Japan 2022, immer noch irgendwie unwirklich...

  • Wie fange ich am Besten an?


    Mit meinem ersten Arbeitstag nach der Japan-Reise!


    Voller Horror öffne ich das Postfach ob der zu erwartenden Flut angesammelter Mails. Eine der ersten, kurz nach meiner Abwesenheit: "...bitte testet Euch, wir haben einen Fall im Büro!"


    Hätte ich die Mail ein oder zwei Tage vor meiner Abreise gelesen, ich wäre tausend Tode gestorben! Drei Jahre bangen und hoffen, und dann so etwas.


    Es ist sicherlich ungewöhnlich mit dem ersten Arbeitstag nach der Japanreise zu beginnen, aber es beschreibt dieses seit der Pandemie über alles schwebende "Damokles-Schwert" am Besten.


    Mit meinem "man kann ja mal träumen - Japan 2022-23-24?" versuchte ich meine Sehnsucht zu verarbeiten und etwas rumzuspinnen. Teilweise war ich schon sehr wütend, weil Japan sich einfach nicht öffnete. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Erst ging es darum die Flüge zu retten, ein Reisebüro mit Bürge-Funktion zu finden, Visa zu beantragen, ein Heiden-Aufwand und Mehrkosten. Dann die MySOS App mit einem Eid, den man leisten musste. Den internationalen Impfnachweis für JEDE der drei Impfungen.


    Und über allem schwebte dieses Damokles-Schwert, und mit einem seichten Hauch könnte jederzeit der Faden reißen und drei Jahre "träumen" zunichte machen. Zu allem Überfluss verpasste ich dann noch die Frist für eine Reiserücktrittsversicherung.


    Mittlerweile kannte ich keine Familie mehr bei Kollegen, Bekannten und Verwandten, welche nicht mindestens einmal Corona hatten - außer mich, meine Frau und meine Tochter (ihr Freund hatte bereits das Vergnügen). Und obwohl ich mir seit 2020 kaum Gedanken um eine Infektion gemacht habe, als es nun Ernst mit der Reise wurde, ich hatte die absolute Panik, dass es uns auf der Zielgeraden erwischt. Oder auch in Japan...


    Auch deswegen habe ich versucht, die Vorfreude nicht zu nah ranzulassen, um nicht kurz vorher eine bittere Enttäuschung zu erleben.


    Für den Taxi-Fahrer, welcher uns zum BER brachte, waren wir die ersten Fahrgäste nach seinem Urlaub auf irgendeinem Inselparadies. Mit Japan konnte er nicht viel anfangen, genauso wie ich mit seinen 3 Wochen Hängematte. Aber seine Verabschiedung "bleiben Sie mir bloß gesund!" war dann nochmal berühmte Finger in der Wunde. Aber nun gab es kein zurück mehr.


    Allein schon als Berliner zum ersten Mal auf den berühmt/berüchtigten BER. Seid 2019 nicht mehr geflogen, und die erste Hürde: keine Schalter mehr zum aufgeben des Gepäcks! Das ganze Vertrauen schenke ich einen Automaten, und wie von Geisterhand verschwindet mein Rucksack auf dem Förderband um hoffentlich am andern Ende der Welt wieder aufzutauchen.


    Die Flieger waren knacke-voll. 95 % der Passagiere waren "oben ohne". Lustig, wie sie dann aber in Japan bei der Einreise alle brav den Schnuten-Pulli anhatten. Jaja, die Dualität des Menschen...


    Im Jumbo saßen viele aufgeregte junge Leute. Ein junger Mann hinter uns möchte das gleiche machen wie unsere Tochter 2018/19. Ein anderer junger Mann neben uns gehört zu einer Reisegruppe, welche in Yokohama unterkommt. Seine MySOS App ist noch rot, und ich sehe schwarz für ihn, denn ich kann ihn ohne Internet und greifbare Unterlagen nicht helfen. Hotel? Keine Ahnung wie das heißt, genauso wenig Adresse oder Telefon-Nummer. Die Jugend von Heute...


    Ich werde zur gefragten Anlaufstelle aller Sitzreihen meiner Umgebung, was das korrekte Auszufüllen des weißen Einreisezettels und des gelben Zoll-Zettels betrifft, welche Lufthansa bereits nach 2 Stunden Flugzeit austeilte. Dass das gut war, sollte sich noch bei der Einreise herausstellen.


    Ich hatte mit meiner Frau ausgehandelt, dass ich den ersten Teil der Reise am Fenster sitze, und sie dann eigentlich das Beste mit der Landung verfolgen kann. Doch ich habe nicht die Rechnung mit den geografischen Besonderheiten der südlichen Flugroute gemacht. War die sibirische Flugroute nur mit einer sehr kurzen Nacht versehen, so dass man viel die unendlichen Weiten Sibiriens aus großer Höhe bewundern konnte, wurde es schon auf Höhe des südlichen Ufers des schwarzen Meeres duster, und die Nacht dauerte ewig, bis endlich auf Höhe von Peking es hell am Horizont wurde. Süd-Korea war auf Höhe von Seoul schnell überflogen, mit Blick auf die Berge von Nordkorea.


    Dann wieder Meer, und dann endlich Japan, die Inseln Nishinoshima, Nakanoshima, Okinoshima, Auf das "Festland" von Honshu treffen wir auf Höhe von Tottori, überfliegen Kyoto, vorbei am Biwa-See, Nagoya, Hamamatsu, am Horizont sind die südlichen jap. Alpen zu sehen. Wolkenfelder machen einen möglichen Blick auf den Fuji zum Lotto-Spiel. Shizuoka, die Bucht von Suruga, Izu in Sichtweite. Jetzt müsste doch irgendwo endlich der Fuji zu sehen sein?! Obwohl nun am Fenster sitzend, war der Rest eines Films meiner Frau wichtiger...


    Und dann trifft einen der gewaltige Vulkan doch wieder unvorbereitet. Was für ein majestätischer Anblick! Bilder können das nicht widergeben. Einige Handys werden uns für Fotos von in der Mitte sitzenden Leuten gereicht. Ein kurzer Bogen übers Meer, und schon geht´s runter auf Haneda.


    Und schon holt einen die Gegenwart ein. "Geehrte Fluggäste, bitte bleiben sie sitzen, bis die Gesundheitsbehörde den Ausstieg frei gibt". Was dahinter steckt? Nun, insgeheim zieht sich ein Schwarm "Raubfische" im Gate zusammen, der uns umzingeln wird und den man nicht entkommt! Nach wenigen wackligen Metern und zwölfeinhalb Stunden Flugzeit stoßen die Jäger gnadenlos zu: "MySOS-App! My SOS-App!" Mit meinem Trolley jonglierend und noch offenen Schuhen und meine Frau im Blick behaltend versuche ich irgendwie umgehend das Flughafen Wifi aktivieren um den "blauen Bildschirm" der App präsentieren, ansonsten geht es keinen Meter weiter. Ich schaffe es und bekomme ein Schildchen, was wie ein Backstage-Pass vor weiteren "Abfangjägern" schützt. Mit dem Schild geht es zu unzähligen Plätzen, an denen die App mittels QR Code eingelesen wird. Hier passiert man das erste Mal eine Fiebermessschranke, ohne dass es viele Passagiere überhaupt mitbekommen. Lustiger weise ist das Free-Haneda Wifi an dieser Stelle zu schwach. Zwar öffnet die App ihren blauen Bildschirm, der mich bis hier her gebracht hat, doch im zweiten Schritt kann ich nicht den QR öffnen. Die Dame hinter einer Plexiglass-Scheibe fordert diesen aber vehement ein und ich werde langsam ziemlich genervt, weil ich alles versuche, den QR Code zu zeigen. Über ein weiteres Wifi schaffe ich es endlich, und ich darf zur eigentlichen Einreise weiter. Über einen roten Zettel werde ich noch mal über sämtliche Verhaltensweisen zur Eindämmung der Pandemie ermahnt. In der Warteschlange zur Einreise laufen über Bildschirme weitere "Comics", wie man sich in Japan (z.B. im ÖPNV) korrekt verhält. Nirgendswo kann man sich hinsetzen um z.B. die Einreisezettel in Ruhe jetzt auszufüllen. Wer nun nicht alles korrekt fertig hat, bekommt so seine Probleme bei den Einreise-Beamten. Unseren jungen Sitznachbar mit der noch roten App sehe ich nicht wieder...


    Endlich bin ich dran. Mit echtem Erstaunen nimmt der Beamte mein nun nicht mehr notwendiges Visum im Pass wahr. Er holt sogar einen zweiten Kollegen dazu. Die beraten und ich verstehe die Aufregung nicht, doch dann: Willkommen in Japan!


    Das alles ging verflixt schnell, ohne dass man sich irgendwie sammeln konnte...


    Der Zoll ist kein Problem, aber die Gepäckausgabe dauert ewig. Ein winziger Bonsai-Beagle umschnüffelt uns derweil -zig mal und unsere Kabinengepäck. Bei der fünften Runde des Zwergs während der Wartezeit zeigt er wohl bei uns (mir und meiner Tochter) an. Wir müssen mit meinem Trolley und Tochters Rucksack zur Sonderkontrolle. Die Beamtin findet ein leeres Sandwich-Papier bei meiner Tochter, welches noch aus Frankfurt stammt.


    Am Ausgang erwartet uns ein junger Mann mit einem Schild und meinem Namen. Wir bekommen unsere Pocket Wifi, diverse Voucher für Railpass, Hakone Free-Pass, diverse Touren und die noch fehlenden Suicas. Ob wir noch Fragen haben? Er schnippt eine Große, schwarze Limousine am Ausgang heran, die entpuppt sich als Auto unseres ersten Hotels in Akasaka. Ich habe Angst um den schmächtigen, älteren Chauffeur wegen unserer schweren Koffer. Müde und erschöpft fahren wir in einen strahlenden Vormittag und werden mitten in einer geschäftigen und hippen Gegend von Akasaka vor dem Hotel ausgeladen. Wir kommen uns spontan wie Außerirdische vor. Es kann los gehen.


    Fortsetzung folgt...

  • Boah, was für ein Sackstand, unglaublich.

    Die Nerven hätte ich ohnehin nicht gehabt, alles bis zuletzt am seidenen Faden hängend.


    Jedenfalls fantastisch, daß doch alles gut ging und Ihr augenscheinlich wohlbehalten wieder zu Hause angekommen seid. Auf Deinen Bericht

    von den Tagen dazwischen ;) freue ich mich sehr.


    LG

    Gusti

    redfloyd.........................................................................................Gusti
    redfloyd.gifGusti.gif


    Heaven is where the police British, the cooks Thai, the mechanics German, the lovers Italian and it is all organised by the Swiss.
    Hell is where the cooks are British, the mechanics Thai, the lovers Swiss, the police German and it is all organised by the Italians.

  • Spannender Bericht! Da waren vermutlich sehr viele Passagiere überfordert - aber ich wundere mich immer wieder, dass o viele mehr oder weniger unvorbereitet einfach mal los reisen ....

  • Gambatte kudasai!


    Ich muss echt ausgesehen haben wie ein Rumpelstilzchen! Wild herumhüpfend versuche ich einer Schlange zu entkommen, welche zum Glück ihrerseits entsetzt das Weite sucht. Ich meine, ich bin gerade an dem von 2019 noch altbekannten Schlangen-Hinweisschild vorbeigekommen und keine 250 Meter weiter meint solch ein Lindwurm, mir den Abhang herunter vor die Füße zu purzeln! Aus den Augenwinkeln kann ich in Sekundenbruchteilen nicht entscheiden, ob dies vielleicht sogar eine giftige Mamushi ist, weswegen ich mich spontan für die Lord of the Dance-Einlage entscheide. Im Nachhinein kann ich ermitteln, dass es eine etwa 1 Meter lange Jimuguri war, eine japanische Waldnatter. Da ich aber keine Maus bin, hatte ich von dieser ungiftigen Art nichts zu befürchten.


    Aber meine Frau wollte ja Natur! Warum bitteschön stolpert sie dann nicht über das züngelnde etwas? Das wird doch wieder ein Großstadt-Urlaub, hatte sie im Vorfeld geunkt, weshalb ich Ihr das Gegenteil beweisen wollte. Ein ganzen Tag Akklimatisierung hatte ich eingeplant, bevor es nach Kyoto gehen sollte. Ich wählte den Takao-San, allerdings eine Wanderung über mehrere Pässe. Doch hatte ich nicht die Rechnung mit unserer Jugend in Form meiner Tochter plus Freund gemacht, die am Vorabend natürlich noch auf der Piste waren und so früh nicht aus die Puschen kamen.


    Also Standartprogramm von 2019, nur umgedreht. Den schwereren Weg hoch, und den vermeintlich leichteren runter. War auch gut so und bald schon mussten wir unsere Jünglinge ziehen lassen und mein einziger Ehrgeiz war es, dass das Rentner-Ehepaar hinter uns es nicht schafft, uns doch noch zu überholen. Aber sie schaffen es! Gambatte kudasai! Nicht aufgeben, ihr schafft das, muntern sie uns auf! Ich muss an meiner Fitness arbeiten nehme ich mir vor. Sicher machen das der Opi und die Omi das jedes Wochenende, rede ich mir ein.


    Unser Jungvolk will mit der Gondel wieder runter. Das ist aber unter meiner Würde, auch runter soll es zu Fuß gehen. Ein Fehler, wie sich in Folge herausstellen wird, die kommenden Tage werde ich mit einer Adduktoren-Reizung zu kämpfen haben.


    Auf der Rückfahrt bringt meine Frau einem jungen Japaner Deutsch bei. Die beiden kommen ins Gespräch, obwohl sie weder englisch noch japanisch beherrscht. Da es scheint, dass sie keine Hilfe benötigt, mische ich mich nicht ein. Es war ein Fußball-Fan, erfahre ich später von ihr. Er wollte viel Deutsch lernen um Deutschland und jede Menge Fußballstadien zu besuchen.


    Fortsetzung folgt...

  • Spannender Bericht! Da waren vermutlich sehr viele Passagiere überfordert - aber ich wundere mich immer wieder, dass o viele mehr oder weniger unvorbereitet einfach mal los reisen ....

    Also da gebe ich Dir recht! Ich war entsetzt wegen der "roten" App meines Sitznachbarn. Ich hätte ohnehin nicht mehr helfen können, denn die Angaben hätten von der jap. Gesundheitsbehörde gegengeprüft werden müssen, welche ja dann die App auf grün oder blau schaltet, sollten die Angaben passen. Auch warum die Verantwortlichen der Reisegruppe alle notwendigen Formalitäten vorher nicht abgeprüft haben, ist mir echt ein Rätsel.


    Schon beim online einchecken ploppte ein Text von Lufthansa auf, dass ich sicher sein soll, alle gesetzlichen Einreisebestimmungen zu erfüllen und alle notwendigen Unterlagen zu besitzen. Lufthansa prüft das nicht vor dem Boarding. Das musste ich bestätigen, um überhaupt einchecken zu können.


    Aber schon solche simplen Dinge wie Name und Anschrift des Hotels für die Einreise-Zettel überforderten Einige. Die Unterlagen dazu sind im Koffer. Klasse!

  • Lost in Translation


    Abends habe ich ein Termin bei einem jap. Schwert-Händler, und wir mussten uns ganz schön beeilen. Es ist wirklich etwas, was mich diesmal ganz besonders an Japan gestört hat: das enge Zeit Fenster, was man in der Regel an einem Tag gewuppt bekommen muss. Der Laden sollte um 16:00 Uhr schließen. Das ist keinesfalls ungewöhnlich, auch nicht mitten in Tokyo. Ich schrieb es schon in meinem 2019 Beitrag: 17:00 fällt in Japan der Hammer. Manche Läden schließen schon 16:00 Uhr oder 16:30, andere 17:30 oder erst 18:00 Uhr, aber in aller Regel ist 17:00 Uhr Schicht. Das mag natürlich nicht für die Kaufhäuser und Shoppingzentren Shibuyas und Shinjukus gelten, aber für die überwiegende Anzahl der "normalen" Läden schon. Das gleiche gilt natürlich auch für Parks, Museen, Tempel usw... .


    Also sind wir wieder in Eile und es hängt ja auch mein Name dran. Nicht zu erscheinen erschwert eine möglichen neuen Termin erheblich. Und diesen Händler kenne ich noch nicht. Manche mögen sich wundern, wieso Termin? Nun, viele Händler in diesem Bereich meines Hobbys haben sehr kleine Läden. Auch sind sie nicht für Laufkundschaft konzipiert, so wie normale Antiquitäten-Läden, bei denen die Schaufenster Interesse wecken und man neugierig den Laden betritt. Oft haben sie nur einen geringen Teil ihres Angebots im eigentlichen Laden. Also muss man im Vorfeld Kontakt aufnehmen und sagen, was einem interessiert. Die Händler bringen das dann mit, und deswegen sind Termine wichtig. Gerade weil sich der Händler dann auch nur um einen bestimmten Kunden in dem engen Laden kümmern kann. Das, was hier verkauft wird ist oft sehr preisintensiv. Das Prüfen der Objekte und das Verhandeln kann deshalb auch etwas dauern.


    Ich hatte zum Beispiel für Kyoto einen Tipp bekommen, während wir uns dort aufhielten. Wir versuchten einen Besuch, aber keine Chance. Im Laden waren zwei Kunden und damit voll. Draußen zu warten hat kaum Sinn, also brachen wir ab.


    Ryogoku, an einer Kreuzung schaue ich nach rechts Richtung Sumida. Es müsste eigentlich...ah, da entdecke ich vertraute Schriftzeichen, wir sind gleich da! Der Laden wirkt dunkel, man kann nichts im Inneren erkennen. Ich probiere die Schiebe-Tür, sie ist offen und Schwups stehen wir im schummrigen Licht des kleinen Raums. Eine Rüstung, ein paar Schwerter und der mittlerweile vertraute Duft von Zedernholz. Ansonsten sind wir allein. "Konichiwa!" lasse ich ertönen und schon erscheint eine Frau unseres Alters aus einem Nebenzimmer. Kimura-San ist also eine Dame. "Tsuba desuneee?!" Sie weiß gleich Bescheid. Ich versuche mich für das etwas späte Erscheinen zu entschuldigen und merke auch jetzt wieder, dass englisch in Japan keine Selbstverständlichkeit ist.


    Bemerkenswert ist, dass ich nach unserem Besuch eine Mail bekomme, wo sich Kimura-San sich noch einmal entschuldigt, dass sie sich nicht gebührend mit uns in englisch oder deutsch unterhalten konnte. Ich dagegen entschuldigte mich noch einmal wegen des späten Erscheinens und meinen geringen Japanisch-Kenntnissen (welche für eine normal-flüssige Konversation bei weitem nicht reichen).
    Wir besuchen Kimura-San gegen Ende unserer Reise ein zweites mal. Und diesmal fragt sie uns betont langsam auf englisch, wann wir denn wieder nach Deutschland zurück müssen, es gebe doch bald eine wichtige Messe hier in Tokyo. Ich krame meine Vokabeln zusammen und antworte auf japanisch: ja, die Dai Touken Ichi, aber wegen meiner Arbeit müssen wir am Freitag schon nach Deutschland zurück. Kimura-San verbeugt sich und antwortet auf Deutsch: vielen Dank für Ihren Besuch, auf Wiedersehen!


    Wir haben noch eine Stunde bis 17:00 Uhr und schlagen den Weg zur Kappabashi ein, welche zur Lieblingsshoppingmeile meiner Frau für Küchen-, Deko- und Haushaltszubehör mutiert. Siehst Du, sage ich zu meiner Frau, es ging Frau Kimura nicht nur um das reine Verkaufen. Sie hat mit Sicherheit im Vorfeld des zweiten Termins die englischen und deutschen Phrasen geübt, damit die Konversation nicht nur auf Händen, Füßen, nicken und lächeln beschränkt bleibt.


    Das Gegenteil erleben wir dann bei einem Händler in der Kappabashi, die immer gut von Touristen besucht wird. Beim Bezahlen fragt dieser uns in gebrochenen englisch, wo wir herkommen, wo wir in Japan noch hin fahren und was wir alles sehen wollen. Ich antworte auf japanisch, doch das will der gar nicht hören! Er holt ein Übersetzungsdingens heraus, in dem er japanisch rein spricht und wir deutsch antworten sollen. Das macht im sichtlich Spaß und wir lassen ihm die Freude.


    Wenn der Hunger nagt, bekommt man schlechte Laune und auch das Laden-trödeln macht kaum noch Spaß. Komischerweise gibt es im Umfeld der Kappabashi, bei der sich alles ums Essen und Küche dreht, kaum Restaurants. Wir beschließen, Richtung Sensoji/Nakamisedori, dem Epizentrum des Asakusa-Tourismus zu laufen. Hier müsste es genug Lokale geben.


    Wir schauen rechts und links, aber uns ist weder nach Sushi noch nach Nudelsuppen jeglicher Art. Irgendwas Handfestes wäre toll. Wir laufen am Sensoji vorbei, der gerade schließt. Logisch, es ist siebzehn Uhr. Aus Lautsprechern erklingt etwas, was sich wie ein Gedicht anhört. Diverse Feierabendmelodien kenne ich ja, aber das war mir auch neu.


    In der nächsten großen Seitenstraße lese ich schon von weitem in Hiragana "Yakitori-Izakaya". Wir spähen durch die Scheibe, drin geht´s hoch her. Mmmh, unschlüssig laufen wir weiter, drehen dann auf den Absatz um. Der Duft ist zu verlockend.


    Lautstärke und eine verräucherte Atmosphäre umfängt uns. Wir setzen uns. Der Nachbartisch erhält gerade eine Lieferung Bierhumpen und Yakitori-Spieße. Wir bekommen zwei kleine, leere Tellerchen. Was sollen wir denn damit? Wir warten, es kommt niemand. Ich sehe mich suchend um. Wo sind die sonst so helfenden Japaner? Was muss ich machen? Dann entdecken ein kleines Tablet, das es an jedem Tisch gibt. Wir entdecken auch, das hier alles bestellt werden kann, natürlich nur auf japanisch. Ich komme an meine Grenzen. Die Google-Übersetzer-App mit Kamera kommt zum Einsatz. Wir füttern unseren Warenkorb und lösen mit mehreren Klicks die Bestellung aus und sofort kommt Antwort aus der Küche. Wahrscheinlich eine Bestätigung unserer Bestellung. Zuerst kommt das Bier. Die Spieße kommen von unterschiedlichen Köchen, offensichtlich grillt jeder was anderes. Ich überlege, ob so etwas in Deutschland möglich wäre, Holzkohle in geschlossenen Räumen. Es ist schon arg verräuchert, aber gleichzeitig ur-gemütlich. Die Köche scheinen sich auch untereinander auf die Schippe zu nehmen. Was da hin und her geht hört sich derb an. Wir finden gefallen und tippen lustig Nachschub ein, gehen nur nach Bilden und erwischen so auch Innereien. Aber es schmeckt hervorragend, so dass wir uns um die Spieße zanken.
    Als ich Spieße mit Wasabi bestelle, kommt dann doch ein Koch mit zünftigen Stirnband an und versucht mir deutlich zu machen, dass das heftig werden könnte. Ich lasse mich nicht abbringen. Gut, dann müssen wir aber zu trinken haben, erklärt er uns in Gebärdensprache und in japanisch, was ich ich nicht ansatzweise verstehe. Haben wir doch, versuchen wir zu vermitteln. Der Koch schnappt sich unser Tablet und siehe da, das neue Bier haben wir einmal zu wenig bestätigt. Jetzt darf ich auch die Wasabi-Spieße bekommen.


    Irgendwie geht also alles, man muss es nur wagen.


    Wir markieren uns das Lokal und wollen unbedingt wiederkommen. Doch wir werden es dann doch nicht mehr schaffen...


    Fortsetzung folgt...

  • Die Leiden eines Reiseführers


    "Ich brauche erstmal einen Kaffee!" waren die ersten Worte meiner Frau in Japan, an die ich mich rückwirkend erinnere. Ich will losziehen, aber meine Frau braucht jetzt ein Kaffee. Gut. Wir stehen sogar de facto fast vor einem Cafe, also rein. Und klar, ich bin ja der "Japan-Erfahrene" also obliegt es mir, zu bestellen. Dazu muss ich aber erwähnen, dass ich selbst so gut wie nie Kaffee trinke, und deshalb selbst in einem deutschen Cafe im Grunde überfordert wäre.


    Schon allein die Frage "with ice or hot?" bringt mich aus der Fassung. Na Kaffee halt, also heiß natürlich. Ich erinnere mich aus diversen Dokus, dass Japan längst kein Tee-Land mehr ist und die hohe Kunst des Kaffee-Trinkens in den letzten Jahren hier geradezu religiöse Züge annimmt. Stolz präsentiere ich einen großen Pott mit offensichtlich stinknormalen Kaffee meiner Frau. Heiß selbstverständlich.


    Die nimmt ein Schluck und macht runde Augen: "boah ist der stark, den schaffe ich nicht, da bekomme ich Probleme!"
    Wwwas??? Ich bin vollkommen entgeistert.
    "Der ist mir zu stark! Gibt es hier nicht so was wie Milchkaffee, oder was milderes?"
    Verzweifelt schaue ich auf die Angebotsübersicht über den Tresen, ein Mix aus Hiragana und Kanjis.
    "Woher soll ich das denn wissen? Habe ich einen langen Bart? Sehe ich aus wie Jesus?" Mir fällt nicht ein, was Milch auf japanisch heißt. "Miruku Kohi" spinne ich mir zusammen. Das ist die Lösung! Die Japaner übernehmen westliches in der Regel aus dem englischen, können es aber mit ihrem Katagana-Silbensystem nicht 1 zu 1 umsetzen. "Miriku Kohi wa arimaska?" Frage ich ängstlich, und siehe da, na klar, kein Problem, gerne!


    Dennoch bin ich peinlich berührt. Wie überall in der Welt werden auch in Japan die Jungs immer androgyner, und die Mädels immer taffer. Wegen Kariere und Zeitmangel ist die Single-Szene in Japan besonders groß. Aber auch, weil viele Mädels halt gerne schon einen "richtigen" Mann suchen, keinen Pantoffelhelden oder Muttersöhnchen. Das zu weiche Mannsvolk wird hier von den Mädels der Schöpfung als "Milchkaffee-Trinker" verhohnepiepelt. Was mache ich gerade, keine 2 Minuten nach einen normalen Kaffee ordere ich einen Milchkaffee nach! Auch wenn ich den starken Kaffee meiner Frau schlussendlich austrinken muss. Aber das sieht ja keiner.



    All das zieht mir soeben in Sekundenbruchteilen durch den Kopf.
    Wie was Kaffee-Trinken? Wir haben doch gerade noch gefrühstückt!? Ich hole mir nachher eine Bento-Box für den Shinkansen!
    Ja, aber willst Du jetzt hier 1 Stunde rumstehen, lass uns doch irgendwo hinsetzen und ein Kaffee trinken, kommt es unisono von der Frau-Tochter-Freund Fraktion.
    Ich bin ein Stein, rede ich mir ein. Ich bin ein Stein, ich bin ganz ruhig! Derweil ist es Mittag, es ist Sonntag und um uns herum pumpen sich Menschenströme mitten im Bahnhof von Tokyo.


    Ich hatte mir alles so schön ausgemalt: spätestens 9:30 aus checken. Es sind keine 4 Kilometer Luftlinie zwischen Akasaka Mitsuke und Tokyo-Station, d.h. Railpässe einlösen, spätestens gegen elf sitzen wir im Hikari nach Kyoto und Peilrichtung 14:00 Uhr bin ich dann dort schon auf Tour, wahrscheinlich zum Kiyomizudera.


    Die Realität: mein holdes Töchterlein erscheint mit Freund gegen 9:30 erst zum Frühstück. Anschließend stehe ich 20 Minuten allein mit 5 Koffern am Eingang des Big Camera am U-Bahnhof Akasaka-Mitsuke - man bräuchte noch irgendein Adapter für den Gamer-Laptop des Freundes. Meine Frau will "auch mal reinschauen". Die Suche nach dem JR-Railpass Büro gestaltet sich zeitaufwendig und da die Turteltauben auch nicht für 2,5 Stunden getrennt sein können, kommt nur der Hikari frühestens um 13:03 in Frage.


    "Du kannst ja auch was anderes trinken." Will ich aber auf Grund völligen Abhanden jeglichen Durstgefühls nicht. Ich klinke mich aus, während das Dreiergespann sich in irgend ein überfülltes Bistro stopft. Ich schaue schon mal, wo unser Shinkansen fährt, finde Platz auf einen der wenigen Stühle und lasse mich einfach vom regen Treiben berieseln und bin froh, mal für mich zu sein.


    Dann klingelt das Handy: wo bist´n du?
    Da wo wir hin müssen!
    Wo is´n das?
    Bleibt einfach da wo ihr seid und bewegt euch nicht, ich hole Euch...


    Straffen Schrittes lotse ich die Bagage zum Bahnsteig. Es wird Zeit. Schnell husche ich in den Bento-Box Laden.


    Was ist denn da drin?
    Huhn!
    Und hier?
    Fisch!
    Äh, nee. Und hier?
    Huhn, Rind, Schwein, diverses halt.
    Ach ich weiß nicht...


    Wir haben Shizuoka hinter uns, nächster Halt Hamamatsu. Es ist also etwas Zeit, sanft gleitet der Hikari und so packe ich nun meine Box aus. Ich spüre die Blicke meiner Frau, welche sich nicht entscheiden konnte.
    Schmeckt´s?
    Nööö!
    Darf ich mal kosten?
    Nööö!


    Und was ist das da?


    Karage, Huhn...


    Aha...


    Ach man, hier...! Ich opfere die Hälfte meiner Box meiner notleidenden Frau.


    Bin halt ein Milchkaffeetrinker...

  • Ich hatte mir alles so schön ausgemalt: spätestens 9:30 aus checken. Es sind keine 4 Kilometer Luftlinie zwischen Akasaka Mitsuke und Tokyo-Station, d.h. Railpässe einlösen, spätestens gegen elf sitzen wir im Hikari nach Kyoto und Peilrichtung 14:00 Uhr bin ich dann dort schon auf Tour, wahrscheinlich zum Kiyomizudera.


    Die Realität: mein holdes Töchterlein erscheint mit Freund gegen 9:30 erst zum Frühstück. Anschließend stehe ich 20 Minuten allein mit 5 Koffern am Eingang des Big Camera am U-Bahnhof Akasaka-Mitsuke - man bräuchte noch irgendein Adapter für den Gamer-Laptop des Freundes. Meine Frau will "auch mal reinschauen". Die Suche nach dem JR-Railpass Büro gestaltet sich zeitaufwendig und da die Turteltauben auch nicht für 2,5 Stunden getrennt sein können, kommt nur der Hikari frühestens um 13:03 in Frage.

    Schön, dass du das mit Humor nimmst. Ich wäre waaaaaaahnsinnig geworden!

  • Habt ehrlich? Solche Geschehnisse, obwohl in den Moment kontraproduktiv, sind die, die eine Reise unvergesslich machen. Man erinnert sich meistens an den außergewöhnlichen Erfahrungen und durch Assoziationen, an das Drumherum.


    Und, wenn man es Nachhinein noch mit Humor nehmen kann, umso besser.


    Ich auch finde dein Schreibstil der Hammer! Freue mich schon auf die Fortsetzung.


    LG


    Ralf

  • Sehr schön, ich bin voll dabei und freu mich auf die Fortsetzung ... und auf das Fazit: das nächste Mal doch alleine nach Japan? :S

    Nein, das nächste Mal plane ich schon mit einem "Hobby-Kollegen". Aber es kann sein, dass auch Tochter wieder dabei sein wird, denn wir MÜSSEN nochmal ihre Gasteltern besuchen. Im Vorfeld hörten wir aus unserer Kommunikation raus, dass es ihnen wegen Corona noch zu früh ist (sind halt über 70 und bewirtschaften noch eine Farm). Doch als ihr alter Chef mit bekam, dass wir in Japan sind, sollten wir unbedingt kommen und er wollte uns halb Kyushu zeigen.

    Aber mit einer kurzen Stippvisite kann man das nicht erledigen, da braucht man mehr Zeit. Deswegen geht es auch das nächste Mal nicht allein nach Japan.

  • Ich hatte mir alles so schön ausgemalt: spätestens 9:30 aus checken. Es sind keine 4 Kilometer Luftlinie zwischen Akasaka Mitsuke und Tokyo-Station, d.h. Railpässe einlösen, spätestens gegen elf sitzen wir im Hikari nach Kyoto und Peilrichtung 14:00 Uhr bin ich dann dort schon auf Tour, wahrscheinlich zum Kiyomizudera.


    Die Realität: mein holdes Töchterlein erscheint mit Freund gegen 9:30 erst zum Frühstück. Anschließend stehe ich 20 Minuten allein mit 5 Koffern am Eingang des Big Camera am U-Bahnhof Akasaka-Mitsuke - man bräuchte noch irgendein Adapter für den Gamer-Laptop des Freundes. Meine Frau will "auch mal reinschauen". Die Suche nach dem JR-Railpass Büro gestaltet sich zeitaufwendig und da die Turteltauben auch nicht für 2,5 Stunden getrennt sein können, kommt nur der Hikari frühestens um 13:03 in Frage.

    Schön, dass du das mit Humor nimmst. Ich wäre waaaaaaahnsinnig geworden!

    Lass mal, tatsächlich habe ich geschworen, keine Rücksicht mehr auf Verspätungen zu nehmen. Natürlich sind auch die Interessenlagen ganz anders, was auch gut ist. Letztendlich haben wir es nur zweimal geschafft, dass wir vier zusammen einen kompletten Tag verbracht haben, obwohl mehr geplant war.

  • Die kleinen Dinge am Rande Teil 1



    Schluss mit lustig, Geschichts-Unterricht!


    Schon am ersten Abend in Kyoto blieb ich hier wie angewurzelt stehen. In der Kiyamachi-Dori, einen Steinwurf von der Sanjo-Brücke und unserem Hotel entfernt, tobt das abendliche Leben. Genau das richtige für Nachtschwärmer und all die, welche was erleben wollen. Clubs, unzählige Restaurants, Cosplay und Maid-Cafe, Pubs inklusive grölendem Inhalts.
    Parallel zu dieser Straße fließt der Takase und östlich, hinter dem geschäftigen Straßenblock der Kamo-Fluss.


    Zwischen dem neonbuntem Gewühl quetscht sich ein altes Tor, daneben hängt eine große Papierlaterne mit einem Kiri-Wappen. Dieses veranlasst meine Vollbremsung, denn die Blütendolden des Wappens sind in der fünf-sieben-fünf Variante angeordnet, nicht wie gewöhnlich in der drei-sieben-drei Ausprägung. Nein, dieses Wappen ist kaiserlich und müsste direkt mit den Toyotomi zu tun haben. Tatsächlich ist dieses Wappen Heute noch das offizielle Wappen der Regierung Japans. Wenn jetzt welche stutzen und sagen, na wieso, das kaiserliche Wappen ist doch die Chrysantheme, dann ist das korrekt, denn sie ist das persönliche Wappen der kaiserlichen Familie. Aber das go-shichi no Kiri Wappen hat mit Regieren und Staatsführung zu tun. Es ist das Wappen des Kampaku, des kaiserlichen Regenten, damals waren es die Toyotomi, und Heute ist es eben der Premier-Minister Japans.


    Aber ich will es nicht zu trocken machen. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts herrschte in Japan Bürgerkrieg. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts schafften es drei wichtige Persönlichkeiten, dieses Chaos zu beenden. Das waren der Fürst von Owari Oda Nobunaga, danach dessen General Toyotomi Hideyoshi, und nach dessen Tod Ieyasu Tokugawa. Nobunaga beendete die Macht des letzten Ashikaga Shoguns, einem militärischen Oberbefehlshabers, welcher ohnehin keinen Einfluss mehr auf die Fürsten des Landes hatte. Deswegen nahmen weder Nobunaga, noch Hideyoshi den Titel des Shogun vom Kaiser an, da dieser ein Symbol für die Machtlosigkeit der letzten 150 Jahre zu dieser Zeit darstellte.


    Nach Nobunagas Tod nahm Hideyoshi den Titel Kampaku (Regent) vom Kaiser an. Da Hideyoshi schon fortgeschrittenen Alters war und kein leibliches Kind besaß, adoptierte er seinen Neffen Hidetsugu und dieser nahm dann auch den Titel Kampaku an, als Hideyoshi sich offiziell aus der Politik zurückziehen wollte.


    Wie das Leben so spielt, gebar Yodogimi, kurz vor Ladenschluss Hideyoshi doch noch ein Kind und das Schlamassel war perfekt. Interessanterweise wird der adoptierte und geplante Nachfolger von Hideyoshi, also sein Neffe Hidetsugu oft als nicht sonderlich clever und helle dargestellt. Er wirkt oft wie eine Notlösung wegen mangels an Alternativen, die Dynastie der Toyotomi weiterzuführen. Doch befasst man sich genauer mit dessen Vita, kristallisiert sich ein fähiger Militär und Administrator heraus, der durchaus sehr beliebt war und viele Anhänger hatte. Und das machte ihn so gefährlich, denn Hideyoshi wollte nun natürlich seinen eigenen Sohn als Nachfolger wissen.


    So beschuldigte Hideyoshi seinen Neffen des Hochverrats und zwang ihn im Sommer 1595 auf dem Koya-San zum Seppuku. Hidetsugus Kopf wurde zur Warnung auf einer Stein-Stele an der Sanjo Brücke aufgestellt. Und jetzt kommt´s! Auch Hidetsugus gesamte Linie sollte ausgelöscht werden. Es waren die Kinder, die Ehefrau, die Nebenfrauen und Konkubinen, und alle weiblichen Mitglieder des Haushalts, welche möglicherweise noch Kinder von Hidetsugu auf die Welt hätten bringen können. Am 2. August 1595 wurden insgsammt 39 Personen, also die Frauen und die Kinder (4 Prinzen und 1 Prinzessin) nacheinander auf einer Sandbank des Kamo-Flusses vor der Kopf-Stele Hidetsugus hingerichtet und in eine Grube geworfen.
    Diese Tragödie erschütterte Kyoto zutiefst. Es war ein Exempel, Hideyoshis Macht nicht in Frage zu stellen und man fürchtete dessen Grausamkeit.


    Auf der Grube wurde ein Hügel errichtet, und auf dessen Spitze besagte Kopf Stele.


    Hideyoshi starb 1598 und bald begründete Ieyasu Tokugawa sein Shogunat, welches bis zur Öffnung Japans in die Moderne bestand haben sollte.


    Der Grabhügel verwahrloste. 16 Jahre nach der Tragödie im Jahre 1611, begann sich ein reicher Kaufmann, der hier den Takase zu einem schiffbaren Kanal ausbaute, sich um die direkt am Kanal befindliche Grabstätte zu kümmern. Er begründete mit einem Mönch der Zen-buddhistischen Jodo-Ausrichtung hier den Zuisen-Ji und dort, wo der Hügel war errichtete man die Haupthalle des kleinen Tempels, und Grabstelen erinnern an jedes einzelne Opfer jenes Dramas.


    An diesem unscheinbaren Tor, würde ich jetzt mal behaupten, strömen 99,9% der Touristen einfach vorbei. Auch mir wäre es nicht anders gegangen, wenn ich nicht über das Wappen gestolpert wäre, denn selbst über Google Maps ist diese Stelle kaum zu finden. Von dem pulsierenden Leben des hippen Kyotos ist man mit wenigen Schritten in einer ganz anderen Welt. Während meines kurzen Besuchs kamen hier ein Japaner herein, der vor der Grabstelle und vor dem Tempel beteten. Er versuchte mir was zu erklären, doch leider verstand ich nichts.


    Kyoto strotzt gerade zu mit vielen mächtigen Zeugnissen der jap. Geschichte einer über tausendjährigen Hauptstadt. Doch solche stillen, kleinen Tempel mit ihrer tiefen Bedeutung bleiben oft unbemerkt.


    Fortsetzung folgt...

  • Wow, ich muss schon sagen, du scheinst dich sehr gut mit der japanischen Geschichte auszukennen! Und, vor allem, dass dir den Wappen so inmitten des Gewüsels auffiel, finde ich auch bemerkenswert. Ich meine, in Japan, sind die Zeichen für jemand, der die Alphabeten nicht kennt, sowieso kaum bedeutend, und wenn auch Symbole dabei sind, in einen Meer aus bunten Neonplakate, kann man sowas schnell übersehen.


    Ich merke auch, dass eine Reise durch Japan für dich eine ganz andere Bedeutung bzw. einen ganz anderen Schwerpunkt, als für die meisten Touristen. Obowhl ich nicht so sehr begeistert bin mit Geschichte, finde ich deinen Ex-Kurs sehr interessant.


    Bin gespannt auf das Nächste...

  • Wow, ich muss schon sagen, du scheinst dich sehr gut mit der japanischen Geschichte auszukennen! Und, vor allem, dass dir den Wappen so inmitten des Gewüsels auffiel, finde ich auch bemerkenswert. Ich meine, in Japan, sind die Zeichen für jemand, der die Alphabeten nicht kennt, sowieso kaum bedeutend, und wenn auch Symbole dabei sind, in einen Meer aus bunten Neonplakate, kann man sowas schnell übersehen.


    Ich merke auch, dass eine Reise durch Japan für dich eine ganz andere Bedeutung bzw. einen ganz anderen Schwerpunkt, als für die meisten Touristen. Obowhl ich nicht so sehr begeistert bin mit Geschichte, finde ich deinen Ex-Kurs sehr interessant.


    Bin gespannt auf das Nächste...

    Vielen Dank für das Lob! Ich fürchte, es gibt noch einige Ex-Kurse, aber ich bemühe mich um Kurzweiligkeit!

  • Ich merke auch, dass eine Reise durch Japan für dich eine ganz andere Bedeutung bzw. einen ganz anderen Schwerpunkt, als für die meisten Touristen.

    Da fällt mir gerade was ein und ich nehme das gerne als Aufhänger.


    Aber bitte, bitte folgendes nicht als Selbstbeweihräucherung verstehen!!! Selbst meine Frau musste zum Schluss schmunzeln, und die war an dem Abend eine tickende Zeitbombe...


    Ich musste alle Register ziehen, dass diese nicht platzt. Alle Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen sind natürlich verfälscht und bestenfalls rein zufällig!


    Ich nenne das mal: keine Geiko, dafür Affen!


    Meine Frau winkt mir von weitem zu. Ihre Mine ist versteinert.


    Ich bin deshalb etwas ratlos, den offensichtlich hat sie unseren Stadtführer gefunden! Ich stehe direkt am Schrein des über 1300 Jahre alten Yasaka Jinja, und wir sollen eine nächtliche Führung durch Gion haben. Treffpunkt der Yasaka-Jinja, aber wo? Die Zeit ist überfällig...


    Are you Thomas? I´m looking for a Thomas!



    Jetzt wird mir einiges klar! Meine Frau sieht mittlerweile gefährlich aus. Der Führer, ein Südeuropäer, spricht kein einziges Wort Deutsch. Ich hatte extra für meine Frau Touren gebucht, ausdrücklich in Deutsch. Sie kann kein englisch! Ich hatte mal versucht, ihr etwas englisch beizubringen, aber Sprachen sind nicht ihre Stärke.


    Der Stadtführer merkt das was nicht stimmt und und versucht es mit Humor.


    Bi... Bii...Birrrg...oh mein Gott, wie soll ich dich ansprechen geht es an die Adresse meiner Frau. Er kann Birgit nicht aussprechen.


    Ich denke, Brigitta würde sie bei Euch heißen, erkläre ich Ihm.


    Aaah, jaa...Brrrriigittaaa!


    Meine Frau steht kurz vorm Morden.


    Ich erkläre den Umstand, dass wir eine Führung in Deutsch gebucht haben, da Brigitta ja kein englisch kann.


    Ja, das ist jetzt ein Problem! Erklärt er. Meine Frau will auf dem Absatz umdrehen. Ich versuche zu retten, was zu retten ist und rede auf sie ein, dass wir es jetzt nicht ändern können, ich so gut wie möglich übersetze, und es doch vielleicht interessant werden könnte. Und dann sehen wir vielleicht auch eine Geisha, bzw Geiko/Maiko, wie sie hier in Kyoto heißen.


    Nur widerwillig stimmt sie zu.


    Ein weiterer Teilnehmer erscheint nicht und mit einen anderen Pärchen ohne Englisch-Phobie geht es los. Er erzählt zuerst vom Yasaka-Jinja, und von den vielen kleinen Unter-Schreinen, in denen alle möglichen Kami angebetet werden. Auch Tiere. Hier zum Beispiel eine Kuh. Er zeigt auf eine Bronze-Kuh. Man müsse die Stellen der Kuh berühren, die einem weh tun, dann heilen sie. Ich berühre ein Bein der Kuh, meine Zerrung vom Takao macht mir arg zu schaffen.

    Hier wird wahrscheinlich der Kami von Sugawara Michizane verehrt, einem Staatsmann der Heian-Zeit, die Kuh ist sein Symbol, erwähne ich nebenbei.

    Ich frage ihn aus ehrlichem Interesse, welche Bedeutung die unterschiedliche Bauweise bestimmter Toori hier hat, denn auch an den Bauformen der Schreine kann man die Wichtigkeit bestimmter Kami ablesen.

    Nein, das spielt keine Rolle, meint er, es gibt solche und solche. Nach einigen Schritten dreht er sich um und schaut mich nachdenklich an: jedenfalls nicht dass er wüsste...fügt er hinzu.


    Ich übersetze in Folge und ergänze falls notwendig für meine Frau.


    Bei der Yasaka-Pagode weist unser Führer auf Stoff-Affen hin, die hier überall an den Türen hängen. Hier gebe es einen Tempel, in dem Glücks-Affen verehrt werden, die Wünsche erfüllen.

    Die Stoff-Affen erkenne ich als Kukurizaru. Ich war hier noch nie, aber es muss sich um den Kongo-Ji Koshin-do handeln.


    Ich springe ein.

    Kennt ihr die drei Affen? Nichts böses sehen, nichts böses hören und nichts böses sagen? Darum geht es hier. Nur dass die armen Affen an Armen und Beinen gefesselt sind, damit sie genau dass nicht tun. Eigentlich wird in diesem Tempel eine "Gottheit" aus dem vielfältigen buddhistischen Pantheon verehrt (Shomen Kongo), der so etwas wie ein Glaubens-Richter ist. Und eigentlich hat der Rest wenig bis nichts mit Buddhismus zu tun , sondern fußt auf alten Volksglauben mit taoistischen Aspekten.


    Weswegen die Affen eigentlich drei Würmer sind. Kleine Geisterwesen-Würmer (Sanshi) und richtige fiese Verräter! Denn diese merken sich deine Schwächen und geben die brühwarm an Shomen Kongo in einer bestimmten Nacht weiter, die im Zeichen Metall und dem Sternbild des Affen in Verbindung steht. Affen sind offensichtlich niedlicher als Würmer, jedenfalls übernehmen als Oberpetze Irgendwann in der Geschichte eben jene drei Affen.


    Wenn man wach ist, kann man seine Sehnsüchte, Begierden und unangemessene Wünsche im Zaum halten. Ein Beispiel wäre, dass typische "mein Auto, mein Auto, meine Yacht." So etwas beeinflusst unsere Emotionen, weckt Gier und Neid und Verlangen. Doch wenn wir schlafen, können wir es nicht und in einer bestimmten Nacht petzen die Kerle unsere Begierden eines ganzen Jahres unserer Gottheit. Und das sollen sie nicht. Sie sollen nicht böses sagen, sehen und hören und es weiter tratschen. Deshalb sind sie gefesselt. Aber die Japaner sind pragmatisch. Es wäre nur menschlich, das Auto, das Haus und die Yacht haben zu wollen. Also "opfert" man ein - ich sage mal vorgeschobenen "Opfer"- Wunsch - damit der Yacht-Wunsch im verborgenen bleibt und vielleicht wahr wird. Und so sind alle glücklich, der Gott (der denkt das alle brav sind), die Affen (welche zu mindestens irgendwas dem Shomen Kongo auf die Stulle schmieren können), und die Menschen, welche insgeheim am Lotto-Gewinn festhalten.


    Irgendwo zirpt noch eine einsame Zikade. Keine Geiko tippelt uns über den Weg.


    Nun fragte mich unser Führer in Folge der Tour so nebenbei gerne mal was nach dem Motto: sage mal, wie war das noch mal mit xy...?


    Manchmal haut er unterschiedliche Sachen in einen Topf und rührt gut um. Aber ich denke mir nur noch meinen Teil und flüstre meiner Frau zu ..."später". Jedenfalls hängt uns nach 2 Stunden der Magen in den Kniekehlen und pünktlich beendet unser Führer die Tour und hofft dass es uns Spaß gemacht hat (säuerliche Miene meiner Frau), und das wir viel gelernt haben. Er schaut mich mit schiefen Grinsen an "...na außer Du!"



    Nein, im Ernst: Gion ist Nachts einfach wunderschön. Wir sind fast immer die einzigen in den kleinen Gassen und es ist unglaublich friedlich und still. Ich kann eine nächtliche Gion-Tour ehrlich ans Herz legen. Vielfach herrscht Foto-Verbot. Der Übertourismus in Kyoto der Vor-Corona-Zeit hat Spuren hinterlassen. Auf der Foto-Safari nach Geikos müssen sich viele Touris echt daneben benommen haben. Also halten wir uns dran. Und natürlich habe ich vieles gelernt und die vielen "Schleichwege" hätte ich ohnehin nicht gekannt.




    Und der Koshin-do Kongo-Ji im Hellen:

  • Kirschblüten im Herbst


    Auch auf die Gefahr hin, Ärger mit meiner Frau zu bekommen...



    "WAS KANN ICH FAHREN DAMIT?" Deutlich und bestimmt redet sie auf das Handy eines Bahnmitarbeiters ein, der eine Übersetzungs-APP aktiviert hat. So funktioniert das nicht, raune ich ihr zu. Frage doch einfach, ob das ein Fahrschein ist. Der arme Kerl ist sichtlich in der Zwickmühle zwischen helfen und und Arbeitspensum, denn mittlerweile meldet sich auch sein Walki Talki. Aber tatsächlich versteht er das Problem: "kore wa Rezipu" es ist eine Quittung!


    Fünf Minuten vorher starre ich auf die Abfahrtzeiten-Displays und hoffte, dass diese auf lateinische Buchstaben umspringen. Aber nööh, in Kyoto läuft alles langsamer und gemächlicher ab. Nur die Züge fahren hier genauso pünktlich und unser müsste zeitnah fahren. Nicht immer funktioniert Google Maps fehlerlos! Meinen Unmut teile ich meiner Frau mit, doch ich bekomme kein Feedback. Suchend sehe ich mich um. Sie steht an einem Fahrkarten-Automaten. Komm, wir müssen auf Bahnsteig 4, rufe ich ihr zu. Geht nicht, ich bekomme meine Karte nicht raus!
    Oh nein, nicht jetzt! Ich schnell zu Frau und bockigen Automaten. Japanisches Display. Keine Möglichkeiten der Wahl einer anderen Sprache.


    "Ich wollte zwischenzeitlich meine Suica aufladen."


    "Aber die kannst Du doch nicht reinstecken, wenn Du nicht weist, was Du drücken musst! Warum nimmst Du nicht einen einen Automaten, wo Du englisch wählen kannst? "


    "Äh, ich und englisch???"


    "Naja ja, aber doch dem Deutschen ähnlicher als diese Schriftzeichen!" Aber keine Zeit für Grundsatzdiskussionen.


    Ach so, Geld hatte sie auch schon reingeschmissen. Egal, irgendwie drücken wir diverse (größere) Schaltflächen und schwupp, spuckt der Automat die Karte nebst besagten Schnipsel aus, welcher in Größe und Farbe unserem Railpass entspricht und den wir für YEN 750 nun erhalten haben.


    Wir müssen aber erstmal auf den Bahnsteig, und hier läuft meiner Frau der Uniformierte übern weg.


    (Beim Aufladen von Suica oder Pasmo Karten werden in der Regel keine Quittungen ausgegeben, aber einige Automaten fragen, ob eine Quittung benötigt wird, was dann bestätigt werden muss. Man muss auch nicht immer die vorgeschlagenen glatten Tausender-Beträge zum Aufladen nehmen. Mann kann individuelle Summen eintippen. Das empfehle ich dringend, um das lästige Kleingeld loszuwerden. Die Automaten schlucken bis 10 Yen Münzen).


    Der Zug ist recht voll und leider ein Local. Das heißt, er hält an jeder Posemuckel-Haltestelle. Da wir locker 1 Stunde fahren müssen nutzen wir zwei frei Plätze. Uns gegenüber mustert uns ein älterer Herr ausdruckslos. Japaner machen das eher immer unauffällig, also werde ich stutzig. Habe ich den Hosenstall offen oder eine Nudel an der Backe?


    Ich brauche ein bisschen: wir sitzen auf den Plätzen für Rentner, Schwangeren und Behinderten. Ich flüstre das meiner Frau zu. Die schaut fragend zurück. Ich schüttle den Kopf. Solange keine Rentner-Gang rein kommt, spielen wir die doofen Gaijin.


    (Tatsächlich bleiben diese Sitze auch in der Metro bis zu Letzt immer frei, doch auch Japaner sind nur Menschen. Oft genug sitzen jüngere Leute auf den Plätzen und springen keinesfalls auf, wenn Alte stehen müssen. Ich habe mal meinen normalen Platz in Tokio angeboten, und wurde schlicht ignoriert. Ratzfatz hat dann ein Normalo meinen Platz okkupiert).


    Die Fahrt entlang am Biwako, welcher der größte Süßwasser-See in Japan ist, verläuft durch eine für Landwirtschaft genutzte Ebene, welche im Osten von Bergen begrenzt ist, welche knapp bis über 1000 Meter hoch werden. Um so weiter nördlich man kommt, um so näher rückt die Bergkette an den Biwa-See heran. Kurz vorm Ufer wird es hier und da etwas hügelig, und diese Hügel waren in der Vergangenheit oft mit Burgen versehen. Auf dem Hachimanyama stand eine Burg Toyotomi Hidetsugus, und in Azuchi stand die mit sieben Stockwerken die dereinst höchste und prächtigste Burg Japans, die nur wenige Jahre existierte und kurz nach dem Tod Oda Nobunagas abbrannte. Hier ist die historische Provinz Omi. Wer nach Echizen oder Mino wollte, wusste hier durch. Gleichzeitig war man schnell in Kyoto.


    Und mir geht auch um eine Burg, genau um die in Hikone. Es gibt nur noch ca. ein dutzend original erhaltene Burgen in Japan, viele wie Nagoya, Osaka oder Odawara sind moderne Rekonstruktionen aus Stahlbeton. Ich hatte überlegt, ob Himeji oder Hikone. Letztendlich hatte ich auf weniger Touristen in Hikone gehofft und mich für die landschaftlich schönere Strecke entschieden. Außerdem war ich auf das Burg-Museum mit Gegenständen des Ii Clans gespannt.


    "Wir" verstehen als Burg oft nur den Hauptturm im innersten Verteidigungsring des Hon-Maru, welcher weit sichtbar ist. Dabei ist dies nur die Zuflucht im äußersten Notfall. Ein reiner militärischer Zweckbau ohne nennenswerte Ausstattung. Deswegen sind auch viele Besucher enttäuscht, da sie ein spannendes Interieur erwarten. Interessanter eingerichtet waren die häufig in den äußeren Verteidigungsringen befindlichen Residenzen und Wirtschaftsgebäuden, wo sich auch damals das Leben abspielte. Aber diese sind in der Regel kaum mehr erhalten und wenn, dann wie in Hikone bestenfalls Rekonstruktionen. Die Grundflächen der Verteidigungsanlagen, oft umgrenzt von breiten Wassergräben sind dagegen riesig. Auf den Gelände waren Kasernen, lebten Gefolgsleute und Samurai, gab es Werkstätten und viele Handwerker. Es ist wie eine Stadt in einer Stadt. Und da jap. Orte keine Stadtmauern hatten, waren solche Anlagen auch der Zufluchtsort für die Einwohner eines Burgortes, so es denn ausreichend Nahrung gab.
    Auch der Hauptturm ist nichts weiter als Fachwerk, was lediglich verputzt ist. Aber für Architektur-Begeisterte sind die Balkenkonstruktionen in jedem Fall sehenswert. Achtung! Die Treppen sind auch heute noch in den Haupttürmen äußerst steil und erinnern eher an Leitern und recht schwierig zu begehen. Ich habe jedenfalls ein paar mal gedacht, na hoffentlich komme ich mit meinen Socken (die Schuhe in der Tüte) heil unten an.


    Mit dem Burgmuseum hatten wir etwas Pech. Der Großteil der Räume waren für eine Sonderausstellung eines modernen, regionalen Universalkünstlers belegt. Es waren tolle Sachen zu sehen, aber ich hatte mich auf Originalstücke der Ii Familie gefreut. Ii Naomasa war einer der drei wichtigen Generäle des zukünftigen Shoguns Ieyasu Tokugawa. Seine Kavallerie war für die roten Rüstungen berühmt und der Fürst für die gewaltigen Wakidate (Helmzier). Sie galten auf den Schlachtfeldern der damaligen Zeit als die roten Teufel. Naomasa starb 1602 an den Spätfolgen seiner Verletzungen der Schlacht von Sekigahara.


    Traurige Berühmtheit erlangt der vorletzte Daimyo von Hikone, Ii Naosuke. Er war ein Regent der letzten Tokugawa Shogune Mitte des 19. Jahrhunderts und mitverantwortlich für die "Ansei-Säuberungen", welche Reformkräfte und Anti-Tokugawa Allianzen massiv ausschalten sollten. Das gelang ihm bei vielen hohen Rängen, sogar innerhalb des Tokugawa Clans. Einer der Kritiker der Politik der damaligen Regierung war der Fürst von Mito, Tokugawa Nariaki. Als dieser zur Strafe in Hausarrest gesetzt wurde, fiel Naosuke einem Mordanschlag von Mito-Samurai zum Opfer.


    Jede Burg hat in der Nähe einen Garten. Hier konnten wir ein Phänomen sehen, welches tatsächlich diesen Herbst in der Öffentlichkeit in Japan die Runde machte. Kirschblüten im Herbst! Folgende Erklärung eines jap. Kirschbaumexperten gab es dazu: Ein Kirschbaum bildet bereits im Sommer die Blütenknospen für das kommende Frühjahr aus. Solange wie ein Kirschbaum grünes Laub besitzt verhindern bestimmte Stoffe (Hormone?) das Austreiben der Blüten. Anfang Oktober gab es einige heftige Stürme, welche viele Kirschbäume zu früh entlaubt haben. Darauf folgt eine Schönwetter-Periode und damit waren einige Bäume verwirrt.


    Komischerweise hatte ich ein ähnliches Phänomen im Garten meiner Eltern mit einen jap. Blumenhartriegel vor unserer Reise. Er hatte viele Blätter während der Hitze und Trockenheit zusammengerollt und Ende September zeigte er plötzlich einige Scheinblüten...