Posts by Sabiji

    Im politischen Streit zwischen China und Japan streicht China derzeit 48 Flugverbindungen nach Japan für die kommende Saison. Wer bereits gebucht hat und betroffen ist, hat sicherlich Nachricht bekommen oder bekommt diese noch. Die Airlines bieten kostenlose Umbuchungen an.

    Das Problem wird sicherlich die vermehrte Frequentierung anderer Airlines betreffen. Und da im Wesentlichen damit eher "günstige" Flugverbindungen nach Japan wegfallen, sollte man die Flugpreisentwicklung nach Japan im Auge behalten.

    https://sumikai.com/nachrichten-au…ubszeit-372505/

    Ja, das leidige Thema Flüge. Mein Flug für Herbst 2025 hatte ich im Dezember 2024 gebucht (Direktflug LH/ANA). 3 Monate vor der Reise hätte meine Verbindung 2,5 mal so viel gekostet.

    Hotels: gerade bei Japan-Neulingen unbedingt auf Zimmer- UND Bettgröße achten!

    Ansonsten wurde das meiste hier schon gesagt.

    Der Beitrag ist von Dienstag, damit schon etwas her...


    ...trotzdem noch zwei, drei Zeilen von mir.

    Für viele Stops geht auch viel Zeit drauf, um von A nach B zu kommen. Solche Wechseltage können schnell "verloren" gehen, da die Tage in Japan kurz sind.

    Meine Tochter war dieses Jahr u.a. in Hiroshima. Nach ihrer Aussage der von Touristen überranntest Spot ihrer Japan-Reise.

    Ich würde Kagoshima, bzw. allgemein Kyushu mal ins rennen schmeißen.

    Tokyo dagegen kommt mir etwas zu kurz. Neben der eigentlichen Metropole sind etliche Tagesausflüge ins Umland interessant.

    Die Anreisen nach Hakone oder Kawaguchiko benötigen pro Strecke locker 2 Stunden. Wie gesagt, die Tage sind kurz, mit einer Kernzeit von meist nur 10:00 bis 16.30. Wer da z.B. wandern will, sollte dort übernachten. Onsen-Hotels bieten sich da an.

    Ich habe das Beispiel vielleicht schon einmal gebracht, aber ich erinnere mich öfter daran, dass ich mal mit einer Freundin wandern war, und ich dachte beim Anblieb eines Baums etwas neandertalermäßiges wie "Baum", während sie mir nicht nur erklärt hat, welche Apfelbaumsorte es ist, sondern dass der Baum ungepflegt ist, was man an xyz erkennt. So ähnlich geht es mir manchmal, wenn ich deine Japan-Berichte lese. :D Da denke ich mir schlicht "Tempel" und kriege dann erklärt, dass dort die Schere des Friseurs der Cousine des Schwippschwagers von Tohudingsda immer in der achten Vollmondnacht eines Schaltjahrs in einer leider sehr schlecht ausgeleuchteten Vitrine zu sehen ist, aber nur, falls man es schafft, genau 100 Tage im Voraus auf einer geheimen Webseite ein Ticket zu kaufen und an ca. 1.000 Japanern vorbei Einlass ins Gebäude zu finden. :P

    Genau! Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, gehöre ich zu den auf dieser Welt wandelnden glücklichen Wenigen, welche bei dieser konspirativen Ausstellung das berühmteste und älteste Stück knorrigen Holzes Japans mit eigenen Augen sehen konnten. Unglücklicherweise handelt es sich nicht Apfel- sondern Adlerholz. Und weil die Japaner schon immer unheimlich penibel waren, ist an der Klamotte exakt vermerkt, an welcher Stelle sich schon vor hunderten von Jahren ein paar Großkopferte (auch der olle Nobunaga, der Kulturbanause) einfach ein Stückchen abgeschnibbelt und gemopst haben. Doch konnte ich das nicht genau erkennen, denn Punkt 1: die katastrophale Ausleuchtung (!), und Punkt 2: da standen noch tausende Japaner vor mir vor der Vitrine, und Punkt 3: meine Augen waren tränennass vor Ergriffenheit und Demut. Aus diesem Grund habe ich nur verschwommene Erinnerungen an den Klotz.

    https://en.wikipedia.org/wiki/Ranjatai

    Ja, sorry, Flicka , da bin ich wohl so ein bisschen die jap. Ausführung Deiner Kumpeline. Da ich aber noch nicht eine japanische Apfelsorte kenne, muss ich dieses Manko schleunigst beheben und mich in die Materie reinknien.

    Ich hoffe, dass nun jeder absolut nachvollziehen kann, warum meine Frau händeringend NICHT mit nach Japan wollte.

    Aber was soll ich tun? Ich meine es doch nur gut...stellt Euch doch vor...da bekommt man von Tochter ein Bild zugesendet: "kiek ma, een Foto von uns bei nen Ausflug middn paaa Mönsche!"

    Da bekomme ich körperliche Schmerzen! Also hube ich an, ihr eine entsprechende Erläuterung angedeihen zu lassen: "middn paaa Mönsche?Das sind nicht irgendwelche Mönsche! Es handelt sich hierbei genaugenommen um...ach, lassen wir das!


    In diesem Sinne...Mataneeee!

    Wie zu erwarten wird 2025 ein neues Rekord Jahr, was den Tourismus betrifft. Die 40 Mio Einreisen werden wohl locker erreicht werden.

    Die USA mausern sich zur 4. stärksten Besucher-Nation. Und obwohl Deutschland dazu im Verhältnis immer noch ein Einreise-Zwerg ist, besitzen wir in Japan mit die höchsten Zuwachsraten. Ein straffes Drittel (!) mehr Deutsche als 2024.

    https://sumikai.com/nachrichten-au…ord-auf-371024/

    Fazit Insgesamt:

    Es ist schon eine merkwürdige Erfahrung, 14 Tage ohne Frau in den Urlaub zu fahren. Wobei insbesondere 2025 eher ein "Schwerpunkt-Urlaub" für mich war. Mit meiner Frau wäre diese Fahrt mit Sicherheit trotz meiner "Termine" anders verlaufen. Mehr Zielen bezüglich Natur, Land und Leuten, weniger Stadt und meinem Kram.

    Und ja, sie hat mir auch gefehlt, weil ich doch eher jemand bin, der lieber "zusammen erleben" möchte.

    Ich habe tatsächlich nach einer Woche Tokyo fast ein Tokyo Koller bekommen. Es gibt sicher viel zu sehen und zu entdecken, auch für Jemand, der schon öfters dort war. Aber was mich diesmal (erstaunlich weise) genervt hat, war die ewige Fahrerei mit den Öffis. Die Spots, die man im Hinterkopf hatte, waren oft mehr fahren als sehen. Einiges, was ich hier nicht erwähnt habe, erwies sich eher als Enttäuschung, auch was mein Hobby betrifft. Man schaut dann auf die Uhr und denkt, okay, das "andere" schaffe ich jetzt nicht mehr, eine Alternative würde 70 Minuten fahren bedeuten, och nöööh, mmmh, was könnte ich jetzt noch in Angriff nehmen?

    Ein Bekannter hier in Berlin hat es geschafft, mit einer Arbeit im Bereich traditioneller Handwerkkunst einen Preis zu erringen. Ich versprach ihn die Sonder-Ausstellung der Preisträger im Meiji Park zu besuchen und Bilder zu machen. Hier gibt es zwei Museen, das Meiji Schrein Museum (in denen auch Schätze des Schreins ausgestellt werden) und das Schatz Museum (des Meiji Schreins :D), beide natürlich am gegenüberliegenden Ende des riesigen Parks. Ich gehe am richtigen Ende des Parks entsprechen der Ausschilderung rein, Google meint aber ich müsse einmal quer durch. Der Park voller Leute. Am falschen Schatz-Museum kein Hinweis zur Ausstellung. Die Dame an der Kasse musste schon mehrere solcher Fehlläufer wie mich gehabt haben. Nee ich muss wieder komplett zurück. Trotz Eilmarsch komme ich nicht mehr rein. 3 Minuten zu spät. Bürgersteighochklapp-Alarm um 16:30! Das frustet in Japan.

    Aber ich kann mich nicht beschweren. Ich habe wunderbare Sachen gesehen und in den Händen gehabt, um sie direkt studieren zu können. Stücke, die man selbst kaum in Museen sieht. Dahingehend war meine Reise ein voller Erfolg. Auch auf der Messe konnte ich einige alte Bekannte treffen, die ich viele Jahre nicht mehr persönlich gesehen habe, da sie z.B. mittlerweile in den USA leben.

    Ich hatte ein erstaunlich offenes Gespräch mit einem jungen Mitarbeiter eines Händlers, bei dem ich einen Termin im Vorfeld der Veranstaltung hatte. Er fragte, ob ich auch auf die Messe am Wochenende gehe. Ich bejahte, denn das war ja eines meiner größeren Ziele. Er sagte, sie seien nicht auf der Messe vertreten, da man da kaum etwas verkauft. Alle wichtigen Geschäfte laufen im Umfeld der Messe ab, bei Terminen wie bei mir. Er bedankte sich auch noch mal, dass ich einen Termin gemacht hatte. Auf meinen Einwand, dass ein Besuch hier ohne Termin gar nicht möglich wäre, schüttelte er den Kopf. Es kommen ständig vor allem Ausländer rein. Es sind solche Gäste, die nie was kaufen. Aber wir sind kein Museum. Es kommt oft zu unschönen Reaktionen, wenn wir sie bitten müssen zu gehen, wenn sie keinen Termin haben. Das ist immer sehr bedauerlich.

    Aber zurück zu Japan selbst. Auf dieser Reise habe ich Japan noch nie so voll erlebt. Selbst das Rekord-Jahr 2019 (vor Covid) hatte ich nicht so unangenehm in Erinnerung. Gusti hat schon recht, wer so Japan das erste mal erlebt, wird daran nichts ungewöhnliches finden. Was ist an Tokyo diesbezüglich anders als New York, Rom oder London? Wem würde es also wundern, dass man in Shibuya kaum treten kann.

    Und Kyoto steht ja neben Osaka gleich an nächster Stelle in der Hitliste. Nur das Kyoto z.B. deutlich kleiner ist, die Touri-Massen sich hier noch mehr komprimieren.

    Ja, Japan hat mittlerweile ein Massentourismus-Problem. Im Bereich der goldenen Route unterscheidet es sich nicht mehr mit anderen internationalen Zielen. Japan ist nicht mehr das "exotische Ziel Ost-Asiens". Und auch wenn man in Japan versucht, den Tourismus von der goldenen Route in andere Regionen zu ziehen, der normale Tourist will Tokyo-Osaka-Kyoto-Hiroshima. Das verkörpert für ihn Japan. Er will die Spots sehen, die er aus Film und Fernsehen, Plakaten und Prospekten kennt: den Fuji, die Shibuya-Crossing, den Inari-Taisha, etc...Man will im Kimono an der Yasaka Pagode stehen, man will das coole Video in Gion haben.

    Das kann ich sogar völlig verstehen. Es ist beeindruckend! Und selbst ich würde gerne noch mal die Aussicht vom Kiyomizudera bei Sonnenuntergang genießen. Eben weil es so besonders ist.

    Entweder man hat irgendwie Glück, zufällig zur richtigen Zeit da zu sein, oder aber man muss akzeptieren, solche Spots nie wieder so zu erleben, wie es in der Vergangenheit war.

    Ich hatte zweimal mit Studenten (Japanistik, Kunstgeschichte) gesprochen, einmal vor Japan, einmal in Tokyo, die Fremdenführer für deutsche Reisegruppen eines bestimmten Anbieters gemacht haben. Beide haben den enorm dichtgepackten Reiseplan kritisiert. Die Reisenden haben sich mehr in Reisebussen aufgehalten, als was von Land und Leuten zu sehen. Morgens am Inari-Taisha in Kyoto, Mittags am Todaiji in Nara (1 Stunde Zeit!) abends im Dunkeln sind sie dann in Hakone angekommen. Früh ging es weiter nach Tokyo. Die haben nichts weiter als das Hotel in Hakone gesehen.

    Tja, und die Situation wird nicht besser werden, solange der Boom anhält, und der Yen günstig ist. Die Prognosen gehen weiter nach oben.

    Japan-Fans werden sicherlich ihre Routen abseits der Epizentren finden. Aber hilft das "aus dem Weg gehen", wenn sich das Land durch den Massentourismus längerfristig verändern wird? Vor allem wie verändern wird. 2019 konnte ich noch freundlich mit dem jap. Zöllner plaudern. 2025 lustloses Massenabfertigen. Schnell, schnell, schnell, der Nächste, der Nächste. Willkommen in Japan!

    Nach der Japanreise ist vor der Japanreise. Wirkliche Ambitionen für die nächste Reise fehlen mir momentan...

    Abspann:

    "Herr ...., haben sie gewählt?" Verdutzt schaue ich die Flugbegleiterin an. Woher kennt die mich bitte? "Ich nehme die Entenbrust, als Hauptspeise die Roulade."

    Mit der Entenbrust kommt die nächste schwierige Frage. "Welchen Wein darf ich ihnen servieren?" Ach verdammt... "Ginge auch einfach nur ein Bier?"

    Das mit dem Business-Fliegen muss ich noch üben. Als völliger Rookie hatte ich mein (etwas besseren) Kopfhörer mit in die Kabine genommen und überlege nun, wo in aller Welt kann ich den jetzt einstecken? Herrjeh! Verstohlen muss ich von den wissenden Nachbarn lernen.

    Der Tag ging schon gut los: der Flug geht jetzt um 10:00, anstatt um 9:00 sagt die Mail von Lufthansa. Ufff! Das wird knapp! 2,5 Stunden Aufenthalt hatte der ursprüngliche Flug. Später wurde der Flug München Berlin durch einen anderen ersetzt, sodass die Umsteige-Zeit dann 2 Stunden waren. Na gut, einfach mal schauen...

    Nach knapp 14 Tagen sehe ich auch Tochter und Freund wieder. Die überreichen mir erstmal alle Geschenke ihrer Gasteltern an mich, so dass sich mein Kabinengepäck verdreifacht.

    Du musst noch Dein Gepäckbändsel ausdrucken. Meint Tochter mit Blick auf die Uhr. "Pffffff...!" mache ich geringschätzig, und schreite zum Business Schalter.

    Auf die Lounge verzichte ich, es gibt einfach zu viel über die vergangenen 14 Tage zu quatschen.

    Und ja, der Business-Flug hat mich versaut. Ist einfach eine andere Liga. Wenn ich so richtig fies gewesen wäre, wäre auch der Anschluss in München für mich kein Problem gewesen. Ratz fatz war sich aus dem Flieger, und wäre damit auch zügig durch die Sicherheitskontrolle zum Gate gekommen.

    Aber so wartete ich fast 16 Minuten (!) bis Tochter und Freund endlich aus dem Flieger kamen. Inzwischen war der Raum vor der Sicherheitskontrolle voll, eine riesen Schlange, nichts ging vorwärts. Das sah überhaupt nicht gut aus!

    Ich fragte einen Mitarbeiter der für Ordnung im Ankommen-Chaos sorgte, welche Chancen wir hätten, weil unser Boarding in 20 Minuten beginnt. Der meinte leise zu mir: " zu den Anschlussflügen müssen sie da durch. Sie könnten aber auch hier linker Hand durch die elektronische Einreise, dann folgen Sie den Schildern zu den Gepäckbändern, von da aus kommen sie auch zu einer Sicherheitskontrolle. Aber ich kann für nichts garantieren!"

    Besser als das hier. Für folgen der Beschreibung und haben wahnsinniges Glück. Die Sicherheitskontrolle war hier so gut wie leer. Es wurde zwar noch mal spannend, denn alle meine Taschen wurden nachkontrolliert, aber die Beamten waren echt freundlich. Am Gate schaffe ich es noch meiner Frau am Telefon zu sagen, dass alles okay geht, damit sie uns abholen kann. Dann begann schon das Boarding. Ich bin ziemlich sicher, dass wir ohne den Tip und eine Portion Glück den Anschluss nicht bekommen hätten.

    So, das wars! Danke für die Geduld und sorry für die langen Texte.

    Ich überquere die große Gojo und reihe mich aber nicht in den steten Touristenstrom ein, der sich in der schmalen Gojo-Dori bündelt, um zum Kiyomizudera zu gelangen. Ich biege schräg links weg in eine kleine Straße, in das nördliche "Hinterland" der Gojo in Higashiyama. Früher hieß das Gebiet Rokuhara, was (möglicherweise) sechs Felder heißt. Das Gebiet östlich des Kamo boomte als Siedlungsgebiet, denn im sanft zu den Hügeln ansteigendem Gelände war man vor den Überschwemmungen des unberechenbaren Kamo sicher. In der Kamakura-Periode war hier eine von zwei militärischen Statthaltungen der Hojo angesiedelt, um die Kaiser zu kontrollieren. Entsprechend waren hier auch die Anwesen der Hojo-Vasallen zu finden. Bis in das 16. Jahrhundert waren hier Samurai aber auch Handwerker, besonders Schmiede und Keramiker angesiedelt. Von hier an bis etwa zur Shijo war das Zentrum der sogenannten Kyo- und Kiyomizu-Ware. Es gibt noch einige günstige Keramikgeschäfte an der Gojo, hoch Richtung Kiyomizudera im "Teeschalen-Weg" (Chawanzaka), kann es dann richtig teuer werden. Zwei, Dreitausend Euro für ein Stück Tee-Keramik sind hier kein Problem.

    Doch richtige Werkstätten sind auch hier am historischen Standort selten geworden. Das ansteigende Gelände eignete sich hervorragend für den Bau der traditionellen Hangöfen (Anagama). Hierbei werden mehrere Kammern hintereinander, miteinander verbunden in einen Hang gebaut. Solche Öfen aus mehreren Brennkammern konnten bis 30 Meter lang werden. Oft waren es "Gemeinschaftsöfen", denn Töpfer arbeiten häufig in Kooperativen, denn kein einzelner Handwerker konnte den hohen Aufwand und die hohen Bewirtschaftungskosten selbst tragen. Allein die Brenndauer der großen Anagama konnte 4 bis 6 Wochen dauern.

    Der kleine Anagama der Familie Ogawa ist einer der wenigen, die heute hier noch stehen. Allerdings wurde dieser Ofen erst um 1870 gebaut und der jetzige Meister ist die 6. Generation.

    ich folge den leeren schmalen Straßen. Auch das ist hier möglich. Nur "ein paar" Meter weiter östliche verlaufen die Touristenströme. Mit etwas trauriger Stimmung genieße die Seitenstraßen und verabschiede mich innerlich von der edlen, alten "Dame" Kyoto.

    Ich schnappe mir meinen Rucksack. Ich kämpfe mich durch die vollen Bürgersteige zur Kawaramachi-Station, und fahre das erste mal schwarz! Ich nehme frecher Weise einen "reserved Car" Train, den diese Verbindung hatte mir Google mit dem wenigsten Umsteigen zum KIX Airport angepriesen. Konsequenzen gab es keine, die zwei Stunden Fahrt mit 4mal umsteigen ziehen sich, und von Osaka bekomme ich durch die Fenster kaum was mit.

    Angekommen wird`s noch mal richtig voll. Aber ich muss ja nicht zum Gate, sondern biege zum Flughafenhotel ab. Dort checke ich ein, "schmeiße" den Rucksack ab, switche noch mal ins Terminal rüber, um zu checken wo ich morgen früh hin muss, und um die Fressmeile unsicher zu machen.


    Fazit Kyoto:

    Ich liebe diese Stadt, und ich hasse sie. Für jeden echten Japan-Fan ist sie das Maß der Dinge. Diese Stadt repräsentiert Japan wie keine andere. Und fast jeder, der Japan besucht, hat Kyoto unweigerlich auf seiner Liste. Das ist halt so, und das merkt man definitiv. Das Ganze nimmt teilweise auch humoristische Züge an. Denn ich bewundere die Kunstfertigkeit der Kimono-Verleiher. Wie die es schaffen wirklich jede Körperstatur, Größe und Form in ein traditionelles Outfit zu verpacken - Respekt! Kimono und Hijab? Kein Problem! Das Epizentrum um die Yasaka-Pagode ist die größte Fotoleinwand der Welt. Hier wird posiert und performt was das Zeug hält. Hier durchzukommen, ohne auf hunderten Fotos oder Videos als unfreiwilliger "Komparse" zu landen ist nicht möglich.

    Ich habe selber nichts in Punkto Touristenablehnung oder -Feindlichkeit gespürt. Auch nicht im überrannten Nara, obwohl ich diesen Ausflug als den Tiefpunkt meiner Japanreise bezeichnen würde. Hier hatte ich die größten Berührungen mit unangenehmen Touri-Verhalten gehabt. In Kyoto habe ich dagegen nur sehr wenige Hot Spots gestreift. Mein Besuch war einfach zu kurz, um mehr sagen zu können.

    Das Hotel Alza in der Nähe der Sanjo-Brücke auf der Higashiyama Seite ist schon cool. Es entspricht der Optik der typischen Stadtvillen der Gegend. Die Zimmer sind riesengroß und luxuriös. Das Frühstück war mit Abstand das Beste aller Hotels, und es wird auf den Zimmern serviert, denn es gibt keinen Essensraum. Das Hotel ist allerdings auch recht teuer. Als mein Bekannter abgesagt hatte, und ich umbuchen musste, war dieses Hotel gerade mit Sonderkonditionen.

    Sayonara Kyoto!

    Ein paar hundert Meter weiter stößt man auf eine weitere Mauer, diesmal ein Ziegel-Lehm Verbund, über 5 Meter hoch. Es ist die Westumfriedung des Sanjusangendo und eine von 3 berühmten Momoyama-Zeitlichen Mauern. Nummer 2 durfte ich schon am Atsuta-Jinja beäugen, auf Befehl Nobunagas erbaut. Für diese hier ist Hideyoshi verantwortlich. Ich hatte es schon weiter oben geschrieben, im Fall der Fälle war eine Mauer damals besser als keine Mauer.

    Also stürme ich noch einmal einen Kyotoer Hotspot. Während der Todaiji (historisch) das höchste Holzgebäude war, ist der Sanjusangendo, eigentlich Renge-O-In-Hondo, das längste Holzgebäude Japans. Der Tempel gehört zur Tendai Schule, den Zen gab es zur Entstehung vieler Tempel in Higashiyama noch gar nicht in Japan.

    Die über tausend Kannon-Statuen im Inneren der Halle sind beeindruckend. Einige wenige sollen noch original aus der späten Heian stammen, der Hauptteil stammt aus der Werkstatt Tankeis, dem Sohn Unkei aus der mittleren Kamakura. Auch Wächterfiguren, insbesondere aber Donnergott Raiden und Windgott Futen zeigen eindeutig den Stil der Schule Unkeis. Fotos sind leider - oder zum Glück - verboten. Man wird hier durchgeschoben, muss betende Japaner, vor Ergriffenheit erstarrte Touris, sowie quatschende Schüler-Cluster umschiffen. Gäbe es hier noch Selfie Sticks, ginge hier gar nichts mehr.

    Die Westveranda war Schauplatz historischer Bogenwettkämpfe. Noch heute findet einmal im Jahr ein großes Bogenevent statt. Und, wenn auch nicht zweifelsfrei belegt, soll hier Japans berühmtester Schwertkämpfer Miyamoto Musashi den Schwertkampfmeister Yoshioka Denshichiro getötet haben. Was in den Romanen und Filmen nicht vorkommt ist, dass es bereits einen Konflikt zwischen Musashis Vater Shinmen Munisai gab.

    Direkt gegenüber liegt mein eigentliches Hauptziel. der Yogen In wird vom Touri Strom völlig ignoriert. Dieser unscheinbare, kleine Tempel at es aber in sich. Im wahrsten Sinne des Wortes!

    Der Tempel ist bei weitem nicht so alt wie der berühmte Nachbar. Er ist 1594 für den Seelenfrieden Azai Nagamasas errichtet worden. Dieser Tempel brannte ab, wurde auf Weisung Oe´s, einer Tochter Nagamasas wieder errichtet. Ich versuche es mal: Oda Nobunaga mochte Azai Nagamasa sehr. Um eine Familienbande zu knüpfen, befahl er seiner selbstbewussten Schwester Oichi, Nagamasa zu heiraten. Oichi galt als Schönheit, sehr klug, aber sie war dickköpfig und größer als meisten Männer jener Zeit, und damit schwer vermittelbar. Doch die Ehe zwischen Nagamasa und Oichi entwickelte sich zur echten Liebesverbindung.

    Ein wesentlich älteres Bündnis zwischen den Asakura und Azai führte später zu einem Krieg zwischen Nagamasa und Nobunaga. Beim Sturm auf die Burg der Azai starben Nagamasa und Oichi durch Selbstmord. Vorher gelang es Hideyoshi, der damals noch General unter Nobunaga war, Nagamasa zu überreden, die drei Mädchen des Paares, Chacha, Oe und Ohatsu, in seine Obhut zu geben. Aus Chacha wurde später Hideyoshis Hauptkonkubine Yodo-Gimi, die Mutter Toyotomi Hideyoris (beide begingen bei der Erstürmung der Burg Osaka 1615 Seppuku), Ohatsu blieb kinderlos. Und Oe wurde die Frau des zweiten Shoguns Tokugawa Hidetadas, und ist die Mutter des dritten Shoguns Iemitsu und von Senhime. Also ist der Yogen In damit ein Familientempel der Tokugawa.

    Sorry, es geht weiter:

    Der Tempel ist fast vollständig aus Teilen der Burg Fushimi recycelt. Fushimi wurde nach Hideyoshis Tod von Ieyasus treuen Vasallen und Freund seit Kinderzeiten Torii Mototada gehalten. Im Vorfeld der berühmten Schlacht von Sekigahara wurde die 2.600 köpfige Besatzung der Burg von einem Heer von 40.000 Kriegern der Westallianz angegriffen. Die gesamte Besatzung kam ums Leben. Es heißt, dass durch die Belagerung Ieyasu wichtige Zeit gewonnen hatte, seine Truppen für Sekigahara zu positionieren.

    Ein Teil der blutverschmierten Dielen des Bodens der Burg Fushimi, die sogenannte "Blutdecke" wurde auf 4 Kyotoer Tempel verteilt, und als Deckenverkleidung installiert. Damit wollte man die Seelen der Gefallenen trösten.

    Da ich hier völlig allein bin, werde ich "Opfer" einer Angestellten, die mir auch die Eintrittskarte verkauft hat. Mit einem langen Bambusstock erklärt sie mir bis ins Detail die fleckige Decke. Unter meinen Füßen fiept und quietscht es. Ich zeige auf den Boden: "Kore wa Uguisubari desu ka?" "Haaaaaaaiiii, sososososo....!!!!!" Es folgt ein weiterer Erklärschwall. Der Fußboden ist ein Nachtigallenboden. Metallklammern erzeugen bei Belastung der Dielen einen zwitschernden Ton, eine japanisch-mittelalterliche Alarmanlage. Er ist untypisch für ein Tempel, aber der Boden kommt ja aus einer Burg. Genauso wie die bemalten Wände und Schiebetüren des kleinen Tempels.

    Es kommt ein Priester um die Ecke und entführt meine Fremdenführerin. Ich überlege fieberhaft, ob ich schnell verbotenerweise ein Foto machen soll. Aber schwupp, steht sie schon wieder da. Mist. Ich soll mir jetzt noch was um die Ecke ansehen. Okay, jetzt oder nie! Ich bedanke mich überschwänglich für die unglaubliche Erklärung! Aber ich weiß nicht, wie ich diese Besonderheit meiner Frau in Deutschland beschreiben kann. Ob ich nicht doch ein Foto machen dürfe??? "Ooooooohhhh, haaaaaaiiii, sososo..." Ich darf" Gefolgt von einer gegenseitigen Verbeugungsorgie. Auch werde ich noch bis in den Genkan begleitet, wo ich mir unbeholfen die Schuhe anziehen und gleichzeitig noch verbeugen muss. Ufff...schnell weg!

    Die Mietze, die vorhin noch einsam am Tempeltor saß, wurde von einigen Sanjusangendo Touris entdeckt und zu Tode geknuddelt. Ich schaue auf die Uhr. Schon kurz nach eins. Ich muss wohl leider den Rückweg antreten...

    Fortsetzung folgt.

    Mein letzter voller Japantag ist eigentlich nur ein halber Kyoto-Tag. Eigentlich wollte ich erst spätabends zum Flughafenhotel am KIX, aber irgendwie ist die Luft bei mir raus. Bevor der Feierabendverkehr los geht, will ich Kyoto verlassen.

    Echt traurig checke ich aus, nicht ohne dem Manager an der Rezeption ein dickes Lob auf die Stulle zu schmieren. Der ist happy, und mein Rucksack kann ich hier noch zurücklassen, solange ich möchte.

    Was ich nicht möchte ist großartig mit den Öffis irgendwo hin. Ich will auf historischer Spurensuche durch Nebenstraßen in der Gegend bleiben.

    Ich will hier keine Geschichtsstunde draus machen, und gebe nur kurze Erläuterungen. Nur vorweg, damit man sich ein besseres Bild von der "1200 Jahre alten Kaiserstadt und Kulturhauptstadt" machen kann.

    Kyoto profitiert noch heute von der Momoyama-Periode, dessen Epizentrum sie war. Ab den 1580er ging es steil bergauf, dank Nobunaga und danach Hideyoshi. Und selbst als Ieyasu Edo als Sitz seines Shogunats erkoren hatte, wollte keiner wirklich aus dieser hippen Blase raus. Die Tokugawa mussten teilweise Kunsthandwerker "freundlich" nach Edo zwingen, damit diese nicht zur niveaulosen Krieger-Proletenstadt verkommt.

    Vor dieser Renaissance war Kyoto ein verlorenes Kaff. Keiner hätte da tot übern Zaun hängen wollen - wobei der Spruch besten passt, weil er durchaus die damalige Realität beschreibt. Kyoto hätte jeder Outlaw-Stadt des wilden Westens Konkurrenz gemacht. Teilweise waren 80 - 90 % der Stadt verfallen oder zerstört. Die Straßen waren unsicher und gefährlich.

    Schon Mitte der Heian um 1000 war die Weststadt schon so gut wie aufgegeben, und teilweise wurde im Stadtgebiet Landwirtschaft betrieben. Gegen Ende der Kamakura-Zeit im späten 13. Jahrhundert gelang es dem Rokuhara Tandai, den militärischen Statthaltern der Hojo-Regenten nicht mehr, Recht und Ordnung in der Stadt aufrecht zu erhalten. Nach dem Ende des Nanbokucho-Kriegs, so zwischen 1390 und pi mal Daumen 1460 gab es ein aufblühen der Stadt durch die Anfangs starken Ashikaga-Shogune. Es ist die Zeit der Nord- und Osthügelkultur, also Kitayama und Higashiyama Kultur. Touris glotzen sich heute den Kinkakuji und den Ginkakuji an. Der eine steht für den Beginn dieser Blütezeit, der andere für das Ende. Ab dem Onin-Krieg war dann Sense. Für jeden, der irgendwie politisch auf den Putz hauen wollte gehörte es zum guten Ton, die Stadt pauschal erstmal platt zu machen.

    Ich latsche über die Sanjo-Brücke und biege bald nach links weg. Nur ein Tor markiert, dass hier ein Tempel ist. Ich hatte schon 2022 drüber geschrieben. Vor 400 Jahren würden wir mitten im Kiesbett des Kamo stehen. Jetzt sind hier Maid-Cafes und Kneipen - und der Zuizenji. An der stelle der Haupthalle stand einst der Grabhügel eines Massengrabes, in das 39 hingerichtete Menschen geworfen wurden, 34 davon waren Frauen, Familienmitglieder oder Konkubinen von Toyotomi Hidetsugu, welche auf Befehl Hideyoshis 1595 hier enthauptet wurden. Die Figuren aller Opfer sind in einem kleinen Altar zu sehen. Wie immer ist hier niemand. Ich bezeuge meinen Respekt und weiter geht´s...

    ...die Pontocho lang. So früh ist die hippe Fressmeile Menschenleer. Das nutzt eine Content-Kreatur:in ;) um mit erhobenen Armen, in einer Hand das Handy, in die Kamera schnutelnd, die Gasse lang zu dancen. Ich halte besser ausreichend Abstand.

    Über die Shijo hinweg, bleibe ich vorerst in der alten Stadt, überquere dann eine kleine Brücke - diesmal stehen keine Karpfen in den Strömungsrinnen - wieder Richtung Higashiyama, und bleibe in der Yamatooji und suche nach Eindrücken links und rechts der schmalen Straße.

    Schließlich, weit hinter der Gojo, finde ich eine Steinmauer, wie sie für Festungen typisch ist. Die großen Steine (man erkennt es am Rand), zeigen die typische "Zahnung", die angebracht werden, um die Bruchkante vorzugeben. Sehr typisch für den Burgenbau des 16. und 17. Jahrhunderts.

    Aber hier stand nie eine Burg! Das, was viele Touris nicht ahnen, und was auch in keinem Reiseführer steht, ist das Fundament einer riesigen Halle, in der einst ein Buddha stand, welcher 1 Meter größer war, als sein Kollege im Todaiji in Nara. Die in Nara können von Glück sagen, dass ein Blitz Mitte der Edo-Zeit hier alles abgefackelt hat und das ihr Buddha aus Bronze ist. Der Buddha hier war aus Holz. So lohnte auch kein Wiederaufbau mehr. Und in Nara freut man sich, dass die nächste Konkurrenz weit weg in Kamakura steht. ;)

    Fortsetzung folgt...

    Ich hätte es wissen müssen! Ich hätte es wirklich wissen müssen! Denn so etwas hatte ich schon bei der Sonderausstellung über Unkei, einer Art jap. Tillmann Riemenschneider im Tokyo National Museum erlebt.

    Mit einer fassungslosen Faszination beobachte ich das Treiben im Nara Nationalmuseum. Die Vitrinen haben etwas von angelutschten, verlorenen Bonbons die schwarz vor Ameisen sind. Nur dass die Ameisen in meinem Fall Japaner sind. Es ist kaum ein rankommen an die Objekte. Wer einen guten Platz an der Scheibe erobert hat, kostet den Triumph voll aus. Mit Mini-Ferngläsern (die man auch ausleihen kann) wird aus 50 cm Abstand jeder Holzwurmloch akribisch inspiziert. Einige mit künstlerischer Ader fangen an, Objekte ausgiebig zu skizzieren.

    Nur auf Grund meiner Körpergröße gelingt mir ein Teil-Blick auf das Ausstellungsgut. Bei einem Schwert, welches Kaiser Shomu gehört haben soll, wage ich die Integration in die Schlange, die sich Millimeter für Millimeter an der Vitrine vorbei schiebt.

    Ich hatte die Karte für diese Sonderausstellung schon vor Wochen im Internet gekauft. Natürlich ist die Ausstellung bald völlig ausverkauft gewesen, denn alljährlich werden für nur 14 Tage Objekte des Shosoin, dem Schatzhaus des Todaiji, der Öffentlichkeit gezeigt. Dann verschwinden sie wieder für die nächsten 20 bis 50 Jahre in den Archiven. Wenn auch das Nara National Museum ein staatliches Museum ist, die Objekte des Shosoin unterstehen dem Kaiserlichen Schatzamt.

    Es scheint also die patriotische Pflicht eines jeden geschichtsbeflissenen Japaners zu sein, diese Ausstellung zu besuchen. Anders kann ich den hier stattfindenden Wahnsinn nicht erklären. Auch bin ich gerade hier der einzige Westler, und überhaupt höre ich hier nur japanisch. Die anderen Touris stopfen die armen Sikas draußen derweil mit Futter voll und ergehen sich in infantilen Verbeugungsorgien vor den übergewichtigen Hirschen.

    Aber der Reihe nach:

    - gegen 3:00 früh kooperiert mein ersoffenes Handy wieder. Also schnell noch schlafen,

    - auf die Sekunde um 7:00 klopft das Frühstück an der Tür

    - 15 Minuten später haste ich schon zur Metro,

    - hilft nix, die Kintetsu nach Nara ist schon so voll von Touris, dass ich stehen muss

    - Ankunft gegen 8:30. Schaffe ich noch den Todaiji vor dem Museum? Der Touri-Fluss ist noch dünn, und ich weiß wo ich lang muss.

    Ich muss zwangsläufig am Nara Nationalmuseum vorbei und bremse verstört: da steht eine 100 Meter Schlange vor der Sonderausstellung! ich schaue auf die Uhr. Zehn vor Neun. Ich habe ein Zeitfensterticket für 9:30. Aber bei der Schlange brauche ich locker eine halbe Stunde! Verdammt! Ich reihe mich ein. Überall stehen Ordner mit Megaphonen und Blinke-Stöcken, um die Massen zu lenken. Einige kontrollieren bereits die Tickets, ob man überhaupt berechtigt ist, sich hier anzustellen. Und so werde ich des Vergehens bezichtigt, hier unberechtigt zu stehen! Mein Zeitfensterticket weißt 9:30 aus, jetzt ist es aber erst 9:00! Mein Versuch englisch zu argumentieren, dass ich bei der Schlange frühestens 9:30 am Eingang bin, versteht niemand, oder will es nicht. Die Absperrung werden geöffnet und ich muss raus.

    Dann rutscht mir doch den jap. Buckel runter und klemmt Euch das Ticket sonst wo hin! Wütend überlege ich, was ich tun soll. Außerdem schwillt die Flut an Touris immer mehr an, was mich zusätzlich triggert. Eigentlich habe ich zu nichts mehr Lust und ich treibe mehr oder weniger Richtung südliches Tor des Todaiji mit.

    Ich drehe um. Du hast extra das Ticket gekauft, du bist extra hierher gefahren, obwohl ich schon Horror vor dem Mega-Streichelzoo Nara hatte. Jetzt ziehst du das durch!

    Zurück am Museum ist die Schlange nun 150 Meter lang und geht schon um die Ecke. Ich bestehe die Vorkontrolle. 9:30 geht ein Ruck durch die Schlange. Jetzt verstehe ich! Es ist kein kontinuierliches Anstehen. Alle Leute meiner 150 Meter Schlange haben das 9:30 Ticket! Und die gesamte Schlange wird mit einmal in das Museum reinverdichtet. Den Rest kennt ihr.

    Es gibt keine Fotos zur Ausstellung. Fotografieren verboten. Wenn ich schlechte Laune habe, mache ich eh selten Fotos. Natürlich klapper ich noch die Umgebung ab. Massen über Massen, obwohl Mittwoch ist. Im Todaiji keifen sich lautstark irgendwelche Italiener in Rollstühlen an. Jap. Angestellte sind völlig besorgt und hilflos bezüglich der skurrilen Situation.

    Schon gegen Mittag flüchte ich in Richtung Kintetsu Station. Auf Höhe des Kofukuji fliegt eine Touristin, die einem zudringlichen Hirsch ausweichen will, auf die Fr***e. Andere halten mit dem Handy drauf und lachen. Ein anderer Touri FRISST im Zug genüsslich ein mit Fleisch gefüllten Hefeklos. Das ganze Abteil riecht danach. Ausdruckslose Minen bei den Japanern.

    Nein, das ist nicht mehr mein Japan. Das ist ein Mickey Mouse Land geworden. Die Liebe rostet. Ich schäme mich, selbst Teil dieses derzeitigen Tourismus in Japan zu sein. Dabei hatte ich solche Sehnsucht und solche Vorfreude Japan wieder besuchen zu können. Aber im Augenblick freue ich mich eher auf den Rückflug übermorgen.

    Zurück nach Kyoto passiere ich die Station am Inari Taisha. Der Bahnsteig ist völlig überfüllt. Es passen nicht alle in den Zug. Angekommen nutze ich nur noch Nebenstraßen. Ich besuche noch ein Museum über die Bakumatsu Zeit und der Shinsengumi. Das Museum ist recht lehr. Man bedankt sich über den Besuch, als ich durch den Ausgang gehe. Ich finde noch ein Keramik-Laden am Rande Gions und fachsimple in gebrochenem Japanisch. Ich bin der einzige Kunde. Zwar kommen noch zwei westliche Mädels rein, aber die drehen auf dem Absatz wieder um. Vielleicht hatten sie was anderes erwartet.

    So erstehe ich noch eine rote Raku-Schale. Und auch hier: man freut sich über Bargeld. Kreditkarten werden oft gar nicht so gerne gesehen.


    Lecker Nobelhotel-Frühstück auf dem Zimmer:


    Massen über Massen in Nara:

    Hier noch einige wenige Nara-Eindrücke. Hauptsächlich ohne Menschen und Hirsche...

    "Dennoch kann ich das Fenster nicht offen lassen. Immer wieder spazieren Kohorten von Touris laut schwatzend bis früh auch durch die sonst stille Straße am Hotel vorbei."

    Ich kann das so genau sagen, weil ich diese Nacht kaum geschlafen habe. Ich habe immer wieder damit verbracht, mein Handy zu föhnen.

    Mein 40 qm schickimicki Zimmer hat natürlich auch ein schickimicki-Klo (bei dem automatisch der Klodeckel hoch geht, wenn ich die Tür auf mache und Licht in der Kloschüssel angeht), sowie ein schickimicki Bad mit Blubberblasen-Badewanne und Fernseher. Davor gibt es eine Waschtraverse mit Brauseschlauch und diversen Wasserdüsen, denn in Japan geht man nie ungewaschen in eine Badewanne. Diese dient nicht der körperlichen Reinigung, sondern nur der Entspannung.

    Aber wie bekomme ich den Whirlpool voll? Die Armatur ist futuristisch, und nicht selbsterklärend. Dazu gibt es diverse Knöpfe. Der eine Scheint den Brauseschlauch zu bedienen. das Symbol eines weiteren Knopfs erinnert an einen Wasserfall. Könnte das die Wanne voll machen? Finden wir es heraus! Auf Knopfdruck schießt ein Wasserstrahl einer versteckten Düse unterhalb der Traverse zum Boden (zum Füße waschen???).

    Dumm nur, das da Mein Handy liegt...


    Auf also Richtung Gion, durch den Maruyama-Park, Nene no Michi, hoch zum Kodai-Ji. Es sind ordentlich Leute unterwegs, aber es geht eigentlich. Der Riesen-Parkplatz in der Nähe des Kodai Ji ist verhältnismäßig leer, die Reisebusse sind schon längst weg. Doch die meisten Leute, welche hier unterwegs sind, steuern zielgerichtet zum Kodai Ji.

    Der Kodai Ji gehört zu den beliebtesten Touri-Spots in Kyoto. Das besondere: der Tempel schließt nicht wie viele andere gegen 16 oder 17 Uhr, sondern hat bis 21:30 geöffnet. Dazu gibt es noch im Herbst eine besondere Beleuchtungs-"Show". Außerdem ist er eine kleine eierlegende Wollmilchsau, denn es gibt einen Steingarten, einen Wassergarten, mehrere Teehäuser und einen Bambuswald. Jedes Japan-Klischee wird bedient.

    Um den Kodai Ji geht es mir nur zweitrangig, ich bin wegen den berühmten, momoyama-zeitlichen Kasatei und Shiguretei hier. Das Shiguretei ist eines der sehr seltenen, zweistöckigen Teehäusern. Die Gartenanlage wurde ursprünglich vom Tee-Meister und Daimyo Kobori Enshu entworfen.

    Die Anlage des Kodai Ji war historisch deutlich größer. Heute stehen einige Gebäude, wie Tore oder die Tempelglocke weit abseits am Rande des Parkplatzes. Er war früher nicht nur Tempel, sondern auch Residenz der Kinoshita und Alterswohnsitz von Nene, der Hauptfrau Hideyoshis. Für den jungen Hideyoshi war es der erste gesellschaftliche Aufstieg, als er nicht mehr als Gruppenführer einiger Fußsoldaten in die Familie Kinoshita einheiratete und sich fortan Kinoshita Tokichiro nannte.

    Als Hideyoshi starb, wurde sie Nonne und erhielt den Namen Kodai In, die "Unschuldige". Daher der Name des Tempels. Da Nene keine Kinder mit Hideyoshi hatte, und sie sich im Konflikt mit den Toyotomi (einen Clan, den selber mit aufgebaut hatte) auf die Seite Tokugawa Ieyasus stellte, unterstütze dieser Nene beim Bau des Tempels.

    Ich bin hin und her gerissen. Die Illumination des Tempelgeländes ist zweifellos schön und eindrucksvoll. Aber es wirkt gleichzeitig auch etwas wie Disney-Land, und weniger wie ein Zen-Tempel. Typisch Kyotoer Touri Bespaßung, oder notwendiges, cleveres Konzept zur Generierung von Eintrittsgeldern zum Erhalt der Anlage?

    Auf den Rückweg versuche ich mich an die stillen, engen Gassen Gions von der Nachtführung von 2022 zu erinnern, was teilweise funktioniert. Die meisten Leute sind eher auf den breiteren Wegen unterwegs.

    Der Vergleich zu 2022 hinkt gewaltig. Die Situation kurz nach der touristischen Wiedereröffnung nach Covid ist nicht zu vergleichen. 2022 waren wir fast völlig allein. Jetzt sind auch zur fortgeschrittener Stunde gut Menschen unterwegs. Aber alles in einem erträglichen Ramen.

    Das entspannte Bild ändert sich schlagartig, als ich an der Shijo rauskomme, der historischen Hauptstraße, welche vom Yasaka Tempel nach Kyoto rein führt. Massen über Massen, Geschiebe, Gedränge. Man hört englisch, spanisch, chinesisch, französisch, dänisch (gerade in Kyoto sind mir viele Skandinavier über den Weg gelaufen), deutsch, und die Italiener sind sowieso nicht zu überhören. Ich flüchte die Yamatooji Dori hoch, an dessen nördlichen Ende mein Hotel liegt. Auch hier tobt der Mob. Aber die letzten 200 Meter vor dem Hotel wird es schlagartig ruhig.

    Dennoch kann ich das Fenster nicht offen lassen. Immer wieder spazieren Kohorten von Touris laut schwatzend bis früh auch durch die sonst stille Straße am Hotel vorbei.

    Zum Schluss wird es nobel.

    Erstens, weil es zu meiner letzten Station Kyoto geht.

    Zweitens, weil ich mich für die zwei Übernachtungen eine richtige "Nobelhütte" ausgesucht habe.

    Und drittens, weil ich eine Mail von Lufthansa bekommen habe, dass mein Gebot auf Business entsprochen wurde, und ich für den Rückflug "upgegraded" wurde.

    Entsprechend vornehm geruhe ich mich zum Shinkansen-Gleis zu begeben, um dann zu gegebener Zeit meinen Alabaster-Körper selbstredend in die Erste Klasse zu betten (Greencar).

    Aber ich werde schon 3 Shinkansen vorher in die Realität zurückgeholt. Ich bin 25 Minuten vor der Abfahrt auf dem Bahnsteig und alle drei Shinkansen, die auf den Weg nach Shin-Osaka hier in Nagoya halten, sind rappeldicke voll!

    Da macht auch "mein" Zug keine Ausnahme. Zum Glück ist der Platz neben mir frei, so das ich meinen schweren Rucksack nicht über den Kopf eines Fahrgastes wuchten muss. Um aber erstmal zu mein Platz zu kommen, muss ich mich an gut einem Dutzend fetten Koffern vorbeizwängen, die im Mittelgang stehen.

    Der Waggon ist ausschließlich mit westlichen Touristen voll. Vielleicht sind einige auch im Greencar, weil die 2. Klasse rein optisch durch die Fenster des hereinfahrenden Zugs völlig besetzt war.

    However, nicht wenige tragen Masken, auch die beiden jungen Damen gegenüber des Ganges. Ich kapier so etwas nicht.

    Ich kürze ab: ich komme an meinem Nobelschuppen auf der Higashiyama-Seite auf Höhe der Sanjo relativ zügig trotz eines Blutdrucks jenseits der 180 an. Einen ersten Vorgeschmack der Touristenhochburg Kyoto konnte ich bereits auf dem Weg hierher erleben.

    Trotzdem, es ist faszinierend. Es ist wie "Heimkommen". Genau wie Gusti es auch schrieb. Deswegen geht auch mein Puls schnell runter. Ich will Tokyo nicht unrecht tun, aber ich fühle mich das erste mal rundum "Zuhause". Dabei hatte ich Kyoto beim ersten kennenlernen anfänglich gehasst. Aber daraus ist eine echte Liebe geworden.

    Die alte Schönheit gibt wieder alles, um mich einzufangen. Ich mache mich fussläufig auf nach Awataguchi. Unterwegs finde ich das Grabdenkmal von Akechi Mitsuhide. Mitsuhide war ein General Nobunagas, doch als dieser sich immer mehr zum Despoten wandelte, griff er Nobunaga im Honnoji an. Im Zuge dieses Überfalls wurde Nobunaga getötet.

    Akechis dritte Tochter war Akechi Tamako, besser bekannt als Hosokawa Gracia, den Fans der Serie "Shogun" noch besser bekannt als Mariko, welche mit "Angin-San" turtelte. Tatsächlich werden sich Blackthorn und Gracia nie begegnet sein.

    15 Minuten später komme ich zum Fuß des Awataguchi Schreins. Hier befindet sich ein weiterer kleiner Schrein, der den Schwertschmieden der Sanjo- und Awataguchi-Schule gewidmet ist. Hier ist die Wiege des japanischen Schwertes, wie wir es kennen. Die Schwertschmiede arbeiteten seit der späten Heian tatsächlich nicht in Kyoto, sondern hier am "Mund von Awata", wo die Tokaido und die Nakasendo vereinigt über die etwa 1 km entfernte Sanjo Brücke in Kyoto rein und auch raus führt.

    Zwei Pfosten, welche oben mit einem Shimenawa Seil verbunden sind, ist tatsächlich die älteste und ursprünglichste Form eines Toori.

    150 Meter weiter führen rote Toori mit einer winzigen Seitenstraße von der Hauptstraße weg. Dieser kleine Schrein hat nur wenige Rezensionen bei Google, und eine mahnt mit Ruhe und Rücksicht den Tooris zu folgen, denn hier wohnen unmittelbar Leute. Einmal links, dann rechts und wieder links. Ich muss aufpassen, das ich nicht falsch abbiege und in einer jap. Wohnstube stehe. Manche Türen sind nur angelehnt. Es riecht nach Essen und hört Stimmen aus den Wohnungen. Fast auf Zehenspitzen schleiche ich mit angehaltenem Atem wie ein Einbrecher zu dem winzigen Schrein.

    Dabei ist dieser Schrein einem der wichtigsten Kami des Shinto geweiht: Inari. Es ist auch der Schrein des Kokaji, des "kleinen Schwertschmieds" bekannt. Sanjo Munechika, der wahrscheinlich dem Hofadel entstammte, gilt als einer der ersten halbwegs nachweisbaren Schwertschmiede um 980 herum. Andere Quellen weisen ihn in die Zeit um 1180. Beide Daten sind für sich durchaus plausibel.

    Als Munechika vor einer schweren Aufgabe stand, kam ihn Inari in Form eines Fuchses zu Hilfe, und schmiedete zusammen mit Munechika ein Schwert. Und der Legende nach ist das genau hier passiert. Inari gilt seither als ein Schutzpatron der Schwertschmiede.

    Und es gibt noch eine wichtige Verbindung von Munechika und Awataguchi mit Kyoto. Kyotos Südwesten war in der Heian-Zeit sumpfiges Gebiet, und auch im Osten trat der Kamo gerne über die Ufer und sorgte für Überschwemmungen. Besonders in der heißen Jahreszeit führte das oft zu Epidemien. Munechika schmiedete Schwertlanzen, sogenannte Hoko, die er dem Yasaka-Schrein als Opfergaben gegen die Epidemien spendete. Diese Hoko, 66 Stück wie die Zahl der damaligen Provinzen, wurden an die Spitzen der Dächer der Festwagen gebunden, und sollten zusammen mit der Kraft Susanoo Omi Kami, dem Bruder der Sonnengöttin Amaterasu , Kyoto vor diesen Epidemien schützen.

    Manch einer ahnt es, genau, es handelt sich um das berühmte Gion Matsuri Mitte Juli.

    Aber zurück in die Gegenwart. Es ist schon dunkel und ich bin echt gespannt, was jetzt in Gion los ist. Damals, 2022 war Gion nach 19:30 bereits fast Menschenleer.

    Auf dem Weg dort hin finde ich noch in einem kleinen Antiquitäten-Laden eine Teeschale mit schöner Patina und der Abbildung der "3 Freunde": Bambus, Kiefer und Plaume.

    Zurück in Nagoya war es noch zu früh um im Hotel zu verschwinden. Auf die Shoppingarcaden im Bahnhofviertel hatte ich überhaupt keine Lust, denn dort tobte schon wieder der Mob. Selbst am Feiertag. Aber trotz Teuerungen in Japan scheint der Einzelhandel hier zu funktionieren. Geschäfte über Geschäfte. Hier in Berlin sind die großen Arcaden selbst am Alex oder Potsdamer Platz von hohen Leerständen geprägt.

    Also laufe ich zu Nagoya Burg. Viele Familien nutzen hier heute die Burg für einen Ausflug. Die Kids sind begeistert von den Ninjas, haben aber einen Heidenrespekt vor den Schauspielern in den Kostümen berühmter Samurai-Generäle. Nur unter lautem Geplärre funktionieren Fotos mit Kato Kiyomasa oder Ieyasu Tokugawa.

    Zurück will ich durch eine Einkaufsstraße mit vielen kleinen Läden und Restaurants, die ich tags zuvor entdeckt hatte, aber hier haben tatsächlich dann doch fast alle Läden zu.

    Der Gedanke an den kommenden Tag ist eine Mischung aus Freude und Sorge: es geht nach Kyoto!

    Fazit Nagoya: Nagoya hat keine Shibuya-Kreuzung, kein Manga-Akihabara, kein Fressmeilen Dotonburi, kein Geisha-Gion. Nagoya hingt Touristentechnisch hinterher. Westliche Touristen sieht man nicht so häufig. Und sie sind auch etwas "anders" :).

    Wie dem auch sei, Nagoya hat Potential, ob als Stadt oder im Umfeld. Mir würde da genug einfallen. Das JR Tower Hotel kann ich empfehlen. Es liegt direkt am Bahnhof, und der ist der absolute Dreh- und Angelpunkt für Ausflüge.

    Es war sicher etwas unglücklich, dass ich Nagoya an einem Sonntag und einem anschließenden Feiertag kennengelernt habe. Entsprechend war viel los, auch im Hotel mit Kind und Kegel. Tatsächlich kann man auch mit den sonst so braven Japanern am Frühstücksbuffet kämpfen. Schon der Dienstag Morgen bewies, wie entspannt und ruhig es in Nagoya zugehen kann.

    Hier noch ein paar Eindrücke...