Ich überquere die große Gojo und reihe mich aber nicht in den steten Touristenstrom ein, der sich in der schmalen Gojo-Dori bündelt, um zum Kiyomizudera zu gelangen. Ich biege schräg links weg in eine kleine Straße, in das nördliche "Hinterland" der Gojo in Higashiyama. Früher hieß das Gebiet Rokuhara, was (möglicherweise) sechs Felder heißt. Das Gebiet östlich des Kamo boomte als Siedlungsgebiet, denn im sanft zu den Hügeln ansteigendem Gelände war man vor den Überschwemmungen des unberechenbaren Kamo sicher. In der Kamakura-Periode war hier eine von zwei militärischen Statthaltungen der Hojo angesiedelt, um die Kaiser zu kontrollieren. Entsprechend waren hier auch die Anwesen der Hojo-Vasallen zu finden. Bis in das 16. Jahrhundert waren hier Samurai aber auch Handwerker, besonders Schmiede und Keramiker angesiedelt. Von hier an bis etwa zur Shijo war das Zentrum der sogenannten Kyo- und Kiyomizu-Ware. Es gibt noch einige günstige Keramikgeschäfte an der Gojo, hoch Richtung Kiyomizudera im "Teeschalen-Weg" (Chawanzaka), kann es dann richtig teuer werden. Zwei, Dreitausend Euro für ein Stück Tee-Keramik sind hier kein Problem.
Doch richtige Werkstätten sind auch hier am historischen Standort selten geworden. Das ansteigende Gelände eignete sich hervorragend für den Bau der traditionellen Hangöfen (Anagama). Hierbei werden mehrere Kammern hintereinander, miteinander verbunden in einen Hang gebaut. Solche Öfen aus mehreren Brennkammern konnten bis 30 Meter lang werden. Oft waren es "Gemeinschaftsöfen", denn Töpfer arbeiten häufig in Kooperativen, denn kein einzelner Handwerker konnte den hohen Aufwand und die hohen Bewirtschaftungskosten selbst tragen. Allein die Brenndauer der großen Anagama konnte 4 bis 6 Wochen dauern.
Der kleine Anagama der Familie Ogawa ist einer der wenigen, die heute hier noch stehen. Allerdings wurde dieser Ofen erst um 1870 gebaut und der jetzige Meister ist die 6. Generation.
ich folge den leeren schmalen Straßen. Auch das ist hier möglich. Nur "ein paar" Meter weiter östliche verlaufen die Touristenströme. Mit etwas trauriger Stimmung genieße die Seitenstraßen und verabschiede mich innerlich von der edlen, alten "Dame" Kyoto.
Ich schnappe mir meinen Rucksack. Ich kämpfe mich durch die vollen Bürgersteige zur Kawaramachi-Station, und fahre das erste mal schwarz! Ich nehme frecher Weise einen "reserved Car" Train, den diese Verbindung hatte mir Google mit dem wenigsten Umsteigen zum KIX Airport angepriesen. Konsequenzen gab es keine, die zwei Stunden Fahrt mit 4mal umsteigen ziehen sich, und von Osaka bekomme ich durch die Fenster kaum was mit.
Angekommen wird`s noch mal richtig voll. Aber ich muss ja nicht zum Gate, sondern biege zum Flughafenhotel ab. Dort checke ich ein, "schmeiße" den Rucksack ab, switche noch mal ins Terminal rüber, um zu checken wo ich morgen früh hin muss, und um die Fressmeile unsicher zu machen.
Fazit Kyoto:
Ich liebe diese Stadt, und ich hasse sie. Für jeden echten Japan-Fan ist sie das Maß der Dinge. Diese Stadt repräsentiert Japan wie keine andere. Und fast jeder, der Japan besucht, hat Kyoto unweigerlich auf seiner Liste. Das ist halt so, und das merkt man definitiv. Das Ganze nimmt teilweise auch humoristische Züge an. Denn ich bewundere die Kunstfertigkeit der Kimono-Verleiher. Wie die es schaffen wirklich jede Körperstatur, Größe und Form in ein traditionelles Outfit zu verpacken - Respekt! Kimono und Hijab? Kein Problem! Das Epizentrum um die Yasaka-Pagode ist die größte Fotoleinwand der Welt. Hier wird posiert und performt was das Zeug hält. Hier durchzukommen, ohne auf hunderten Fotos oder Videos als unfreiwilliger "Komparse" zu landen ist nicht möglich.
Ich habe selber nichts in Punkto Touristenablehnung oder -Feindlichkeit gespürt. Auch nicht im überrannten Nara, obwohl ich diesen Ausflug als den Tiefpunkt meiner Japanreise bezeichnen würde. Hier hatte ich die größten Berührungen mit unangenehmen Touri-Verhalten gehabt. In Kyoto habe ich dagegen nur sehr wenige Hot Spots gestreift. Mein Besuch war einfach zu kurz, um mehr sagen zu können.
Das Hotel Alza in der Nähe der Sanjo-Brücke auf der Higashiyama Seite ist schon cool. Es entspricht der Optik der typischen Stadtvillen der Gegend. Die Zimmer sind riesengroß und luxuriös. Das Frühstück war mit Abstand das Beste aller Hotels, und es wird auf den Zimmern serviert, denn es gibt keinen Essensraum. Das Hotel ist allerdings auch recht teuer. Als mein Bekannter abgesagt hatte, und ich umbuchen musste, war dieses Hotel gerade mit Sonderkonditionen.
Sayonara Kyoto!