Japan 2025, die alte Liebe rostet...

  • Montag, erster Arbeitstag. Ich komme die Treppen zum Bahnhof hoch: Zug fällt aus, der nächste kommt in 9 Minuten.

    Ich betrete das Abteil und auf dem Boden des S-Bahn-Abteils ziehen sich lange, klebrige Streifen irgendwas vergossenem. Zwei Stationen weiter setzt sich jemand neben mir mit einem Kaffee to go, und ich denke, genau wegen solche Experten sehen die Züge so aus. Der Kaffee-Mensch wird bald umsteigen und durch einen Backwerk-Menschen ersetzt, der am Inhalt seiner Papiertüte kaut.

    Alles klar...ich bin wieder da!

    Aber ich muss aufpassen, dass das hier kein Mecker-Fred wird. Aber die Überschrift sagt schon einiges. Gusti (Redfloyd) die ich mit Mann in Japan traf, bewundere ich wegen ihrer Toleranz und offensichtlichen Entspanntheit. Ich hatte Ihr in unserer Konversation einige Male mein Leid zu den "Zuständen" und den Massen in Japan geklagt, aber sie meinte "da Du es nicht ändern kannst, versuche es zu akzeptieren".

    Aber besonders in Kyoto fiel mir das ausgesprochen schwer.

    2025 war eine reine Hobby-Reise, das heißt, es ging um einige Veranstaltungen und Ausstellungen die ich besuchen wollte, weniger um touristische Aspekte. Deswegen war auch meine Frau nicht dabei. "Mach mal dein Ding" hatte sie gesagt. Nur Tochter und Freund waren im Flieger hin- und zurück dabei. Aber die Interessen sind einfach zu unterschiedlich.

    Ich werde ein paar Anekdoten und Erinnerungen hier bringen, aber keinen tabellarischen Ablauf, denn was mein Hobby betrifft würde das ganze hier nur zäh und weniger interessant machen.

    Aber der Anfang beginnt nun mal mit dem Hinkommen. Und das gestaltete sich schon ziemlich nervig. 3 Wochen vor dem Flug sprach ich noch mit einem Bekannten, der auf der Expo in Osaka war. Er flog mit einer Chin. Airline mit einem Zwischenstopp mit 7 Stunden Aufenthalt. Ich hielt großspurig dagegen, dass ich Nonstop mit Lufthansa fliege. Tja, und dann kam der drohende Piloten-Streik bei Lufthansa auf.

    Gut, die haben bis jetzt noch nicht gestreikt, aber die Herbstferien schienen Mitte Oktober dafür prädestiniert zu sein. Als dann aber abzusehen war, das es keinen Streik zu mindestens beim Hinflug geben wird, grätschte die Natur rein. Der erste große Herbststurm kündigte sich genau für den Abflug-Tag an! Ich konnte das alles nicht mehr glauben!

    Bei einem Streik hätte man noch Möglichkeiten und Rechte gehabt, aber das Wetter ist nun mal höhere Gewalt. Immerhin versprach die Wetter-App für Frankfurt zwei Tage vorher Böen bis 100 km/h.

    Aber es ging alles gut! Zwar wurde der Anflug-Takt auf Grund des Wetters für Frankfurt tatsächlich ausgedünnt, und es hieß, wir müssten noch 40 Minuten auf dem Rollfeld bis zum Start warten, aber dann ging es zum Glück doch zügig nach Frankfurt los. Der Flug war ordentlich holperig.

    Der Codeshare ANA-Flug stand nach wie vor als "pünktlich" auf den Anzeigetafeln. Also erstmal aufatmen. Und so ging es auch absolut pünktlich Richtung Japan, wenn auch mit ziemlich mulmigen Gefühl, wenn man aus dem Fenster schaute.

    Auch dieser Flug war völlig ausgebucht. Die Begeisterung über ANA kann ich allerdings nicht völlig nachvollziehen. Ich konnte keine wesentlichen Unterschiede zu Lufthansa erkennen. Im Gegenteil, deutsch synchronisierte Filme, und vor allem interessante Filme - irgendwie muss man die Zeit ja rum bekommen - konnte man gefühlt an einer Hand abzählen.


    vivien-und-erhard.de/forum/wcf/index.php?attachment/94082/

  • In jedem Fall hat Jetlag auch was positives! Ich bin noch nie so munter früh um 4:00 aus dem Bett gesprungen. Doof ist nur, dass ich derzeit noch in die falsche Richtung schaue, wenn ich über die Straße gehen will...

    Zurück nach Japan!

    "Pafffff!" irgendwas fliegt im hohen Bogen durchs Hotelzimmer! Oh neeee, ist jetzt nicht wahr! Meine Gürtelschnalle hat sich gerade verabschiedet! Dieses Dreckd... äh Produkt hat gerade mal 5 Tage gehalten. Ich wollte meinen abgeranzten alten Gürtel bei der Sicherheitskontrolle nicht unbedingt in die Schale schmeißen und mit einem neuen, schicken Accesoire nach Japan fahren.

    Mistmistmistmist...ich war schon so spät dran! Der Besuch des "Lampenladens", anderen bekannt als TeamLab Borderless steht an und ich müsste genau jetzt los! Mag sein, dass wenn die Schlüpper halb raus hängt, das bei den Skatern voll in ist. Aber ich gehöre dieser Bevölkerungsgruppe nicht an.

    Ich krabble auf allen Vieren auf der Suche nach dem flüchtigen Gürtelbestandteil. Denn Tatsächlich kann ich es reparieren. Tiiiiieff Luftholen. Gaaaaanz vorsichtig den Gürtelspannen. Ausatmen und ängstlich den Bauch in eine Richtung halten, in dem man das Geschoss besser wieder findet. Hält. Ich hüpfe, laufe auf und ab. Keine Gürtelexplosion.

    Jetzt aber los! Ich meine mal ehrlich: hier weiß ich, wo ich schnell ein passenden Gürtel finde. Aber in Japan? Vor allem mit meinem Bauchumfang?

    Das gute Stück wird noch zweimal auseinanderfliegen. Aber dann habe ich mir wahrscheinlich genug Kilo abgelaufen, dass die "Bauchspannung" den armen Gürtel nicht zu arg belastet.

    Das TeamLab in Roppongi dann in Eile zu finden ist noch mal ein Thema für sich. Aber 5 Minuten bevor das halbstündige Zeitfenster um war, kam ich zur Erleichterung meiner Tochter und ihres Freundes angestürmt.

    Nennt mich fantasielos und unromantisch, aber mehr als nett würde ich den "Lampenladen" nicht bezeichnen. Dennoch waren Tochter und Freund dermaßen verzückt, dass ich dem Geflimmere 3 Stunden ausgesetzt war. Mir tun nur die armen Angestellten leid, die ständig diesen psychodelischen Kram ausgesetzt sind.

    Aber ich denke, dass die Reinigungskosten sich in Grenzen halten, nachdem was da alles auf dem Hosenboden in dem Räumen rumrutscht...

  • Ich hab übrigens vor, auch in Kyoto ins neue TeamLab zu gehen. Schade, dass es dir so gar nicht gefallen hat. Ich bin ja auch nicht unbedingt der Typ, der sich ständig in ekstatische Begeisterungsstürme steigert, aber dort hat es mir echt gefallen.

    Ansonsten macht mir die Erwähnung der Menschenmassen in Kyoto so langsam doch Sorgen.

  • Na ja, wenn ich erst wieder arbeiten muss, wird sich vermutlich auch Frust aufbauen, deshalb schreib ich meinen Bericht lieber hier direkt.

    ^^^^^^

    Ich mochte das tamlab auch, zwar auch keine 3 Stunden, aber toll war es auf jeden Fall. Stefan konnte damit auch weniger anfangen.

    Wir waren heute den letzten Tag hier in Kyoto und hatten keine großartigen Pläne mehr.

    Am Ende hatten wir Kyoto in friedlich und in kriegerisch - siehe meinen Tagesbericht.

    Aber Ich meine auch, dass Kyoto für uns jetzt durch ist. Natürlich findet man noch Plätze abseits der Crowd, aber wegen "irgendwelchen" sights ( Sabiji - bitte entschuldige, aber wir sind nunmal kulturell hier keine Spezialisten) muss es eben auch nicht Kyoto sein.

    Unser Ferienhaus:

    https://airbnb.de/h/privates-Fer…in-Zella-Mehlis

    redfloyd.........................................................................................Gusti
    redfloyd.gifGusti.gif

    Heaven is where the police British, the cooks Thai, the mechanics German, the lovers Italian and it is all organised by the Swiss.
    Hell is where the cooks are British, the mechanics Thai, the lovers Swiss, the police German and it is all organised by the Italians.

  • Von Irrsinn und Irrsinn


    Ich habe einen gewaltigen Fehler gemacht! Ich hatte einer Kollegin versprochen, Pokemon-Booster Karten aus Japan mitzubringen. Ich dachte, latschte in so ein Pokemon-Center rein, greifst einige Karten und der Fall ist abgehakt. 100 Euro sollte ich dafür umsetzen.

    Insider werden jetzt laut auflachen, denn mein Ansinnen war eine echte Mission Impossible! Ich stehe da überhaupt nicht in der Materie, habe 0 Ahnung von dem Zeug. Und so war ich froh, dass Tochter und Freund mir zur Seite stehen wollten.

    Dazu mussten wir in eine Gegend, die ich sonst meide wie die Pest: Shibuya. Der erste Versuch startete im hiesigen Pokemon-Center. Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich schon beim Öffnen der Fahrstuhltür auf dem Absatz kehrt gemacht. Die Menschenmengen in der Abteilung sprengen alle Vorstellungskraft. Da standen Leute in Schlangen an, bei denen wir nicht ergründen konnten, warum und wofür.

    Wir kapitulierten und versuchten eine weitere Quelle in der Nähe, die wir trotz intensiver Suche und Internet einfach nicht finden konnten.

    Da wäre noch die Pokemon-Card-Lounge direkt an der berühmten Shibuya Kreuzung. Das dortige Starbucks ist völlig überfüllt. Ich starre fasziniert in einen dunkel gehaltenen Raum, in denen erwachsene Menschen mit Pokemon-Karten spielen. Ich dachte immer, dass sei eher ein Kinder-Ding, so wie damals mit unseren Auto-, Flugzeug- oder Panzerkarten. Das Beste, natürlich kostet es auch Geld da zu sitzen und zu spielen.

    Das Regal für die Boosterkarten ist leer. Alles ausverkauft. Eine junge Frau holt einen Riesen Stapel Karten an einem Schalter ab. Also haken wir nach. So wie ich es verstanden habe, sieht das Regal ausgesprochen selten Karten. In der Regel werden die Karten bestellt und wie gesehen abgeholt. Beim Kauf vervielfacht sich bereits der Wert und die Sachen werden dann im Internet vertickt. Was bei uns an der Kasse vieler Discounter gibt, darf In Japan nur bei wenigen lizensierten Händlern offiziell verkauft werden.

    Auf dem Weg nach unten müssen wir an einem für uns abgesperrten Raum vorbei, wo ein Plüschmaskottchen mit piepsiger Kawai-Stimme zu infantiler Musik irgendwas zum Besten gibt. Das Publikum besteht aus im Rhythmus klatschend und schunkelnder und völlig verzückt wirkender ausgewachsene Menschen.

    Ich möchte nur noch weg!

    Tochter und Freund wollen in ihre Ferienwohnung zurück. Sie möchten sich etwas ausruhen. Ich schaue auf die Uhr, gerade 14:00 Uhr. Die Jugend von Heute. Ausruhen kann ich mich auf dem Friedhof.

    Ich überlege. Der Yasukuni-Schrein stand schon immer auf meiner Liste, da er auch ein Schwertschmiedestandort war. Mir ist bewusst, dass dieser Schrein politisch umstritten ist. Doch seine Ursprünge, auch die des Museums liegen noch in der frühen Meiji-Zeit und galten der Besänftigung der Gefallenen beider Seiten im Zuge der Meiji-Restauration.

    Tatsächlich ist auch das Museum bezüglich dieser ersten Phase für mich sehr interessant. Doch spätestens ab dem jap./chin. Krieg 1895 kippt der Tenor in Richtung Heldenverklärung. Selbst für mein tieferes Verständnis der traditionellen jap. Seele ist die Einschreinung von Kriegsverbrechern als Kami mit dem Ehrentitel "Mikoto" wenig nachvollziehbar. Es sind kaum Ausländer hier. Aber Japaner aller Altersstufen studieren die Ausstellung sehr intensiv.

    Zu meiner Enttäuschung gibt es keine näheren Hinweise auf die Werkstätten der Schmiede auf dem Gelände des Schreins. Den Großteil des Museums kann man sich schenken. Das O-Toori, das erste Toori zum Schrein hin ist allerdings beeindruckend. Es ist (glaube ich) auch das Größte Toori in Japan.

  • Da muss ich sie in Schutz nehmen. Es ging um ihren Enkel. Sie selbst hätte diese Probleme auch nicht für möglich gehalten und genauso gestaunt wie ich.

    Es ist schon verrückt: ich hatte Schwerter im Wert jenseits von 100.000,00 Euro in der Hand gehalten, teilweise über 700 Jahre alt, und hätte diese kaufen können (Betonung auf hätte - so reich bin ich nicht!), aber an ein paar bunten Kärtchen bin ich gnadenlos gescheitert. (Ich hatte es später noch in Kawasaki, meine Tochter in Osaka versucht. Überall das Gleiche.)

  • Ich halte in einem kleinen Heimatmuseum in Setagaya mein Handy mit Google Lens auf eines der ausschließlich in Japanisch bestehenden Ausschilderungen einer Vitrine. Die Übersetzung streikt. Mein Handy zeigt kein Internet an. Ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass das Museum so ein Betonbunker ist. Ich laufe ein Stück weiter und uffff, ich habe wieder Empfang!

    Es ist schon fast grotesk, wie wichtig Internet in Japan ist. Ich bin irgendwo mitten in Setagaya, 40 Minuten durch x kleinere Straßen gelatscht. Nein, den Weg zurück ohne Maps und einfach "ex Ärmel" wäre spannend geworden.

    Setagaya, dieser Stadtteil im Westen von Tokyo entspricht fast der Größe der historischen Exklave Ii-Domäne Hikone, die ihren Hauptsitz am nordöstlichen Ufer des Biwa Sees hat. Wer schon mal da war - genau, die Burg Hikone, eine der wenigen original erhaltenen Burgtürme.

    Und hier nahe dem alten Edo, also Tokyo, besaßen die Ii eine Exklave die etwa 20 Dörfer umfasste. Hier stehe ich nun im Yashiki und einem kleinen Heimatmuseum. Ein Yashiki ist eine Art Residenz und Verwaltungsgebäude der Familie, welche die Administration über diese 20 Dörfer hatte. Man kann diese Familie als eine Art Großbauern-Familie mit Samurai-Status bezeichnen. Das Yashiki ist deshalb so besonders, weil es seit Mitte des 18. Jahrhunderts originalgetreu erhalten geblieben ist. Besonders auch deshalb, weil es in Tokyo kaum historische Bausubstanz gibt, welche nicht durch das große Kanto-Erdbeben und die Brände 2023 oder durch die Luftangriffe des 2. WK vernichtet wurde. Vieles was in Tokyo traditionell und alt aussieht ist hübsch hergerichteter Stahlbeton aus den 50er und 60er Jahren.

    Und ich bin völlig allein hier! 0 Touristen. Nicht mal Japaner. Nur eine Oma, die den Weg fegt und erschrocken zusammen zuckt, als ich ihr Konichiwa wünsche.

    Die Ii sind eine wichtige Fürstenfamilie. Ii Naomasa war ein bedeutender General von Togugawa Ieyasu. Seine berittenen Reiter waren wegen ihren roten Rüstungen als die "roten Teufel" gefürchtet. Naomasa wurde in der Schlacht von Sekigahara schwer verwundet und starb 1602 in Folge der erlittenen Verletzungen.

    Naomasas Sohn Naotaka jagte nun irgendwann Anfang des 17. Jahrhunderts in seiner Hikone-Exklave Setagaya und wurde durch ein Gewitter überrascht. Bei einem nahen, heruntergekommenen Tempel schien ihm eine Katze zu zu winken, doch lieber in den Tempel zu kommen. Naotaka ging also auf das Tempeltor zu und hinter ihm schlug plötzlich ein Blitz in den Baum ein, unter dem er gerade noch stand. Diese winkende Katze rettete ihm also das Leben, und Naotaka machte den Tempel zum Familientempel der Ii. Zudem wurde mit dieser Legende die Maneki-Neko, die Winkekatze geboren.

    Der Gotokuji ist den allermeisten entsprechend nur als Winkekatzentempel bekannt und ist ein beliebter Touristen Hot Spot. Ii Naoktaka, aber auch ein späterer Nachfahre Ii Naosuke, der für die Ansei-Säuberungen verantwortlich war und deshalb 1860 am Sakuradamon in Edo von Mito-Samurai getötet wurde, sind auf dem dazugehörigen Friedhof beerdigt.

    Deswegen möchte ich auch den zu Fuß etwa 20 Minuten entfernten Gotokuji besuchen.

    Krasser kann der Unterschied nicht sein. Man ist in Japan, da ist ein japanischer Tempel, aber das alles ohne Japaner. Nur Ausländer. Es ist voll. Man steht in einer Schlange von ca. 80 Metern an, um eine Winkekatze zu kaufen, und um sie ein paar Meter weiter für Social Media posend in ein Regal zu stellen. Der Tempel an sich ist schön. Das Drumherum stößt mich einfach nur ab.

    Anfänglich habe ich in Japan allgemein noch viel Rücksicht genommen, wenn man sich mit Duck-Face und V-Fingerzeichen in Szene setzte, später bin ich nur noch durchmarschiert. Keine Ahnung, auf wieviel Fotos ich dadurch gelandet bin...

  • So! Geschichtsunterricht! Setzen! Ich bitte um Ruhe!

    Mit der Schlacht 1600 in Sekigahara, welche der spätere Shogun Tokugawa Ieyasu zu Gunsten seiner Fraktion entscheiden konnte, war ja nicht plötzlich alles Friede, Freude, Eierkuchen. Erst mit dem Sommer- und Winterfeldzug in Osaka gegen die Toyotomi-Fraktion gelang es die Tokugawa Administration halbwegs ein Fundament zu setzen, das nach wie vor auf tönernen Füßen stand.

    Man darf nicht vergessen, dass in den vergangenen 160 Jahren Bürgerkrieg eine regionale Führung sich ausschließlich auf Provinzfürsten fokussierte. Der Titel "Shogun", also höchster militärischer Führer, den zuletzt die Ashikaga in Kyoto inne hatten, war de facto nichts wert. Die letzten Ashikaga Shogune waren genauso machtlos wie die jap. Kaiser, obwohl sie offiziell als Staatsoberhaupt galten. Ein Shogun der damaligen Zeit hatte genau so viel Macht, wie die Provinzfürsten, welche ihm Unterstützung zukommen ließen - und genauso schnell wieder versagen konnten. Mit anderen Worten: es waren im Grund Marionetten.

    Es war auch einer der Gründe, warum Reichseiniger wie Oda Nobunaga oder Toyotomi Hideyoshi trotz ihrer militärischen Macht den Titel Shogun nicht annahmen. Der Titel war zu stark negativ belastet.

    Dass Ieyasu letztendlich den Titel Shogun wieder annahm, basiert auf der oben beschriebenen Erlangung administrativer UND militärischer Macht, SOWIE der bereits unter Toyotomi Hideyoshi durchgeführten Entwaffnung der Bevölkerung, und dem betonieren eines vier Ständesystems. Ji-Samurai, welche in Friedensperioden Bauern, im Krieg aber Soldaten waren, gab es nicht mehr. Das Wechseln innerhalb der Stände wurde verboten.

    Provinzfürsten wurden vom Tokugawa-Shogunat im 17. Jahrhundert immer wieder versetzt. Eine Bindung zwischen der Bevölkerung und den Provinzfürsten sollte damit nicht entstehen, oder weitgehend vermieden werden.

    Diese Umstrukturierungen führten in der Regel zur Verkleinerung der Lehen. Das führte wiederum zu Massenentlassungen von Samurai, die damit zu Ronin wurden. Diese wiederum konnten gemäß der damaligen Regelung nicht einfach zum Bauern, Händler und Handwerker werden. Diese Schwemme herrenloser Samurai, die nicht für ihren Unterhalt sorgen konnten, waren ein enormes Problem Anfang und Mitte des 17. Jahrhunderts. Es stellte nicht nur eine latente Bedrohung der öffentlichen Sicherheit dar, es war ein tiefgreifender Gesellschaftlicher Missstand, der die Legitimität des Tokugawa-Shogunats ernsthaft in Frage stellte.

    Die Errichtung der Hinrichtungsstätte Suzugamori in Shinagawa an der alten Tokaido vor den Toren Edos war vor allem eine Warnung an die Ronin, welche Edo betreten wollten. Suzugamori wurde regelrecht mit der Hinrichtung Marubashi Chuyos 1651 eröffnet, einem Ronin und Kopf des sog. Keian-Aufstandes gegen die Tokugawa.

    Bis 1871 sollen hier bis zu 200.000 Menschen hingerichtet worden sein.


    Die alte Tokaido ist hier in Shinagawa eine breite Stadtautobahn:

    "Namu Myoho Renge Kyo" - "Suche Zuflucht im Lotus Sutra" Eine Phrase des Nichiren Buddhismus. Ein naher Nichiren-Tempel versuchte die Geister der Getöteten zu besänftigen, denn Verurteilte durften kein ordentliches Begräbnis erhalten. Ihre Körper verrotteten zur Abschreckung und Warnung. Der Geruch muss unerträglich gewesen sein.


    Das Fundament eines Kreuzes. Kreuzigungen waren in Japan eine häufige Hinrichtungsart.


    Grabstelen der letzten Verurteilten in Suzugamori.