Zum Schluss wird es nobel.
Erstens, weil es zu meiner letzten Station Kyoto geht.
Zweitens, weil ich mich für die zwei Übernachtungen eine richtige "Nobelhütte" ausgesucht habe.
Und drittens, weil ich eine Mail von Lufthansa bekommen habe, dass mein Gebot auf Business entsprochen wurde, und ich für den Rückflug "upgegraded" wurde.
Entsprechend vornehm geruhe ich mich zum Shinkansen-Gleis zu begeben, um dann zu gegebener Zeit meinen Alabaster-Körper selbstredend in die Erste Klasse zu betten (Greencar).
Aber ich werde schon 3 Shinkansen vorher in die Realität zurückgeholt. Ich bin 25 Minuten vor der Abfahrt auf dem Bahnsteig und alle drei Shinkansen, die auf den Weg nach Shin-Osaka hier in Nagoya halten, sind rappeldicke voll!
Da macht auch "mein" Zug keine Ausnahme. Zum Glück ist der Platz neben mir frei, so das ich meinen schweren Rucksack nicht über den Kopf eines Fahrgastes wuchten muss. Um aber erstmal zu mein Platz zu kommen, muss ich mich an gut einem Dutzend fetten Koffern vorbeizwängen, die im Mittelgang stehen.
Der Waggon ist ausschließlich mit westlichen Touristen voll. Vielleicht sind einige auch im Greencar, weil die 2. Klasse rein optisch durch die Fenster des hereinfahrenden Zugs völlig besetzt war.
However, nicht wenige tragen Masken, auch die beiden jungen Damen gegenüber des Ganges. Ich kapier so etwas nicht.
Ich kürze ab: ich komme an meinem Nobelschuppen auf der Higashiyama-Seite auf Höhe der Sanjo relativ zügig trotz eines Blutdrucks jenseits der 180 an. Einen ersten Vorgeschmack der Touristenhochburg Kyoto konnte ich bereits auf dem Weg hierher erleben.
Trotzdem, es ist faszinierend. Es ist wie "Heimkommen". Genau wie Gusti es auch schrieb. Deswegen geht auch mein Puls schnell runter. Ich will Tokyo nicht unrecht tun, aber ich fühle mich das erste mal rundum "Zuhause". Dabei hatte ich Kyoto beim ersten kennenlernen anfänglich gehasst. Aber daraus ist eine echte Liebe geworden.
Die alte Schönheit gibt wieder alles, um mich einzufangen. Ich mache mich fussläufig auf nach Awataguchi. Unterwegs finde ich das Grabdenkmal von Akechi Mitsuhide. Mitsuhide war ein General Nobunagas, doch als dieser sich immer mehr zum Despoten wandelte, griff er Nobunaga im Honnoji an. Im Zuge dieses Überfalls wurde Nobunaga getötet.
Akechis dritte Tochter war Akechi Tamako, besser bekannt als Hosokawa Gracia, den Fans der Serie "Shogun" noch besser bekannt als Mariko, welche mit "Angin-San" turtelte. Tatsächlich werden sich Blackthorn und Gracia nie begegnet sein.
15 Minuten später komme ich zum Fuß des Awataguchi Schreins. Hier befindet sich ein weiterer kleiner Schrein, der den Schwertschmieden der Sanjo- und Awataguchi-Schule gewidmet ist. Hier ist die Wiege des japanischen Schwertes, wie wir es kennen. Die Schwertschmiede arbeiteten seit der späten Heian tatsächlich nicht in Kyoto, sondern hier am "Mund von Awata", wo die Tokaido und die Nakasendo vereinigt über die etwa 1 km entfernte Sanjo Brücke in Kyoto rein und auch raus führt.
Zwei Pfosten, welche oben mit einem Shimenawa Seil verbunden sind, ist tatsächlich die älteste und ursprünglichste Form eines Toori.
150 Meter weiter führen rote Toori mit einer winzigen Seitenstraße von der Hauptstraße weg. Dieser kleine Schrein hat nur wenige Rezensionen bei Google, und eine mahnt mit Ruhe und Rücksicht den Tooris zu folgen, denn hier wohnen unmittelbar Leute. Einmal links, dann rechts und wieder links. Ich muss aufpassen, das ich nicht falsch abbiege und in einer jap. Wohnstube stehe. Manche Türen sind nur angelehnt. Es riecht nach Essen und hört Stimmen aus den Wohnungen. Fast auf Zehenspitzen schleiche ich mit angehaltenem Atem wie ein Einbrecher zu dem winzigen Schrein.
Dabei ist dieser Schrein einem der wichtigsten Kami des Shinto geweiht: Inari. Es ist auch der Schrein des Kokaji, des "kleinen Schwertschmieds" bekannt. Sanjo Munechika, der wahrscheinlich dem Hofadel entstammte, gilt als einer der ersten halbwegs nachweisbaren Schwertschmiede um 980 herum. Andere Quellen weisen ihn in die Zeit um 1180. Beide Daten sind für sich durchaus plausibel.
Als Munechika vor einer schweren Aufgabe stand, kam ihn Inari in Form eines Fuchses zu Hilfe, und schmiedete zusammen mit Munechika ein Schwert. Und der Legende nach ist das genau hier passiert. Inari gilt seither als ein Schutzpatron der Schwertschmiede.
Und es gibt noch eine wichtige Verbindung von Munechika und Awataguchi mit Kyoto. Kyotos Südwesten war in der Heian-Zeit sumpfiges Gebiet, und auch im Osten trat der Kamo gerne über die Ufer und sorgte für Überschwemmungen. Besonders in der heißen Jahreszeit führte das oft zu Epidemien. Munechika schmiedete Schwertlanzen, sogenannte Hoko, die er dem Yasaka-Schrein als Opfergaben gegen die Epidemien spendete. Diese Hoko, 66 Stück wie die Zahl der damaligen Provinzen, wurden an die Spitzen der Dächer der Festwagen gebunden, und sollten zusammen mit der Kraft Susanoo Omi Kami, dem Bruder der Sonnengöttin Amaterasu , Kyoto vor diesen Epidemien schützen.
Manch einer ahnt es, genau, es handelt sich um das berühmte Gion Matsuri Mitte Juli.
Aber zurück in die Gegenwart. Es ist schon dunkel und ich bin echt gespannt, was jetzt in Gion los ist. Damals, 2022 war Gion nach 19:30 bereits fast Menschenleer.
Auf dem Weg dort hin finde ich noch in einem kleinen Antiquitäten-Laden eine Teeschale mit schöner Patina und der Abbildung der "3 Freunde": Bambus, Kiefer und Plaume.