Abenteuer Äthiopien pur

  • Danke für die Frage + die Erklärung - brauch ich nicht soviel googeln :)


    Ich weiß nicht, wobei mir unwohler wäre: Nackig orientierungslos auf einen Hahnenschrei zu warten oder die nächtliche Handfütterung einer Hyäne, selbst wenn Muller dabei ist.

    Schlimmer wäre nur noch die Kombi :)


    Hinterfragen denn die Dorfbewohner, warum ein Weißer bei ihnen wohnen will?

  • 14. Jan. – Fahrtag Dassanetch nach Arba Minch


    Heute haben wir einen wirklich langen Weg vor uns. Im Dorf Timbaithe brechen wir unsere Zelte ab. Frühstück gibt es später. Muller wird dabei fast von einem Skorpion erwischt, der unter der Sauberkeitsplane eines der Zelte saß. Er hatte ihn schon an der Hand, war aber dann doch schneller. Die Fotos davon sind leider auch dem Kameraproblem zum Opfer gefallen.


    Wir bedanken uns bei den örtlichen Kräften David, Khamatee und dem Dassanetch, der mich eingekleidet hatte. Drei meiner Handlampen überreiche ich ihnen als Gastgeschenke. Dann Verabschiedung, eine nochmals eine herzliche Bedankung und wir fahren ab. In Omorate setzen wir David und Khamatee ab, der ins Spital will. Er hat sich eine Augenentzündung eingefangen. Obwohl er kein offizieller Guide war, gebe ich ihm 200 Birr, die auch für nötige Behandlungskosten im Gesundheitscenter gedacht sind.


    Auf der Asphaltstraße auf dem Rückweg nach Turmi suchen wir uns nach 30 Minuten Fahrt eine schöne Stelle, um unser Frühstück nachzuholen. Es gibt wieder was mit Eiern, einen Rest des Abendessens und selbstverständlich Buna und Tee für Muller. Ein bewaffneter Dassanetch-Hirte taucht auf, etwas später noch einer. Die beiden bleiben neugierig bei uns. Wir geben ihnen etwas vom Frühstück ab und auch einen Tee bekommen beide. Als Gegenleistung lassen sie sich fürs Fotoshooting überreden.




    Wir packen zusammen, der Abwasch ist erledigt und fahren weiter über Turmi und die Pistenstraße Richtung Key Afer. Eigentlich steht heute der einmal wöchentlich stattfindende Markttag in Key Afer auf dem Reiseplan, weil es aber bereits recht spät ist, der Weg bis Arba Minch noch lang und ich diesen Markt bereits einmal besucht hatte, mache ich den Vorschlag, abzukürzen und gleich Richtung Arba Minch durchzufahren.


    Der Vorschlag wird angenommen. An der Auffahrt zu Hauptstraße nach Arba Minch wechselte Muller ein paar Worte mit einem aus Richtung Arba Minch kommenden Truck-Fahrer. Er wollte nur von ihm wissen, ob die Straße frei sei. Jetzt kam der lange Weg auf der Nr. 9. Sizaid und Muller wechselten wieder die Plätze. Siz nach hinten. Muller fährt. Am Kontrollposten in Weyto fragte er erneut einen entgegenkommen LKW-Fahrer, wie es auf dem Weg nach Arba Minch aussieht. Und später, als wir uns schon dem Konsogebiet näherten, wurde ein drittes Mal gefragt, ob der Weg nach Arba Minch frei sei. Es gab jedes Mal grünes Licht von den Befragten. Warum Muller so oft dieselbe Frage stellt, war mir nicht klar.


    Endlich nach einer Ewigkeit und steifen Rücken vom vielen sitzen erreichten wir Konso Ort. Jetzt sind es nur noch gute 80km bis zum Ziel. Weiter ging es durch die Konso-Region. Ich machte mein Smartphon einsatzbereit. Auf der Hinfahrt sind wir durch eine zerstörte Ortschaft gefahren. Jetzt wollte ich die Gelegenheit nutzen und Fotos davon machen. Muller meinte, das ginge, aber wir müssten erst schauen, ob Leute in der Nähe sind. Sonst wäre es besser, aus dem Auto heraus zu fotografieren.


    Es hatte vor Monaten und dann noch einmal vor Wochen Unruhen, Gewalt und Vertreibungen in der Konso-Region gegeben. Dutzende wurden ermordet und 10.000de Konso vertrieben. Ethnische Konflikte sollen die Ursache gewesen sein, so war es in den Nachrichten aus dem Land zu erfahren, die ich seit einiger Zeit verfolgte. Die zerstörte Ortschaft hier war nur einer der betroffenen Orte und die Folgen waren gut zu sehen, weil die einzige Hauptstraße Richtung Jinka und in den Süden des Landes hier durch den Ort verlief. Abseits dieser Hauptstraße muss es viele weitere zerstörte Dörfer geben.


    Laut den Medien wurden nicht nur die Ortschaften angezündet, sondern auch Vieh und Ernten vernichtet oder geraubt, um den Bewohnern die Lebensgrundlage zu nehmen. Im Ort der gleich kommen wird, war wirklich alles zerstört worden. Jede einzelne Hütte abgebrannt. Sogar die Verkaufsstände aus Blech, direkt an der Straße liegend, die nun so gar nicht zum Brennen zu bringen sind, hatte man durch physische Gewalt zerstört.


    Wir wurden in einer Ortschaft von Polizei gestoppt. Der Polizist sagte uns, der nächste Ort sei besetzt und wir würden sehr wahrscheinlich angehalten und kontrolliert. Wir hätten aber nichts zu befürchten, die wollen nichts von uns, die wollen nur wissen, wer durchfährt. Wir sollten aber unbedingt auch anhalten, wenn man es von uns verlangte.


    Jetzt wurden mir auch Mullers häufige Fragen nach dem freien Weg nach Arba Minch klar. Der Konflikt ist wohl immer noch am Schwelen. Ok, wenn die Polizei sagt, wir hätten nichts zu befürchten, dann wird’s wohl stimmen. Mein Phone war fotobereit. Wir fuhren weiter.


    Der nächste Ort war dann auch genau das zerstörte Dorf, wo ich fotografieren wollte. Wir fuhren langsam durch, Muller hatte aber beschlossen, wir steigen nicht aus zum Fotografieren, sondern machen Bilder während der Fahrt. Ich stellte mein Phone auf Serienbilder alle 2 Sec. und knipste rechts aus dem offenen Seitenfenster. Muller hielt sein Phone links aus dem Fenster. Zu sehen war erst einmal niemand. Die kaputten Gebäude zogen an uns vorbei.




    Dann standen da vor uns am Straßenrand Leute. Handys rein, Seitenscheibe zu und langsam weitergefahren. Wir bekamen ein Handzeichen zum Anhalten und hielten neben der bewaffneten Gruppe. Ich kurbelte die Seitenscheibe herunter, da die mit uns sprechen wollten. Es ergab sich eine Diskussion zwischen Muller und den Wortführen draußen, von der ich nichts verstand. Dann mussten wir die Schiebtür öffnen. Der Innenraum wurde inspizieret. Die Diskussion ging derweil weiter. Sie endete damit, dass Leute mit Kalaschnikows zu uns in den Bus stiegen und wir losfuhren. Wohin? Keine Ahnung.


    Fotografieren traute ich mich jetzt nicht mehr, obwohl ich nur zu gern ein Bild von den Männern mit den Gewehren gehabt hätte. Sie zu fragen, ob ein Foto ok wäre, war sicher gerade etwas unpassend. Ich warf einen Blick zu Muller rüber. Der zeigte keine Unruhe, sondern begann sich mit unseren „Gästen“ zu unterhalten, wie das seine Art ist. Muller kann mit fast jedem eine lockere Unterhaltung führen. Er hat etwas von Eddy Murphy und ist so ein Typ, der dem Deibel seine Großmutter abquatscht. Und genau das Talent nutzte er jetzt.


    Weil Fotos ausfielen, ließ ich heimlich den Audiorecorder mitlaufen. Das fiel nicht auf und ich ging davon aus, dass die nicht wissen, was ein Audiorecorder ist. Das Phone hatte ich zugeklappt in der Hand und tat auf unschuldig. Da sich eine für mich sich akustisch normale Unterhaltung entwickelte, beschloss ich die aktuelle Situation sei für uns als vorerst nicht gefährlich einzuordnen. Eine gewisse innere Anspannung stellte sich bei mir dennoch ein.


    Wir fuhren etwa 15 km mit den Leuten. Die Unterhaltung zwischen unseren „Gästen“ und Muller ging die ganze Zeit über entspannt weiter. So blieb ich auch entspannt, drehte mich sogar einmal nach hinten, um kurz einen Blick auf die Leute zu werfen. Dann sollten wir anhalten, sie wollten nun aussteigen. Wir waren in irgendeiner Ortschaft. Nachdem sie alle draußen waren, durften wir weiterfahren.


    Jetzt hielt ich es nicht mehr länger aus und beballerte Muller mit Fragen. Ich wollte jetzt alles wissen.


    Die waren von Volk der Garrdulas und haben ihre Nachbarn die Konso vertrieben. Von den Garrdulas hatte ich vorher noch nie etwas gehört. Sie fühlen sich von den Konso unterdrückt. Jetzt halten sie das Gebiet besetzt und kämpfen gegen Konso, die guerillamäßig versuchen ihr Gebiet widerzubekommen. Da die Sicherheitskräfte versuchen "Ordnung" zu schaffen, bekämpfen sie inzwischen auch die.


    Sie waren uns gegenüber freundlich und auskunftsbereit und äußerten, die Konso wollten ihre Kultur zerstören. Das zumindest glauben sie. Sie hatten drei Tage lang gekämpft, waren müde und wollten heim. Wir wurden als Taxi missbraucht und haben 12 Bewaffnete nach Hause gekutscht. Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte, die besseren Argumente hatten die. Wir wurden u.a. auch angehalten, weil wir AUS der Konsozone INS von den Garrdulas besetzte Gebiet fuhren. Wir hätten ja Konso einschleusen können. Was auch der Grund war, warum wir in der Woche davor nicht kontrolliert wurden. Mir war jetzt klar, dass wir durch eine aktive Kampfzone gefahren sind.


    Hier der Audiomitschnitt über meine Fragen an Muller und die Infos, die ich darüber bekam. Aussagen und Ansichten aus einer Konfliktzone aus sozusagen erster Hand.




    Den Audiomitschnitt während der Fahrt mit den ሽፍታ - shifta – Banditen, mit einer Länge von 17 Minuten, stelle ich hier nicht ein. Ich sage bewusst Banditen. Wer seine Nachbarn ermordet und vertreibt ist in meinen Augen ein Bandit. Mindestens. Auf Anfrage schicke ich den aber gern separat. Wer jemanden kennt, der fließend Amharisch spricht, bekommt Infos und Meinungen direkt von der Quelle.


    Der restliche Weg bis Arba Minch verlief in geordneten Bahnen. Abgesehen von einer Mullerschen Mangokauforgie in irgendeinem Dorf kurz vor Arba Minch. Wir hatten danach kiloweise Mangotüten im Toyota liegen. Ob Muller damit etwas kompensieren musste, ich weiß es nicht.


    Die Alternativroute zum Paradise Resort war jetzt auch Baustelle. Wir mussten wieder fragen, wie man nun dort hinkommt. Ich wurde abgesetzt und eingecheckt. Muller und Siz nächtigten wieder anderswo. Ich beschloss den Tag heute auf der Restaurantterrasse abzuschließen und noch ein oder zwei Bier zu kippen und ein paar Neuigkeiten über WhatsApp abzusetzen. Fahrtag. Haah. Was für ein Tag.


    Ich weiß, das ist jetzt nicht unbedingt Werbung FÜR Äthiopien. Aber ich wusste im Vorfeld um die inneren Konflikte des Landes und habe mich mit Muller darüber ausgetauscht. Deshalb habe ich auch stetig vor Reiseantritt die Nachrichtenlage gecheckt. Dennoch kam ich zum Entschluss, die Risiken sind beherrschbar. Und gleich hinterhergeschickt. Ich würde es aus heutiger Sicht wieder tun.


    Ich hoffe, dieses schöne Land kommt wieder zur Ruhe und behält seine Einheit. Das heutige Ereignis hier wegzulassen, wäre in meinen Augen nicht richtig gewesen.


    ኢትዮጵያ ለዘላለም ትኑር።

  • Muller ist vermutlich auch der A... auf Grundeis gegangen.


    Und ja, ich finde es auch wichtig, dass du den Vorfall hier beschreibst. Zum einen ist Äthiopien einfach ein Land, in dem es gerade auch in der letzten Zeit viele, viele Konflikte gab, die es ja sogar bis in unsere Medien geschafft haben.


    Zum anderen hilft Schönreden nichts.


    Es ist eben nur schade, wenn ein singulärer Vorfall in einer Region dazu führt, dass das ganze Land verteufelt wird, wie die einzelnen Vorfälle am Erta Ale vor etlichen Jahren und dann nochmals kurz bevor ich 2018 dort war.


    Ich hatte so etwas auf Reisen noch nie, nur eine illegale "Mautforderung" in Mexico auf dem Weg nach San Cristobal de las Casas. Da war ich aber auch nicht alleine, als vermummte und bewaffnete Typen am Straßenrand eine "Spende" wollten. Es standen etliche Autos in einer Reihe, ein paar Jungs hatten für die Wartenden Süßigkeiten und Wasser verkauft.


    Sieh es mal so: Ihr habt da ein paar Menschen nach der Schicht eine Mitfahrgelegenheit gegeben...

  • Da bin ich ganz Deiner Meinung. Auch das gehört in einen Reisebericht und zeigt wie zerrissen dieses Land ist. Ich hoffe das bald wieder Einigkeit und Frieden herrscht.

    Ich hatte gedacht das die Konflikte ausschließlich im Norden waren?


    Bei solchen Situationen wird einem schon etwas mulmig, die Willkür von Bewaffneten ist nie einzuschätzen.


    Zum Glück ging alles gut und der Tag endete entspannt.

  • 15. bis 16. Jan. – Arba Minch nach Addis Abeba


    Nach einem zeitigen Frühstück im Resort, fahren wir in Richtung Hauptstadt ab. Allerdings statten wir vorher der Polizeistation einen Besuch ab. Und siehe da, der Führerschein von Sizaid ist hinterlegt zur Abholung. Er muss nicht einmal Bußgeld zahlen.


    Der Weg ist wieder weit, die Straße oft schlecht. In Awassa machen wir eine kurze Pause und kaufen unser Mittagessen als take away, da noch niemand so richtig Hunger hat. Zu den vielen Mangotüten kommen heute noch drei Säcke a 20 kg getrockneter Paprika dazu. Muller kauft für die Familie und die Verwandtschaft. Die Säcke sind groß und kommen auf das Fahrzeugdach.


    Fast in jedem Ort warten eine oder mehrere Polizeikontrollen. Trafficpolice, Federalpolizei, die Oromopolice, Special Forces und auch Armeekräfte kontrollieren. Jeder für sich, Meist werden wir heraus gewunken und meistens dürfen wir nach einem kurzen Blick in den Wagen oder ins Handschuhfach gleich weiterfahren. Unser Toyota Hiace sieht halt aus, wie ein Sammeltaxi. Deshalb wollen auch ganz viele Einheimische mitfahren und geben Handzeichen. Lediglich einmal muss ich meinen Streetbag aus dem Fußraum öffnen. Mein Pass wird nicht verlangt. Ein Ferenji als Tourist an Bord, da verlieren sie das Interesse. Muller hat sich eine Bescheinigung über den touristischen Anlass der Fahrt „besorgt“, die er auf Verlangen vorzeigen kann. Wenn überhaupt mal etwas genauer hingeschaut wird, dann wollen sie dieses Dokument sehen und den Zettel über die Fahrzeugversicherung. Siz muss gelegentlich seinen Führerschein vorweisen.


    In Awassa nimmt es ein Beamter etwas genauer und zögert die Kontrolle hinaus. Mit sechs Mangos Gubo aus unserem reichhaltigen Vorrat lässt er sich allerdings umstimmen. Und weiter geht’s.


    Sizaid sagt kurz darauf etwas zu Muller. Sie unterhalten sich auf Amharisch. Ich verstehe einiges davon. Es geht anscheinend um die Mangoaktion von eben und darum, dass ich als Ferenji an Bord wie eine Mango bin. Ein Kontrollbeschleuniger. Da ich wissen will, ob ich richtig lag, spreche ich das Thema an und erzähle Muller auf Deutsch mit meinen Worten dasselbe. Woraufhin Muller mir sagt, dass er sich mit Sizaid eben darüber unterhalten hat. Yeah, Strike! Ich freue mich, weil ich mehrere Sätze hintereinander inhaltlich verstanden habe.


    Ingo – Mango

    wird ab sofort

    zu einem geflügelten Wort an Bord.


    An irgendeiner Tankstelle, wo es ናፍጣ - naftha gibt, tanken wir und essen unseren Lunch. Nicht jede Tankstelle hat auch Treibstoff zu verkaufen. Mal fehlts am Diesel, mal am Regular, wie das Normalbenzin hier heißt. Manche sind auch trocken. Zu sehen an langen Schlangen wartender Fahrzeuge, die auch fast trocken sind und auf Nachschub warten müssen.


    Erst gegen Abend treffen wir in der Hauptstadt ein. Wir haben die Masken wieder auf. Sizaid verabschieden wir unterwegs. Er wird später wieder als Fahrer dazukommen. Bis denn Siz, machs gut. እስከ በኋላ - iske behuwala – bis später.


    Am Haus angekommen, muss alles raus aus dem Bus. Auch die Berberee-Säcke vom Dach müssen runter. Muller will am nächsten Tag in die Werkstatt mit dem Hiace. Bremsen usw. überprüfen lassen, bevor wir wieder losfahren. Wir werden herzlich von allen begrüßt. Jonathan fällt mir wieder um den Hals. Auch Tigist, Redit und Asmerom werden umarmt und gedrückt. Sie wollen wissen, wie unsere Reise war. Na einfach nur super. Abendessen wird bereitet und beim Essen die Reise ausgewertet. Es stellt sich heraus, die Shifta-Aktion von gestern hat Muller noch gar nicht erzählt. Und so fällt Tigist aus allen Wolken, als sie es von mir erfährt. Da ich von der ganzen Fahrt müde bin, begebe ich mich alsbald zur Nachtruhe. Dehna ider. Dehna idersh. Nege ingeneng. Wir sehen uns morgen.


    Weil der Weg am nächsten Tag nicht weit ist, können wir länger schlafen. Es soll nur etwa 60 km bis Selale gehen, wir wollen uns das Kloster Debre Libanos ansehen. Muller fährt vormittags zur Werkstatt. Ich drehe mit den Kindern eine Runde um den Block und bekomme etwas mehr von dem Grau Bulbulas zu sehen. Sie zeigen mir auch ihre Schule von außen. Heute ist Samstag und somit schulfrei. Zurück am Haus, Muller ist immer noch unterwegs. Ich ziehe mit den Kids nochmal los, weil ich zum Friseur will und sie wissen, wo hier einer ist. Im ersten Stock eines Geschäftshauses an der Hauptstraße, keine 300 m vom Wohnhaus entfernt ist das Geschäft. Ich hätte es wahrscheinlich nicht gefunden.




    Wieder einmal frisch frisiert. Muller ist immer noch nicht zurück. Also gibt es Missa mit Indjera ohne ihn. Danach eine neue Spielrunde Memory. Ich gewinne gegen Jonathan!!! Hey, mein Glückstag heute.


    Spät taucht Muller auf. Er hat den Kleinbus reinigen und technisch überprüfen lassen. Doch jetzt gibt es ein Problem. Die haben ihm in der Werkstatt aus Versehen einen Fehler reingebaut. Die Bremse hinten links ist zu stramm eingestellt, die Felge kochend heiß. So können wir nicht fahren, der Wagen muss zurück in die Werkstatt.


    Wir müssen umplanen. Heute kommen wir nicht mehr weg, dazu wird es zu spät. Muller kühlt das Rad mit Wasser herunter und fährt wieder in die Werkstatt. Als er zurückkommt, ist der Wagen technisch reisebereit. Wir fahren morgen früh ganz zeitig, wird festgelegt. Aufstehen um 9.30 pm Lokalzeit. Abfahrt um 11.00 pm. Debre Libanos und die Zwischenübernachtung müssen morgen ausfallen. Jetzt müssen wie die ganze Strecke bis Bahir Dar an einem Tag schaffen. Also geht es zeitig ins Bett.

  • 17. Jan. – Addis Abeba nach Bahir Dar


    Am nächsten Morgen bzw. eigentlich noch mitten in der Nacht machen wir uns fertig. Wir verstauen wieder den ganzen Kram in den Toyota. Reisegepäck, Campingausrüstung, die übriggebliebenen Lebensmittel für die nächsten Campingtage, Wasserflaschen, Wasserkanister zwei der Berbereesäcke kommen wieder aufs Dach. Die sind für die Verwandtschaft im Norden. Dann ein kurzes zeitiges Frühstück und Aufbruch, es ist arschkalt draußen. Unter 10 Grad. Dennoch habe ich meine kurzen Shorts angezogen, weil es nachher wieder brütend heiß wird. Wir nehmen in Addis Abeba noch eine junge Frau mit, die nach Gonder möchte. Die Frau eines Freundes von Muller. Zu dritt also geht es Richtung Tana-See.


    Unser Weg führt uns auf der Nationalstraße Nr. 3 nach Norden über Gebre Guracha. Dann kommt das Highlight des Tages. Die Nilschlucht. Der blaue Nil macht aus Bahir Dar kommend einen großen Bogen nach Süden, herum um die Choke Berge, bevor er nach Westen abbiegt und in Richtung Sudan fließt. Vor Sudan ergießt er sich in einen neuen Stausee.


    GERD, der Great Ethiopian Renaissance Damm ist fertig und soll Äthiopien künftig besser mit Wasser und auch Strom versorgen. Äthiopien ist dabei den Stausee zu befüllen, was die oberen Nilanlieger nicht eben begeistert. Die fürchten, dass Äthiopien ihnen das Wasser wegnimmt. So ist GERD auch zu einem Streitobjekt zwischen Äthiopien auf der einen und Sudan sowie Ägypten auf der anderen Seite geworden. Beide Länder werden von der äthiopischen Regierung beschuldigt, die derzeitigen Unruhen im Land gezielt mit zu provozieren, um damit das Land zu destabilisieren. Was Sudan und Ägypten selbstverständlich bestreiten.


    Die riesige Nilschlucht hinter Gebre Guracha ist in Jahrmillionen durch die Wassermassen des blauen Nils entstanden. Die Region vor der Schlucht ist geprägt durch Milchviehwirtschaft. Bauern verkaufen ihre frische Milch am Straßenrand in großen Milchkannen aus Aluminium, wie man sie auch bei uns kennt. Auf dem Weg zur Schlucht wieder eine der zahlreichen Polizeikontrollen. Hier muss ich doch tatsächlich einmal meinen Reisepass herausgeben und es wird auch hineingeschaut.


    Die Schlucht ist 1500 m tief und die Straße windet sich in atemberaubenden Serpentinen und herrlichen Ausblicken auf die Steilwände der Schlucht über 44 km hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf. Es kann in der Schlucht bis zu 40 Grad heiß werden. Sie ist auch die Grenze zwischen Oromia und Amhara.


    Die Straße selbst ist in der Schlucht einem erbärmlichen Zustand und ein Unfallschwerpunkt ersten Ranges. Hier passiert ständig etwas. Den Fahrzeugen wird hier alles abverlangt und ein Fahrfehler ist lebensgefährlich. Wir kommen von einer Baustelle mit Stau davor abgesehen gut durch, auch weil Muller sich wieder einmal gekonnt vordrängelt. Letztendlich müssen sogar die Baufahrzeuge für unseren Toyota Platz machen und er fährt vor den Bauarbeitern auf der frischen Teerdecke an der Maschine vorbei. Ein Verhalten, bei dem man in D von den Bauarbeitern eins mit der Schaufel übergezogen bekäme. Hier im Land wird es toleriert. Wer am besten drängeln kann, hat Vorfahrt. Unglaublich. Es ist heute bislang auch anderen Fahrzeugen kein Unfall passiert. Lediglich einige Liegenbleiber sind zu sehen, die den Anforderungen an die Technik nicht gewachsen waren.



    Hinter der Schlucht wartet das Städtchen Dejen auf uns. Missa seat, Essenszeit. Ein Ort, der geprägt ist von einfachen Fernfahrerlokalen, die hier nach erfolgreicher Durchquerung des Canyons gern eine Pause machen. In einem solchen essen wir eine Indjeramahlzeit.


    Mineralwasser der Marke Gift


    Auf der Straße draußen stehen in einer Reihe Laster des World Food Programms. Lebensmittelhilfe für hunderttausende Einwohner und Flüchtlinge in der Bundesregion Tigray. Hier hatte im November erst ein einmonatiger Krieg getobt mit tausenden von Toten und Massakern an der Zivilbevölkerung. Abiy Ahmed ließ Federaltruppen gegen Truppen der abtrünnigen Regierungspartei von Tigray aufmarschieren, um diese abzusetzen. Diese ließ Raketen auf Gonder, Bahir Dar und Asmara, der Hauptstadt Eritreas abfeuern.


    Hungerhilfe für Tigray


    Amharamilizen ermordeten Tigrinya, Tigray-Jugendbanden massakrierten Amharen. Soldaten aus Eritrea kämpfen auf Seiten Abiy Ahmeds mit, gegen ihre eigenen engsten Sprachverwandten in Tigray und sollen sich auch nicht eben völkerrechtskonform benommen haben. Das volle Programm an Widerwärtigkeiten von allen an allen. Jetzt hungern Hunderttausende. Transportwege, Strom, Telekommunikation, Wasserversorgung und Banken und damit auch die Bargeldversorgung waren wochenlang gesperrt, geschlossen oder abgeschaltet, bzw. sind es teilweise noch. Auch mein Freund Mehrtab konnte lange keinen Kontakt mit seinen Verwandten in Mekele herstellen, um zu fragen, wie es ihnen geht. Die gesamte Region Tigray ist weiterhin militärisches Sperrgebiet. Zu leiden hat wie immer, am meisten die Zivilbevölkerung. Ein ganzes Volk von jeglicher Versorgung abzuschneiden und in eine Hungersnot treiben. Ein ökonomischer Krieg gegen Zivilisten. Unerhört. Ein Umstand, der mich dazu bewog, mich ein wenig in die Innenpolitik Äthiopiens einzumischen, wenn sich Gelegenheit dazu ergeben sollte. Dazu bedurfte es einer Vorbereitung, zu der ich später noch komme.


    Ministerpräsident Ahmed verkündete schließlich den Sieg über die TPLF, was diese naturgemäß abstritt. Fakt ist, es gibt weiter Kämpfe dort. Die Soldaten unter der TPLF haben sich auf Guerillakampf verlegt.


    Wir sind fertig mit Missa, auch Buna gab es, also kann es weitergehen. Wir verlassen die Nr. 3 und fahren über Bichena, Mota und Adet auf einer anderen Straße Richtung Bahir Dar. 60 km vor dem Ziel ein „Piffffffff“. Ich schaue zu Muller rüber und frage: „War des eben ein Reifen?“ Jepp, es hat uns erwischt, wir haben Reifenpanne. Vorn links.


    Muller holt das Werkzeug heraus. Ich habe Gelegenheit auch einmal diese Steinvariante der Fahrzeugabsicherung aufzubauen, die hier statt eines Warndreiecks verwendet wird. Muller ist ein Kontrollfreak und möchte mit den Worten „ich mach das, ich mach das...“ gern alles selbst tun. So lässt er mich auch kaum zum Zuge kommen. Beim Herunterheben des Reserverads vom Dach braucht er dann aber doch Hilfe. Einer muss ihm unten das schwere Teil ja abnehmen. Bevor er vom Dach runter ist, habe ich das Rad schon auf den Radbolzen. Hehehe. Zuuu langsam. Nach 30 Minuten (wir sind beide geübte Radwechsler) ist alles erledigt, die Klamotten weggeräumt, wir können weiter und erreichen ohne weitere Hinderlichkeiten die Stadt Bahir Dar am Nachmittag. Leider sind mir auch an diesem Tag ein großer Teil meiner Fotos gecrasht. Nur deren Vorschaubilder lassen sich noch anzeigen.


    Noch schnell volltanken und dann zum Hotel. Diesel gibt es heute nur für Behördenfahrzeuge, so der Tankwart. Echt jetzt? Glaubt Muller nicht. Gubo hilft bestimmt. Na also, geht doch. Wir steuern das Hotel Jacaranda an. Selbiges hatte ich bereits auf meiner ersten Äthiopienreise beehrt und ich bin der Meinung damals hatte ich auch dasselbe Zimmer. Nach gut zwei Stunden wollen wir uns wiedertreffen.


    Zum Abendessen holt er mich wieder ab und fragt, was ich gern essen möchte. Wir sind am Tanasee. Was mit Fisch. Auf keinen Fall Indjera. Davon brauche ich eine Auszeit. Wir steuern ein gutes Lokal in einer Seitenstraße an und bekommen ein gutes Abendessen. Bevor er mich am Jacaranda absetzt, wird der Treffpunkt für morgen 3.00 am festgelegt. Gute Nacht mein Freund, schlaf gut.

  • 18. Jan. - Tag vor Timkat in Gonder


    Um 2.00 am Lokalzeit soll Abfahrt sein. Ein gemütliches reichhaltiges Frühstück im Jacaranda habe ich gehabt. Muller ist da. Guten Morgen, dehna aderk? Dehna new. Antes? Wir laden mein Gepäck ein und holen die junge Dame ab. Dann kann es losgehen. Nach Gonder. Mein dritter Reisewunsch an Muller. Ich möchte zum Timkat-Fest dort. Timkat feiert die Taufe Jesu im Jordan-River.


    Wir verlassen Bahir Dar und fahren auf der Straße Nr. 3 nach Norden. Für die knapp 100 km werden wir nicht lange brauchen. Wir wollen am frühen Nachmittag in Gonder sein. Die Gegend die wir durchfahren ist geprägt durch Teff-Anbau. Teff ist die Getreideart, welche die Grundlage für Indjera ist und demzufolge die wichtigste Getreideart der Bauern im Land.


    Ohne weitere Hindernisse, von den alltäglichen Polizeikontrollen abgesehen, erreichen wir Gonder. Muller fährt in Gonder herum, um dort einen seiner Brüder zu treffen und ihm die Berbereesäcke zu geben. Anschließend fahren wir ins Master-Chef-Lokal zum Lunch. Danach fährt Muller mich ins Hotel. Ich checke ins Goha Hotel, hoch oben auf einem Berg über der Stadt ein. Ein Nobelhotel mit einer fantastischen Aussicht auf die Stadt unten. Lange aufhalten kann ich mich dort nicht, denn die Prozession geht bald los. Muller hat wg. Timkat keine Unterkunft mehr bekommen, deshalb checkt er mit ein. Mein (unser) Zimmer ist mit zwei Betten ausgestattet, kein Problem. Kurz das Gepäck abgeladen und los geht es wieder. Zurück in die Stadt. Muller hat sich einen guten Platz für die Beobachtung der Prozession ausgedacht. Da darf man nicht zu spät erscheinen. Den steuern sicher noch mehr Leute an.



    Das Goha-Hotel in Gonder




    Die Dame kommt mit, sie möchte sich die Prozession auch ansehen. Wir parken den Bus in einer Nebenstraße oberhalb eines Hanges. Der Hang ist auch unsere Aussichtstribüne. Die Prozession führt genau unterhalb vorbei. Ein perfekter Platz, das muss ich schon sagen. Wir kommen genau rechtzeitig. Es sind noch nicht viele Leute da. Wir stehen auf den besten Plätzen. Weit hinten, links unterhalb ist bereits die Spitze der Prozession zu sehen.






    Bei der Prozession selbst werden die Tabot-Tafeln und Nachbildungen der Bundeslade aus den verschiedensten Kirchen in Gonder herausgeholt, öffentlich präsentiert, zu einem oder mehreren zentralen Orten getragen und dort bis zum nächsten Tag ausgestellt. Das zeigen der Bundeslade bzw. der Tabot-Tafeln soll die Gläubigen an die 10 Gebote Gottes erinnern und sie anhalten nach den Geboten zu leben. Der Prozession voran wird ein großes Kreuz getragen. Wir können die Prozession von unserem Standort aus hervorragend sehen.



    Mädchen werden im äthiopischen christlich orthodoxen Glauben 80 Tage nach ihrer Geburt getauft, Jungen nach 40 Tagen. Jeder der getauft ist, ist gesegnet und kann ein ewiges Leben im christlich-orthodoxen Sinne erwarten. Der Akt der Taufe beinhaltet das Besprenkeln mit gesegnetem Wasser durch einen Priester und den Erhalt der heiligen Kommunion. Nach der Taufe ist ein Kind automatisch ein orthodoxer Christ. Zur Taufe gibt es im Heim der Familie des Täuflings ein Fest bzw. eine Zeremonie. Ein Bruder von Muller hat vor einer Woche ein Kind bekommen. Zur Vorbereitung dieser heimischen Zeremonie ist einer der Berbereesäcke gedacht, denn nach der Taufe wird gefeiert, gegessen und getrunken und viele Gäste kommen.


    Anschließend bringt Muller die Frau an ihren Zielort in Gonder. Das dauert eine Weile, denn durch die vielen Besucher ist die Stadt natürlich verstopft. Als wir es geschafft haben, wollen wir zurück. Auch das dauert wieder. Am Zielort der Tabot-Tafeln und der Bundesladen soll es eine weitere Zeremonie geben, die ich nicht verpassen möchte. Muller riet dazu etwas abzuwarten, da direkt nach der Prozession der Andrang dort am größten ist und man eingequetscht zwischen vielen anderen steht. Auch die Gefahr von Taschendiebstählen ist dann am größten.


    Durch die Hin- und Herfahrerei haben wir jetzt ausreichend Zeit verstreichen lassen. Ich möchte schnell zum Bad des Fasilides, weil dort der zentralste Ort für Timkat ist. Doch wir finden keinen Parkplatz. Es wird langsam dunkel und wir kurven immer noch in Gonder herum. Nix zu machen, alles dicht. Schließlich platzt mir der Kragen. Als wir unweit des Bades wieder mal stehen, weil es nicht weitergeht, schnappe ich meinen Streetbag, mache die Fahrzeugtür auf, sage Muller ich gehe allein zur Zeremonie, er soll nachkommen, wenn er den Hiace geparkt hat und düse los. Muller hat meine Telefonnummer und ich habe ein Phone. Es kann also nichts schiefgehen.


    Ich weiß, wo in hinmuss und schiebe mich durch die Menschen. Der Eingang zum Bad wurde aber zum Ausgang deklariert. Es strömen nur Menschen heraus. Uniformierte passen auf, dass niemand hineinwill. Dann muss es ja wo einen anderen Eingang geben. Also gehe ich außen an der Mauer entlang bis ich den Eingang entdecke. Der Eingang führt über die Mauer. Dazu wurde ein Holzgerüst aus Holzstangen in Form einer großen Treppe aufgebaut. Eine Seite geht’s hoch, hinter der Mauer wieder runter. Zuvor eine Sicherheitskontrolle. Polizei mit Kalaschnikows. Jeder wird abgetastet und in jedes Gepäckstück wird hineingeschaut. Erst dann darf die Holztreppe betreten werden.


    Wer das erste Mal in Äthiopien ankommt, dem fallen sofort die vielen Waffen auf, die von Polizei und Armee getragen werden. Ich bin zum dritten Mal im Land und dieses Mal ist das Waffenarsenal im Vergleich zu meinen ersten beiden Trips noch einmal exorbitant gestiegen. Wenn es in Äthiopien von einem genug gibt, dann sind das Waffen. Und die Äthiopier lieben ihre Knarren. Nachdem man allerdings einige Zeit im Land ist, gewöhnt man sich an den Anblick. Ich jedenfalls. Irgendwann kommen einen die vielen Bewaffneten und Uniformierten und auch die Zivilisten, die im Land mit ihren Knarren herumlaufen nicht anders vor als hier in D Bauarbeiter, die mit ihren Schaufeln unterwegs sind.


    Ich bin nun am Bad des Fasilides am Wasserbecken, wo morgen früh die Timkatmesse zelebriert wird. Heute ist auch eine Veranstaltung. Priester sitzen an der Stirnseite des Bassins. Über eine Lautsprecheranlage spricht jemand zu den Massen. Viele sind da, allerdings sehe ich keinen einzigen Weißen außer mir selbst. Auch vor dem Bad habe ich keinen entdecken können. Nicht einmal Chinesen sind zu sehen. Ich bin echt heute hier der einzige Ferenji. Da falle ich natürlich auf. Den Leuten und auch den Kameramännern. Es sind mehrere große Videoleinwände auf dem Gelände aufgebaut und es gibt zwei Kamerabühnen, um die Leinwände mit Videobildern der Veranstaltung zu füllen. Es dauert gar nicht lange, da werde ich von den Kameraleuten entdeckt und schon bin ich im Großbild auf der Leinwand weithin sichtlich.


    Inzwischen komme ich auch mit den ersten Einheimischen ins Gespräch. Mein Englisch/Amharisch ist sehr hilfreich dabei. Ich kann mich verständlich machen und meine Gesprächspartner freuts. Ruck zuck sind zwei Stunden um. Muller ist nicht gekommen. Dafür klingelt mein Phone. Er will wissen, wo ich bin. Nachdem ich es ihm gesagt habe, fragt er ob ich herauskommen will, er kann nicht kommen, er findet einfach keinen Parkplatz. Also verabschiede ich mich freundlich und sage, ich muss los. Einer meiner neuen Bekanntschaften kommt mit mir mit, um mich sicher bis nach draußen zu bringen, wo ich nach einem Anruf von mir, wo ich zu finden bin von Muller abgeholt werde. Ich verabschiede und bedanke mich von dem jungen Mann. Er fragt noch, ob ich morgen wieder hier bin. Ja, ich werde zur Messe morgen früh wieder hier sein. Noch einen äthiopischen Abschiedsgruß mit den Schultern, dann steige ich ein.


    Wir fahren zum Abendessen zu den vier Schwestern. Einem guten Lokal mit Buffet, dass ich von meiner ersten Reise schon kenne. Als nächstes geht es zum Hotel. Von der Lobby aus ist zu sehen, im Restaurant bzw. auf der Terrasse draußen ist Party. Und ich sehe einen Herrn in Anzug mit modernem Sturmgewehr schräg abwärts vor dem Bauch hängend herumstehen. Hola, hier ist heuer was Wichtiges in Gange. Schauen wir doch mal. Ich gehe mit Muller neugierig hin. Offenbar eine VIP-Party der upper class mit irgendjemandem Wichtigen. Muller entdeckt Regierungsangehörige. Wir können uns ungehindert bewegen. Na das ist doch nahezu perfekt für meine Politaktion. Hier trifft es genau die Richtigen.


    Ich gehe ins Zimmer, mich umziehen. In Deutschland habe ich mir ein Shirt bedrucken lassen mit einem Backprint, der eine Botschaft vermitteln soll. Lesen es die Richtigen, wird es auch so verstanden, wie ich es verstanden haben möchte. Sollte es daraufhin Ärger geben, kann ich mich herausreden und problemlos eine andere Deutung ins Spiel bringen. Schauen wir mal was passiert.



    Die Übersetzung von: Geld ist eine Waffe. Politik ist zu wissen, wann man abdrückt.


    Damit gehe ich auf die Terrasse zurück und fotografiere. Die Aussicht, die Party, die Tanzenden, denn andere fotografieren und filmen auch ungehindert. Ich lasse mir Zeit damit. Genug Zeit, damit die Botschaft ankommt. Ich denke, sie ist angekommen. Manche Gäste der Party schauen komisch. Aber niemand spricht mich an oder wirft mich raus. Nach 15 Minuten lasse ich es gut sein und entschwinde aufs Zimmer. Muller verbleibt noch in der Lobby, weil es dort Wifi gibt. Ich sage ihm dehna ider und gehe schlafen.

  • Ich weiß nicht, ob er es überhaupt mitbekommen hat. Ich habe ihm gesagt, ich gehe mich umziehen. Als ich zurückkam und vorbeiging hat er auf sein Phone geschaut. Und als ich ihm gute Nacht sagte, hat er mich von vorn gesehen.


    Ich hatte ihm das Shirt Tage zuvor gezeigt, weiß ich wissen wollte ob meine Übersetzung korrekt war. Sie war es. Er fügte allerdings hinzu, den zweiten Satz werden viele nicht verstehen, weil es ihnen an Bildung fehlt.


    Die Partygäste dürften aber die nötige Bildung gehabt haben.

  • 19. Jan. - Timkat in Gonder


    Heute müssen wir wieder zeitig raus aus den Federn. Die Timkat-Messe beginnt um 0.00 Uhr Lokalzeit. Das bedeutet, dass wir mindestens 30 Minuten vorher einen guten Platz ergattern müssen. Frühstück muss auf Vormittag verlegt werden. Gegen 11.00 pm lokaler Zeit verlassen wir das Goha-Hotel. Muller findet eine Parkmöglichkeit in der Nähe des Bades. Auto zu und zu Fuß zum Bad des Fasilides. Davor wieder die Sicherheitskontrollen und Polizei sowie Militär in reichlicher Zahl. Wir werden durchsucht, ich muss meinen Streetbag öffnen, dann dürfen wir durch. Bevor wir eintreten, dürfen alle Besucher Wachsdochte in Empfang nehmen. Wir bekommen jeder drei. Die sorgen für das nötige Licht, da es noch dunkel draußen ist. Man nennt diese Wachsdochte Thuaf. Früher, als es noch keinen Strom gab, benutzten die Priester die Dochte als Kerzen, um Licht zum Vorlesen aus der Bibel zu haben. Die Dochte symbolisieren auch das Licht, welches Gott den Menschen gab.


    Die vielen brennenden Dochte der Leute tauchen das Bad in ein mystisches Licht. Wir suchen einen guten Platz. Muller steuert die VIP-Tribüne an. Ein Soldat davor kontrolliert die VIP-Pässe. Muller spricht mit ihm, dann öffnet er meinen Rucksack und sucht die VIP-Pässe. Wir haben natürlich keine, aber Muller tut so als ob. Ich checke es und spiele das Theaterstück mit. Einen Gesichtsausdruck auflegend, als hätte ich die Pässe vergessen. Der Coup gelingt, der Soldat lässt sich austricksen, wir dürfen durch und haben uns auf die VIP-Tribüne geschummelt. Aller Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz. Was für ein Brüller.






    Einmal drauf auf der Tribüne, kontrolliert niemand mehr. Die Tribüne füllt sich langsam und auch die Prominenz taucht auf, samt Securitymännern in Anzügen. Einen von denen habe ich direkt neben mir stehen. Es geben sich die Ehre: Tamagne Beyene ein bekannter Aktivist, der gegen die ehemalige äthiopische Regierung unter Führung der TPLF mit Stift und Feder gekämpft hat und heute in den USA lebt, ein sehr bekannter Sänger in Äthiopien mit Namen Mehari Degefaw sowie der amharische Minister für Tourismus Dr. Muluken Adane. Letzterer saß zwei Meter vor mir. Der Aktivist Tamagne Beyene war u.a. einer der Gäste auf der Party im Hotel gestern Abend.



    Tamagne Beyene



    Minister Dr. Muluken Adane (r. neben der Kamera) sowie Sänger Mehari Degefaw (ganz rechts mit der roten Schärpe)


    Die Messe beginnt mit einem Gottesdienst. Zwischendrin kommt jemand von der Seite und spricht mit einem Herrn direkt vor uns. Muller hat es mitgehört und raunt mir zu: „Eine Anweisung an die Regie, man möge Touristen mit den Kameras filmen. Es soll der Eindruck entstehen, es gäbe nach wie vor einen Tourismus im Lande.“ Mehrere Fernsehkameras vom Amhara-TV sind aufgebaut, eine direkt vor uns, neben dem Tourismusminister.



    Es gibt zwar einige Weiße hier, aber die meisten sind im Fotograben und scheinen Pressevertreter aus aller Welt zu sein. Auf der VIP-Tribüne sind nur wenige Ferenji und die haben alle einen VIP-Pass und demnach höchstwahrscheinlich einen Grund hier zu sein. Ich glaube inzwischen, ich war der einzig wirkliche Tourist da oben. Der Kameramann vor uns tat, wie ihm angeordnet. Er schwenkte die Kamera und hielt auf die paar Weißen drauf, die er finden konnte. Die auf der Tribüne. Und so tauchte ich mit Muller abends im amharischen Fernsehen in den Nachrichten auf. Muller bekam kurz darauf die ersten Nachrichten auf sein Phone, von Leuten, die ihn erkannt hatten und auch im Hotel wurde er angesprochen. Er fällt halt auf als Rasta.



    Nach dem Gottesdienst rezitiert ein bekannter Kirchendichter die Geschichte der Taufe Jesu, bevor der Bischof und der Bürgermeister von Gonder sprechen. Agegnehu Teshager der Präsident der Amhara-Region tritt vor das Mikrofon und hält ebenfalls eine Rede. Schließlich treten die hohen Priester vor und halten die großen Kreuze ins Wasserbecken Damit ist das Wasser gesegnet. Und das ist auch das Zeichen für viele, die jetzt ins Wasserbecken springen und mit dem gesegneten Wasser herumspritzen wobei sie symbolisch ihr Taufversprechen erneuern.


    Die Leute auf der Tribüne stehen auf. Die Veranstaltung ist zu Ende. Der Tourismusminister verspritzt ebenfalls gesegnetes Wasser. Die Gelegenheit nutze ich und lasse mich vom Minister höchstselbst damit segnen. Amen. Wir verlassen die Bühne und fahren in die Stadt frühstücken. Das haben wir uns verdient heute.


    Wir bleiben in der Stadt und warten auf ein weiteres Ereignis. Nachdem die heiligen Reliquien Tabot-Tafeln und Bundeslade einen Tag lang den Gläubigen sichtbar waren, werden sie gegen Mittag in einer weiteren Prozession wieder in ihre Kirchen zurück gebracht ins Allerheiligste, zu dem nur die Priester Zutritt haben. Wir suchen und finden einen guten Platz zur Beobachtung der Zeremonie auf der Piassa in Gonder, DEM zentralen Platz in der Stadt. Im Hotel Quara besorgt Muller mit Gubo zwei Sitzplätze für uns in der vierten Reihe der Aussichtsterrasse im ersten Stock. Nicht günstig wie ich finde. Solange alle sitzen bleiben, sehen die hinteren Reihen auch etwas. Aber erfahrungsgemäß bleiben die Leute nicht sitzen. So kommt es dann auch, als die ersten unten anmarschiert kommen, steht die erste Reihe auf. Die dahinter sehen nix mehr.


    Ich blicke auf eine weitere Räumlichkeit auf dieser Etage. Es ist ein weitestgehend leerer Raum, der als Abstellraum für Krempel genutzt wird. Aber er hat Fenster, die zur Straße herausgehen. Und in diesem Raum sind nur drei Leute bisher. Ohne jemanden zu fragen, gehe ich schauen und befinde den Raum für gut. Man muss zwar stehen, aber im Sitzen würde man sowieso nichts sehen. Muller kommt hinterher. Hier ist es besser. Wir haben direkte Fensterplätze und eine gute Sicht nach unten. Noch passiert nicht viel.


    Das Gebäude gegenüber wäre noch idealer sage ich zu Muller. Da sitzen gemütlich auch welche und schauen nach unten. Und da ist noch jede Menge Platz. Angespornt vom Erfolg mit der Tribüne, frage ich Muller, ob wir eventuell gegenüber mal fragen, ob wir von dort aus das Spektakel anschauen dürfen. Einfach fragen, mal sehen was geht. Muller winkt aber ab. Das ist ein Regierungsgebäude, da kommen wir nicht rein. Also bleiben wir im Quara.


    Etwas später tut sich etwas. Soldaten kommen und betreten genau dieses Gebäude gegenüber. Zwei von denen haben Scharfschützengewehre. Die Scharfschützen haben einen Grund. Es fährt weitere Polizei und Armee vor und dann Prominenz. Der Ministerpräsident und der Aktivist Beyene steigen aus ihren Jeeps und entschwinden genau unter uns ebenfalls ins Quara Hotel. Perfekt. Einen besseren Platz abgesehen vom verbotenen Gebäude gegenüber hätten wir nicht finden können. Zum Filmen der Aktion war ich zu überrascht. Aber wer hineingeht, der muss auch wieder herauskommen. Früher oder später. Wir haben Zeit. Die Prozession kommt erst noch.








    Dann kommt sie wirklich. Die Heiligtümer kommen zur Piassa und der Zug teilt sich dort in mehrere Züge, die mit den Reliquien jeweils den Weg in ihre Kirchen nehmen. Ok, dann werden bald die beiden VIPs herauskommen. Ich werde es rechtzeitig sehen. Wenn die Sicherheitsleute, Polizisten und Soldaten zahlreicher werden und anfangen herumzuwuseln, werden bald auch die VIPs zu sehen sein.



    Nach einer Weile ist es soweit. Die Uniformdichte auf der Straße nimmt zu. Dicke Jeeps fahren vor. Mein Phone ist bereit. Und dann kommen sie. Noch ein kurzes Bad in der Menge und sie besteigen jeder einen anderen Wagen. Der MP eigenständig, beim Aktivisten muss etwas geschoben werden, bevor er sich von seinen Fans lösen lässt. Eine Kolonne von sechs Jeeps fährt ab. Dazu noch einige Militärfahrzeuge. Ich freue mich, alles im Kasten. Strike. Heuer zum zweiten Mal.



    Wir verlassen das Hotel und fahren zum späten Missa wieder ins Master Chef Restaurant. Den Rest des Tages lassen wir ruhig ausklingen.

  • 20. Jan. – Fahrt nach Debark


    Heute geht es in Mullers Heimatstadt. Nach einem guten Frühstück auf der Restaurantterrasse des Goha-Hotels im Sonnenschein beladen wir den Hiace und fahren ab, ins nicht weit entfernte Debark. Unterwegs werden wir mehrmals aufgehalten. Jugendliche feiern in Gruppen immer noch Timkat und blockieren die Straße. Durch kommt nur, wer einen Obolus entrichtet. 10 Birr sind der Preis. Weil aber nach kurzer Zeit die nächste Gruppe die Straße blockiert, wird unser Kleingeldvorrat schnell weniger. Einmal sind auf einer Strecke von wenigen km gleich fünf dieser „Mautstellen“.


    In Debark angekommen, checke ich ins Ras Dejen Hotel ein. Anschließend lädt mich Muller in sein Elternhaus zum Mittagessen ein. Ich sehe seine Eltern wieder und lerne auch einen Teil seiner Brüder kennen. Ich werde herzlich begrüßt und erwidere, dass ich mich sehr freue, wieder hier zu sein.


    Es gibt Doro Wot mit Indjera. Dazu Thela und Frindus, ein Getränk aus Thela und Honig und sehr lecker. Für Gäste holt man gern die guten Gläser aus dem Schrank. Hier bedeutet das, ich darf mein Frindus aus einem Wuandsha trinken, ein Becher, der aus Rinderhorn gefertigt ist. Und selbstverständlich nach dem Essen Buna.



    Frindus im Wuandsha aus Rinderhorn


    Der Salon, also das Wohnzimmer hat kein Fenster. Das Tageslicht kommt durch die den ganzen Tag offenstehende Tür hinein. Und so schauen auch schon mal die Hühner vorbei und machen es sich auf den Ledersesseln gemütlich. Meist nicht lange und sie werden nach draußen gescheucht. Mücken gibt es hier nicht, es ist zu kalt für Bimbies. Ich weiß nun auch, warum die Küche im Amharischen ወጥ ቤት - wethi Beet heißt. Übersetzt – Soßenhaus. Weil sie früher in einem separaten Schuppen oder Anbau mit offener Feuerstelle untergebracht war. Mullers Eltern kochen noch heute so.


    Mit einem von Muller Brüdern gehe ich auf eine Timkatveranstaltung, die heute hier in Debark noch stattfindet. Doch die Prozessionen sind schon vorbei. Deshalb bleiben wir nicht lange. Später besuche ich noch Mullers Laden in Debark auf ein Bier und einen Kaffee. Das Angebot will er noch etwas erweitern. Ich denke, viel Umsatz wird er nicht machen. Solange die Touristen ausbleiben, haben auch die Einwohner wenig Geld in einer Stadt, die fast komplett auf den Tourismus ausgerichtet ist.


    Abendessen gibt es in einem Debarker Lokal. Ich nehme Salat. Indjera soll es nicht schon wieder sein. Im Hotel zurück, beenden wir den Tag. Dehne ider. Nege ingeneng.

  • 21. bis 24. Jan. – Simien Mountains Trekking


    Nach einem eher spartanischen Frühstück wird eingeladen. Ich habe komplett umgepackt. Die nächsten Tage haben es in sich. Mein Gepäck muss sich auf den Trekkingrucksack und den Handgepäckrucksack beschränken. Dort muss alles rein für die nächsten Tage. Die große Reisetasche bleibt mit dem Streetbag eingelagert im Hotel. Auf zu Mullers Elternhaus. Dort werden weitere Dinge dazu geladen und es gibt Missa mit Indjera und Fleisch. Papa Marelign kommt als Scout mit uns mit. Dann sind in Debark noch diverse Einkäufe zu erledigen.


    Anschließend treffen wir uns mit Stefanos, unserem Koch von damals. Er ist aus Gonder angereist, obwohl er bei sich zu Hause eine Taufe hat, bei der er nun als Gastgeber nicht dabei sein wird. Das muss man ihn hoch anrechnen, denn Anfangs war noch nicht klar, ob er als Koch mitkommen wird. Er hat sich schließlich dafür entschieden.


    Wir fahren zum Park-Büro, uns anmelden. Für Muller ein Heimspiel, er ist hier aufgewachsen und kennt die Simiens auswendig. Danach Einfahrt in den Nationalpark und auf Schotter- und Steinpisten hinauf in die Simiens. Später sammeln wir auch Nibreth, den Hilfskoch ein. Bis auf Sizaid ist nun die Gruppe aus dem März 2019 wieder komplett.


    Wir fahren in Richtung Campingplatz Sankaber, der auf 3250 m Höhe liegt. Unterwegs steigen Muller, Muller Senoir, Ababa – mein Vater – wie ich ihn anspreche und ich aus. Wir wollen zu Fuß durch die Simiens zum Campingplatz. Die Etappe heute ist eher leicht, ich komme aber auch so ins Schwitzen und denke, die heutige Strecke dient Muller dazu, einzuschätzen, ob ich fit genug bin für das Trekking. Die Wanderstrecke ist herrlich mit Aussichten in die Berge einfach zum Niederknien.




    Nach etwa drei entspannten Stunden mit gemütlichen Pausen zwischendurch erreichen wir den Campingplatz. Die Zelte stehen, der Kaffee wartet. Ich inspiziere wieder den Platz. Es hat sich nichts verändert, etwas zugewachsen die Wege aber ansonsten wie damals. Auch das Toilettengebäude inspiziere ich vorrausschauender Weise. Es ist brauchbar. Gut zu Wissen. Ich bin der einzige Tourist auf dem Platz und auch der einzige auf allen anderen Campingplätzen, die wir noch ansteuern.


    Später dann das Abendessen. Ich habe etwas gutzumachen. Bei Stefanos. Vor fast zwei Jahren habe ich seine leckeren Gerichte und liebevoll servierten Speisen ja fast gänzlich verschmäht, da ich damals etwas Probleme mit dem Magen ob der scharfen Speisen hatte. Seither passe ich auf, dass ich dem Berberee, dem Karija und dem Miethmietha etwas aus dem Wege gehe und die Probleme sind damit weg. Beim zweiten Trip und auch jetzt hatte ich keinerlei Probleme, egal was ich meinem Magen antat. Und das war einiges. Stefanos war überhaupt nicht glücklich darüber, dass ich damals nicht viel gegessen hatte, wie er mir auf Nachfrage nun erzählte. Das wird sich jetzt ändern. Mir geht’s gut, ich habe Appetit und ich habe Hunger. Stefanos tisch auf!!


    Da ich der einzige Gast auf dem Platz bin, brauchen sich nicht mehrere Köche die Küchenrundhütte teilen, was bedeutet, sie ist nur für uns und ich darf gleich in der Küchenhütte essen. Stefanos gibt sich alle Mühe und ich lange dankbar zu. Zum Abschluss noch Tee und dann wird das Lagefeuer in der Mitte geschürt. Danach ist Schlafenszeit. Gute Nacht.


    Die Nacht verläuft angenehm, wir nutzen neue Schlafsäcke, die Muller extra besorgt hat und die sind gut. Meiner jedenfalls hält viel wärmer als der eigene, den ich beim letzten Mal dabeihatte.


    Den nächsten Morgen nutzte ich für eine Fotosession mit den Bergen ringsherum. In der Küchenhütte sind die Köche schon zu Gange. Ich mache mich mit meiner Kamera auf, um den Sonnenaufgang in den Bergen einzufangen. Später taucht Ababa Marelign auf, um zu schauen ob alles in Ordnung ist. Ich hörte ihn kommen und wir begrüßen uns.










    Dann eine wassersparende Morgenwäsche, Zähneputzen und lecker Frühstück. Stefanos, A++!!! Dann kanns ja losgehen. Die heutige Etappe hat es in sich. Es geht 13 km durch die Berge zum nächsten Zeltplatz Gitch auf 3600 m Höhe. Dort kommt man nur zu Fuß hin. Deshalb muss das gesamte Gepäck in Säcke verpackt und mit Mulis transportiert werden. Wir nehmen auf unserem Weg durch die Berge nur das mit, was wir unterwegs unbedingt brauchen. Den Lunch, Trinkwasser, ich meinen Sunblocker (der ist hier oben für Weiße unerlässlich), meine Regenjacke und ein Sanipack für den Notfall, der hoffentlich nie eintreten möge.


    Wir brechen auf. Es ist ein herrlicher Tag. Sonnenschein pur. Berge. Schluchten. Steilhänge. Wahnsinn. Ich kann mich wieder mal nicht sattsehen daran. Äthiopien, was bist du herrlich. Eine schöne Anstrengung wartet unterwegs. Es geht 800 m Gehstrecke steil nach oben. Mit mehreren Pausen schaffe ich die auch. Ansonsten gibt es viele, viele Stellen, wo es weit und tief runtergeht, falls man in die falsche Richtung stürzt. Ich setze mich mehrmals auf den Hosenboden wg. rolling Stones. Trotz meiner Wanderschuhe. Aber alles harmlos ohne Kratzer, es waren immer Stellen, wo ich so etwas erwarten konnte.












  • 21. bis 24. Jan. – Simien Mountains Trekking







    Stolpern auf solchen Wegen nicht erwünscht.













    Da geht es hoch


    Unseren Lunch nehmen wir in einer Talsenke, in der frisches Bergwasser durchfließt, welches später den Jinbar Wasserfall speist. Wasser? Waschen? Baden? Die Gelegenheit, wer weiß wann die nächste Dusche oder Waschmöglichkeit kommt. Nimm was du kriegen kannst und nimm es, wie es kommt. Eine Frage an die Anwesenden, ob etwas gegen ein Bad einzuwenden ist, Stichpunkt Naturschutz, Stichpunkt Ethik. Keine Einwände. Super, ich kann baden gehen. Das geht auch ohne Seife. Also runter mit allen Klamotten und rein ins frische Kühl mit so um die 10 Grad. Stört mich nicht, mache ich nicht zum ersten Mal bei solchen Wassertemperaturen. Zwei Minuten reichen auch völlig. Erfrischt und mit einem sauberen Gefühl ziehe ich mich wieder an. Wir bleiben noch einige Minuten, dann geht die Wanderung weiter.




  • Muller Senoir, Ababa – mein Vater – wie ich ihn anspreche

    Wie passend! Ich habe ihn ja nur zwei Mal für je 1 Minute gesehen und war sehr beeindruckt von seiner Ausstrahlung: Souverän, gütig, weise!


    Aussichten in die Berge einfach zum Niederknien.

    Absolut!


    Beim zweiten Trip und auch jetzt hatte ich keinerlei Probleme, egal was ich meinem Magen antat. Und das war einiges. Stefanos war überhaupt nicht glücklich darüber, dass ich damals nicht viel gegessen hatte, wie er mir auf Nachfrage nun erzählte. Das wird sich jetzt ändern. Mir geht’s gut, ich habe Appetit und ich habe Hunger.

    Das ist immer ein Zeichen, dass man in einem Land angekommen ist. Ich bin immer mehr der Überzeugung, dass "sich an die ungewohnten Nahrungsmittel gewöhnt haben" nur die halbe Miete ist. Die andere Hälfte ist, sich auf das Land einzulassen, es sich quasi einzuverleiben und der Intuition zu folgen, was man wann und wie isst.

  • 21. bis 24. Jan. – Simien Mountains Trekking






    Gegen 10.00 am Lokalzeit haben wir es geschafft und sind am Zeltplatz Gitch. Ich bin knülle aber glücklich, das ich durchgehalten habe. Die Zelte und der Buna warten schon. Ich habe mir einen netten Spaß ausgedacht. Der jüngste Sohn Napi von der eritreischen Familie im Haus von Tigist und Asmerom hat immer laut gerufen ናፒ መጣ -Napi metha – Napi kommt bzw. Napi ist da. Wir haben eine Weile gebraucht, aber irgendwann brachten wir ihn dazu auch Ingo metha zu rufen. Das nutze ich nun. Als wir bei den anderen sind, reiße ich meine Arme in die Luft und rufe so laut ich kann: እኝጎ መጣ - Ingo ist da, um dann halb so laut hinterherzurufen: እኝጎ በቃ - Ingo bekaa – Ingo hat genug. Der Spaß kommt an, Gelächter bricht aus.


    Zeit für Kaffee und Obst. Dann kann ich mich etwas erholen, bevor Muller fragt, ob wir nochmals loswollen. Maximal eine Stunde rauf auf den nahen Hausberg des Camps, wo man einen herrlichen Sonnenuntergang genießen kann. Üblicherweise fallen die Wanderer, mit denen Muller diese Tour sonst macht in ihre Zelte und warden für den Sonnenuntergang nicht mehr gesehen. Ich lasse mir so ein Ereignis nicht entgehen. Dafür nehme ich auch noch eine Stunde Bergsteigen von 3600 m auf den Kedadit mit 3780 m in Kauf und werde belohnt.






    Der Rückweg dauert nur 20 Minuten. Wir besprechen den nächsten Tag. Die Strecke morgen ist etwa gleich lang hat aber mittendrin statt einer Steigung in Länge von 800 m, einen Abstieg und Wiederaufstieg von 700 Höhenmetern. Die Gehstrecke für 700 Höhenmeter ist etwa dreimal so lang. Heute habe ich geschafft. Das morgen, da bin ich mir nicht sicher.


    Es dämmert schon und das Abendessen wartet. Stefanos tischt auf und ich haue rein. Stefanos darf zufrieden sein. Ich habe über morgen nachgedacht. Man kommt hier nur zu Fuß hin. Und wieder weg. Oder mit Muli! Ich werde das Muli versuchen, sage ich zu Muller. Dann Tee, Lagerfeuer und Schlafenszeit.


    Die Nacht ist ganz ok. Gegen Morgen wird es dann doch etwas frisch draußen. Es liegt Reif auf den Mäusehügeln. Hier laufen einem die Mäuse fast zwischen den Füßen umher. Die ganze Landschaft ist mit kleinen Löchern, Mäusepfaden und ausgeworfener Erde ähnlich Maulwurfshügeln übersät.


    Ich bin auf, erledige die Katzenwäsche und hülle mich in meine Decke von Ethiopian Airlines, die ich hier als Kopfkissen nutze. Bis auf die hellere Haut, bin ich von einem Einheimischen nun nicht zu unterscheiden. Die sehen eingehüllt genauso aus. In der Küchenhütte brennt ein Feuer, da ist es warm – und sehr verraucht. Deshalb gibt es Frühstück draußen in der Sonne in einer geschützten Ecke.




    Wir sehen zwei Äthiopische Wölfe auf Mäusejagd auf dem Hang vor uns. Und müssen dabei nicht einmal vom Frühstück aufstehen. Ein hier seltenes Ereignis. Es gibt im ganzen Simien- Park nur noch ca. 90 dieser Wölfe.


    Mein Muli und ein Muliführer sind schon da. Wenn ich daran denke, im Entoto-Park habe ich mich auf ebenen und sandigem Untergrund nicht auf ein Pferd getraut. Hier will ich jetzt Muli reiten. አብዳለሁ አብዳለሁ - abidjalu abidjalu – Ich bin verrückt!


    Ich steige auf, das Muli macht drei Schritte, da bin ich auch fast schon wieder unten. Wenn mich der Muliführer nicht gehalten hätte. Na das kann ja heiter werden. Ich komme mit den Füßen nicht durch die Steigbügel, meine Wanderschuhe sind zu breit. Außerdem hängen die Steigbügel in Jockeyhöhe. Ich habe nur den Sattelknauf zum Festhalten. Der ist gut für vor, zurück, hoch und runter. Aber nichts für Ruck nach links und rechts. Muller weist mich ein. Wenn es nach oben geht nach vorn beugen, wenn es nach unten geht nach hinten. Seitliche Bewegungen mit den Beinen fest ans Muli geklammert ausgleichen. Den Rucksack trägt der Muliführer. Ein zusätzliches Gewicht oberhalb des Schwerpunktes kann ich nicht gebrauchen.


    Dann gehen wir los, bzw. ich reite. Seit fast 30 Jahren sitze ich erstmals wieder auf einem Reittier. Mit inzwischen arg ramponiertem Gleichgewichtssinn. Und nicht etwa am Strand oder auf Sand wie damals, sondern auf felsigen Wegen, wo es auch mal tief nach unten geht auf einer Seite. አብዳለሁ አብዳለሁ


    Vom Fastabstieg gleich zu Beginn kommen noch drei weitere „fast hätte ich unten gelegen.“ Wenn ich nicht schnelle Hilfe von Muller oder dem Muliführer gehabt hätte. An besonders heikel aussehenden Stellen steige ich deshalb vorher ab und laufe. Oder ich versuche jedenfalls rechtzeitig herunterzukommen vom Muli. Dazu muss der Muliführer stehenbleiben und das Muli anhalten. Dieser „Bremsweg“ ist manchmal zu lang und ich bin mit dem Muli schon über der Stelle, wo ich eigentlich lieber laufen bzw. klettern wollte. Dann heißt es Augen zu und durch und ja gut festhalten.


    Herunterfallen auf den Steinen hier heißt wahrscheinlich offene Knochenbrüche und Rettungshubschrauber, oder ein Sturz in die Tiefe, wo man nichts mehr braucht. Aber ich bleibe oben. Mit der Zeit klappt es sogar etwas besser, da ich ein klein wenig ein Gefühl für das Reittier unter mir bekomme. Wir kommen gut voran. Der Muliführer legt ein Tempo vor, als ginge er in Husum auf dem Deich und nicht im Hochgebirge. Mit Slippern an den Füßen. Und bei ihm sind nicht mal Schweißperlen zu sehen. Dabei muss er auch noch das Muli ziehen.


    Wir durchqueren eine Landschaft, einfach der reine Wahnsinn. Alle 500 m ein weiterer herrlicher Ausblick. Ein besonders schöner ist der Imet Gogo auf 3226 Meter. Ich liebe die Simiens. Wir stehen oben am Ausblick und erfreuen uns der Landschaft. Ich sage laut, wie gut es mir hier oben gefällt. Ababa Marelign steht mir gegenüber und salutiert plötzlich. Ich bin erstaunt, aber salutiere zurück und muss sofort an das Spiel zwischen Muller und dem Herrn von der Schule bei den Konso denken. Das geht aber nicht, dass der Ältere hier vor dem Jüngeren salutiert. Ich beschließe das Spiel anders herum aufzuziehen und künftig, wenn wir etwas erfolgreich geschafft haben oder ich mich bedanken möchte, Haltung anzunehmen und Ababa zu salutieren.











  • 21. bis 24. Jan. – Simien Mountains Trekking


    Mittagszeit. Unseren Lunch teilen wir mit dem Muliführer. Er hat keinen dabei. Ich weiß jetzt auch, warum die Steigbügel so hoch hängen. Wir sind über Hohlwege gelaufen, die mal eben Fußbreit sind. Die Seitenwände dieser Wege sind oft gute 60 cm hoch. Die Mulibeine passen hinein. Steigbügel mit Füßen nicht mehr. An solchen Stellen muss ich die Füße beim Reiten nach oben heben, sonst schleifen sie, werden eingeklemmt oder bleiben wo hängen.










    Nach dem Lunch geht es noch eine Stunde auf gutem Untergrund weiter, dann sind wir am Ziel. Der Zeltplatz Ayna Meda in 3680 m Höhe. Zeitig für heute. Ich habe ein gutes Tempo hingelegt. Muller sieht etwas k.o. aus. Warum nur? Ich fühle mich fit. Es gibt Kaffee. Der Muliführer wird verabschiedet. Mit Dank und gutem Trinkgeld von mir. Er war mir eine große Hilfe. Später gehe ich mit Muller noch einmal los, nach äthiopischen Wölfen schauen, die hier öfters zu sehen sind. Doch heute sind keine da. Es dämmert und wir kehren um. Das Abendessen wartet. Stefanos hat wieder etwas leckeres gezaubert. Ich frage, ob er mit mir zufrieden ist als Esser. Sehr zufrieden ist er. Wir sitzen wieder mal im Küchenhaus am Lagerfeuer. Es gibt etwas Neues auszuprobieren. Korafee, ein Getränk auf Gerstebasis. Auch so eine Art Thela, aber eben auch wieder nicht. Meinen Geschmack trifft es nicht. Es ist Zeit für den Schlafsack. Dehna ider.





    Stefanos Leckereien



    Ein neuer Geschmack: Korafee, ein Getränk auf Gerstebasis.


    Die Nacht ist kalt. Eine Eisschicht klebt am Morgen an den Zelten. Die Sonne kommt heraus. Vor dem Frühstück gehe ich allein los, nach den Wölfen schauen. Doch es sind keine zu sehen. Es ist noch zu kalt, die Mäuse lassen sich nicht blicken. Das scheinen auch die Wölfe zu wissen. Also gehe ich zurück zum Frühstück. Und zum BUNA! Nach dem Frühstück ist einpacken angesagt. Alles muss wieder rein in den Toyota, die Hochgebirgstrekkingtour ist vorbei.



    Wir fahren in Richtung Debark. Doch bevor wir den Nationalpark verlassen, verabschieden wir unterwegs unseren Hilfskoch Nibreth und statten Mullers Lodge einen Besuch ab. Besser gesagt, dem Berg wo sie mal stehen soll. Corona hat die Baupläne jäh ausgebremst. Eine schöne Rundumsicht auf die Simiens gibt es von dort oben. Muller mein Freund, ich wünsche Dir, dass wieder touristische Normalität eintritt und dein Traum wahr wird.



    Ausblick, den die Lodge bieten würde





    Hier sollte sie längst stehen


    Dann verlassen wir den Nationalpark. In Debark steuern wir Mullers Elternhaus an und laden einen Teil aus. Es gibt einen ersten Lunch – Indjera mit Soße und Fleisch. Danach wird Stefanos ins Zentrum von Debark gebracht und mit Dank herzlich verabschiedet. Er will mit dem Bus nach Gonder zurück. Muller bringt mich in mein Hotel. Dort entdecke ich doch tatsächlich DREI! Touristen. Sollte ich Fotos machen? Echte Touristen!! Rarer als der Äthiopische Wolf. Spanier, wie ich es mir erfrage. Ich checke wieder ein, lasse mir meine eingelagerte Reisetasche aus dem Lagerraum geben und entschwinde aufs Zimmer, duschen, rasieren und wieder alles umpacken. Von Camping- zu Hotelaufenthalt. Später holt mich Muller wieder ab, es geht zurück zum Elternhaus von Muller. Zum Mittagessen. Es gibt ein schönes Indjeragericht für alle, Thela, Frindus und natürlich Buna. Nach dem Essen muss Muller noch irgendwo hin. Ich bleibe bei seiner Verwandtschaft im Haus, quatsche mit seinen Brüdern und bleibe bis in den Abend hinein, bis mich Muller ins Ras Dejen bringt. Bis morgen mein Freund. Dehna ider.

  • Dann gehen wir los, bzw. ich reite. Seit fast 30 Jahren sitze ich erstmals wieder auf einem Reittier. Mit inzwischen arg ramponiertem Gleichgewichtssinn.


    Herunterfallen auf den Steinen hier heißt wahrscheinlich offene Knochenbrüche und Rettungshubschrauber, oder ein Sturz in die Tiefe, wo man nichts mehr braucht.


    Deine mentale Stärke und deine Fähigkeit dich auf Neues einzulassen haut mich immer wieder um!