100.000 Seeleute sitzen auf Kreuzfahrtschiffen fest

  • Auf Corona-Odyssee: Seit Mitte März dürfen Kreuzfahrtschiffe nicht mehr anlaufen, Reedereien ließen weltweit aber rund 100.000 Mitarbeiter an Bord - ohne Geld und Perspektive. Die Folge: Hungerstreiks und Suizide.


    Artikel im Kurier


    Man kann es drehen wie man will, diese "Branche" ist einer der unappetitlichsten Auswüchse unserer spätkapitalistischen Gesellschaft.

  • Wundern tut mich das eigentlich nicht, wie man hier mit Menschen umgeht. Ich habe nichts anderes erwartet.

    Die Philippinos und die anderen asiatischen Sklaven auf den Kreuzfahrtschiffen haben halt keine Lobbyisten, die für sie sprechen.

    Es stellt sich die Frage, wie es mit den Kreuzfahrten weitergeht. Alles auf so engen Raum, das kann nicht gut gehen.

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jetzt jemand eine Kreuzfahrt freiwillig macht.

    Vielleicht ist es langfristig gesehen das aus für die Kreuzfahrtschiffe.

    Es wird ja wahrscheinlich keine Zeit nach dem Corona-virus geben, sondern nur eine Zeit mit dem Corona-virus.

    Dieser Virus dürfte uns bleiben.


    X(

  • Es ist wohl zutreffend, daß derzeit noch einige Tausend an Personal auf Kreuzschiffen festsitzt, doch „, Reedereien ließen weltweit aber rund 100.000 Mitarbeiter an Bord“ hört sich so nach „die werden dort eingesperrt“ an. Der, zugegeben ungünstige Zustand, ist jedoch den Umständen geschuldet.

    Hier ein kleines Vorwort. Ich lese in den letzen Monaten eher still im Forum mit.

    Ich liebe individuelle Reisen nach Süd-Ost-Asien, wir waren schon viele Male in Thailand, Indonesien, Vietnam, Kambodscha, Laos, aber: wir sind auch Kreuzfahrt Fans und haben weit über 20 Kreuzfahrten gemacht. Mir ist klar, das ist jetzt ungefähr so, als ob ich in einem Forum für Vegetarier schreibe: ich esse gerne Steak.

    Doch das eine schließt für mich das andere nicht aus, und jede Kreuzfahrt die wir unternommen haben, war eine tolle Reise, auf der wir eine gute Zeit verlebt haben und schöne (individuelle) Ausflüge unternommen haben und Erlebnisse hatten, nichts, für das ich mich rechtfertigen möchte oder muß.

    Doch nun zu den 100.000 Menschen Besatzung, die auf den Schiffen festsitzen. Den link dazu zu dem Artikel/Kurier kann ich leider nicht öffnen.

    Selbst verfolge ich das als interessierte Kreuzfahrerin, und es ist eine außergewöhnliche Situation. Mitte März waren alle Kreuzfahrtschiffe weltweit unterwegs und wurden von dem Ausbruch der Pandemie überrascht. Die Passagiere konnten, mehr oder weniger planmäßig, die Heimreise antreten, die Flüge in die Heimat konnten entweder wie gebucht angetreten werden oder notfalls als Rückholflüge. Das Personal auf den Schiffen gehört vielen verschiedenen Nationen an, die monatelange Kontrakte haben. Landesgrenzen sind dann innerhalb kürzester Zeit dicht gemacht worden und Flugverbindungen wurden eingestellt, das Personal saß auf den Schiffen fest und es gab keine Möglichkeit, dies in die Heimatländer zurückzuschicken. Eine außergewöhnliche Situation.

    Wie ich das verfolgt habe, ging es so weiter:

    Je nach Reederei wurden das Personal auf den Schiffen nach Nationalität zusammengesammelt. Der Austausch zwischen den Schiffen geschah entweder auf offenem Meer oder bei einem Stopp auf Inseln. Da wurden dann z.B. alle Inder oder alle Philippininos auf einem Schiff zusammengefasst. So z.B. warteten wochenlang vor Manila viele Kreuzfahrtschiffe, bis es von der Regierungen erlaubt war, daß die Besatzung = philippinische Seeleute wieder an Land gehen durften. Das alles war ein organisatorischer, noch nie dagewesener Akt für die Reedereien. (bei Facebook unter „seaman’s Adventure“ dazu einige Berichte und Videos)

    Unappetitliche Branche ? Ich weiß nicht, wie es für das Personal an Bord geregelt wurde, ob die weiterhin bezahlt wurden, das würde mich auch sehr interessieren.

    Doch wenn ich mir den Bericht über Hallstatt anschaue (vielen Dank für den link, war ein sehr interessanter Bericht), ist die Situation dort nicht so viel anders. Das Hotelpersonal wird entlassen, Kurzarbeit ist keinen Alternative ? Die Chefin kommt mit dem Porsche vorbei, um sich zu „kümmern“. Auch nicht besonders „appetitlich“.

    Das Personal auf Kreuzfahrtschiffe hat langfristige Kontrakte (meist 9 Monate) inklusive Flug nach/bis Schiff/Heimatland. Es verdingt sich gegen Geld. Die Verdienste sind, bezogen auf das Heimatland überdurchschnittlich, das Geld wird gespart und im Anschluss kann eine Existenz aufgebaut werden und/oder die Familie in der Heimat wird versorgt.

    Ähnliches haben wir auch in Asien vielfach erlebt, in Thailand war das Personal von den Bungalows oder Restaurants ausMyanmar, die dadurch Ihre Familien in der Heimat unterstützen oder in Indien Personal aus Nepal. Ob die nun während der Corona Krise weiterhin Ihre Stellung behalten oder Geld bekommen? Wohl kaum...

    Same, same, but different.


    Schlußwort:

    Wir wären normalerweise im Mai auf einer Kreuzfahrt von Hawaii nach Vancouver unterwegs gewesen. Auf die Rückerstattung des bezahlten Reisepreises haben wir zugunsten eines Gutscheines für eine nächste Kreuzfahrt verzichtet. Freiwillig. Und auf die freuen wir uns, genauso, wie auf die nächste Reise nach Thailand oder Vietnam oder Indonesien....

  • Die schlimmen finanziellen Auswirkungen für die betroffenen Familien möchte ich jetzt mal außer Acht lassen - da gibt es, wie oft erwähnt, weltweit genügend Beispiele.

    Aber was nun die Suizide betrifft, bin ich ratlos.

    Diese Mitarbeiter sind doch auch im normalen Betrieb über viele Monate ausschließlich auf diesen Schiffen "gefangen" und leben in diesen Kabinen.

    Wo ist jetzt der Unterschied, ob das Schiff unterwegs ist oder im Hafen?

    Fehlen die Passagiere, die Arbeit?

    Ich versteh's nicht... :confused:

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    Heaven is where the police British, the cooks Thai, the mechanics German, the lovers Italian and it is all organised by the Swiss.
    Hell is where the cooks are British, the mechanics Thai, the lovers Swiss, the police German and it is all organised by the Italians.

  • Ich konnte den Artikel jetzt auch nicht lesen.


    Es ist doch aber schon ein Unterschied, ob man nun auf dem Schiff arbeitet, das Schiff ab und zu verlassen kann, wie es halt der Arbeitsplan zulässt, oder ob man in Quarantäne steckt und das Schiff nicht verlassen DARF. Das Arbeiten auf dem Schiff ist freiwillig, aber das Auf-dem-Schiff-bleiben-müssen ist eine ganz andere Geschichte, die die Psyche ganz schön angreifen kann.


    So geht es jedem, der irgendwo auf der Welt festgehalten wird und irgendeiner b estimmt: Du darfst nicht weg. Ich habe das vor vielen Jahren bei 9/11 mitgemacht, als ich nicht aus den USA wegkam, es war schrecklich und ich war nur in dem Land gefangen.


    Viele Grüße
    Petra

  • Zusättlich zu dem Gefangensein auf dem Schiff ist doch auch ein Unterschied, ob du arbeitest und Geld verdienst, welches du nach Hause schicken und damit deine Familie ernähren kannst oder ob du ohne Geld und jede Perspektive irgendwo festsitzt und weisst, dass deine Familie, deine Kinder (ver)hungern und du nichts tun kannst.

  • Ja, das alles erklärt sich wohl durch die psychologischen Aspekte. War mir nicht bewußt, das so schwere psychische Störungen, in denen man gar keinen anderen Ausweg mehr sehen kann, sich in einer doch vergleichsweise sehr kurzen Zeitspanne aufbauen können.

    Rational betrachtet ist der (hungernden) Familie ja erst recht nicht geholfen.

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  • Mir ist klar, das ist jetzt ungefähr so, als ob ich in einem Forum für Vegetarier schreibe: ich esse gerne Steak.

    Der Vergleich ist etwas unglücklich gewählt. Kreuzfahrten sind schließlich nicht die Filetstücke des Tourismus. ;)

    Und Vegetarismus wäre für mich der Verzicht auf den Verzehr tierischer Lebensmittel. Verzicht setzt allerdings voraus, dass man etwas grundsätzlich gerne machen würde, aber aus verschiedenen Gründen davon Abstand nimmt. Mich interessieren Kreuzfahrten jedoch nicht die Bohne.


    Alles Schlechte, was Du über andere Reiseformen aufzählst, ist natürlich grundsätzlich nicht falsch, fällt aber unter "Whataboutism".

  • Eigentlich interessieren mich Kreuzfahrtschiffe nicht die Bohne - da der von ND verlinkte Artikel aber leider nicht lesbar ist, hab ich mal nach anderen Infos geschaut. Auch die Süddeutsche hat das Thema aufgegriffen - hier eine etwas differenziertere Darstellung.


    Über Suizide an Bord berichtet dagegen die Welt in der Ausgabe vom 29.05. sowie der Spiegel am 19.05.