fotomotiv und gebe der lokalen Bevölkerung Gelegenheit, ihrerseits mich zu filmen, was auch ausgiebig geschieht. Den einzigen Ferengi hier, der auch noch mit zupackt möchten viele ablichten. In einigen Facebook-Beiträgen werde ich nun sicher verewigt sein. Bald werden mir anerkennende Blicke zugeworfen, erhobene Daumen gezeigt, die Hände geschüttelt, mir wird auf die Schulter geklopft und sogar einige Selfies werden gewünscht.





      Später gehen wir zu einer überfüllten Hütte am Festwiesenrand und trinken Honigwein. Nachgeschenkt wird aus kleinen Plastikkanistern in leere Glaskaraffen, die herumstehen und die vorher nicht immer ausgewaschen werden. An einer anderen Stelle wird Musik gespielt und getanzt.Wir wechseln dorthin und Muller bestellt Kitfo, rohes Rindfleisch aus frischester Schlachtung mit Brot und scharfer Tunke, essen und schauen den Tänzern zu. Kinder drängen vom Rand herein. Einem Wachmann wird deren Gedränge zu viel und er drischt die Meute mit einem Stock zurück. Die Kids stieben auseinander. Hier ist man heute nicht zimperlich.







      Nach einiger Zeit brechen wir auf. Sizaid hat den Jeep auf dem Hof abgestellt, wo wir übernachten werden. Bis dahin sind es knapp 2km bergan. Unterwegs ist in auf einem Hof Musik zu hören. Eine Art Kneipe mit Gartentischen. Wir kehren ein und sitzen keine drei Minuten an einem Tisch, als wir von anderen Besuchern in dem noch halbleeren Lokal an ihren Tisch gebeten werden. Wir schieben unseren Tisch dazu und rücken grüßend heran. Alle wollen wissen, wer ich bin, woher ich komme usw. Als ich dann noch etwas auf Amharisch sage, erreicht ihr Entzücken einen weiteren Höhepunkt. Der ganze Tisch will Selfies mit mir. Bierchen werden bestellt und geleert. Afrikaner tanzen zur Musik. Ich komme in Stimmung und wage mich unter die Tänzer. Bald habe ich einen dieser Traditionshüte auf und werde sogar umarmt. Ein älterer Afrikaner mit Graubart drückt mir unverhofft einen Schmatz auf die Wange. Mir wird zugeprostet und mit mir wird angestoßen, ለጤናችን - läthienatschinn. Der Ferengi ist dabei den Laden aufzumischen.



      Es wird nun voller, lauter und die Stimmung steigt, wie auch der Alkoholpegel. Wir bleiben etwa zwei Stunden, dann ist die Hütte brechend voll. Ich habe etliche Tanzrunden und einige Bierchen hinter mir. Muller sagt, heute Abend sind die alle betrunken und fragt an, ob wir loswollen. Da es mir hier inzwischen ebenfalls zu voll, zu laut und zu wild wird, brechen wir auf und erreichen kurz vor der Dämmerung unsere Unterkünfte. Typische Dorzehütten. Ich darf mir eine aussuchen, denn die sind alle noch frei. Der Chef hier, ein Rastamen begrüßt uns lallend und stellt sich als Ras Mekonnen vor.

      Ich beziehe meine Dorzehütte. Sie ist klein, das recht große Bett passt gerade so hinein. Vorn, an der Seite der Tür ist noch ein Meter Platz fürs Gepäck. Weitere Möbel gibt es keine. Mein Gepäck stelle ich auf den Fußboden, der aus geflochtenen Entsetestreifen besteht. Die Tür hat außen einen Riegel für ein Vorhängeschloss und Metallgarniere. Weiteres Metall ist an dem Bauwerk nicht zu finden. Von innen lässt sich die Tür nicht verschließen und auch nicht schließen. Ich stelle also meine Reisetasche davor, damit sie zu bleibt.

      Es ist inzwischen dunkel und die Taschenlampen werden wieder benötigt. Wir machen noch einen kleinen Spaziergang, gehen aber bald zurück, denn es fängt an zu regnen. Der Hof des Geländes, wie auch der Fahrweg dahin sind schon sehr matschig. Eine klebrige Art von Matsch und es wird nun auch empfindlich kalt. Wir sitzen inzwischen in einem überdachten Bereich des Hofes im Dunkeln. Ich lasse mir Kerzen geben. Sizaid hat Streichhölzer. Wenigstens etwas Licht. Wenig später wird es Licht. Elektrisches Licht. Der Strom ist da. Wir pusten die Kerzen aus, da ist der Strom wieder weg. Also Kerzen wieder an.

      Dann gibt es als Snack Fladenbrot. Es schmeckt muffig. Muller sagt, das ist Brot aus Entsete. Ok, wenn man weiß, dass das so schmecken muss und man sich daran erst einmal gewöhnt hat, ist es ganz in Ordnung. Der Strom kommt wieder und diesmal bleibt er. Das eigentliche Abendessen kommt jetzt auf den Tisch. Mehrere Schüsseln mit Gemüse und wieder Brot. Mir schmeckt es, aber mir ist jetzt kalt. So verabschiede ich mich in Richtung Federbett und stelle fest, in meiner Entsetehütte gibt es auch Licht. Wieder ein ereignisreicher Tag vorbei.
    • Hui, was für ein Tag!

      Ja, du hast Recht, ich bin nicht sicher, ob so ein Markttag für zart Besaitete das Richtige gewesen wäre.

      Schon bei der Ziege habe ich darüber nachgedacht, wie ehrlich es ist Fleisch zu essen, sich aber nicht vorstellen zu können, dass die Tiere dazu sterben müssen.

      Ich bin sicher, die Ochsen sind vollständig verwertet worden. Und ich bin sicher, dass es den Tieren dort zumindest nicht schlechter geht als Schlachtvieh in Massentierhaltung.

      Der Bericht trägt in jedem Fall dazu bei, dass ich mir wieder mal vornehme, achtsamer und respektvoller mit Essen und allgemein Ressourcen umzugehen...
    • Dein Bericht ist einfach faszinierend, danke dafür!

      In Sulawesi habe ich an einem ähnlichen "Fest" teilnehmen dürfen: Die Leute haben ihre Tiere geliebt, sie gut behandelt und dann (Beerdigungsritual) geopfert. Auch da wurde wirklich alles verwertet und alle haben ihren Teil abbekommen.
      In diesen Ländern ist sonst auch keine ausreichende Proteinzufuhr möglich!
    • 27. September 2019 – das Meskelfest in Dorze

      Draußen regnet es Strippen. Ich bin zeitig wach. Vor meiner Dorzehütte hat sich ein kleiner See gebildet. Im Regen mache ich die Morgenwäsche. Es ist kalt. Mein Gepäck stelle ich zur Sicherheit auf das Bett. Wenn der See weiter steigt, läuft das Wasser in die Hütte. Weiter rechts ist Gesang zu hören. Einheimische in weißen Kirchenfestgewändern gehen draußen vor dem Tor vorbei. Rechts muss sich also eine Kirche befinden. So ziehe ich meine Regenjacke über und gehe schauen. Durch den Regen und über einen rutschigen Weg. Unterwegs werde ich von Gläubigen gegrüßt und grüße selbst andere. Manche kommen erst, andere gehen bereits wieder. Die meisten Einheimischen sind mit Pantoletten oder Barfuß unterwegs.

      Nach ca. 400 Metern erreiche ich das kleine Gotteshaus. Es ist einer dieser weit verbreiteten achteckigen Rundbauten. Drinnen ist Gottesdienst, draußen im Regen wird mit von in Weiß, Rot und Blau gehaltenen Festumhängen gekleideten Gemeindemitgliedern gesungen und getrommelt. Man bietet mir einen Schirm an. Dankend lehne ich ab und erkläre auf meine Jacke zeigend: ይህ የዝናብ ልብስ ነው። Jih jä_zinab libbs näw. Das ist Regenkleidung.

      Ich schaue den Sängern eine Weile zu. Dann drehe ich eine Runde um das Gotteshaus und schaue von der anderen Seite weiter zu. Schließlich kommen die hohen geistlichen Würdenträger aus der Kirche. Die Prozession zieht singend los, zuerst eine Runde um die Kirche drehend. Alle Gläubigen folgen. Vorn die Sänger in ihren Gewändern, dann die Priester und danach die Kirchenbesucher. Mittendrin marschiere ich mit. Den Weg zurück, bis zu unserer Hofeinfahrt. Dort biege ich ab.

      Sizaid und Muller sind jetzt auf und wir begrüßen uns mit einem. Dähna näw? Dähna neg. Antes? Dähna. Selam näw. Muller sagt mir, wir fahren nach Arba Minch. Die Festlichkeiten gehen zwar heute auch den ganzen Tag in Dorze weiter, aber für Unternehmungen hier ist es einfach zu nass heute. Die Wolken regnen hier oben alles bei uns ab, könnte man meinen. Ich wechsle die Schuhe. Meine Slipper sind total durchnässt, die Trekkingschuhe müssen her. Die haben ein schönes griffiges Profil und der Matsch kann sich unter der Sohle schön sammeln. Auf der Wiese kurz vor meiner Hütte wird gerade ein Graben gegraben, damit mir das Wasser nicht in die Hütte läuft. Der Graben hilft. Mein See vor der Tür verschwindet. Ras Mekonnen läuft uns über den Weg. Wir begrüßen ihn. Er antwortet lallend. Ich frage Muller, ob der immer so spricht oder ob er noch von gestern betrunken ist. Muller meint, der Chef hier spricht immer so. Um nach einer Kunstpause den Satz nachzulegen. Weil er immer betrunken ist.

      Wir besteigen den Jeep und verlassen Dorze für den Tag. Der Regen hat den Weg nach unten noch matschiger gemacht. Dennoch quälen sich auch heute einige Busse voller Menschen nach oben. Erstaunliches, was die Fahrer dieser Dinger leisten. Wir fahren oder rutschen in Richtung Arba Minch nach unten. Unterweg sehen wir einen abgestellten und mit Steinen hinter den Rädern gesicherten 40 t Sattelzugauflieger. Je tiefer wir kommen, umso weniger regnet es. In Arba Minch hat es fast aufgehört mit regnen. Es ist auch um einiges wärmer. Meine Regenjacke brauche ich dann schon mal nicht mehr.



      Wir steuern in der Stadt wieder das Lokal an, wo wir bereits mehrmals waren. Dort gibt es erst mal ein spätes Frühstück. Wir lassen uns Zeit dabei. Das Frühstück wird so auch unser Mittagessen. Muller will wissen, ob ich gern schwimmen möchte. Ich frage ihn, in welchem See, Chamo oder Abaja? Wohlwissend, dass er das Schwimmbecken im Resort meint. Er lacht. Gut warum nicht, wir haben noch genügend Zeit heute. Muller will noch zur Bank. Wir zahlen und brechen auf. Neben dem Lokal gibt es gleich einen Laden, der auch Badehosen hat. Für wenige Euro kaufe ich zwei, da Sizaid auch mitkommen will. Die Dinger sehen total schrecklich aus und kommen aus China. Aber etwas Besseres gibt es hier nicht. Red Terror sage ich zu Sizaid. Der lacht.

      Sizaid fährt zuerst ins Haile-Resort und ich darf mir dort das Schwimmbecken anschauen. Gebongt, nehme ich. Wir bleiben im Haile-Resort. Es ist 9.00 Uhr Lokalzeit. Ich frage im Resort, ob man hier auch Massagen bekommen kann. Kann man und um 10.00 Uhr ist sogar ein Termin dafür frei. Nehme ich. Wir ziehen uns zum Baden um und ich verbringe mit Sizaid eine Stunde am Becken. Wir drehen ein paar Runden im Wasser. Kurz vor 10.00 gehe ich dann zu meinem Termin und genieße 60 Minuten Massage. Dann schaue ich wieder am Schwimmbecken vorbei. Sizaid ist schon los. Er wird Muller holen und draußen warten sage ich mir, also ziehe ich mich um und frage beim Wellnesstresen die Dame, ob mein Begleiter schon raus ist. Sie bestätigt und sagt, sie sollte mir das sowieso ausrichten. Draußen wartet schon der Jeep auf mich mit Muller. Dann geht es zurück nach Dorze, wieder den Berg hinauf. Der Sattelzugauflieger steht immer noch da. Auf dem Weg nach oben überholen wir einen weiteren 40-Tonner, der sich den Berg hochquält. Wo die wohl hinwollen?
      Anmerkung. Wer sich fragt, warum wir heute schon wieder schwimmen waren: Diese Passage habe ich irrtümlich am 25. Sept. erwähnt und dort wieder entfernt.

      Das Meskelfest entspricht dem Heilig-Kreuz-Fest der katholischen Kirche bei uns. Es erinnert an das Auffinden des Kreuzes Jesu am 13. September 326 durch die heilige Helena und dessen feierliche Präsentation in der Grabeskirche am darauffolgenden Tag. Das Meskel-Fest (Kreuzerhöhungsfest) ist in der christlich orthodoxen Kirche einer der höchsten Feiertage. Nach dem julianischen Kalender wird es am 14. September gefeiert, nach unserem gregorianischen Kalender fällt das Fest auf den 27. September. Der Name “Kreuzerhöhung” kommt vom Brauch der christlich orthodoxen Kirche, das Kreuz zu erheben und in alle Himmelsrichtungen zu zeigen.

      Da das Ende der Regenzeit in Äthiopien zeitlich mit dem Datum der Kreuzauffindung zusammenfällt, wird auch gleichzeitig dies gefeiert. Zu dieser Zeit blühen überall in Äthiopien die Yellow Meskel Daisies. Das sind gelbe Gänseblümchen, die ganze Landschaften in einem leuchtenden Gelb erstrahlen lassen. Für das Meskelfest werden im ganzen Land Holzhaufen errichtet, mit den Meskelblumen geschmückt und angezündet. Die heilige Helena, Königin und Mutter Konstantins des Großen hat durch eine göttliche Eingebung ein Feuer während einer Pilgerreise nach Palästina entzündet. Dem Rauch folgend fand sie das verschollene Kreuz Jesu.



      Wir kommen zur rechten Zeit. Und es regnet nicht mehr. Auf einer Wiese weit oberhalb unserer Unterkunft haben sich bereits die Menschen um den Holzhaufen versammelt. Auch andere Touristen sind nun hier. Priester segnen den Demera (den Holzhaufen), dann wird er kurz vor der Dämmerung angezündet. Unter Gesängen tanzt man um das Feuer herum. Feuerwerk wird gezündet. Später gilt es offenbar als Heldentat, den Stab in der Mitte zu erlegen. Die Jungen und männlichen Teenager erhoffen sich durch einen gelungenen Sprung über das Feuer die Erfüllung ihrer Wünsche im neuen Jahr.



      Später bei einem weiteren, kleineren Feuer neben unserer Unterkunft, treffen wir eine Touristengruppe aus Belgien, die heute Nacht auch in den Dorzehütten nächtigt. Als auch das heruntergebrannt ist, gibt es für die Ferengis auf Mekonnens Hof ein gutes Abendessen. Sogar mit Spagettis. Noch später werden die Stühle auf den Hof gestellt und für uns Touris ein weiteres kleines Feuerchen angezündet. Dazu gibt es traditionellen Tanz und Gesang von Einheimischen in Dorze-Tracht, die auch bald uns Ferengis mit einbeziehen. Ich bin heute zu müde und ziehe mich nach Verabschiedung zurück. Lange geht die Hoffeier nicht mehr. Als ich mich eben zum Schlafen hingelegt habe, kehrt bereits Ruhe ein. Heute habe ich mir einen Wecker gestellt. Denn morgen wollen wir zeitig los. Schöne Träume.


    • Inspired wrote:

      Ich bin sicher, die Ochsen sind vollständig verwertet worden. Und ich bin sicher, dass es den Tieren dort zumindest nicht schlechter geht als Schlachtvieh in Massentierhaltung.

      Hi Birgit.

      Ja, es wird augenscheinlich alles verwertet, das Schlachtfeld war jedenfalls beräumt später. Ich glaube auch, die sind zu arm dort, um irgendetwas wegzuwerfen.

      Der Akt des Tötens auf die traditionelle Art ist für die Tiere sicher nicht schön. Manche leiden minutenlang. Wir hier in unserer Industriegesellschaft so meine Meinung, haben aber überhaupt keinen Grund daran Kritik zu üben. Denn in unserer Tierindustrie leiden die Tiere ihr ganzes Leben, um DANN tierschutzgerecht getötet zu werden. Später landen dann noch Tonnen an Lebenmitteln im Müll. Möge jeder selbst gewichten.

      Ich schicke Dir über einen anderen Weg Film- und Fotomaterial dieses Tages, welches hier unangebracht und selbst für Youtube „To hard“ wäre.
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      28. September 2019 - Fahrtag Dorze -> Addis Abeba

      Kurz vor 0.00 Uhr Ortszeit. Mein Wecker hat mich zuvor geweckt. Draußen ist es noch dunkel und es regnet wieder etwas. Schnell etwas Wasser ins Gesicht und den Rest eingepackt. Heute Nacht habe ich die Klobrille gegrüßt. Ich musste nachts zweimal raus. Die Dorze haben eine kleine Wassertoilette, die für das kleine Geschäft von den Gästen genutzt werden darf. Was darüber hinausgeht ist im Busch 200 Meter bergan zu erledigen. Mein Ziel ist mit Stirnlampe auf dem Kopf die kleine Toilette gleich nebenan, die ich in den letzten beiden Tagen nicht gebraucht hatte und deshalb auch noch nicht kannte. Auf dem kurzen Weg dahin sehe ich an einer aus Entsete geflochtenen Holzwand jemanden mit etwas Hellem um den Hals sitzen und grüße leise flüsternd. Dann verschwinde ich kurz in der Butze und danach wieder in meine Hütte. Eine Stunde später muss ich erneut raus. Gleicher Grund, gleicher Weg, gleiches Ziel. Die Person sitzt immer noch da! Ich leuchte sie an. Was ich für einen Menschen gehalten habe, entpuppt sich als dunkles Holz, welches dort lag. Oben drauf hochkant eine weiße alte Klobrille, die im Dunkeln aussieht wie ein Tuch. Ich muss mich beherrschen, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen.

      0.15 Uhr, leicht später als geplant fahren wir los. Frühstück wollen wir unterwegs machen. Unsere Schuhe sind pampig und wir schleppen den Dreck mit in den Jeep. Meine ganz besonders, denn die groben Sohlen meiner Trekkingschuhe halten den lehmigen roten Boden richtig schön fest. Die Slipper sind noch genauso nass, wie gestern Vormittag. In der feuchten Luft hier oben trockneten sie nicht.

      Muller hört über die Audioanlage des Jeeps auf seinem Phone gespeicherte und von einem Sprecher vorgelesene Geschichten, in denen es um Land, Leute und Religion geht. Der Sprecher spricht etwas, was wir vergleichbar hier bei uns als Hochdeutsch definieren würden, bzw. in Großbritannien als Oxford-Englisch. Ein klares, ungemein deutlich und betont gesprochenes und langsam vorgetragenes Amharisch. Ich kann zwar den Inhalt der Geschichten dennoch nicht verstehen, aber viele Worte ERkenne ich. Mindestens genauso viele weitere Worte kenne ich. Denn ich weiß, dass die in meiner Vokabelliste stehen, auch wenn ich sie nicht auswendig übersetzen kann. Wenn ich noch 30% vom Rest dessen verstehen würde, dann würde ich vermutlich auch den Inhalt der Geschichten deuten können. Wenn Sizaid etwas sagt, muss ich oft sogar bei Wörtern raten, die ich als Vokabel draufhabe. Denn Sizaid nuschelt aber sowas vor dem Herrn.

      In Wolaitia machen wir Frühstück. Im selben Restaurant, wo wir auf der Herfahrt schon einmal waren. Wieder draußen auf der schönen Wiese in der Sonne. Ich wähle Fruchtstück Continental, mit Brot, Omelette und Marmelade. Dazu Saft, ein Glas Milch und Buna. Ich darf mir das von drinnen vom Buffet abholen und gehe mehrmals Nachschlag fassen. Als wir alle satt und zufrieden sind, geht es weiter. Noch in Wolaitia nehmen wir eine andere Straße. Unser Weg führt uns auf direktem Weg auf der Nationalstraße 9 nach Addis. Wir kommen nicht mehr durch Shashemene und am Langano-See vorbei, sondern fahren durch die Gurage-Region, einer christlichen Enklave in der mehrheitlich muslimisch geprägten Oromo-Region.

      Unser Weg führt uns durch Tiya, wo wir einen kurzen Besuch beim dortigen Stelenfeld machen. Behauene und verzierte Steinmonolithe, die 700 Jahre alte Grabmäler sind. Ansonsten wissen die Forscher noch recht wenig über die Stelen. Aus historischer Sicht haben die 36 vorhandenen Stelen aber die gleiche Bedeutung wie die Stelen von Aksum. Später überqueren wir südlich der Hauptstadt wieder den Awash, um schon in der Dämmerung durch die ersten Vororte von Addis zu fahren. Mein Hotel, das Eliana erreichen wir gegen 13.00 Lokalzeit. Muller setzt mich ab und ich checke ein. Mein gesamtes Gepäck muss aus dem Jeep. Nun heißt es Abschied von Sizaid nehmen. Ich bedanke mich bei ihm von ganzem Herzen und wir umarmen uns mehrmals. Die drei Wochen haben uns zusammengeschweißt, mir fällt der Abschied schwer. Sizaid bekommt ein gutes Trinkgeld von mir.











      Nach einer Stunde will mich Muller wieder abholen. Ich packe aus und um, dusche und rasiere mich und bin gerade am fertigmachen zum Ausgehen, da klingelt bereits das Telefon. Muller ist schon wieder zurück. Er holt mich mit seinem Pickup ab. Es geht zu ihm nach Hause. Ich bin eingeladen, es soll Abendessen geben und es soll getanzt werden. In meinen beiden kleinen Rucksäcken habe ich das Nötigste für 24 Stunden eingepackt. Der Rest verbleibt recht unaufgeräumt im Hotelzimmer. Keine Zeit dafür.

      Bei Muller zuhause werde ich von Tigist, ihrem Mann und ihren Kindern aufs Herzlichste begrüßt, umarmt und willkommen geheißen. Heute sind auch noch weitere Gäste da, die ich noch nicht kenne. Wir stellen uns mit Namen gegenseitig vor. Ich muss aber gestehen, merken konnte ich mir die vielen fremdartigen Namen nicht wirklich. Wir essen draußen im Hof. Es gibt Mullers Leibgericht. Injera. Mit Tibs und Gemüse. Danach sorgt Tigist für Buna und eine Flasche Whisky kommt zum Vorschein. Hochprozentiges pur ist nicht so meine Sache. Ich erzähle, dass ich zuhause meist nur Tee mit Rum trinke. Whisky höchstens als Irish-Coffee, wobei ich auch erwähne, dass ich in Gaststätten mir den Irish-Coffee aus Kaffee und Whisky schon mal selbst zusammenstelle, wenn er nicht auf der Karte steht, wobei ich dann auf die Sahne verzichte. Man gibt mir ein Glas und ich darf mixen. Zwei äthiopische Buna mit drei Teelöffeln Zucker und Whisky. Jepp – Irish Coffee. Der schmeckt. Den zweiten zaubert Tigist selbst für mich. Schmeckt wie zu Hause sage ich ihr. Tigist strahlt. Einen dritten trinke ich auch noch und ich bin nicht der einzige. Jetzt wollen auch andere Gäste wissen, wie Irish-Coffee schmeckt. Einer probiert es sogar mit Rotwein-Whisky. Zum Glück muss ich das nicht kosten.

      Dann gibt es Musik und es wird getanzt. Hauptsächlich Gonder-Musik, denn die meisten Anwesenden kommen ursprünglich aus dieser Region. Auch meine Gondersongs vom Handy sind wieder gefragt. So tanze ich alsbald wieder mit der Familie und ihren Gästen und habe Spaß dabei. Auch wenn mir der Eskista nicht so wirklich gelingen will, was mir aber niemand Übel nimmt. Nach einer guten Stunde wird Feierabend gemacht. Es ist spät. Ich bekomme ein Gästezimmer im obersten Stockwerk. Allerdings glaube ich, dass es Muller Zimmer ist, weil er unten auf der Couch schläft. Wir wünschen uns eine gute Nacht und ich gehe zu Bett und schlafe schnell ein.
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      29. September 2019 - Familientag in der Hauptstadt

      In Muller Haus habe ich gut geschlafen. Unten ist man schon wach. Nach dem täglichen Morgenritual, so wie zu Hause auch, gehe ich nach unten und sage Guten Morgen. Alle sind wach, bis auf Muller. Der schläft noch beseelt auf dem Sofa im großen Wohnzimmer. Also schließe ich die Tür wieder und frage, ob ich was helfen kann. Aber der Gast soll nicht arbeiten müssen.

      Nach 30 Minuten haben die Tagesgeräusche Muller wachbekommen. Er räumt das Sofa und lüftet. Als der Salon, so nennen die Amharen das Wohnzimmer wieder hergerichtet ist, bringen mir die Kinder einen ersten Snack. Eine Art Omelettebrot. Jedenfalls aus Eiern, aber wie ein dünnes Fladenbrot. Dazu ein erster Wachwerdekaffee. Später gibt ein gemeinsames Frühstück. Ich versuche über eine Stunde lang, den verbogenen Batteriekontakt in der eigentlich als Geschenk für Mullers Vater gedachten zweiten Stirnlampe zu richten, scheitere aber an passendem Werkzeug. Schließlich gebe ich auf. Nur sehr ungern.

      Im Laufe des Tages kommen immer wieder mal neue Freunde und Bekannte von Muller und seiner Familie vorbei. Wir unterhalten uns. Meist ein Gemisch aus Englisch, etwas Amharisch und wenn Muller gerade im Raum ist kommt auch Deutsch zum Einsatz. Wir spielen mit den Kindern Tiere raten, was so ähnlich wie das Mr. Bean Spiel funktioniert. Pantomimisch ein Tier darstellen. Dazu sind wir in Zweiergruppen geteilt. Ich spiele zusammen mit der Tochter. Wir gewinnen, auch weil Töchterchen schummelt und mir vorsagt. Später spiele ich noch Schnick-Schnack-Schnuck mit ihr. Das ist auch hier bekannt, aber unter einen anderen Namen. Sie gewinnt. Wir essen Missa.

      Irgendwann kommt ein Priester vorbei, spricht Gebete, segnet das Haus und dessen Bewohner und bekommt einen Teller mit Essen. Ich erfahre, dass hier jedes Haus einen Priester hat, der sich um die seelischen und religiösen Belange der Bewohner kümmert. Man kann mit ihm Probleme besprechen oder Sünden beichten. Natürlich betreuen die Priester nicht nur ein Haus, sondern haben mehrere, die auch nicht nur in einer Straße oder nebeneinander liegen müssen. Da heute Sonntag ist, dreht er seine Runde.

      Zwischendurch schaue ich in mein Lehrmaterial, denn ich möchte mich angemessen auf Amharisch bei Tigist und ihrer Familie für die Gastfreundschaft bedanken und ihnen auch sagen, dass ich auf ein Wiedersehen hoffe. Bis die beiden Sätze sitzen, dauert es etwas, weil zwei Zungenbrecher drinstecken.

      Inzwischen ist bereits Nachmittag. Muller will für Abend ein Feuerchen anzünden und geht auf Holzsuche in der Umgebung. Weiter Bekannte sind eingetrudelt und wir werden einander vorgestellt. Hier ist heute Leben in der Hütte. Als es dunkel wird, wird eine große Feuerschale in den Hof gestellt, das Holz entzündet und eine flache Schale oben drauf gestellt. Darin wird Schaffleisch gebraten. Muller macht den Koch und dirigiert. Egal was er grillt, brät oder kocht, er kanns. Es gelingt ihm immer. Dazu gibt’s Bier und später Buna. Wir essen drinnen. Injera mit Fleisch. Nach dem Abendessen ist langsam Zeit zum Aufbruch. Ich sitze neben einem der anderen Gäste hier und unterhalte mich auf Englisch. Dabei erwähne ich auch die Geschichte über Lucy und die Herkunft ihres Namens. Den Song Lucy In The Sky kannte er nicht. Nebenbei trinke ich auch wieder von Tigist kreierten Irisch-Coffee.

      Dann kommt er, der Augenblick des Abschieds. Jonathan, der Jüngste hat mir bereits vorher gute Nacht gesagt mit einem Gute-Nacht-Küsschen auf die Wange und ist schon im Bett. Somit verabschiede ich mich von allen und bedanke mich bei Tigist und ihrem Mann mit den Sätzen, die ich vorhin geübt habe. Tigist kann sie verstehen und sie freut sich riesig. Muss ich also halbwegs richtig übersetzt haben. Sie umarmt und drückt mich. Ihr Mann ebenfalls, wobei er mir Segenswünsche übermittelt, wie Muller mir übersetzt. Ich darf mich von nun an als Teil ihrer Familie betrachten und sie hoffen, dass ich zum nächsten Meskelfest wieder im Lande bin. Dann bringt mich Muller ins Eliana zurück. Termin für den nächsten und letzten Tag, morgen 3.00 Uhr Lokalzeit. ደህና እደር። dähna ider Muller. ነገ እንገናኝ። nege in-gänang.


      Straßenszenen aus Südwest-Äthiopien
    • Thema Sicherheit

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      In den neun Monaten dieses Jahres war ich nun insgesamt rund 40 Tage im Land. Während der ganzen Zeit gab es nicht eine Situation, wo von anderen Menschen Gefahr oder Bedrohung für mich ausgingen. Im Gegenteil, ich habe die Äthiopier als immer höfliche, hilfsbereite und liebevolle Menschen kennengelernt. Trotzdem ist das Land nicht frei von Gefahren. Man muss hier schon auf sich aufpassen und die Augen überall haben. Es wird nicht wie in Deutschland vor allen nur denkbaren Gefahren von Amts wegen gewarnt. Das Land hat andere Prioritäten. Deshalb ist hier jeder für seine eigene Sicherheit selbst verantwortlich.

      Da ist zum einen der Straßenverkehr, den man als Fußgänger ja auch erlebt. Hier sollte man sehr achtsam sein beim Überqueren von Straßen. Autos können aus völlig unerwarteten Richtungen kommen. Fußwege sind manchmal lebensgefährlich, wenn man nicht achtgibt. Es tun sich unverhofft hohe Absätze oder Löcher vor einem auf, in die man sehr schmerzhaft stürzen kann, selbst in der Hauptstadt. Im Hellen sind sie ja noch zu sehen. Bei Dunkelheit schon schwerer. Falls aber der Strom man nicht da ist, leuchten auch keine Straßenlaternen. Dann sind sie gar nicht zu sehen. Deshalb sollte man immer eine Taschenlampe dabeihaben.


      „Fußweg“ in Jinka. In solchen Löchern habe ich Bewehrungseisen gesehen, wo man sich noch aufspießt, wenn man dort hineinfällt.

      Elektrische Anlagen und Geräte können schon mal freiliegende stromführende Teile haben. Aber man muss ja seine Finger nicht da haben, wo man in Deutschland auch nicht reinfassen würde.


      Freiliegende Leitung einer Verteilerdose in meinem Zimmer im Jinka-Resort.


      Völlig frei zugängliche 380V Sicherungen an einem Strommast in Turmi in Griffhöhe.


      Ungesicherter Brunnen auf dem Mango-Zeltplatz bei Turmi.



      Bei Urlaub mit Kindern, was ich in der Doho-Lodge auch gesehen habe, gilt das natürlich besonders. Kinder sollten schon sehr selbständig sein, andernfalls hat man besser immer ein Auge auf sie. Hier im Land ist es üblich, dass kleine Kinder unbeaufsichtigt am Straßenrand spielen und der Verkehr vorbeirauscht. Da passen 5-6jährige auf ihre kleineren Geschwister auf.
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      Als Touri ist man ja auch üblicherweise nicht mitten drin in politischen Unruhen...

      Und ich bin 100% sicher, dass Muller gut aufpasst und die Augen und Ohren überall hat.

      Ich muss sagen, dass ich es ja mit einem aggressiven Unhold zu tun hatte, der offenbar einen (nicht sehr geschickt eingefädelten) Scam vorhatte. Aber mit gesundem Menschenverstand und etwas Erfahrung kriegt man das allen hin... Man darf sich nur nicht scheuen im Zweifelsfall laut zu werden und offensiv Einheimishe um Hilfe zu bitten...
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      30. September 2019 – Addis Abeba Shoppingtag

      Ich bin schon um 0.00 Uhr Lokalzeit wach, also kann ich mir Zeit lassen. Ich packe in aller Ruhe ein, bis 5.00 Uhr soll ich das Zimmer räumen. Ein letztes ausgiebiges Frühstück und dann gehe ich noch einmal zum Barbiersalon nebenan, nachschneiden lassen.

      Heute wollte ich mir ein Shirt mit dem amharischen Satz: ያለ ቡና ቀኑ ይጠፋል። bedrucken lassen. „Ohne Kaffee ist der Tag verloren.“ Muller kennt einen Ort, wo so etwas gemacht wird. Da er um 3.15 Uhr noch nicht da ist, verlasse ich allein das Hotel und schaue mir die Einkaufsmöglichkeiten in der Umgebung an. Kaffee brauche ich auch noch. Muller hat ja meine Telefonnummer.

      Schräg gegenüber in einer anderen Mall entdecke ich doch tatsächlich eine Werbetafel für Print-Arbeiten, einschließlich Textilien. Der Wachmann nennt mir die 3.Et. als ich ihn danach frage. Ein kleines Geschäft mit zwei Räumen. Vorn der Kunden- und Arbeitsbereich mit zwei PCs und Kopierer, hinter der Technikraum für andere Drucke. Ich muss warten, es sind Kunden vor mir. Als ich an der Reihe bin und meinen Wunsch dargebracht habe, zeigt man mir eine Reihe von Shirts mit Druck. Ich versuche klarzumachen, dass ich kein fertiges Shirt haben, sondern eines bedruckt haben möchte. Als das klar war, wird mit mir die Art der Drucktechnik besprochen. Ich wähle eine aus. Dann wollen die wissen, was draufgedruckt werden soll. Ich mache deutlich, dass ich kein fertiges Motiv habe, sondern nur eine Idee. Ich soll mich für eine Shirtfarbe entscheiden, was ich aber erst will, wenn ich das fertige Motiv gesehen habe. Die Farben sollen ja zusammenpassen. Die Angestellten wollen aber nichts machen, bevor ich mich für eine Farbe entschieden habe. So geht das eine Weile hin und her.

      Ich lasse mir Stift und Papier geben und skizziere meine Idee. Die Umrisse des Landes, gefüllt mit den Nationalfarben und daneben meinem Satz, verteilt auf drei Zeilen. Jetzt will ich eigentlich, dass sich jemand an den PC setzt und dies grafisch umsetzt. Doch irgendwie sind andere Kunden wichtiger. Es geht nicht so richtig vorwärts. Schließlich bequemt sich doch eine Dame und macht einen ersten Rohentwurf. So richtig gefällt es mir noch nicht. Ich will Änderungen. Die Karte kleiner. Die Buchstaben in gleicher Größe und optisch den Text besser ausgerichtet. Die Frau hat keine Lust dazu, es werden wieder andere Kunden bedient. Aber immerhin, ich weiß jetzt, dass ein blaues Shirt farblich passen würde.

      Inzwischen habe ich mitbekommen, das sind alles keine Fachkräfte. Die Arbeitsweise unkoordiniert und uneffektiv. Langsam werde ich hibbelig. Dann soll ich ein Shirt besorgen, die haben keine blauen Shirts mehr vorrätig. Neben dem Eliana soll es einen Textilgeschäft geben. So trabe ich los. Zuerst ins Hotelzimmer. Gerade oben angekommen, klingelt mein Handy. Es ist schon nach 6.00 Uhr. Muller ist dran, er hat mich bereits vermisst. 7 Anrufe auf dem Phone. Keinen habe ich davon mitbekommen. Muller ist jetzt unten in der Lobby. Er schickt mir jemanden hoch mit Wagen fürs Gepäck. Ich räume das Zimmer. Mein Gepäck bleibt an der Rezeption, wir fahren los mit Mullers Kleinwagen. Der Gurt ist repariert, ich kann mich wieder anschnallen.

      Zuerst hole ich mir ein blaues Shirt aus dem Geschäft. Damit geht es zur Mall zurück. Zu Muller sage ich, er soll hinterherkommen, das dauert sicher noch eine Weile da oben. Doch der Printladen ist zu. Mittagspause wohl. Wir warten eine Weile bis wieder geöffnet ist. Mein Rohentwurf ist noch auf dem Bildschirm. Muller sieht ihn und sagt, die Fahne ist falsch. Im Entwurf ist in der Karte das blaue Symbol in der Mitte enthalten. Die Äthiopier akzeptieren aber mehrheitlich nur die drei historischen Nationalfarben. Das blaue Staatssymbol ist hier in etwa so beliebt, wie das Symbol in der Mitte der DDR-Flagge bei den Bürgern der DDR es war.

      Also wird erst einmal die Karte im Motiv ausgetauscht, wobei mir wieder das Unvermögen dieser Laienspieltruppe auffällt. Es dauert ewig, bis die eine andere Grafik eingefügt haben. Jetzt will ich noch die Karte kleiner haben und die Anordnung des Textes passt mir auch noch nicht. Da sich niemand rührt, setze ich mich kurzerhand selbst an den PC und lege los, bis alles so ist wie ich es haben will.

      Jetzt könnte das Shirt bedruckt werden. Ich übergebe es. Doch leider stellt sich nun heraus, die haben nicht die passenden Druckfarben für Textilien vorrätig. Es wird jemand geschickt, die zu besorgen. Muller hat Hunger, er hat heute noch nichts gegessen. Also machen wir Mittag. Eine Etage tiefer. In 30 Minuten soll das Shirt fertig sein. Nach 45 Minuten sind wir wieder im Laden. Noch nichts ist passiert. Stattdessen wursteln die Angestellten bei anderen Aufträgen herum. Ich bin schon genervt, aber jetzt aufgeben will ich auch nicht so kurz vor dem Ziel. Ich sage zu Muller, die sollten sich umbenennen in CCC. Chaos Computer Club. :cursing:

      Es stellt sich heraus, hier kann das Shirt nicht gedruckt werden. Die Technik spielt nicht mit. Wir sollen mit dem Shirt in eine andere Filiale der Firma fahren. Nicht weit weg. Wir verlassen die Laienspieltruppe. Draußen warte ich, bis Muller mit dem Auto kommt. Aber stattdessen kommt er zu Fuß aus der Tiefgarage. Nächste schlechte Nachricht. Das Auto springt nicht an, die Batterie. Ich will wissen, ob die Batterie kaputt ist oder ob sie nur leer ist, weil das Licht vergessen wurde. Muller sagt, er hat vergessen das Licht auszumachen. Ok, also brauchen wir nur Starthilfe.

      Wir verschwinden in die Tiefgarage. Muller holt aus dem Kofferraum „a kind of“ – eine Art von Starterkabeln. Also drei Kupferstrippen ohne Klemmen und nicht allzu lang. Hierfür bedarf es mehrerer Hände. Wir holen uns weitere Personen und ein Starterfahrzeug dazu. Zum Halten der Strippen, schließlich darf nicht noch ein Kurzschluss mit der Karosserie dazukommen. Dann läuft er wieder der Kleine. Den Helfern drücken wir ein paar Birr in die Hand und fahren zur anderen Filiale. Dort geht Muller selbst hoch, da nur er weiß wo die sein soll. Ich bleibe im Fahrzeug und bewache den laufenden Motor. Nach knapp 10 Minuten ist er wieder da. Mit bedrucktem Shirt. Heureka! Die ganze Aktion hat ja auch nur 8 Stunden gedauert. Es ist nämlich 12.00 Uhr durch und schon dunkel. Ich habe jetzt meine ganz eigene Erklärung, warum hier erst 2012 ist. „Weil alles langsamer geht.“

      Wir düsen schnurstracks ins Hotel und holen das Gepäck. Dann müssen wir noch mal zu Muller nach Hause. Er hat vergessen, die Tüte mitzubringen, die ich von Helen für den Laptop bekommen habe. Er hatte sie aufbewahrt, damit ich die nicht den ganzen Urlaub mitschleppen muss. Auf dem Weg dahin halten wir an einen Supermarkt. Ich will Süßigkeiten für die Kinder kaufen zum Abschied. Im Markt will ich auch gleich noch Kaffee kaufen. Muller muss sich outen, dass er Kaffee für mich als Abschiedsgeschenk besorgt hat, um mich davon abzuhalten.

      So sind wir bald darauf wieder bei Mullers Schwester. ተመለስሁ። scherze ich und begrüße sie wieder. Ich bin zurück. Es gibt noch einmal Buna, einen nicht allzu langen Schwatz und dann müssen wir wieder los, zum Flughafen. Vorher drücke ich Muller noch einen Briefumschlag in die Hand. Mit einem Dankeschön darin. Noch einmal Abschied von der Familie, die vergessene Tüte und den Kaffee auch noch ins Gepäck gestopft und dann nichts wie los. Knapp 3 Stunden vor Abflug sind wir am Airport. Es regnet wieder. Muller erkämpft für mich noch einen Gepäckwagen. Dann ein letzter Abschied. Ich hoffe nicht für immer. Eine letzte Umarmung. Dann fährt er los. Ich fühle mich traurig und schiebe den Wagen zum Terminal. Warum müssen Abschiede immer so schwer sein?

      Vor dem Terminal eine 100m lange Schlange. Alle wollen rein. Zur ersten Sicherheitskontrolle. Drinnen geht die Schlange weiter. Vor dem CheckIn die nächste Schlange. Die drei Stunden Puffer vor Abflug habe ich auch gebraucht bis ich endlich am Gate war. Recht pünktlich gegen 23.45 Uhr internationaler Zeit hebe ich von afrikanischem Boden ab. Für immer? Hoffentlich nicht.


      ***** Ende des Berichts
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      Ein interessanter Bericht! :)
      Schön, wenn man diesen zurückgelehnt auf dem Sofa sitzend lesen kann, ohne die Komfortzone verlassen zu müssen.

      Solch eine Reise werde ich ganz sicher nicht mehr erleben, daher ein dickes Dankeschön!

      Viele Grüße
      Petra
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      Auch ich möchte mich für den tollen Bericht bedanken, solche Eindrücke und Erlebnisse bekommt man nicht alle Tage zu lesen. Ich habe jeden der Tage verschlungen und mich schon auf den jeweils nächsten Bericht gefreut. Du hast dich ganz und gar auf das Land eingelassen und bist nicht nur durchgereist. Respekt für Deinen Mut so unterwegs zu sein. Für die meisten von uns ist dies unvorstellbar. Ich wünsche Dir ein gutes Eingewöhnen zu hause und weiterhin so tolle Reisen abseits der beaten tracks. Es war ein Erlebnis mit dir mitreisen zu dürfen, danke nochmal.
      Viele Gruesse

      Vivien
      (Reiseerinnerungen)
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      Moin moin

      Dankeschön für Eure lieben Worte. Es hat mich gefreut, Euch auf diese Reise mitnehmen zu dürfen. Schön, wenn es Euch gefallen hat.

      Mein Dank gehen auch an Sizaid, der uns wohlbehalten durchs Land gebracht hat und an meinen Freund Muller. Ohne ihn hätte ich diese außergewöhnliche Reise so nicht machen können. Ich fühle mich geehrt, mit Euch die drei Wochen Südäthiopien erleben zu dürfen. Und schließlich großen Dank an Tigist und ihre Familie für die liebevolle Gastfreundschaft.

      Eine unvergessliche Reise. <3 Mitten im Leben. <3
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